Rezension über:

Frank Bösch / Peter Hoeres (Hgg.): Außenpolitik im Medienzeitalter. Vom späten 19. Jahrhundert bis zur Gegenwart, Göttingen: Wallstein 2013, 343 S., ISBN 978-3-8353-1352-1, EUR 29,90
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Rezension von:
Heiner Möllers
Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr, Potsdam
Redaktionelle Betreuung:
Empfohlene Zitierweise:
Heiner Möllers: Rezension von: Frank Bösch / Peter Hoeres (Hgg.): Außenpolitik im Medienzeitalter. Vom späten 19. Jahrhundert bis zur Gegenwart, Göttingen: Wallstein 2013, in: sehepunkte 14 (2014), Nr. 6 [15.06.2014], URL: http://www.sehepunkte.de
/2014/06/24093.html


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Frank Bösch / Peter Hoeres (Hgg.): Außenpolitik im Medienzeitalter

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"Alles was wir wissen, wissen wir aus den Medien!" Diese Aussage Niklas Luhmanns wirkt im Zeitalter der Mediengesellschaften, in denen die Kommunikation immer mehr über soziale Netzwerke und Blogs stattfindet und auch die Informationsformate der Fernsehsender zunehmend auf Hinweise wie "Weitere Informationen finden Sie unter heute.de!" verfallen, wie eine Binsenweisheit. Die Allgegenwart medialer Kommunikation ist ein Faktum, das nicht nur Lebensgewohnheiten, sondern auch gesellschaftliche Prozesse und politische Entscheidungen nachhaltig beeinflusst. Selbst bei der gegenwärtigen Ukraine-Krise haben die Medien ihre Rolle als "Akteur mit eigener Agenda" (Frank Bösch) längst eingenommen. Ihre Berichterstattung beeinflusst nicht nur politische Prozesse; teilweise präjudiziert sie, je nach Meinungsbild, das sie transportiert, politische Entscheidungen auch anderer (ausländischer) Akteure, die ihrerseits Prozesse beeinflussen wollen. Damit ist heute eine gegenseitige Beeinflussung und - beabsichtigte, vollzogene oder stillschweigend in Kauf genommene - Instrumentalisierung von Politik und Medien festzustellen, die auch der Öffentlichkeit nicht verborgen bleiben kann.

Im vorliegenden Band widmen sich Herausgeber und Autoren der "Außenpolitik im Medienzeitalter" und untersuchen an exemplarischen Beispielen vom Krim-Krieg (1853 bis 1856) bis zum Zweiten Golfkrieg (1991) die wechselseitigen Einflüsse der Kommunikationen und Entscheidungen von Politikern. Dabei stellen die Herausgeber dem Band zwei Hypothesen voran, die schlaglichtartig das oft missverstandene Verhältnis zwischen Politikern und Medien beleuchten: Erstens führe der Glaube an die Macht der Medien "zu tatsächlichen politischen Reaktionen und somit zu indirekten Medienwirkungen". (7) Zweitens entwickelten sich aus dem kooperativen Miteinander von Medien und Politik nicht selten "Eigendynamiken auf beiden Seiten, die ebenfalls eher als indirekte Medienwirkung zu verstehen sind". (7) Es verdichte sich die "Symbiose zwischen Politik und Medien dadurch, dass auch die Kommunikation und die Entscheidung von Politikern [...] immer zugleich auf Medienberichten" basiere. (7) Das Buch will damit die Frage in den Mittelpunkt stellen, "in welchem Maße die Außenpolitik und die (mediale) Öffentlichkeit im Zeitalter der Massenmedien interagieren". (8)

Diese zentrale Frage gibt damit gleichzeitig den zeitlichen Rahmen vor, den das Buch behandelt: Das Aufkommen der Massenmedien in der Mitte des 19. Jahrhunderts steht am zeitlichen Beginn des Untersuchungszeitraums, der durch den Golfkrieg 1991 sprichwörtlich gewordene "CNN-Effekt" - also das durch exklusive Fernsehbilder des US-amerikanischen Nachrichtensenders erzeugte und in der Folge kaum hinterfragte Geschehen vom Krieg - markiert den Schlusspunkt dieses Bandes. Die im Band dazu versammelten Beiträge stellen einen langjährig wirkenden Konsens in Frage, wonach "die öffentliche Meinung ob ihrer Unbeständigkeit, fehlenden Kohärenz und Informiertheit keinen großen Einfluss auf die Außenpolitik haben sollte und faktisch auch nicht habe". (8)

