Rezension über:

Michael Mitterauer: Historische Verwandtschaftsforschung, Wien: Böhlau 2013, 248 S., ISBN 978-3-205-78876-8, EUR 39,00
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Rezension von:
Sarah Rudolf
Institut für Geistes- und Kulturwissenschaften, Universität Vechta
Redaktionelle Betreuung:
Michael Kaiser
Empfohlene Zitierweise:
Sarah Rudolf: Rezension von: Michael Mitterauer: Historische Verwandtschaftsforschung, Wien: Böhlau 2013, in: sehepunkte 14 (2014), Nr. 5 [15.05.2014], URL: http://www.sehepunkte.de
/2014/05/24559.html


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Michael Mitterauer: Historische Verwandtschaftsforschung

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Seit einiger Zeit unterliegt die Sozialgeschichte massiven Wandlungsprozessen. Im Bereich der Familienforschung, der Kindheitsforschung, sicherlich auch der Mentalitäten- und Ideengeschichte, soweit sie im Bereich der Volkskulturforschung betrieben werden, hat es tiefgreifende Paradigmenwechsel gegeben. Sie gehen über eine Betonung von Mikro- oder bottom-up-Perspektiven hinaus. Damit ist die Nutzung qualitativer Ansätze in den verschiedenen Zweigen sozialhistorischer Forschung stärker ins Zentrum gerückt. Davon zeugen Selbst- und Fremdbildforschungen wie in der Identitätengeschichte, wie sie zum Beispiel Rudolf Dekker betreibt. [1] Auch der 1999 von Andreas Gestrich publizierte Band "Vergesellschaftungen des Menschen. Einführung in die Historische Sozialisationsforschung" dokumentiert diese Entwicklungen. [2] Gleiches gilt für das 2005 publizierte Sonderheft "Geschwister - Eltern - Großeltern" der Zeitschrift Historical Social Research. [3]

In diesem Forschungskontext ist die vorliegende Aufsatzsammlung zu sehen, die Beiträge Michael Mitterauers vorstellt. In ihr sollen neue Perspektiven für die Familienforschung aufgezeigt werden.

Der Band hat zwei Hauptachsen, anhand derer er zu lesen und zu bewerten ist: Zum einen handelt es sich um eine Sammlung verschiedener Beiträge, die Michael Mitterauer in den letzten Jahren publiziert hat. Zum anderen sollen sie eine Forschungslinie eröffnen, die er - wie der Titel des Bandes besagt - als historische Verwandtschaftsforschung etablieren möchte.

Inhaltlich deckt der Band mehrere Epochen ab; sie reichen von der Antike bis zur Neuzeit. Gleichzeitig werden in den meisten Beiträgen interkulturelle Vergleiche zwischen europäischen und außereuropäischen Kulturen umgesetzt.

Das verdeutlicht Mitterauer schon in der Einleitung. Seine Wirkungsabsicht ist es, Zugänge zu einer historischen Verwandtschaftsforschung vorzustellen. Diese Aufsatzsammlung geht folglich über die "reine" Sammlung hinaus. Allerdings beinhaltet die Einleitung selbst hierfür keine Überlegungen. Zwar werden die Entstehungskontexte der Beiträge dargelegt und die Inhalte und Gemeinsamkeiten kurz zusammengefasst, aber es werden keine perspektivisch weiterführenden Ansätze explizit formuliert.

Gleichzeitig aber lässt die Einleitung mittelbar zwei Dimensionen des Vergleichs erkennen, die die Beiträge eröffnen: eine diachrone und eine stärker synchrone Dimension. Denn während sich einige Beiträge deutlicher zeitgeschichtlichen Problemen und politischen Statements verschreiben, sind andere klar an der Erforschung historischer Verwandtschaft interessiert.

Diese vorrangig 'historischen' Beiträge sind unterschiedlicher Natur. Als besonders nennenswert erscheinen diejenigen, die über "klassische" Felder der Erforschung hinausreichen wie etwa: der Beitrag "Die Toten und die Lebenden. Zu religiösen Bedingungen von Verwandtschaft" (15-25), der Beitrag "Geistliche Verwandtschaft im Kontext mittelalterlicher Verwandtschaftssysteme" (27-50) und der Beitrag "Die Terminologie der Verwandtschaft. Zu mittelalterlichen Grundlagen von Wandel und Beharrung im europäischen Vergleich" (51-83).

