Rezension über:

Robert Easting / Richard Sharpe: Peter of Cornwall's Book of Revelations (= British Writers of the Middle Ages and the Early Modern Period; 5), Toronto: Pontifical Institute of Mediaeval Studies 2013, XVI + 615 S., ISBN 978-0-88844-184-3, USD 150,00
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Rezension von:
Johannes Grabmayer
Institut für Geschichte, Alpen-Adria-Universität, Klagenfurt
Redaktionelle Betreuung:
Ralf Lützelschwab
Empfohlene Zitierweise:
Johannes Grabmayer: Rezension von: Robert Easting / Richard Sharpe: Peter of Cornwall's Book of Revelations, Toronto: Pontifical Institute of Mediaeval Studies 2013, in: sehepunkte 14 (2014), Nr. 9 [15.09.2014], URL: http://www.sehepunkte.de
/2014/09/23854.html


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Robert Easting / Richard Sharpe: Peter of Cornwall's Book of Revelations

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Der Sprach- und Literaturwissenschaftler Robert Easting (Wellington) und der Diplomatiker Richard Sharpe (Oxford) publizierten in den letzten 35 Jahren immer wieder zu Peter von Cornwall (um 1140 - 1221) und dessen "Liber Revelationum". [1] In ihrer neuesten ausführlichen Studie, zugleich Edition "Peter of Cornwall's Book of Revelations", unterziehen sie sich der Kärrnerarbeit, einen Gutteil der verschiedenen Texte des Londoner Manuskripts ausführlich zu analysieren und nach Möglichkeit ihrer ursprünglichen Herkunft nach zuzuordnen. Damit verweisen sie einmal mehr auf die große Bedeutung, die der Visions- und Offenbarungsliteratur im Mittelalter zukommt.

Den Anfang nahm dieses Genre mit der Visio Pauli der so genannten Paulusapokalypse, deren Kern um die Mitte des zweiten Jahrhunderts in Ägypten entstanden war, die seit dem 5. Jahrhundert auch in lateinischer Fassung vorlag und die eine umfassende Schilderung der jenseitigen Welt enthält. Vor allem über Augustinus von Hippo und die "Dialogi" Gregors des Großen fand diese Literaturgattung Eingang ins christliche Mittelalter und gelangte zu großer Popularität. Nicht von ungefähr nimmt Peter von Cornwall Visionsberichte aus den "Dialogen" in den "Liber Revelationum" auf und widmet sich am Ende seines Prologes ausführlich Augustinus und dessen Ausführungen zu Visionen. Das Visionsverständnis des Bischofs von Hippo ist offensichtlich zentral für das Werk des Priors von Cornwall, denn wie bei Augustinus entspricht für Peter das in Visionen Gesehene der Realität. Zwischen dem 7. und 12. Jahrhundert wurden Visionserlebnisse in großer Zahl verfasst, von den Kirchenkanzeln herab gepredigt und fanden bisweilen auch Eingang in die zeitgenössische Ikonographie. [2] Stets wurden die visionären Räume detailreich und ganz konkret geschildert, und sie glichen den irdischen. Das Interesse war immens zu erfahren, wie es denn drüben aussehe.

In diesem Kontext steht auch das Schaffen Peters von Cornwall. Er verfasste um 1200 im Londoner Augustinerkloster zur Heiligen Dreifaltigkeit in Aldgate [3] den so genannten "Liber Revelationum", die umfassendste Kompilation und zugleich Höhepunkt englischer Visions- und Wundergeschichtenliteratur des Früh- und Hochmittelalters. [4] Darin stellte er in zwei Büchern und mehr als 1100 Kapiteln Texte aus über 275 lateinischen Quellen unterschiedlicher Provenienz zusammen (neben eigenständigen Visionsberichten Texte aus Heiligenviten und Chroniken). Ziel war es, Prediger bei der Vermittlung grundlegender Glaubenssätze mittels Beispielen aus der beim Kirchenvolk beliebten Visionsliteratur zu unterstützen.

Im ersten Buch sind unter anderem berühmte Visionsberichte wie der "Tractatus de Purgatorio Sancti Patricii", die "Visio Gunthelmi", die "Visio Drychthelmi", die "Visio Fursei" oder die "Visio Edmundi monachi Eynsham" enthalten, das zweite hingegen beinhaltet keine bekannten Visionstexte. Hier finden sich pro Kapitel mehrere Geschichten ohne eigene Titulierungen. Das unikale Manuskript befindet sich heute in der Lambeth Palace Library in London (MS 51).

