Rezension über:

Lloyd Llewellyn-Jones: King and Court in Ancient Persia. 559 to 331 BC (= Debats and Documents in Ancient History), Edinburgh: Edinburgh University Press 2013, XXX + 258 S., ISBN 978-0-7486-4125-3, GBP 85,00
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Rezension von:
Josef Wiesehöfer
Institut für Klassische Altertumskunde, Abteilung Alte Geschichte, Christian-Albrechts-Universität zu Kiel
Redaktionelle Betreuung:
Matthias Haake
Empfohlene Zitierweise:
Josef Wiesehöfer: Rezension von: Lloyd Llewellyn-Jones: King and Court in Ancient Persia. 559 to 331 BC, Edinburgh: Edinburgh University Press 2013, in: sehepunkte 14 (2014), Nr. 4 [15.04.2014], URL: http://www.sehepunkte.de
/2014/04/23004.html


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Lloyd Llewellyn-Jones: King and Court in Ancient Persia

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Der Autor, durch zahlreiche Arbeiten zu achaimenidischer Herrscherrepräsentation und Hofgesellschaft ausgewiesen, legt mit diesem Buch eine Überblicksdarstellung zu beiden Themenbereichen vor, die zugleich einen ausführlichen themenbezogenen Überlieferungsteil (in Übersetzung) enthält (149-228). Der Quellenteil orientiert sich dabei mit seinen Abschnitten A-E an den 5 Hauptkapiteln des Buches: 1) "The Great King and His Men" (12-41), 2) "Pomp and Circumstance: Monarchy on Display" (42-73), 3) "The Great King in His Empire: The Movable Court" (74-95), 4) "Harem: Royal Women and the Court" (96-122), 5) "The Pleasures and Perils of Court Life" (123-148). Der Abschnitt F des Quellenteils enthält eine knappe Auswahl von Zeugnissen der bildlichen Dokumentation. Eine Einleitung in das Thema und seine Probleme (3-11) geht der Darstellung voraus, Lektüreempfehlungen, eine ausführliche Bibliographie und ein Index beschließen den Band. Dem Buch ist anzumerken, dass es den ernsthaften Versuch betreibt, kritisch den neuesten Forschungsstand zu referieren und diesen Überblick mit eigenen Überlegungen (vor allem in den Teilen 4 und 5) anzureichern.

Mehrere Dinge fallen gleich ins Auge, wenn man das Buch zur Hand nimmt: a) der besondere Stellenwert der griechischen Überlieferung in Darstellung und Quellenteil - der an sich natürlich nichts darüber aussagt, wie kritisch der Autor mit diesen fremden, und z.T. äußerst klischeehaften Zeugnissen umgeht, bei denen Genrezugehörigkeit, Traditionszusammenhang, historische Hintergründe und Wirkabsichten der Autoren in besonderer Weise zu beachten sind; b) der Versuch eines komparatistischen Zugangs zum Thema, bei dem die Vorgängerreiche des so genannten Alten Orients ebenso eine Rolle spielen wie europäisches Mittelalter und europäische Frühe Neuzeit, in besonderer Weise aber auch spätere 'orientalische' Reiche des Nahen und Fernen Ostens (etwa das Osmanische Reich); c) die besondere Berücksichtigung von Fragen von Gender und Sex, Kleidung und Repräsentation, die bislang schon das besondere Interesse des Autors gefunden haben.

Jede dieser Schwerpunktsetzungen hat aber ihre Probleme oder Konsequenzen: Der ausführlich vorgestellten klassisch-westlichen Überlieferung gegenüber, deren Fallstricke vom Autor durchaus gesehen werden, treten die einheimischen schriftlichen (PFT, wenige Zeugnisse aus Ägypten und Baktrien bzw. Babylonien), vor allem aber die bildlich-archäologischen Zeugnisse deutlich zurück, und letztere konzentrieren sich in besonderer Weise auf Persepolis. Eine nähere Beschäftigung mit (Architektur und Bilderwelt der) anderen Residenzen (auch der nicht-königlichen), mit Münzbildern und Siegeln und der so genannten Provinzialkunst hätte das Quellenspektrum deutlich erweitern können (und müssen). Der komparatistische Zugang ist sehr zu begrüßen, doch werden die etwa in der Hof- und Residenzenforschung des europäischen Mittelalters und der Frühen Neuzeit angeschnittenen Fragen - nahezu zu jedem Aspekt gibt es inzwischen eigene Tagungsbände - nur z.T. aufgenommen oder erwähnt. [1] Der Blick auf spätere 'asiatische' Höfe ist nicht per se problematisch, verlangt aber, wie die Beschäftigung mit den griechischen schriftlichen Zeugnissen, ein ausführliche(re)s Eingehen auf Modelle, Zeitumstände, Überlieferungsfragen, damit das Gemeinsame, aber auch das Trennende zwischen diesen Höfen und dem Achaimenidenhof hervortritt, damit letztlich nicht der essentialistische Eindruck von typischen 'orientalischen' Höfen zurückbleibt (den der Autor ja auch nicht erwecken will). Schließlich: Der Rezensent gesteht, dass er zu denen gehört, die die Nutzung des Begriffs Harem als "the most appropriate term to use to describe the domestic make-up and the gender ideology of the Persian inner court" (102) aus inhaltlichen (er spiegelt die personalen Beziehungen innerhalb der persischen Hofgesellschaft nicht wieder) wie methodischen Gründen (Gefahr falscher Analogien und Konnotationen) ablehnen.

Zusammenfassend ist zu konstatieren: Das besprochene Buch bezeugt die Vertrautheit des Autors mit wichtigen Teilen der Überlieferung und der Forschungsliteratur ebenso wie seinen Versuch, sich historisch-quellenkritisch dem Thema "König und Hof(gesellschaft)" zu nähern und eigene Akzente in der Diskussion zu setzen. Von daher hat er ein nützliches Arbeitsinstrument für Studium und Forschung vorgelegt. Ausgeschöpft hat er die Möglichkeiten, die Zeugnisse und historische Forschung bieten, allerdings nur zum Teil.


Anmerkung:

[1] Vgl. Jan Hirschbiegel: Hof. Zur Überzeitlichkeit eines zeitgebundenen Phänomens, in: Der Achämenidenhof. The Achaemenid Court (Classica et Orientalia, 2), hg. von Bruno Jacobs / Robert Rollinger, Wiesbaden 2010, 13-37; Lisa Berek: Auswahlbibliographie von Neuerscheinungen zu Residenz und Hof 2006-2011 (ders.): http://resikom.adw-goettingen.gwdg.de/MRK/SH14.pdf

Josef Wiesehöfer