Rezension über:

Philip Wood (ed.): History and Identity in the Late Antique Near East (= Oxford Studies in Late Antiquity), Oxford: Oxford University Press 2013, XXIV + 237 S., 1 Karte, ISBN 978-0-19-991540-8, GBP 45,00
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Rezension von:
Isabel Toral-Niehoff
Seminar für Semitistik und Arabistik, Freie Universität Berlin / Institute for the Study of Muslim Civilizations, Aga Khan University, London
Redaktionelle Betreuung:
Matthias Haake
Empfohlene Zitierweise:
Isabel Toral-Niehoff: Rezension von: Philip Wood (ed.): History and Identity in the Late Antique Near East, Oxford: Oxford University Press 2013, in: sehepunkte 14 (2014), Nr. 6 [15.06.2014], URL: http://www.sehepunkte.de
/2014/06/23731.html


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Philip Wood (ed.): History and Identity in the Late Antique Near East

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Ohne Zweifel bedeutete das Œuvre von Peter Brown (The World of Late Antiquity 1971) einen Meilenstein in der Erforschung der Spätantike. Neben der Abkehr von dem traditionellen Dekadenzmodell einer "alternden Antike" löste es eine Verschiebung des zeitlichen Rahmens zu einer "Long Late Antiquity" aus, welche nun die Epoche des frühen Islams miteinbezog; ferner erfolgte auch die geographische Erweiterung zu Grenzregionen des Römischen Imperiums, wie z.B. das Sasanidenreich. Diese Akzentverschiebung hat dazu geführt, dass die spätantiken Wurzeln des Islam verstärkt in den Fokus geraten sind, ohne dass dieser als epigonal abgewertet wird. Ferner hat sie auch verholfen, den traditionellen Graben zwischen Altertums- und Islamwissenschaftlern zu überwinden, so dass es keine Ausnahme mehr ist, dass sich Spezialisten zum frühen Islam, Byzantinisten, Kirchenhistoriker, Medievalisten und Althistoriker treffen, diskutieren und gemeinsam publizieren. Der vorliegende Sammelband History and Late Antiquity in the Late Antique Near East reiht sich in diesen Trend ein, denn er präsentiert zehn Beiträge, die in die "späte Spätantike" gehören, und deren geographischer Schwerpunkt meist außerhalb des Römischen Imperiums liegt. Der chronologische Bogen reicht vom 6. Jahrhundert bis in die frühe Abbasidenzeit am Anfang des 9. Jahrhunderts; der geographische Rahmen reicht von Palästina, Armenien, Iraq, Syrien, Arabien, über Iran bis Ägypten. Es handelt sich um die Publikation einer Vortragsreihe, die am Classics Centre des Corpus Christi College in Cambridge während des Jahrs 2009 gehalten wurde. Die gemeinsame Fragestellung war "the importance of the past, both real and imagined, in constructing the boundaries of contemporary cultures," (xiv) also die Beziehung zwischen Vergangenheits- und Identitätskonstruktionen im Kontext der nahöstlichen Spätantike.

Der Band zerfällt inhaltlich in zwei Teile. Die ersten fünf Beiträge beruhen auf christlichen Textquellen, teils sind diese auf Griechisch, Armenisch, Syrisch und teils in christlichem Arabisch. Die Autoren untersuchen verschiedene Modi der Perzeption, Adaption, Funktionalisierung und Integration der griechisch-römischen Antike; und zwar nicht nur mithilfe historiographischer Quellen, sondern auch aufgrund von religiösen, poetischen und philosophischen Texten. So zeigt Phil Booth die sich wandelnde Reaktion des Sophronios von Jerusalem (634-39) auf die katastrophale Krise des Römischen Imperiums seiner Zeit, wie sie sich seinen Hymnen widerspiegelt: Zuletzt führte er sie auf den häretischen Monotheletimus des Kaisers Heraklios zurück und forderte eine moralische Erneuerung, deren Träger die orthodoxe, Chalzedonische Kirche sein sollte. Tara L. Andrews befasst sich mit einer 'dunklen Epoche' der armenischen Geschichtsschreibung, für die eine Lücke von 484 bis 591 klafft. In der Erkenntnis, dass alle armenischen historischen Texte nach dem Bruch mit der byzantinischen Reichskirche 608 eine anachronistische, antibyzantinische Perspektive auf die vorangegangenen Geschichte projizieren, zeigt sie, wie andere Texte für die Erforschung dieser Epoche fruchtbar zu machen sind, wie z.B. die Briefesammlung armenischer Katholikoi, oder die zahlreichen Übersetzungen griechischer Philosophen. Philip Wood untersucht in ausgewählten Texten der syrischen Kirche des Ostens die zunehmend 'nestorianisierende' Rückprojizierung bei der Bewertung des Konzils von Chalzedon und der römischen Kirchengeschichte; als Grundlage dient ihm vor allem die christlich-arabische Chronik von Seert (11.Jahrhundert). Daniel King bestreitet in seinem Beitrag die gängige Theorie, welche das besondere Interesse der Syrer an griechischer Philosophie und Logik mit deren Funktionalisierung im Rahmen von theologischen Disputen in Beziehung setzt. Vielmehr gingen die frühen Übersetzungen aus dem Griechischen auf die Verwendung in der syrischen Schulpraxis zurück und reflektieren zudem das spätantike Alexandrinische Curriculum; erst in der Abbasidenzeit ließe sich eine Verwendung im Kontext von religiösen Debatten nachweisen. Jack Tannous hingegen argumentiert, die Übersetzung griechischer Philosophie in den Syrischen Kirchen sei sehr wohl "driven by the need for a syllabus that equipped the spiritual and intellectual core of the Miaphysite movement" (101), fanden sie doch in einer historischen Phase statt, in der doktrinäre Abgrenzungen und die Entwicklung religiöser Identitäten zentrale Anliegen der entstehenden Gemeinden waren.

