Rezension über:

Annie Noblesse-Rocher: Études d'exégèse médiévale offertes à Gilbert Dahan par ses élèves (= Bibliothèque de l' École des Hautes Études. Sciences religieuses; Vol. 159), Turnhout: Brepols Publishers NV 2013, 288 S., ISBN 978-2-503-54802-9, EUR 50,00
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Rezension von:
Rainer Berndt
Hugo von Sankt Viktor-Institut, Frankfurt am Main
Redaktionelle Betreuung:
Ralf Lützelschwab
Empfohlene Zitierweise:
Rainer Berndt: Rezension von: Annie Noblesse-Rocher: Études d'exégèse médiévale offertes à Gilbert Dahan par ses élèves, Turnhout: Brepols Publishers NV 2013, in: sehepunkte 14 (2014), Nr. 9 [15.09.2014], URL: http://www.sehepunkte.de
/2014/09/24129.html


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Annie Noblesse-Rocher: Études d'exégèse médiévale offertes à Gilbert Dahan par ses élèves

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Der Band bietet nach einer ausführlichen "Préface" (5-10) dreizehn in zwei Teilen organisierte Abhandlungen, gefolgt von einer Abkürzungsliste und verschiedenen Registern (Alte und moderne Autoren, zitierte Handschriften, Bibelstellen, 269-286). Das Vorwort, das wahrlich eher die intellektuell-spirituelle Persönlichkeit des Geehrten umreißt, statt allein den Band zu präsentieren, stammt aus der Feder der Herausgeberin. Mit seinem signifikanten Untertitel ("Les étincelles de l'esprit") weist es auf den Rahmen hin, in dem das wissenschaftliche Werk des französischen Gelehrten verankert ist. Die doppelte Frage nach der Hermeneutik - zunächst derjenigen des auszulegenden Textes (welche Frage bewegt eigentlich den Text?, warum ist er überhaupt verfasst worden?), ebenso aber auch derjenigen des Lesers (welche Frage bewegt ihn wirklich?, welcher ist sein Kontext?) - hat den Jubilar über Jahrzehnte hin bei seinen Arbeiten über die Geschichte der Bibelauslegung im Mittelalter angetrieben, wobei sich nicht zuletzt dem Einfluss Ricoeurs Dahans Konzept der "Auslegungsgemeinschaften" ("communautés d'exégèse") verdankt. Wenngleich Beryl Smalley und Henri de Lubac die genuinen Gesprächspartner Dahans auf dem Feld der mittelalterlichen Bibelauslegung sind, so hat dieser seinen eigenen Weg gefunden, indem er seinerseits den Schwerpunkt der neuen exegetischen Entwicklungen eher im 13. Jahrhundert verortete.

Der erste Teil dieses Bandes steht unter der Überschrift: "I. Questions exégétiques" und umfasst folgende Aufsätze: Adrien Candiard und Caroline Chevalier-Royet, "Critique textuelle et recours à l'hébreu à l'époque carolingienne. Le cas exceptionnel d'une Bible de Théodulf (Bible de Saint-Germain, ms. Paris, BnF lat. 11937)" (13-34) resümieren einerseits den Forschungsstand hinsichtlich der erhaltenen Handschriften aus Theodulfs kritischer Arbeit am Bibeltext, so dass sie andererseits mit überzeugenden Argumenten die Hs. lat. 11937 als den ältesten abendländischen Zeugen des masoretischen Textes nachweisen können. Kristina Mitalaité, "La figure de Jacob en deuil (Gn 37,34-35) dans la controverse iconoclaste: l'image et l'émotion" (35-50) interpretiert die karolingische Auslegung von Jakobs Totenklage einerseits im Kontext des zeitgenössischen Ikonoklasmus, andererseits bemüht sie die gegenwärtigen Diskussionen der Kunstgeschichte zur Klärung des Bild-Begriffs. Sumi Shimahara, "Prophétiser à l'époque carolingienne: l'exégète de la Bible, nouveau prophète et prédicateur par l'écrit" (51-80) bemüht sich, am Beispiel Haimos von Auxerre zu zeigen, dass alttestamentliche Prophetie und karolingische Predigt aufs Engste miteinander verwandt seien. Caroline Boucher, "Exégèse, commentaire, traduction: Du latin aux langues vernaculaires" (81-94) will nachweisen, dass die hoch- und spätmittelalterlichen Übersetzer wissenschaftlicher Texte im Zuge der zeitgenössischen hermeneutisch-lexikalischen Diskussionen eher auslegende denn wörtliche Übertragungen angefertigt haben, was den gleichzeitigen erheblichen Widerstand gegen Bibelübersetzungen erklären würde.

