Rezension über:

Dominique Poirel: Des symboles et des anges. Hugues de Saint-Victor et le réveil dionysien du XIIe siècle (= Bibliotheca Victorina; XXIII), Turnhout: Brepols Publishers NV 2013, 592 S., 1 Farbabb., ISBN 978-2-503-54757-2, EUR 110,00
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Rezension von:
Julian Führer
Deutsches Historisches Institut, Paris
Redaktionelle Betreuung:
Ralf Lützelschwab
Empfohlene Zitierweise:
Julian Führer: Rezension von: Dominique Poirel: Des symboles et des anges. Hugues de Saint-Victor et le réveil dionysien du XIIe siècle, Turnhout: Brepols Publishers NV 2013, in: sehepunkte 14 (2014), Nr. 6 [15.06.2014], URL: http://www.sehepunkte.de
/2014/06/24130.html


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Dominique Poirel: Des symboles et des anges

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Seit den Arbeiten Erwin Panofskys zum Kirchenbau von Saint-Denis wird die Frage diskutiert, ob Abt Suger (1122-1151) in seiner Auffassung vom Licht als Verweis auf Gott von den Schriften des Pseudo-Dionysius inspiriert war. Dieses Corpus dionysiacum geht wohl auf einen syrischen Autor des frühen Mittelalters zurück, es umfasst die Hierarchia caelestis und daneben noch weitere Werke. In der "Hierarchie" wird unter Rückgriff auf biblische und patristische Vorbilder eine neunstufige Hierarchie der Engel entworfen, die wiederum theologisch ausgedeutet wird. Philosophisches Vorbild dieser neuplatonisch gefärbten Ideenwelt ist Proklos. Bereits Papst Gregor der Große (590-604) thematisiert die Hierarchien der Engel (Homiliae in Evangelia II,34 und Moralia in Iob XXXII,23). Bei Gregor ist die Neunzahl der Engel Ausdruck eines Fehlens, bei Pseudo-Dionysius hingegen wird in der Nachfolge Platons und Plotins die Neunzahl als perfekte Zahl angesehen (352).

Das Corpus wurde vom byzantinischen Kaiser Michael II. im Jahr 824 Kaiser Ludwig dem Frommen in einer heute noch erhaltenen Handschrift übersandt (BN gr. 437). Diese griechische Vorlage wurde im 9. Jahrhundert mehrfach übersetzt, zunächst von Abt Hilduin von Saint-Denis, dann von Johannes Scottus Eriugena, der auch noch einen Kommentar lieferte und anschließend seine eigene Übersetzung noch einmal überarbeitete, bevor dann Anastasius Bibliothecarius diese revidierte Übersetzung einer gründlichen Durchsicht unterzog. Dennoch wurde die lateinische Fassung über mehrere Jahrhunderte hinweg kaum wahrgenommen. Erst ab etwa 1120 wurde in Saint-Denis und Paris offenbar die Urheberschaft des Corpus diskutiert, denn in Saint-Denis wurden seit dem karolingerzeitlichen Abt Hilduin der Urheber dieser Schriften, der heilige Dionysius (der als Apostel Galliens galt) und der von Paulus in Athen bekehrte Dionysius Areopagita (vgl. Apg 17,34) als eine einzige Person angesehen. Petrus Abaelardus nun zweifelte diese Ineinssetzung an und wurde aus diesem Grund von Abt Adam, dem Vorgänger Sugers, scharf kritisiert.

Dominique Poirel widmet sich in seinem umfangreichen Buch der Kommentierung der Schriften des Pseudo-Dionysius durch Hugo von Saint-Victor, der in der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts und, so die These Poirels, wohl in Reaktion auf die Zweifel Abaelards die Hierarchia caelestis für Unterrichtszwecke kommentierte und hierbei den ehrwürdigen, aber auch dunklen Charakter der Schrift unterstrich. Hugo ist der Urheber zahlreicher Kommentare, die sonst aber stets nur biblische Bücher zum Thema hatten; die starke Verehrung für den vermeintlich von Paulus selbst bekehrten Apostel Galliens und Märtyrer wird hier deutlich. In der Erklärung bleibt Hugo beim Wortsinn, er bedenkt aber gleichzeitig das exegetische Potential: "Hugues a donc tendance à réinterpréter le traité dionysien comme une réflexion sur l'exégèse allégorique appliquée aux créatures des cieux" (403). Hugos Kommentar wurde in der Folge zu einem Standardwerk und trug zu einer breiten Rezeption des Pseudo-Dionysius im Spätmittelalter bei; er ist in fast 100 Handschriften erhalten.

Hugos Kommentierung ist sehr didaktisch, indem sie oft zunächst die lateinische Syntax der von Anastasius annotierten zweiten Eriugena-Übersetzung den Lesegewohnheiten des 12. Jahrhunderts anpasst (303) und dann zum Beispiel schwierige Begriffe erklärt. Hugos Ziel war es in dem Kommentar, Anfängern eine Verständnishilfe zu geben. Selbst Hugo als Kommentator kritisiert den sonst hochgeschätzten Pseudo-Dionysius für seine mitunter unnötige Komplexität (191, 323). Hugo kommentiert durch interpolierte Glossen, so dass die ohnehin schon oft umfangreichen Sätze der Vorlage noch einmal verlängert werden. Teilweise operiert Hugo philologisch, indem er die Fehler seiner Vorlage emendiert und beeindruckend sichere Konjekturen anbringt (279). Eine quantitative Auswertung zeigt, auf welche Themen Hugo besonders eingeht: die Erkenntnis des transzendenten Gottes und das Problem der Anwendung der menschlichen Sprache auf himmlische Wahrheiten (210).

