Rezension über:

Hester Barron: The 1926 Miners' Lockout. Meanings of Community in the Durham Coalfield (= Oxford Historical Monographs), Oxford: Oxford University Press 2010, XV + 314 S., 7 s/w-Abb., ISBN 978-0-19-957504-6, GBP 83,00
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Rezension von:
Arne Hordt
SFB 923 "Bedrohte Ordnungen", Eberhard-Karls-Universität, Tübingen
Empfohlene Zitierweise:
Arne Hordt: Rezension von: Hester Barron: The 1926 Miners' Lockout. Meanings of Community in the Durham Coalfield, Oxford: Oxford University Press 2010, in: sehepunkte 14 (2014), Nr. 4 [15.04.2014], URL: http://www.sehepunkte.de
/2014/04/24244.html


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Hester Barron: The 1926 Miners' Lockout

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Großbritannien gehörte zwar zu den Siegermächten des Ersten Weltkriegs, dennoch war die britische Gesellschaft in den 1920er Jahren mit ähnlichen ökonomischen, politischen und kulturellen Spannungen konfrontiert wie das von Kriegsniederlage und Revolution erschütterte Deutsche Reich. Die Aussperrung bzw. der Streik britischer Bergarbeiter im Jahr 1926 belegt, dass Industriearbeiter auch im "Mutterland der Demokratie" nur prekär in die Gesellschaft integriert waren. Anfang 1926 arbeiteten knapp eine Million Männer in den britischen Zechen; die Aussperrung dauerte über sieben Monate und sie löste einen neuntägigen Generalstreik aller im Trades Union Congress organisierten Gewerkschaften aus. [1] Der Konflikt begann, weil die Zechenbesitzer nach der Rückkehr des Pfunds zum Goldstandard die Löhne senken und die Schichten verlängern wollten. Die Bergarbeitergewerkschaft weigerte sich aber, ihre Männer zu schlechteren Bedingungen als zuvor einfahren zu lassen. Sowohl die Währungspolitik als auch die Forderungen der Bergarbeiter nach staatlichen Hilfen waren direkte Folgen des Ersten Weltkriegs. Der Goldstandard sollte die durch den Krieg zerrütteten Staatsschulden konsolidieren, und die Bergarbeiter wollten von der staatlichen Zwangsbewirtschaftung der Zechen während des Krieges zu einer echten Vergesellschaftung kommen. [2]

Hester Barron setzt in ihrer Dissertation nun neue Maßstäbe für eine methodisch-reflektierte Untersuchung der Ereignisse. Sie konzentriert sich dabei auf die Grafschaft Durham, also dem südlich von Newcastle upon Tyne gelegenen Kohlerevier im Nordosten Englands. Als Zugang wählt Barron die Perspektive der regionalen community und stellt die Frage, wieso die Bergarbeiter gerade in Durham während der Aussperrung über einen verhältnismäßig langen Zeitraum solidarisch blieben. Dabei vermag sie dem Ansatz der community studies, der in der englischsprachigen Forschung seit den 1970er Jahren ausgereizt schien, tatsächlich überraschende und neue Aspekte abzugewinnen. Barron weist nämlich diejenigen Untersuchungen zurück, die Gemeinschaft als eine überhistorische Konstante, mithin eine Chiffre für Klassenbewusstsein auffassen, ohne das Konzept selbst völlig abzulehnen. Vielmehr zeichnet sie im empirischen Teil ihrer Arbeit nach, wie das Gemeinschaftsdenken der Bergleute von Durham erst im Konflikt des Jahres 1926 die Form erhalten konnte, die seit der Mitte des 20. Jahrhunderts Sozialwissenschaftlern und Historikern als objektive Gegebenheit entgegentrat. Dazu verknüpft sie Quellenzeugnisse ganz verschiedener Akteure - von Gewerkschaftern über konservative Kirchenvertreter bis hin zu Hausfrauen - überzeugend mit sozialgeschichtlichen Daten wie Statistiken zur regionalen Migration, zu Einkommensverhältnissen oder Wahlergebnissen.

Barron kann so nicht nur zeigen, wie die regionale Gemeinschaft konstruiert wurde und dass sie auf weiteren Voraussetzungen als der ausgeprägten wirtschaftlichen Monostruktur im Kohlerevier beruhte. Die Autorin belegt darüber hinaus, dass überlappende Identitäten wie Klasse und Nation nicht bloß nebeneinander existierten, sondern dass erst aus dem Zusammenwirken jener scheinbar konkurrierenden Identifikationsangebote die Basis für eine solidarische regionale Gemeinschaft entstehen konnte. Dieselben Bergarbeiter, die niemals daran gedacht hätten, den Streik zu brechen, organisierten mit größter Selbstverständlichkeit Aufmärsche der Royal British Legion zum Tag des Waffenstillstands. Die dabei gesammelten Spendengelder zahlten die Gewerkschafter und Veteranen wiederum umgehend in den Streikfonds ein, übrigens ohne dass lokale Würdenträger wie Dorfpfarrer, Polizisten oder Ladenbesitzer daran öffentlich Anstoß genommen hätten.