Der zweite Teil dieser Sammlung ist überschrieben mit "Thèmes et monographies" und umfasst folgende Abhandlungen: Maria Valeria Ingegno, "La sagesse chez Gilbert de Poitiers (1 Co 1,17-2,8)" (97-107) stellt den christozentrischen Begriff der sapientia in der media glossatura Gilberts von Poitiers dar. Anne-Zoé Rillon-Marne, "Composition musicale et exégèse biblique au début du XIIIe siècle: Une lecture du corpus poético-musical de Philippe le Chancelier" (109-128) entfaltet am Beispiel der poetisch-musikalischen Kompositionen Philipps des Kanzlers den inneren Zusammenhang zwischen liturgischer Musik und Schriftauslegung. Timothy Bellamah, "L'exégèse de Guillaume d'Alton" (129-139), der vor kurzem mit seiner Dissertation über Wilhelm von Alton hervorgetreten ist, zeigt in diesem Beitrag, dass dessen Exegese "nicht uninteressant" (139) ist; denn der Dominikaner Wilhelm von Alton hat einen ähnlich historisch-textlich eingestellten Blick auf die Bibel wie die Viktoriner im 12. Jahrhundert. Emmanuel Bain, "Parabola, similitudo et exemplum: Bonaventure et la rhétorique des paraboles dans son Commentaire sur Luc" (141-159) studiert die Exegese der synoptischen Parabeln durch Bonaventura, der das "exemplum" neben "parabola" und "similitudo" als weitere neutestamentliche Form ins Spiel bringt, welche dem Exegeten neue hermeneutische Möglichkeiten bei der Erläuterung des wörtlichen Textsinnes eröffnet. Claire Angotti und Sophie Delmas, " 'Protégées par les gardes': Des questions inédites de G. de Tournai et de Bonaventure" (161-184) haben in der aus der ehemaligen Sorbonne stammenden Handschrift lat. 15322 der Pariser Bibliothèque nationale de France einige bislang unbekannte theologische Quaestiones entdeckt, die Bonaventura sowie einem nicht sicher zu identifizierenden "G. von Tournai" zugeschrieben werden; dieser Beitrag bietet die kompakte paläographisch-kodikologische Beschreibung des Kodex und in zwei Anhängen eine Teiledition der Texte. Hedwige Boffy-de Bouteiller, "De l'exégèse et du mépris du savoir mondain au moyen âge. Les écritures comme repos du chrétien face aux inquiétudes de l'investigation humaine, à travers l'éxégèse de versets spécifiques du Psautier" (185-209) geht am Beispiel einer Reihe mittelalterlicher Kommentare zu drei Stellen des Psalters (70,15; 72,16-17; 93,11-12) der Frage nach, inwiefern die Bibelauslegung zur hochmittelalterlichen Erkenntnistheorie beigetragen hat. Im Ergebnis kommt die Untersuchung nicht an einer bleibenden Ambivalenz seitens der Kommentatoren vorbei, welche jedoch schon von der Ausgangshypothese - die Christen schätzten weltliches Wissen und Erkenntnis gering (185-187) - mitbedingt sein dürfte. Brigitte Prévot, "Le Commentaire du Livre des Proverbes au moyen âge. Au sujet de quelques volatiles: aigle, corbeau et coq" (211-239) bietet mit ihrer exquisiten Untersuchung (Interpretation dreier biblischer Vögel) einen der seltenen Forschungsbeiträge zur Rezeption der Sprichwörter in der Kirche. Lydwine Scordia, "L'utilisation de la Bible dans la réflexion politique (Pouvoir, prévoyance, fiscalité) aux XIIIe- XIVe siècles" (241-254) betreibt Wirtschafts- und Sozialgeschichte, indem sie die biblischen Begründungen (insbesondere aus Genesis, Matthäus-Evangelium und Römerbrief) für bzw. gegen die Besteuerung von Klerikern untersucht. Claire Soussen-Max, "L'exégèse de l'Ancien Testament au service de la polémique anti-juive dans l'espace aragonais au XIIIe siècle" (255-268), stützt sich namentlich auf Guido Terreni und Raymond Martin, bezieht aber auch Raymundus Llullus in ihre umfassenden Überlegungen mit ein.

Alles in allem wird der Band seinem Ziel gerecht: Er stellt ein akademisches Bouquet zu Ehren des Meisters der Erforschung der jüdisch-christlichen Gleichzeitigkeit im Mittelalter dar, das nicht anders als gelungen zu bezeichnen ist.

Rainer Berndt