Die Leistung, hier den spezifischen Beitrag Hugos herausgearbeitet zu haben, kann nicht hoch genug eingeschätzt werden, da es für Hugos Vorlagen (Eriugena, Anastasius) keine kritischen Editionen gibt (36). Dominique Poirel hat das hochkomplexe Themenfeld umfassend aufgearbeitet. Quellenausschnitte werden mit wenigen Ausnahmen zweispaltig in der lateinischen Vorlage Hugos und einer französischen Übersetzung präsentiert. Es gelingt ihm, die im Original schwer verständlichen Texte durch Einbettung in ihren Kontext aufzuschlüsseln. Hierbei kommt ihm eine ungemein breite Quellenkenntnis zugute, die zu dieser Thematik wohl ihresgleichen sucht. In der jahrelangen Beschäftigung mit der Materie ist er zu etlichen neuen Erkenntnissen gelangt, die auch über den vermeintlich engen Themenbereich von Hugos Kommentar zum Pseudo-Dionysius hinaus von Relevanz sind. Poirel kann plausibel machen, dass Hugo von Saint-Victor nicht nur die Hierarchia caelestis, sondern das gesamte Corpus Dionysiacum kommentieren wollte. Analog zu anderen Kommentaren Hugos lässt sich anhand der Textüberlieferung zeigen, dass Hugo seine Kommentare im Laufe der Zeit erweiterte und sich seine Beschäftigung mit dem Pseudo-Dionysius wohl über etwa zwanzig Jahre (ca. 1120-1141, dem Jahr seines Todes) erstreckte. Die kurz nach Hugos Tod von Abt Gilduin von Saint-Victor veranstaltete Gesamtausgabe seiner Schriften enthält manche, wohl von Kanonikern von Saint-Victor nach Hugos Tod notdürftig abgeschlossene Schriften. Der derzeit verfügbare Druck bei Migne (PL 175, c. 923-1154) gibt die Ausgabe Rouen 1648 wieder, die ihrerseits einen Pariser Druck von 1526 wiederholt, der auf BN lat. 14507 aus dem 15. Jahrhundert basiert, einer Handschrift, die auf BAV lat. 179 von 1140/1150 aus Saint-Victor zurückgeht und damit auf die genannte Gilduin-Ausgabe (vgl. 33f.), die insgesamt für die Textüberlieferung maßgeblich ist (117).

Über die Textkritik hinaus fragt Dominique Poirel, ob Hugos Vorgehensweise, die im Pseudo-Dionysius dargelegte Hierarchie auf irdische und speziell kirchliche Ordnungen zu beziehen, nicht Rückschlüsse auf sein Selbstverständnis als Regularkanoniker erlaubt (z.B. 208): Hatte Gregor der Große die Engel als Modell für monastisches Leben bezeichnet, unterstreicht Hugo nun ihr Wirken in der Welt (355). Ebenso kann er plausibel machen, dass die spekulative und spirituelle Ausrichtung des Pseudo-Dionysius besonders attraktiv für neue, reformorientierte Orden war, zumal Dionysius der Areopagit infolge der Bekehrung durch Paulus ein Beispiel für die Rückkehr zum Vorbild der Urgemeinde bot (257). Was nun die Relevanz des Pseudo-Dionysius für den Kirchenbau von Saint-Denis angeht, so hält Poirel diese durchaus für gegeben, aber über Hugos Kommentar vermittelt (253). Dies ist nur eine der Hypothesen, die, so ist zu hoffen, weitere Diskussionen über Hugo und den Pseudo-Dionysius hervorrufen werden. Sugers Lichtmetaphysik jedenfalls lässt sich auch durch Rückgriffe auf Patristik und karolingische Poesie erklären (393). Die Beziehungen von Sichtbarem und Unsichtbarem sind aber sowohl für Hugo als auch für Suger Grundmotive (481).

Das Buch enthält in der vorliegenden Form umfangreiche Originalbeiträge, aber auch neun bereits publizierte Aufsätze, die hier thematisch angeordnet noch einmal präsentiert werden. Ein Beitrag wurde überarbeitet, die anderen acht in der ursprünglichen Form belassen und nur um Querverweise im Apparat erweitert, wenn eine Thematik in den neu verfassten Teilen des Buches eingehend behandelt wird. Das bringt mit sich, dass zu Beginn der Nachdrucke die Grunddaten zu Hugo und die Standardwerke der Forschung rekapituliert werden. Gleichzeitig werden die Seitenumbrüche der Erstdrucke umsichtig nachgewiesen, in Einzelfällen sind allerdings auch Druckfehler der Erstausgabe stehen geblieben (z.B. 342).

Ein Wunsch bleibt am Ende offen: die kritische Ausgabe von Hugos Kommentar zur Hierarchia caelestis. Doch Dominique Poirel zitiert neben dem alten Druck bei Migne bereits zeilengenau die von ihm für das Corpus Christianorum vorbereitete Neuedition, so dass die Forschung zur Rezeption des Pseudo-Dionysius auch in Bezug auf den Text bald auf einer gänzlich neuen Grundlage stehen dürfte.

Julian Führer