Rezension über:

Christoph Kühberger (Hg.): Geschichte denken. Zum Umgang mit Geschichte und Vergangenheit von Schüler/innen der Sekundarstufe I am Beispiel "Spielfilm". Empirische Befunde - Diagnostische Tools - Methodische Hinweise (= Österreichische Beiträge zur Geschichtsdidaktik. Geschichte - Sozialkunde - Politische Bildung; Bd. 7), Innsbruck: StudienVerlag 2013, 229 S., ISBN 978-3-7065-5260-8, EUR 21,90
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Rezension von:
Andreas Sommer
Abteilung Didaktik der Geschichte, Pädagogische Hochschule, Weingarten
Redaktionelle Betreuung:
Christian Kuchler
Empfohlene Zitierweise:
Andreas Sommer: Rezension von: Christoph Kühberger (Hg.): Geschichte denken. Zum Umgang mit Geschichte und Vergangenheit von Schüler/innen der Sekundarstufe I am Beispiel "Spielfilm". Empirische Befunde - Diagnostische Tools - Methodische Hinweise, Innsbruck: StudienVerlag 2013, in: sehepunkte 14 (2014), Nr. 6 [15.06.2014], URL: http://www.sehepunkte.de
/2014/06/24874.html


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Christoph Kühberger (Hg.): Geschichte denken

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Die empirische Studie "Geschichte denken" wurde als Gemeinschaftsprojekt von vier österreichischen Hochschulen und der Zentralen Arbeitsstelle für Geschichtsdidaktik und politische Bildung zwischen November 2010 und Oktober 2013 durchgeführt. Die Forschungsfrage bezog sich auf das Geschichtsverständnis von Siebtklässlern, die sich mit filmischer Vergangenheitsdarstellung auseinandersetzten.

Christoph Kühberger fällt als Herausgeber der Löwenanteil an den publizierten Kapiteln zu. Mitwirkende Autoren sind Heinrich Ammerer, Elfriede Windischbauer, Bianca Schartner, Sibylle Kampl sowie Reinhard Krammer.

Die Studie "Geschichte denken" gliedert sich in drei größere Teilbereiche: In einem ersten Abschnitt werden die medien- und geschichtsdidaktischen Grundlagen der durchgeführten Untersuchungen entwickelt. Bemerkenswert ist hier der vorgestellte Forschungsstand von Heinrich Ammerer: Er kommt zu dem etwas ernüchternden Fazit, dass sich der Bereich "Geschichte im Film" europaweit als äußerst übersichtlich darstelle. Ein zweiter Teilbereich widmet sich der durchgeführten empirischen Studie. In einem dritten Großkapitel werden "diagnostische Tools" vorgestellt, die zu einer fundierten filmkritischen Arbeit im Geschichtsunterricht der Sekundarstufe I anregen.

Die empirische Untersuchung im Band "Geschichte denken" ging der Frage nach, wie Schüler und Schülerinnen der Sekundarstufe I (Klassenstufe sieben) mit Vergangenheitsdarstellungen in filmischer Form umgehen. Genauer: Gelingt es Schülerinnen und Schülern zwischen tatsächlicher Vergangenheit und Geschichte (ergo Darstellung von Vergangenheit) zu unterscheiden? Die Studie "Geschichte denken" fügt sich damit in den interdisziplinär bunten Reigen der empirischen Medienrezeptionsforschung. Aufgrund des forschungsparadigmatischen Ansatzes (qualitative Erhebungsverfahren), können die vorliegenden Ergebnisse zwar als ein weiteres Mosaiksteinchen innerhalb der empirischen Geschichtsdidaktik betrachtet werden. Es lassen sich jedoch keine generalisierbaren Schlüsse bezüglich der Filmrezeption von Siebtklässlern ableiten. Die Autoren wissen das und bezeichnen die Ergebnisse ihrer Untersuchung daher sehr treffend als "Augenöffner", die darauf verweisen sollen, was in anderen Schulklassen der Fall sein könnte. (9) Christoph Kühberger spannt daher auch den Bogen zum Konzept der "subjektorientierten Geschichtsdidaktik", die historisches Lernen als ganz individuellen Prozess versteht (35).

