Rezension über:

Heribert Müller (Hg.): Das Ende des konziliaren Zeitalters (1440 - 1450). Versuch einer Bilanz (= Schriften des Historischen Kollegs; Kolloquien 86), München: Oldenbourg 2012, X + 352 S., ISBN 978-3-486-71421-0, EUR 69,80
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Rezension von:
Malte Prietzel
Historisches Institut, Universität Paderborn
Redaktionelle Betreuung:
Claudia Zey
Empfohlene Zitierweise:
Malte Prietzel: Rezension von: Heribert Müller (Hg.): Das Ende des konziliaren Zeitalters (1440 - 1450). Versuch einer Bilanz, München: Oldenbourg 2012, in: sehepunkte 14 (2014), Nr. 4 [15.04.2014], URL: http://www.sehepunkte.de
/2014/04/22563.html


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Heribert Müller (Hg.): Das Ende des konziliaren Zeitalters (1440 - 1450)

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Vor dreißig Jahren rückte in Deutschland Erich Meuthen das Basler Konzil in das verdiente Licht. Nun lenkt sein Schüler Heribert Müller, der die Erforschung dieser Kirchenversammlung wesentlich mitgestaltet hat, mit einem ertragreichen Tagungsband den Blick auf die stets vernachlässigte Schlussphase des Basiliense, jene zweite Hälfte seines Wirkens also, in der es nach durchaus ertragreichen Reformen sowie heftigen theologischen und politischen Angriffen auf das Papsttum einen stetigen Bedeutungsverlust registrieren musste, bis schließlich die letzten Konzilsväter 1449 auseinandergingen. Beabsichtigt ist keine quasi-monografische Abhandlung, sondern eine Auswahl verschiedener Blicke auf unterschiedliche Auswirkungen des Basiliense.

Zunächst umreißt Heribert Müller kenntnisreich und souverän die Entwicklung der Forschung in den letzten 100 Jahren (3-26). Danach stellt Claudia Märtl ein bislang unbekanntes Werk des hinlänglich bekannten Autors Martin Le Franc vor: den Dialog "Agreste Otium" von 1451, in dem ein Anhänger und ein Gegner des Basler Konzils über dessen Verdienste und Fehler streiten (29-55). Diese Schrift ist nicht zuletzt deswegen höchst interessant, weil der Verfasser selbst als langjähriger Sekretär des Konzilspapstes Felix V. auch über sein eigenes Verhalten Rechenschaft ablegt. Außerdem zeugt sein Werk vom Überleben humanistischer Bestrebungen in Frankreich zwischen einem ersten, kräftigen Aufleben am Beginn des 15. Jahrhunderts und ihrem endgültigen Durchbruch ab 1450.

Die Zeugenvernehmungen im Absetzungsprozess, den das Basler Konzil 1437-1439 gegen Eugen IV. führen ließ, untersucht Émilie Rosenblieh (59-81). Bezeichnenderweise befand sich kaum ein Prälat unter den Aussagenden, mehr noch: Je geringer die Stellung eines Zeugen in der Hierarchie, desto weniger hatte er zu verlieren und desto ausführlicher geriet seine Aussage. Wie dieser Beitrag, so beruht auch derjenige von Ursula Lehmann auf der Dissertation der Autorin. Lehmann zeigt anhand zweier methodisch reizvoller Beispiele (nämlich einer Altartafel von Konrad Witz und dem Schatz Felix' V.), wie wichtig Savoyen für den Konzilspapst war, der zuvor als Amadeus VIII. Graf von Savoyen gewesen war (83-101).

Jürgen Dendorfer formuliert in seinem Beitrag eine anregende These, die bei zukünftigen Forschungen gebührende Beachtung verdient. Ihm zufolge führt die bislang gängige Gegenüberstellung zwischen reformorientierten Konzilsvätern und einem Reformen blockierenden Papsttum in die Irre. Vielmehr habe auch Papst Eugen IV. am Beginn seines Pontifikats in Übereinstimmung mit der Mehrheit der Kardinäle Reformen in Angriff genommen, die sich an älteren, noch vom Konstanzer Konzil herrührenden Vorstellungen ausgerichtet hätten. Doch gerade der Konflikt mit dem Basler Konzil habe zusammen mit dem fast gleichzeitigen Verlust großer Teile des Kirchenstaats zu so massiven finanziellen und politischen Problemen geführt, dass dieser Kurs nicht hätte eingehalten werden können.

Auf der Grundlage eigener früherer Forschungen belegt Robert Gramsch anhand der Lebensläufe von 68 Klerikern, die in Erfurt studiert hatten und am Basler Konzil teilnahmen, dass der Umstand der Konzilsteilnahme allenfalls in Ausnahmefällen die Karriere behinderte (133-149).

