Rezension über:

Christopher Matthew / Matthew Trundle (eds.): Beyond the Gates of Fire. New Perspectives of the Battle of Thermopylae, Barnsley: Pen & Sword Military 2013, XII + 228 S., 3 Abb., 7 Karten, ISBN 978-1-84884-791-0, GBP 19,99
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Rezension von:
Michael Jung
Seminar für Alte Geschichte / Institut für Epigraphik, Westfälische Wilhelms-Universität, Münster
Redaktionelle Betreuung:
Matthias Haake
Empfohlene Zitierweise:
Michael Jung: Rezension von: Christopher Matthew / Matthew Trundle (eds.): Beyond the Gates of Fire. New Perspectives of the Battle of Thermopylae, Barnsley: Pen & Sword Military 2013, in: sehepunkte 14 (2014), Nr. 9 [15.09.2014], URL: http://www.sehepunkte.de
/2014/09/23730.html


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Christopher Matthew / Matthew Trundle (eds.): Beyond the Gates of Fire

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Die beiden australischen Historiker Christopher A. Matthew und Matthew Trundle haben einen Sammelband zur Thermopylenschlacht herausgegeben, der schon durch sein martialisches Coverbild heraussticht: Obwohl der in der Reihe "Pen & Sword Military" veröffentlichte Band in seinem äußeren Erscheinen eher an eine Fortsetzung von "300" erinnert, enthält eher doch eine Reihe von Beiträgen, die den Anspruch erheben, die althistorische Forschung zu bereichern. In einem ersten Beitrag fasst einer der Herausgeber, Christopher A. Matthew, die zu der Schlacht führenden Ereignisse zusammen (1-26). Schon in diesem ersten Beitrag wird deutlich, dass sich die Sachdarstellung zwar stark an Herodot orientiert, aber letztlich auch wenig darüber hinausgeht. Kritischer formuliert: In Teilen ist eine gewisse Re-Mythologisierung der Ereigniskette festzustellen, wenn (um nur ein Beispiel von vielen herauszugreifen) nach der Marathon-Schlacht wieder ein Läufer mit "Nenikamen" sterbend zusammenbricht - dann ist das vielleicht etwas wenig kritische Distanz zum Quellenbestand, wenn nur darauf hingewiesen wird, dass das erst in späteren Quellen auftauche und die gesamte Forschung, die den Konstruktionscharakter der Darstellung erörtert, ausgeblendet wird. Im zweiten Beitrag erörtert der andere Herausgeber, Matthew Trundle, dann die Quellengrundlage für die Thermopylenschlacht (27-38). Den Ton setzt bereits der erste Satz des Beitrags "The paradigm of all glorious defeats is Thermopylae!" (27), und so bleibt es auch hier bei einer eher additiven Reihung von Quellenaussagen als das es zu einer kritischen Analyse kommt. Im dritten Beitrag fasst George Rapp die bisherige geologische und topographische Diskussion zusammen zur Gestalt des Schlachtortes im fünften Jahrhundert v. Chr. (39-59). Irritierend ist nach einer Zusammenfassung des Forschungstandes der Umstand, dass die Ergebnisse im Anschluss mit der topographischen Darstellung in verschiedenen Filmen bis hin zu "300" verglichen werden. Es schließt sich ein weiterer Beitrag Matthews an, in dem dieser der Frage nachgeht, ob es sich bei der Thermopylen-Schlacht um eine "Suicide-Mission" gehandelt habe (60-99). Beruhigend ist es zunächst, dass der Autor zum Ergebnis kommt, dass das nicht der Fall war. Dennoch enthält der Beitrag eine ganze Reihe kaum reflektierter Annahmen, so wird etwa die Frage nach dem lakedaimonischen Kontingent allein auf die Frage der 300 Spartiaten fokussiert, ohne dabei die Gesamtverhältnisse der lakedaimonischen Präsenz angemessen zu reflektieren. Darüber hinaus geht er davon aus, dass ein mehr oder