Rezension über:

Ursula Keller / Natalja Sharandak: Madame Blavatsky. Eine Biographie, Frankfurt/M. / Leipzig: Insel Verlag 2013, 358 S., zahlr. Abb., ISBN 978-3-458-17572-8, EUR 24,95
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Rezension von:
Anna Lux
Albert-Ludwigs-Universität, Freiburg/Brsg.
Redaktionelle Betreuung:
Nils Freytag
Empfohlene Zitierweise:
Anna Lux: Rezension von: Ursula Keller / Natalja Sharandak: Madame Blavatsky. Eine Biographie, Frankfurt/M. / Leipzig: Insel Verlag 2013, in: sehepunkte 14 (2014), Nr. 9 [15.09.2014], URL: http://www.sehepunkte.de
/2014/09/24682.html


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Ursula Keller / Natalja Sharandak: Madame Blavatsky

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Helene P. Blavatsky, eine der Gründungsfiguren der Theosophie [1], prophezeite künftigen Biographen: "Die ganze unverhüllte Wahrheit über mein Leben jemals zu offenbaren, ist unmöglich" (7). Diese Aussage steht am Anfang der Biographie von Keller/Sharandak als Herausforderung und Rechtfertigung für etwaige Lücken gleichermaßen. Die Autorinnen sind bislang als Kennerinnen der kulturellen und literarischen Entwicklungen im zaristischen Russland hervorgetreten, unter anderem mit einer Biographie über Lew Tolstoj.

Nun Blavatsky - in verschiedener Hinsicht eine Herausforderung. Bisherige Biographien näherten sich "the woman behind the myth" entweder eher kritisch [2] oder affirmativ [3]. In diesem verminten Terrain von Anhängern und Gegnern der Theosophie, von Mythen und Skandalen machen es sich Keller/Sharandak zum Ziel, "aus den Mosaiksteinen der Berichte und Briefe Blavatskys, ihrer Weggefährten und Feinde [...] ein Porträt zusammen[zu]setzen, das die Begründerin der Theosophie weder überhöht noch herabsetzt" (17). Vor diesem Hintergrund wartet das Buch mit vielen Details auf, doch bleiben die Autorinnen in ihrem Wunsch nach Neutralität zu oft auf der beschreibenden Ebene und dadurch analytisch unbefriedigend. Das Buch ist eine auf 300 Seiten gut lesbare Chronologie des Lebens von Blavatsky zwischen Russland, Indien, Amerika und Europa. Der Schwerpunkt liegt auf der Person, ideengeschichtliche Aspekte spielen nur am Rande eine Rolle.

Erschienen ist das Buch ist im Insel Verlag Berlin. Es reiht sich damit ein in die aktuell verstärkte Beschäftigung mit Okkultismus, Spiritismus und Esoterik in den Kulturwissenschaften sowie in Form populärer Ausstellungen, die seit einigen Jahren en vogue sind.

Helena Petrowna Blavatsky wurde 1831 in Russland geboren. Nach kurzer Ehe machte sie eine spirituelle Reise um die halbe Welt. Angeblich gelangte sie bis Tibet, wo sie sieben Jahre gelebt habe und Schülerin geheimnisvoller Meister und ihrer okkulten Lehren gewesen sei. In den USA fand sie zum Spiritismus, der dort seit den 1850er Jahren ein religiöses Massenphänomen geworden war. In diesem Umfeld traf Blavatsky 1873 Henry Steel Olcott. Mit ihm und 17 weiteren Personen gründete sie 1875 in New York die Theosophische Gesellschaft. Wenig später lieferte Blavatsky mit "Isis entschleiert" das 1000-seitige Grundlagenwerk für die Gesellschaft, in dem sie Material zusammenstellte, das sie von ihren "geheimen Meistern" erhalten habe. Der Kern von Religion sei nicht mehr in materiellen Erscheinungen und Jenseitsbeweisen (wie im Spiritismus) zu suchen, so Blavatsky, sondern in einer inneren, höheren Erkenntnis. Diese gelte es mittels der entsprechenden Schriften, aber auch Praktiken zu studieren und wieder zu beleben.

Das Buch traf einen Nerv der Zeit und wurde ein großer Erfolg. Die Theosophie schien einen Weg aus der Krise anzubieten, die aus der Auflösung vermeintlich kultureller Gewissheiten in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entstanden war - eine geheime Weisheit jenseits der verkrusteten Religionen. In den nächsten Jahren verstärkte sich die Orientierung Blavatskys am asiatischen Denken. In Auseinandersetzung mit der hinduistischen Reformbewegung Arya Samaj wurden innerhalb der Theosophischen Gesellschaft drei programmbildende Prinzipien formuliert: Studium der okkulten Wissenschaft, Bildung des Kerns einer universalen Bruderschaft, Wiederbelebung orientalischer Literatur und Philosophie. Gerade der letzte Punkt gilt als wichtiger Verdienst der Theosophie, nicht zuletzt weil er das kulturelle, religiöse und politische Selbstbewusstsein einiger indischer Eliten stärken konnte.