Zwei Aufsätze widmen sich den Veränderungen, die im Denken und Wirken eines Konzilsvaters nach dem Ende des Basiliense festzustellen sind. Thomas Prügl untersucht die späten, das heißt zwischen 1449 und 1453 entstandenen Schriften des Johannes von Segovia auf ihre Aussagen zum Konziliarismus (153-174). Was die Art der Argumentation betrifft, konzentrierte sich Segovia jetzt stärker auf theologische als auf kirchenrechtliche Argumente. Inhaltlich tendierte seine Ekklesiologie nun dazu, den Papst als Monarchen zu sehen und ihm einen "kollegial gezähmten Primat" (161) zuzugestehen. Interessanterweise registriert Prügl in einigen Punkten eine Nähe zu hussitischen Gedanken.

Mit Jakob vom Paradies oder von Jüterbog, der sich vom Konziliaristen zum Mystiker wandelte, seinen Krakauer Lehrstuhl für Theologie aufgab und Karthäuser wurde, beschäftigt sich Thomas Wünsch (175-195). In drei Predigten aus den Jahren 1441 und 1442, in denen diese Wandlung begann, erweist sich der scheinbare biographische Bruch als Verschiebung der Akzente von einer Reform der Institution Kirche zu einer Reform des Individuums im Sinne der Devotio moderna.

Jürgen Miethke beschreibt ganz allgemein die Rolle der Universitäten auf dem Basiliense (197-234), von der Einladung über die Ernennung der Abgesandten bis zur Frage, inwieweit die Repräsentanten der Hochschulen Einfluss auf das Konzilsgeschehen nahmen.

Welche Rolle das Schicksal Jeanne d'Arcs in den Beziehungen zwischen dem Basiliense, dem Papst sowie dem König von Frankreich spielte, untersucht Philippe Contamine (235-252). Auf dem Konzil hätte die königliche Gesandtschaft die Rehabilitation der als Ketzerin Verurteilten ansprechen können, aber es geschah nicht, weil es für den König offensichtlich nicht opportun war. Schließlich erfolgte die Aufhebung des Urteils dank der guten Beziehungen zum Papst. Theologische Positionen wie Konziliarismus und Papalismus spielten bei alledem keine Rolle; es ging allein um politische Konjunkturen.

Den Lebensläufen jener Kardinäle, die ihre Ernennung den Herzögen von Burgund, Philipp dem Guten und Karl dem Kühnen, verdankten, widmet sich Werner Paravicini (253-294). Die Erhebungen spiegeln die kirchenpolitischen Konstellationen des Zeitalters. Honorierten die Päpste durch die Ernennung eines "burgundischen" Kardinals in den Jahren 1439 und 1448 zunächst die von Anfang an eindeutige Parteinahme des Herzogs gegen das Basler Konzil, so resultierten die späteren Kreationen von 1461, 1473 und 1480 daraus, dass der Papst dem Burgunder wie anderen Herrschern Kardinäle aus ihren Ländern zugestehen musste, die das Gewicht des jeweiligen Fürsten an der Kurie erhöhen sollten.

Joachim Stieber (297-313) beschreibt das Pontifikat Felix' V. - von den Erwägungen Herzog Amadeus' VIII. von Savoyen, sich dem Basiliense als Papst zur Verfügung zu stellen, bis zu seinem Rücktritt. Den "Kirchenfrieden" von 1449 hebt er als langfristig sehr wirksame Maßnahme hervor.

Abschließend bietet Johannes Helmrath (315-347) eine grandiose und anregende Mischung aus Zusammenfassung, eigenen Analysen und Ausblick, die mit einem Blick auf das Musterbild des Konzilskonvertiten endet, Enea Silvio Piccolomini, den Sekretär Felix' V., der es unter dem Namen Pius II. selbst zum Papst bringen sollte. Die Strategien der literarischen Selbstdeutung beim großen Humanisten müssten laut Helmrath jedoch neu untersucht werden - und Ansätze dazu liefert er mit.

Insgesamt revidiert dieser Band überzeugend das Bild, das - bisher - von der zweiten Hälfte des Basler Konzils gezeichnet wurde. Das "Ende des konziliaren Zeitalters" erscheint hier nicht nur als lamentabler Niedergang einer einst wirkungsmächtigen Idee, sondern auch als Durchbruch bereits angelegter Strukturen, als Neuorientierung der Kurie und vieler Konzilsväter, als Anlass zur Uminterpretation von Lebensläufen - kurz: als facettenreicher und prägender Teil der Kirchengeschichte.

Malte Prietzel