Im ersten Beitrag "Die Toten und die Lebenden" werden Mentalitäten des christlich-historischen Europa gegenüber Ahnenkulten des alten China und des Islam beleuchtet. Sie zeigen, dass Verwandtschaft über eine 'erlebte Realität' der Welt der Lebenden hinausreichte und die Toten einen festen Bestandteil alltäglichen Lebens darstellen konnten. Ein Nachteil dieses Beitrages ist es, dass keine Anmerkungen vorliegen. Er bietet gleichwohl wichtige Anregungen für weitere Forschungen.

Perspektiven transzendenter Natur eröffnet der zweitgenannte Beitrag "Geistliche Verwandtschaft im Kontext mittelalterlicher Verwandtschaftssysteme". Ihm zufolge darf Verwandtschaft in historischen europäischen Gesellschaften nicht rein biologisch verstanden werden. Vielmehr wurden gerade in mittelalterlichen Gesellschaften Verwandtschaften konstruiert, die auf metaphysischen Denkmustern beruhten, wie Taufe und Patenschaft. [4] Im darauf folgenden Beitrag "Die Terminologie der Verwandtschaft" wird dies erneut betont (hier 66-75).

Der letzte Beitrag "Kontrastierende Heiratsregeln. Traditionen des Orients und Europas im interkulturellen Vergleich" (213-232) stellt einen guten Abschluss dar. In ihm werden neben den biologischen Problemen auch interkulturelle Vergleiche und innerkulturelle Normenkonkurrenzen angesprochen. Wegweisend ist insbesondere die Beobachtung, dass endogames Heiratsverhalten in Form der Cousinenheirat stark kongruent gewesen sei mit dem Verbreitungsgebiet der beduinischen Lebensweise (hier 216-219). Sie lässt erahnen, dass Familienstrukturen, Verwandtschaftsbewertungen stärkerer kultureller Determination unterlagen und unterliegen, als es manchmal den Anschein haben mag.

Am Ende verweist der Band also vehement darauf, dass inner- und interkulturelle Muster in der sozialhistorischen Analyse keineswegs ausgeklammert werden dürfen. Die Berücksichtigung von Normen bzw. Normenkonkurrenzen, sowie von spezifischen Lebensweisen erhellt schon im Ansatz, dass diese Aspekte eine große Rolle im Kontext der Bewertung von und des Umgangs mit Verwandtschaft spielten. "So wird man sich im Zusammenleben in Europa wohl noch für einige Zeit mit den kontrastierenden Heiratsregeln von Orient und Europa zu befassen haben" (230).

Mitterauer ruft mit diesem abschließenden Satz zwar zu mehr Aufklärungsarbeit auf. Auf die politischen Implikationen und sozio-kulturellen Dimensionen, auf die Mitterauer an dieser Stelle zu sprechen kommt, möchte ich hier nicht eingehen.

Nichtsdestotrotz macht nicht nur dieser letzte Beitrag eines deutlich: Für die Geschichtswissenschaft birgt eine "historische Verwandtschaftsforschung" in innerkulturell oder interkulturell vergleichender Perspektive ein großes Potenzial. Die Ergebnisse zu europäischen Familien- und Verwandtschaftsstrukturen können im Vergleich mit außereuropäischen neu bewertet und in ein relativierendes Licht gerückt werden. Insofern kann mit guten Gründen Michael Mitterauers Plädoyer für eine "Historische Verwandtschaftsforschung" zugestimmt werden.


Anmerkungen:

[1] Rudolf Dekker: Childhood, Memory and Autobiography in Holland. From the Golden Age to Romanticism, Basingstoke / London / New York 2000 (Early Modern History: Society and Culture); Ariane Baggerman / Rudolf Dekker: Child of the Enlightenment. Revolutionary Europe Reflected in a Boyhood Diary, Leiden / Boston 2009 (Egodocuments and History Series; Vol. 1).

[2] Andreas Gestrich: Vergesellschaftungen des Menschen. Einführung in die Historische Sozialisationsforschung, Tübingen 1999 (Historische Einführungen; Bd. 1).

[3] Historical Social Research 30 (2005) Nr. 3, Sonderheft: Geschwister - Eltern - Großeltern. Beiträge der historischen, anthropologischen und demographischen Forschung, hg. von Georg Fertig.

[4] Jacques Gélis: Das Geheimnis der Geburt. Rituale, Volksglauben, Überlieferung, Freiburg im Breisgau 1992.

Sarah Rudolf