Methodisch bieten alle Beiträge qualitative Untersuchungen, teilweise auf ein Medium beschränkt oder entlang einiger ausgesuchter Formate. Die Begründung, sich für diesen Weg zu entscheiden, scheint plausibel: "Die quantifizierenden Codierungen der Massenmedien sind [...] aufgrund ihrer starken Komplexitätsreduktion für Historiker kaum anschlussfähig". (10) Das reine Auszählen von Artikeln, Häufigkeiten von gewählten Themen, Länge der gedruckten oder veröffentlichten Beiträge ebenso wie demoskopische Befragungen zu politischen Sachverhalten können kaum komplexe Sachverhalte erklären. Aufbauend auf die Methodik entwickeln die Herausgeber einen Fragenkatalog, dem alle Autoren unterworfen sind: Es geht immer wieder um das Mit- und Gegeneinander von Außenpolitik und Medien sowie deren gegenseitige Beeinflussung. Wie nimmt die Öffentlichkeit Außenpolitik wahr und welche Rolle haben die Medien bei der Rezeption von Außenpolitik? Wie versucht die Politik, die öffentliche Meinung über die Medien zu beeinflussen? Dabei präsentieren die Autoren in vielschichtigen Beiträgen über eine große Zeitspanne unterschiedliche "Umgebungen der Politik", die vor allem durch die zunehmende Ausbreitung elektrischer und elektronischer Medien - vom Radio bis zu Twitter - zunehmend komplexer und unübersichtlicher wird. Ein kurzer Abriss zu den Entwicklungslinien der Mediengeschichte und der Medienwirkung rundet die Einführung ab.

Beispielhaft können in dieser Rezension nur einige Beiträge des guten Bandes besprochen werden. Herauszuheben ist einmal der Beitrag von Karl-Heinrich Pohl über Gustav Stresemann, der insofern ein Alleinstellungsmerkmal besitzt, weil er der einzige Beitrag ist, der einen Akteur in den Mittelpunkt stellt. Stresemann hat, auch ausgehend von seinen eigenen Erfahrungen in der "Medienbranche" - parallel zu seinem Aufstieg vom freien Journalisten zum führenden Außenpolitiker -, nicht nur gelegentlich, sondern quasi über den Kontakt zu den Medien an seinem Bild in der Öffentlichkeit gearbeitet und es damit auch nachhaltig beeinflusst. Die Presseabteilung des Auswärtigen Amtes hat er in dieser Zeit lediglich geschäftsmäßig wahrgenommen, er hat sie ohne persönlichen Einfluss ihre Arbeit machen lassen. (156) Auffällig ist jedoch, dass sein Einfluss auf die ausländische Presse offensichtlich viel größer war und er dort viel intensiver wahrgenommen wurde als in deutschen Zeitungen, die ihn oft genug anfeindeten.

Mit "Grenzen der Öffentlichkeit" skizziert Hermann Wentker die Außenpolitik der DDR, die innerhalb des kommunistischen Machtblocks engen Grenzen unterworfen war und auch gegenüber der Bundesrepublik Deutschland nie völlig frei agieren konnte. (197) Dies spiegelte sich auch in den Medien wieder, die wiederum im weitgehend frei empfangbaren Westfernsehen und -radio einen unliebsamen Kommentator und Konkurrenten um die Deutungshoheit besaßen. Aus diesem Grunde war die DDR-Außenpolitik mehrfachem Rechtfertigungsdruck unterworfen: Sie konnte sich nur geringfügig von der Führung in Moskau lossagen, besaß über den innerdeutschen Handel ein Aktionsfeld im Westen und wurde gleichzeitig durch das Westfernsehen - mit Rückkoppelungen in der eigenen Bevölkerung - beobachtet und kritisiert. Wentker liefert damit anschauliche Beispiele, die die Begrenztheit der DDR-Außenpolitik im Kontext des deutsch-deutschen Informationsraumes offenlegen. Aus seinen fünf Abschlussthesen ist besonders diejenige zu unterstreichen, die diesen "deutsch-deutschen Kommunikationsraum" als Gefahr für das Regime in Ost-Berlin bewertet: Die Westmedien unterliefen nahezu ständig die Deutungshoheit der SED und des Staatsfernsehens. (210)

Die vielfältigen Beiträge, zu britischen Medien im Krim-Krieg und zur Zeit der Flottenrüstung sowie zu den deutsch-britischen Beziehungen vor dem Ersten Weltkrieg, zur außenpolitischen Rolle der Medien in der Propaganda des Ersten und Zweiten Weltkrieges, wie auch zum Wandel der Medienwirkung durch den CNN-Effekt und in der Berliner Republik, stellen allesamt anschaulich dar, wie Politik und Politiker sich der Medien bedienen, um ihre Entscheidungen über die mediale Darstellung voran zu bringen. Darüber hinaus zeigen sie aber gleichzeitig auf, dass Medien immer wieder weniger eine kontrollierende Gewalt sind, sondern sich zu gerne auch instrumentalisieren lassen oder manchmal vollkommen eigenständige Wege suchen.

Zusammenfassend lässt sich sagen: Allein schon die Einleitung ist eine herausragende Komprimierung der bisherigen Literatur zum Komplex Medienwirkung, den es so bislang noch nicht gab, und die eben nicht darauf reduziert werden sollte, dass Medien ständig eigene Interessen verfolgen. Jede Politik bekommt die Medien, die sie verdient, so scheint es. Es wäre weiterführend und hilfreich, wenn ein ähnliches Projekt zur Rolle einzelner Zeitungen oder Sendeformate wie auch namhafter Journalisten entstehen würde.

Heiner Möllers