Interessant, da ein anderer Zugang als bei vergleichbaren Rezeptionsstudien, ist die Haupterhebungsmethode der Studie "Geschichte denken". 260 Schülerinnen und Schüler wurde zu Beginn der siebten Klassenstufe (September 2011) die siebenminütige Landungsszene aus dem Spielfilm "1492 - Die Eroberung des Paradieses" gezeigt. Anschließend sollten sie ein Essay mit folgender Aufgabenstellung verfassen: "Du hast einen Ausschnitt aus einem modernen Kinofilm gesehen. Zeigt dieser Filmausschnitt, wie die Ankunft Kolumbus 1492 stattgefunden hat? Schreibe alle deine Überlegungen dazu in mindestens 50 Wörtern auf." (43)

Die sehr differenziert vorgestellten Befunde der vorliegenden Studie bündeln sich vor allem in zwei großen Ergebnisblöcken: Zum einen argumentieren die Probanden bei der Schilderung ihrer Eindrücke nach der Filmszene nicht auf einer "normativen Ebene" (97). Das heißt, zeittypische Merkmale (Perspektive der Entstehungszeit, Wertung etc.) des Films spielten in den Schüleraussagen keine Rolle. Kühberger folgert, dass eben jene normativen Filmbezüge von Schülerinnen und Schülern nicht erkannt würden, da sie im Geschichtsunterricht kaum eine Rolle spielen.

Der zweite Befund konnte durch quantitative Bezüge ermittelt werden und wird von Kühberger als "Fernsehaspekt" umrissen: Die Jugendlichen, deren Fernsehkonsum am höchsten ist (die also quantitativ am meisten fernsehen), kommen zu einer realistischeren Einschätzung bezüglich des Konstruktcharakters von Filmen über Vergangenheit. (66) Soll heißen, dass diese Jugendlichen durch ihren beträchtlichen Fernsehkonsum Fähigkeiten erworben haben, die ihnen einen per se kritischen Umgang mit Geschichtsfilmen ermöglichen.

Der dritte Teil der Studie "Geschichte denken" richtet sich an eine allgemeine schulische Praxis und möchte Lehrkräfte zur unterrichtlichen Arbeit an und mit Spielfilmen ermutigen. Die Autoren postulieren, dass ausschließlich anhand von Filmausschnitten ertragreich gearbeitet werden könne. Dies mag für das Ziel "De-Konstruktionskompetenz", das sich durch den gesamten Praxisteil zieht, zutreffen: Nur am Filmausschnitt kann gezeigt werden, wie Regisseure arbeiten, können suggestive und manipulative Elemente entlarvt werden. Die schulische Wirklichkeit präsentiert sich aber oftmals anders: Durchaus werden dort historische Spielfilme - oft am Ende einer Unterrichtseinheit - in voller Länge gezeigt. [1] Didaktische Perspektiven oder gar methodische Hinweise zu dieser "Ganzsicht" lässt der vorliegende Band leider offen. Das wirklich Neue an dem dennoch sehr brauchbaren Praxisteil sind die aus dem empirischen Teil abgeleiteten "diagnostischen Tools". Die Autoren geben Lehrenden methodische Vorschläge an die Hand, mit denen es gelingen kann, eingefahrene Vorstellungen (Präkonzepte) von Schülern zu ganz bestimmten Aspekten der Vergangenheit offen zu legen.

In summa besticht die Studie "Geschichte denken" mit ihren sehr interessanten empirischen Befunden und dem daraus abgeleiteten Diagnosetool. Vor allem in immer heterogener werdenden Lerngemeinschaften sind Diagnoseinstrumente, auf denen professionalisiertes individuelles Lernen basieren muss, wichtiger denn je.


Anmerkung:

[1] Britta Wehen: "Heute gucken wir einen Film". Eine Studie zum Einsatz von historischen Spielfilmen im Geschichtsunterricht, Oldenburg 2012.

Andreas Sommer