Rezension über:

Barbara Larson / Sabine Flach (eds.): Darwin and Theories of Aesthetics and Cultural History, Aldershot: Ashgate 2013, XI + 176 S., ISBN 978-1-4094-4870-9, GBP 49,50
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Rezension von:
Robin Rehm
Universität Regensburg
Redaktionelle Betreuung:
Hubertus Kohle
Empfohlene Zitierweise:
Robin Rehm: Rezension von: Barbara Larson / Sabine Flach (eds.): Darwin and Theories of Aesthetics and Cultural History, Aldershot: Ashgate 2013, in: sehepunkte 14 (2014), Nr. 5 [15.05.2014], URL: http://www.sehepunkte.de
/2014/05/23031.html


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Barbara Larson / Sabine Flach (eds.): Darwin and Theories of Aesthetics and Cultural History

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Die im Titel der anzuzeigenden Publikation vorgenommene Verknüpfung des Darwinismus mit der Disziplin der Ästhetik mag zunächst überraschen. Scheinen doch evolutionstheoretische Überlegungen - anders als bei Problemen der Kulturgeschichte - vordergründig kaum einen unmittelbaren Zugang zur Analyse von Kunstwerken zu gewähren. In der Tat lassen sich die fünf selbständigen Theorien über (1.) die Veränderlichkeit der Arten, (2.) die Abstammung aller Lebewesen, (3.) die Artbildung in Population, (4.) den Gradualismus und (5.) die natürliche Auslese, die Charles Darwin in seinem 1859 edierten Buch On the Origin of Species by Means of Natural Selection erörtert, nur über Umwege - müsste man zumindest meinen - mit ästhetischen Standpunkten vereinbaren. [1] So überrascht es auch nicht, wenn die Frage nach dem Zusammenhang zwischen der Entstehung der Kunst und evolutionstheoretischen Implikationen überhaupt von nur wenigen kunstgeschichtlichen Studien thematisiert wird. Zu erinnern ist im Bereich der Malerei an den Katalog der 2009 im Lenbachhaus gezeigten Ausstellung über das künstlerische Œuvre sowie die ethnografische und archäologische Sammlung des Münchner Künstlers Gabriel von Max. [2]

Die evolutionstheoretisch orientierte Forschung in den Geisteswissenschaften richtet sich gegenwärtig auf die Problematik der ästhetischen Funktionen von Kunstwerken. Vor allem Winfried Menninghaus hat die Frage nach dem eigentlichen "Nutzen" der Kunst unter evolutionstheoretischen Kriterien ins Zentrum seiner Arbeiten gerückt. [3] Explizit bewegt er sich mit seinem 2011 erschienenen Buch Wozu Kunst? Ästhetik nach Darwin im Feld der Ästhetik, in dem er die von Kant in der Kritik der Urteilskraft formulierte Auffassung von der "Zweckmäßigkeit" der "Lust" als eine in der Kunst aktive und evolutionstheoretisch zu fundierende Wirkungskraft identifiziert. Hiernach sei die Lust generell mit dem Erreichen einer bestimmten Absicht oder zumindest einer Vorstellung von derselben verknüpft. Menninghaus geht jedoch weiter. Dass das Schöne nach Kants ästhetischem Postulat allein durch die bekannte Triade der Begriffs-, Interesse- und Zwecklosigkeit und schließlich auch durch Funktionslosigkeit zu charakterisieren ist, erscheint ihm keineswegs ausgemacht. Es sei nicht der Ausweis der Selbstgesetzlichkeit der Künste, keine funktionalen und damit evolutionär substanziierten Auswirkungen auf das Fühlen, Erleben, Denken und Handeln von Individuen und Gesellschaften zu haben. Im Gegenteil gebe es einen solchen Reichtum an von der Kunst potenziell evozierbaren Effekten, dass bereits die Bestimmung von evolutionstheoretisch konstituierten Abhängigkeitsbeziehungen eine beträchtliche Herausforderung bedeuten würde. [4]

Die vorliegende Publikation über den Darwinismus in der Ästhetik und Kulturgeschichte ist aus zwei Tagungen im Zentrum für Literatur- und Kulturforschung in Berlin und am Courtauld Institute of Art in London hervorgegangen. Beide Veranstaltungen setzten sich jeweils mit Evolutionstheorien des 18. und 19. Jahrhunderts aus Sicht der Kulturwissenschaften und mit Darwins Verhältnis zu den Visual Culture Studies auseinander. Gerechtfertigt ist die Ausrichtung der Forschungsinitiative auf die Relation zwischen Darwin und den Disziplinen der Ästhetik sowie der Kulturgeschichte mehr als genug: Einerseits widmete sich Darwin in den 1820er- und 1830er-Jahren den Publikationen von Joshua Reynolds Discourses on Art und Edmund Burkes A Philosophical Enquiry into the Origin of our Ideas of the Sublime and Beautiful. Andererseits können darwinistische Standpunkte in den Schriften von Philosophen und Kunsttheoretikern wie etwa Hippolyte Taine, Alois Riegl, Gottfried Semper, Heinrich Wölfflin, Aby Warburg, George Santayana und Ernst H. Gombrich identifiziert werden. Schon aufgrund der Lektüre der Schriften des jeweils anderen Feldes ist ein genaues Eruieren des Interesses an den nicht eigenen Forschungsgebieten vollauf gerechtfertigt. Vergegenwärtigt man sich zudem, welche Signifikanz evolutionstheoretische Vorstellungen und die darwinschen Denkmodelle im 19. Jahrhundert generell besaßen, so stellt sich das Projekt der beiden Herausgeberinnen Barbara Larson und Sabine Flach geradezu als Desiderat heraus.