weniger geschlossenes Bündnis von "Griechen" den Persern entgegengetreten sei - das passt in die grundsätzlich heroisierende und remythologisierende Tendenz des ganzen Bandes. So bleibt auch ausgeblendet, inwiefern der Einsatz des lakedaimonischen Kontingents neben einer militärstrategischen vielleicht auch eine bündnissichernde Funktion hatte. Auch die Frage des Umgangs mit den Bündnern in der Schlacht wird zugunsten einer einseitig positiven Bewertung eines "Masterplans" der Hellenen zurückgestellt. Dafür werden aber umfangreich detaillierte Vermutungen angestellt, wie viel Liter Wasser eine mit 400.000 Mann angesetzte persische Armee am Tag verbrauche, wie viel Tonnen Mist die persische Reiterei produziert habe u.v.m. So gelingt eine Rekonstruktion des Schlachtplans, der zwar viel Phantasie bei der Fourage verrät, aber wenig Gespür für die politischen Zwänge und Verhältnisse in der Thermopylenschlacht. Amelie R. Brown folgt mit einem Beitrag zur Rezeption der Thermopylenschlacht (100-116), der sich vor allem dadurch auszeichnet, dass er die gesamte jüngere, nicht-englischsprachige Forschung zum Thema (insbesondere aber die grundlegende Monographie von Anuschka Albertz) ausblendet. So verfasst sie einen Beitrag, der Quellenzeugnisse additiv aneinanderreiht, ohne sie im Hinblick auf den Konstruktionscharakter der Erinnerung oder auf deren intentionale Ausformung zu analysieren - ein Beitrag, der weit hinter den erreichten Stand der Forschung zurückfällt. Das gilt mutatis mutandis auch für den folgenden Essay von Peter Gainsford (117-137), der sich mit homerischen Anklängen im herodoteischen Schlachtbericht befasst. Das wäre eine grundsätzlich ertragreiche Fragestellung, wenn die Analyse nicht darauf hinauslaufen würde, im homerischen Schiffskatalog drei geographische Regionen zu verorten, von denen die Thermopylen geographisch zwischen "Section 1" und "Section 3" liegen und die Grenze markieren (belegt durch eine schwungvoll gezeichnete Karte, 133). Nach dieser Analyse gelingt es Peter Londay dann schließlich (138-149), den Leser darüber zu informieren, dass es an den Thermopylen noch weitere Schlachten gegeben habe. Dabei schreckt er auch nicht davor zurück, nach einer Übersicht über antike Schlachten den Überfall der Wehrmacht auf Griechenland 1941 mit einer Thermopylenschlacht anzureichern. Am Schluss kann Matthew Trundle dann schließlich zeigen, dass es noch andere Schlachten gab, in denen eine Niederlage zu einem heroischen und moralischen Sieg umgestaltet wurde (150-163), passenderweise eingeleitet durch ein Zitat aus Tolkiens "Herr der Ringe".

Alles in allem haben die beiden Herausgeber hier einen Sammelband vorgelegt, der zwar den Anspruch erhebt, wissenschaftlichen Kriterien zu genügen, aber insgesamt nicht das Niveau erreicht, das nötig wäre, um diesem Anspruch auch gerecht zu werden. Die Ausblendung wesentlicher Fragestellungen und Ergebnisse der althistorischen Forschung der letzten Jahre, die Remythologisierung und Heroisierung des Ereignisses selbst und nicht zuletzt die vielen Verweise auf populäre, aber wenig fachbezogene Inhalte wie Tolkien oder Filme, die fast gleichrangig mit Forschungsliteratur referenziert werden - all das lässt die Herausgeber das Ziel, einen ernstzunehmenden Forschungsbeitrag zu liefern, dann doch deutlich verfehlen. So wären sie wohl besser beraten gewesen, eine populärwissenschaftliche Darstellung zu liefern - auch wenn man dafür ebenfalls erwarten dürfte, dass neuere Forschung auch zur Kenntnis genommen würde.

Michael Jung