Seitens der Geschichtswissenschaft wurde der "Liber Revelationum" bis dato wenig beachtet. Erstmals wurde er von Montague James in seinem Katalog zu den mittelalterlichen Handschriften der Lambeth Palace Library inklusive zahlreicher Quellenbelege erwähnt. Auch Christopher Holdsworth ging in einem Beitrag zu zisterziensischen Visionstexten auf den "Liber Revelationum" ein. Christian Gebauer setzte sich in seiner Dissertation mit Holdsworths Thesen zur Autorschaft des Stratford-Langthorner Visionskorpus kritisch auseinander und stellte dabei dessen Behauptung, es handle sich beim Autor des Stratforder Visionskorpus um Peter von Cornwall, schlüssig in Frage. Der Kanadier Michael Barbezat wiederum stellte im Rahmen seines Dissertationsprojekts das Thema "Zweifel am Glauben um 1200" am Beispiel des "Liber Revelationum" ins Zentrum seiner Überlegungen. [5]

Robert Easting und Richard Sharpe legen nunmehr eine ausführliche Analyse nebst Edition jener Teile des "Liber Revelationum" vor, die sie Peter von Cornwall selbst zuschreiben. Im ersten Abschnitt ihres 615 Seiten umfassenden Buches wird die Kompilation des Londoner Priors in acht Kapiteln mittels einführender Essays kompetent erläutert und teilweise auf gegenüberliegenden Seiten aus dem Lateinischen ins Englische übersetzt. Es folgt als zentraler Abschnitt ein vollständiges Kalendarium ("Calendar", 355 - 549) mit Folioangabe des jeweiligen Kapitelbeginns und der lateinischen Kapiteltitel inklusive Kapitelnummern im Manuskript. In einem zweiten Teil werden Autoren und Herkunft der von Peter verwendeten Quellen angeführt. Dadurch erst werden die unzähligen Geschichten über die Anderswelt einem weiteren Forscherkreis erschlossen und der hohe Gehalt der monumentalen Visionskompilation ersichtlich. Eine Bibliographie (551 - 572) und fünf Indices (573 - 615) komplettieren die Abhandlung.

Die vorliegende überaus gelungene Studie zum "Liber Revelationum" nebst Teiledition durch Robert Easting und Peter Sharpe wird dazu beitragen, die große Bedeutung der Visionsliteratur für die Menschen des Mittelalters besser zu vermitteln. Sie hat die Qualität, zu einer Grundlage vor allem für kulturhistorische Forschung zum Mittelalter zu werden, auch deshalb, weil sich die beiden Autoren mit "Kulturgeschichte" nur peripher befassen.


Anmerkungen:

[1] Robert Easting / Richard Sharpe (eds.): Peter of Cornwall's account of St. Patrick's purgatory, in: Analecta Bollandiana 97 (1979) 397-416; Robert Easting / Richard Sharpe (eds.): Peter of Cornwall. The Visions of Aisli and his Sons, in: Mediaevistik 1 (1988) 207-262; Robert Easting (ed.): St. Patrick's Purgatory: Two Versions of "Owayne Miles" and his Vision of William of Stranton together with the Long Text of the "Tractatus de Purgatorio Sancti Patricii" (Early English Text Society; 298), Oxford 1991; Robert Easting (ed.): The revelation of the monk of Eynsham, Oxford / New York 2002.

[2] Peter Dinzelbacher: Himmel, Hölle, Heilige. Visionen und Kunst im Mittelalter, Darmstadt 2002.

[3] Zum Stift vgl. Ulrich Fischer: Stadtgestalt im Zeichen der Eroberung. Englische Kathedralstädte in frühnormannischer Zeit (1066 - 1135), Köln / Weimar / Wien 2009, 397.

[4] Zur Kompilation von Visionen vgl. Christian Gebauer: Visionskompilationen. Eine bislang unbekannte Textsorte des Hoch- und Spätmittelalters, Berlin 2010.

[5] Montague R. James: A descriptive catalogue of the manuscripts in the library of Lambeth Palace. The medieval manuscripts, Cambridge 1932; Christopher J. Holdsworth: Eleven visions connected with the Cistercian monastery of Stratfort Langthorne', in: Commentarii Cistercienses 13 (1962) 185-204; Christian Gebauer: Visionskompilationen. Eine bislang unbekannte Textsorte des Hoch- und Spätmittelalters, Münster 2013, hier 50-58; Michael Barbezat: Doubt, Faith and the world to come in Peter of Cornwall's Book of Revelations. Diss. Toronto 2013.

Johannes Grabmayer