1879 reisten Blavatsky und Olcott nach Indien, konvertierten zum Buddhismus und wandten sich u.a. dem Raja-Yoga zu. Von der Peripherie aus begann der Aufstieg der Theosophie, die um 1900 eine hohe Anziehungskraft auf Intellektuelle, Künstler und Wissenschaftler, aber auch Kritiker hatte. In Indien kulminierten die Konflikte ausgehend von der so genannten Mahatma-Affäre. In dieser ging es um die Echtheit von Briefen, die Blavatsky nach eigenen Angaben von ihren spirituellen Meistern empfangen hatte. Der bereits zeitgenössisch viel diskutierten Kommunikation mit der Geister- und Astralwelt, der Frage nach der Existenz der "Meister" (auch im Entstehungskontext von "Isis entschleiert" und der "Geheimlehre" (1888)) räumen Keller/Sharandak viel Platz im Buch ein. Dabei diskutieren sie die Option des Channeling ebenso wie die des gespaltenen Bewusstseins oder die Betrugsfrage. Leider gehen sie nur am Rand der ebenfalls relevanten Frage nach, welche Funktion diese Kommunikation hatte und welche Autoritäts- und Legitimationsmuster sich daran knüpfen. Als Folge des Skandals musste Blavatsky Indien verlassen und kehrte nach Europa zurück. Sie ließ sich in London nieder, wo sie 1891 hoch verehrt und höchst umstritten starb.

Die Autorinnen kennen die Forschungsliteratur zum engeren Thema gut, allerdings - und dies ist ein deutliches Manko - beziehen sie Forschungen, die sich nicht explizit mit Blavatsky oder der Theosophie beschäftigen, kaum ein. Die mittlerweile breite Literatur zur Geschichte des Okkultismus und seinen Verschränkungen mit Wissenschaft, Religion, europäischer Expansion oder Emanzipation wird von den Autorinnen nur ungenügend berücksichtigt. Exemplarisch sei die fehlende Rezeption von Karl Baiers "Meditation und Moderne" genannt, der sich mit der europäisierenden Orientrezeption Blavatskys, insbesondere ihrem Umgang mit dem Mesmerismus auseinandersetzt. [4] Dies hat Auswirkungen. Zum einen gibt es ein Ungleichgewicht in der Darstellung: Die Kapitel, in denen es um Russland geht, sind dicht und gut kontextualisiert. Für die Zusammenhänge, in denen Blavatsky besondere Bedeutung erlangte (Okkultismus und Esoterik), bleibt das Buch jedoch vielfach an der Oberfläche.

Zum anderen schwächelt das Buch bei der Einbettung in eine globale Religions-, Kultur- und Geschlechtergeschichte. Nicht nur die Charakterisierung der Personen in Blavatskys Umfeld sowie die Frage nach deren Einfluss bleiben blass. Auch die kulturhistorischen Kontexte sind nur schwach ausgeleuchtet. So wäre beispielsweise eine Analyse der Rolle Blavatskys aus geschlechtergeschichtlicher Perspektive wünschenswert gewesen. In allen Teilen der Welt fiel die "Sphinx" durch ihr Auftreten auf und überschritt Grenzen. Auch eine Vielzahl der Mythen, biographischen Fragen und zeitgenössischen Skandale setzen an ihrer Rolle als Frau an (die Herkunft des vermeintlichen Sohns Jurij, die Fragen nach Unfruchtbarkeit, Ehe, Affären, ihr "ungehöriges" Auftreten und Äußeres). Durchaus thematisieren die Autorinnen dieses Grenzverhalten. Doch sie verbleiben in der Regel auf der beschreibenden Ebene. Was genau das "Besondere" im Verhältnis zur Umwelt ausmachte und welche Funktion es hatte - ohne allein kurios zu wirken -, bleibt unklar.

So hinterlässt das Buch einen ambivalenten Eindruck. Man muss ihm zugute halten, dass es verlässliche Daten liefert und versucht, in Kenntnis der Konfliktlinien um die Theosophie zu argumentieren. Dem gegenüber stehen jedoch ein Ungleichgewicht in der Darstellung, teilweise unbefriedigende Interpretationen sowie eine schwache Kontextualisierung.


Anmerkungen:

[1] Für eine kritische Lektüre und wichtige Hinweise danke ich Helmut Zander, Universität Fribourg.

[2] Marion Meade: Madame Blavatsky. The Woman behind the Myth, New York 1980.

[3] Sylvia Cranston (unter Mitarbeit von Carey Williams): HPB. The extraordinary Life and Influence of Helena Blavatsky. Founder of the Modern Theosophical Movement, New York 1993.

[4] Karl Baier: Meditation und Moderne, 2 Bde., Würzburg 2009.

Anna Lux