Neben den Faktoren des Zusammenhaltens der lokalen Gemeinschaft unter den Bedingungen der Aussperrung untersucht Barron auch die Potenziale für politischen Radikalismus unter den Bergleuten. Vorstellungen von einer aus der Sowjetunion gesteuerten kommunistischen Verschwörung hinter dem Streik bildeten nämlich einen festen Topos der zeitgenössischen Gegenpropaganda. Auch hier gelingt ihr eine eigenständige Interpretation im Kontext lokaler Gemeinschaft(en). Sie zeigt, dass Zuschreibungen wie militant oder communist von den Akteuren nicht primär als ideologische, sondern als gemeinschaftliche Vorstellungen aufgefasst wurden. Wenn ein Arbeiter von seinen Kollegen communist genannt wurde, bedeutete dies, dass er von Managern besonders nachdrücklich Rechte einforderte oder gegenüber etablierten Gewerkschaftsführern kritisch auftrat. Doch selbst nach 1926 weckte communist bei Bergleuten in Durham nicht aus politischen Gründen negative Assoziationen, sondern weil es gleichbedeutend mit arbeitsscheu verstanden wurde: "Them as wouldn't work, if they could" (137). Politische Zurückhaltung beruhte nach Barron also auf denselben, häufig missverstandenen Voraussetzungen wie Militanz, nämlich der keinesfalls konfliktfreien, aber auch relativ unideologischen Identifikation mit lokalen Solidargemeinschaften wie Betrieb, Gewerkschaft, Familie, Dorf und Kirche.

Zwei Punkte in der insgesamt beeindruckenden Studie können nicht ganz überzeugen. Einmal bleibt am Ende unklar, warum community, außer der forschungsgeschichtlichen Tradition im englischsprachigen Raum, weiterhin eine übergeordnete Denkfigur für die historische Analyse des Konflikts im Jahr 1926 bleibt, vor allem, weil Barron selber den Begriff anfangs gründlich dekonstruiert. Wäre es nicht folgerichtig gewesen, die im empirischen Teil der Arbeit schon gebrauchte Kategorie der Solidarität heranzuziehen? Diese Unklarheit führt dazu, dass Barrons Schlussfolgerungen am Ende des Buches zu unentschieden ausfallen.

Zweitens wirkt der Aufbau des Buches etwas unglücklich. Die ersten zwei empirischen Kapitel über "Klasse und Region" und "politische und gewerkschaftliche Treue" sind sowohl vom Umfang her als auch in der argumentativen Gewichtung den restlichen vier Kapiteln übergeordnet. Klasse, Nation und politischer Zugehörigkeit kommen im Rest des Buchs andere Qualitäten zu als den Analysekategorien der folgenden Kapitel: Geschlecht, Religion, Bildung und Erinnerungskultur. Doch Barrons Argumentation suggeriert an einigen Stellen, dass all diese Kategorien als gleichrangig betrachtet werden sollten. Sachlich trifft die Hierarchie der Analyseebenen ins Schwarze, doch hätte sich dies explizit in der Argumentation niederschlagen können und dann zu einem veränderten Aufbau der Studie führen müssen. Beide Kritikpunkte sollen nicht den Verdienst des Werkes schmälern, sondern eher auf Perspektiven hinweisen, die vielleicht erst durch Barrons Untersuchung zutage treten.

Kennern ist das Werk zu empfehlen, weil es die Geschichte eines bedeutenden und schon häufig erforschten sozialen Konflikts methodisch reflektiert und mit stichhaltigen Ergebnissen in kritischer Absicht beschreibt. Für Nichtexperten liefert das Buch einen verständlichen Einstieg in aktuelle Probleme der regionalen Industrie- und Arbeitergeschichte. Mehr noch, Barrons Dissertation erinnert an die zu Unrecht vergessene Forderung, industrielle Beziehungen nicht bloß als Spezialgebiet der Wirtschafts- oder Arbeitergeschichte zu behandeln, sondern immer als Teil einer allgemeinen Gesellschaftsgeschichte zu verstehen. [3]


Anmerkungen:

[1] Franz-Josef Brüggemeier: Geschichte Großbritanniens im 20. Jahrhundert, München 2010, 141-162.

[2] Barry Supple: The History of the British Coal Industry Volume 4. 1913-1946: The Political Economy of Decline, Oxford 1987, 238-267.

[3] Thomas Welskopp: Arbeit und Macht im Hüttenwerk. Arbeits- und industrielle Beziehungen in der deutschen und amerikanischen Eisen- und Stahlindustrie von den 1860er bis zu den 1930er Jahren, Bonn 1994, 19-25.

Arne Hordt