Der zweite Teil, der ebenfalls fünf Artikel umfasst, fokussiert die Konstruktion, Rezeption aber auch die Verdrängung und die Umschreibung von problematischer vorislamischer Vergangenheit in islamisch-arabischen Texten. Harry Munt untersucht, wie eine frühe Chronik der Stadt Medina die Lokalgeschichte vor der Ankunft des Propheten Muhammad darstellt. Kontroverse Themen waren die jüdische Hegemonie, die untergeordnete Stellung der später wichtigen Stämme der "ansar" (Helfer des Propheten) und die Einbindung biblischer Narrative in diese Vergangenheit. Adam Talib analysiert die Faszination der Abbasidenzeit für al-Hira, einem spätantiken arabischen Fürstentum am Mittleren Euphrat, das mit den Sasaniden verbündet war. Die Stadt und ihre Könige wurden schließlich zu einem mächtigen Symbol und Topos der Vergänglichkeit irdischer Pracht. Er vermutet, die Wurzeln dieses literarischen Motivs gingen auf vorislamische, lokale Modelle zurück. Hussein Omar erforscht die Konfiguration einer lokalen, ägyptischen Identität in der Chronik des ʿAbd al-Hakam aus dem neunten Jahrhundert. Als Vergangenheitsbezug eignete sich aufgrund religiöser Bedenken die pharaonische Geschichte nicht, vielmehr wurden abrahamische Legenden bemüht, bis dann die islamische Geschichte Ägyptens schließlich "married with ist non-Islamic past" (167) war. Sarah Bowen Savant betrachtet die ambivalente Rezeption der sasanidischen Geschichte im iranisch geprägten Raum nach der islamischen Eroberung. Diese schwankte zwischen Nostalgie, Verdrängung, Vergessen und Umschreibung; als Fallbeispiel stellt sie den Umgang mit Ktesiphon als lieu de mémoire vor. Der letzte Beitrag von Mathieu Tillier befasst sich schließlich mit der Entwicklung islamischer Rechtschulen im Spannungsfeld zwischen den Ansprüchen lokaler Eliten und der politischen Zentrale im Rahmen lokaler Identitätskonstruktionen; und wie aus dieser Dynamik schließlich die vereinheitlichte Konzeption islamischen Rechts auf der Grundlage prophetischer Tradition (hadith) wurde.

Dieser anregende Band sei für sowohl für alle Forscher der Altertums- und Islamwissenschaftlern wie auch für Syrologen und Kirchenhistorikern empfohlen, die sich jeweils für die nahöstliche Spätantike interessieren; ferner auch allgemein für Historiker, welche die Relevanz von historischen Diskursen für kollektive Identitätskonstruktionen untersuchen. Erfreulicherweise halten sich Originalzitate in den zahlreichen Quellensprachen, die herangezogen wurden, in Grenzen (sie finden sich vor allem im Beitrag von Adam Talib), und auch diese sind immer übersetzt, so dass der Band auch außerhalb der engeren Fachgrenzen zugänglich ist.

Isabel Toral-Niehoff