Konsequent, was leider für eng an Themen gebundene Sammelbänden nicht selbstverständlich ist, orientiert sich jeder Aufsatz an Kernbegriffen der darwinschen Theorien und stellt die Inhalte in Relation zur Ästhetik sowie zur Kulturgeschichte der Zeit vom 18. Jahrhundert bis heute. Einen Einstieg in die Thematik gewährt Barbara Larsons Beitrag über Darwins Beschäftigung mit den biologischen Implikationen des Terminus des Erhabenen in den Schriften von Edmund Burke. Laurence Shafe wirft hingegen die Frage auf, in welcher Weise sich Darwins biologisch-ästhetisches Konzept der sexuellen Auswahl in den Texten von John Ruskin und Grant Allen sowie im künstlerischen Œuvre u.a. von Frederic Leighton, Albert Moore und Aubrey Beardsley artikuliert. Eine vergleichbare Problemstellung behandelt Marsha Morton, indem sie Aligmente der darwinschen Theorien in der deutschsprachigen Kunst- und Wissenschaftstheorie untersucht. Geschickt wird Alois Riegls auf die Kunst bezogene Geschichts- und Entwicklungsauffassung und die Entwicklungsgeschichte Ernst Haeckels in ein kompetitives Verhältnis gerückt, an dessen Ende Marsha Morton, ebenso überraschend wie einleuchtend, eine Spiritualisierung von Kunst und Natur diagnostiziert. Larry Silver verfolgt mithin einen kunsthistorischen Ansatz, wenn er die im 16. Jahrhundert in Antwerpen aufkommende Landschafts- und Genremalerei als Resultat von kulturellen und implizit evolutionären Faktoren der Geografie und des Marktes begreift. Erkenntnistheoretische Perspektiven eröffnen sich mit der von Sigrid Weigel eruierten Frage nach den Methoden, in welcher Weise sich überhaupt Sinn in verschiedenen evolutionstheoretisch bedingten Referenzsystemen zu manifestieren vermag. Im Zentrum stehen Elemente der Kommunikation und die im Austausch gebrauchten Werkzeuge mit ihren Auswirkungen auf die Kultur als eine sich selbst erhaltende gesellschaftliche und soziale Einheit. Gleichsam bildwissenschaftlich ausgerichtet, untersucht Sabine Flach Verknüpfungen, die aus der von Aby Warburg aufgegriffenen darwinschen Wendung vom "Ausdruck der Gemütsbewegungen" für das Verständnis von Kultur und Wissenschaft sowie deren vielfältigen, visuell zutage tretenden Ausdrucksformen resultieren. Einen hoch aufschlussreichen Beitrag liefert außerdem Jan Söffner, indem er die in der Semiotik vorgenommene Herleitung des evolutionären Anpassungsverhaltens hinterfragt und stattdessen phänomenologische, d.h. sensorisch von der Umgebung abhängige Faktoren für die Eigenart und Qualität des Mimikry verantwortlich macht. Im Unterschied zu den historisch und wissenschaftstheoretisch fundierten Stoßrichtungen des Sammelbands fokussiert der Beitrag von Ellen K. Levy auf die Beurteilung der darwinschen "natürlichen Auslese" in der gegenwärtigen Kunstpraxis. Selber als Wissenschaftlerin und Künstlerin tätig, legt sie dar, in welcher Weise evolutionäres Denken mittels spezifischer Modelle in die aktuelle Kunstproduktion Eingang finden.

Wendet sich Fragestellung und Vorgehensweise der Publikation darwinistischen Erklärungsansätzen zu, so heißt das selbstredend nicht, dass sich generell jedes Wahrnehmen, Denken und Handeln evolutionstheoretisch motivieren ließe. Die in der Evolutionstheorie virulente Metapher des Stammbaums und die damit verbundene Vorstellung von hierarchisch determinierten Ordnungsebenen ist längst umfänglich hinterfragt und durch das Modell vielfach verflochtener Strukturen substituiert. [5] So liegt der unbestreitbare Verdienst des Buches darin, für verschiedene geisteswissenschaftliche Felder überaus relevante Fluchtlinien freigelegt zu haben, an denen insbesondere die interdisziplinäre Erforschung der Kunst und der Kultur des 18. und 19. Jahrhunderts nicht vorbeikommen kann.


Anmerkungen:

[1] Charles Darwin: Die Entstehung der Arten, hg. v. Paul Wrede / Saskia Wrede, Weinheim 2013, 13-393.

[2] Vgl. Karin Althaus: "Das Übrige lese man im Darwin nach." Die wissenschaftliche Sammlung, in: Gabriel von Max. Malerstar. Darwinist. Spiritist, hgg. v. Karin Althaus / Helmut Friedel, Ausst.-Kat. Städtische Galerie im Lenbachhaus und Kunstbau München, München 2010, 246-257.

[3] Winfried Menninghaus: Kunst als "Beförderung des Lebens". Perspektiven transzendentaler und evolutionärer Ästhetik, München 2008, 24-55.

[4] Winfried Menninghaus: Wozu Kunst? Ästhetik nach Darwin, Frankfurt a. M. 2011, 278.

[5] Gilles Deleuze / Félix Guattari: Rhizom, Berlin 1977, 8-13, 24-35.

Robin Rehm