Rezension über:

James D. Ryan (ed.): The Spiritual Expansion of Medieval Latin Christendom. The Asian Missions (= The Expansion of Latin Europe, 1000-1500; Vol. 11), Aldershot: Ashgate 2013, XLV + 367 S., ISBN 978-0-7546-5957-0, GBP 110,00
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Rezension von:
Juliane Schiel
Historisches Seminar, Universität Zürich
Redaktionelle Betreuung:
Ralf Lützelschwab
Empfohlene Zitierweise:
Juliane Schiel: Rezension von: James D. Ryan (ed.): The Spiritual Expansion of Medieval Latin Christendom. The Asian Missions, Aldershot: Ashgate 2013, in: sehepunkte 14 (2014), Nr. 3 [15.03.2014], URL: http://www.sehepunkte.de
/2014/03/24218.html


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James D. Ryan (ed.): The Spiritual Expansion of Medieval Latin Christendom

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Anliegen der Ashgate Publikationsreihe "Variorum Collected Series" ist es bekanntermaßen, Schlüsseltexte bzw. entlegen publizierte Aufsätze ausgewiesener Fachleute zu einem bestimmten Thema in einer Sammelpublikation zusammenzuführen und neu aufzulegen. In diesem Zusammenhang wurde kürzlich eine neue Reihe begründet, welche - der neuzeitlichen Serie "An Expanding World" folgend - die mittelalterlichen Grundlagen der europäischen Expansion beleuchten soll. Insgesamt zehn Bände der von James Muldoon und Felipe Fernández-Armesto geleiteten Aufsatzreihe "The Expansion of Latin Europe, 1000-1500" sind seit 2008 bereits erschienen, weitere sind in Vorbereitung.

Einer dieser jüngst publizierten Bände widmet sich nun der religiösen Expansion Europas seit den Kreuzzügen und den mongolischen Eroberungen. Der Bandherausgeber James D. Ryan versammelt hier Forschungsbeiträge aller großen Namen des angloamerikanischen und romanischen Sprachraums für die Kreuzzugs- und Missionsgeschichte des mittelalterlichen Europas. So dürfen Jean Flori und Bernard Hamilton ebenso wenig fehlen wie Peter Jackson und Jean Richard. Auch Pioniere wie Mary Dienes, Eileen Power und Arthur C. Moule, die sich schon seit den 1920er-Jahren um das Thema verdient gemacht hatten, finden in dieser Textsammlung ihren Platz. Jüngere Nachwuchskräfte oder Expertinnen und Experten des slawischen bzw. asiatischen Sprachraums hingegen fehlen vollständig. Stattdessen wurden lediglich drei ursprünglich auf Französisch erschienene Aufsätze für die Publikation ins Englische übersetzt. Es macht deshalb den Eindruck, als ginge es hier - ähnlich wie bei den in den "Variorum Collected Series" herausgegebenen Quellensammlungen [1] - in erster Linie um eine Dienstleistung für die akademische Lehre an den Universitäten des angloamerikanischen Sprachraums. Der Band kann als "textbook" oder "reader" Bachelor-Studierenden einen schnellen Einstieg ins Thema bieten und erspart Lehrenden und Lernenden den ersten Schritt der Literaturrecherche.

Der Fokus liegt dabei eindeutig auf den beiden großen Bettelorden als wichtigsten Akteuren der religiösen Expansion Europas im Spätmittelalter. Neben den Dokumenten der Kurie und der Kreuzzugschronisten und vereinzelten Zeugnissen lateinischer Händler oder Vertreter der Ostkirchen sind es vor allem die schriftlichen Hinterlassenschaften der dominikanischen und franziskanischen Gesandten und Missionare, die über die Verbreitung des römischen Ritus und der lateinischen Kultur bis nach China und Indien Aufschluss geben. Dabei folgt der Band dem klassischen Dreischritt der Geschichte der Mendikanten im Orient. In der späteren Kreuzzugszeit entstanden, entwickelten die Bettelorden ihren Missionsgedanken zunächst als komplementäre, flankierende Maßnahme zum militärischen Vorgehen gegen "Ungläubige" und "Heiden" im Osten ("Part I: The Crusades and the Mission"). Mit dem überraschenden Auftauchen der Mongolen begann sodann eine Phase der Entdeckung, in welcher die Mendikanten als Diplomaten weltlicher und kirchlicher Würdenträger die religiöse und politische Topographie Asiens neu erkundeten ("Part II: Discovering Asia"), bis im letzten Drittel des 14. und im ersten Drittel des 15. Jahrhunderts eine der wohl spannendsten Phasen mittelalterlicher Missionsgeschichte folgte ("Part III: The Mission within the Mongol Empire").

Es ist anzunehmen, dass ein solcher Band (wie auch die neue Reihe insgesamt) im modularisierten Lehrplan der Universitäten freudige Abnehmer findet. Das Thema des überregionalen Kulturkontakts und transregionaler Verflechtungsprozesse ist wahrscheinlich das erfolgreichste Kind des "cultural turn" auf dem Gebiet der westlichen Mittelalterforschung. Die klassischen Studiengänge und Curricula der europazentrierten Mediävistik werden allenthalben ergänzt durch Programme für transkulturelle Forschung und Lehre. Traditionelle mediävistische Kompetenzen werden zunehmend in Kombination mit einer "area-based" Disziplin wie "Mediterranean", "Middle Eastern", "South Asian" oder "African Studies" studiert.

Doch gerade weil die Nachfrage nach Unterrichtsmaterial für Verflechtungsforschung so groß ist (und weiter steigt), hätte die Konzeption des Bandes (wie auch der Reihe insgesamt) gerne ambitionierter ausfallen dürfen. Anstatt die gesammelten Aufsätze in der Einleitung lediglich im Sinne einer einführenden Überblicksdarstellung zusammenzuführen, hätte der Herausgeber besser die wichtigsten Trends der Forschung zu diesem Thema in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft aufgewiesen. Anstelle einer chronologischen Nacherzählung der wichtigsten Stationen mendikantischen Wirkens in Asien, die dem eiligen Leser die Lektüre der nachstehenden, älteren Einzelstudien teilweise sogar ersparen kann, hätte interessiert, mit welchen Fragen und Herangehensweisen die heutige Forschung an die in diesem Band versammelten bestehenden Erkenntnisse anknüpfen soll. Auch hätte man angesichts der Tatsache, dass das mittelalterliche Jahrtausend heute immer häufiger nicht nur als europäische Epoche studiert wird, eine andere Textauswahl erwarten dürfen. Anstatt neben drei aus dem Französischen übersetzten Artikeln nur englischsprachige Beiträge in den Band aufzunehmen, hätten gerade die weiterhin nur schwer zugänglichen Forschungsergebnisse aus dem slawischen und asiatischen Sprachraum interessiert. So hätten neben oder anstelle des englischsprachigen Aufsatzes von Francis J. Rouleau zu einem spektakulären Grabsteinfund in China besser zwei wichtige chinesische Publikationen zum Thema übersetzt werden sollen (xxxiii). Der online gut greifbare Aufsatz von Paul Meyvaert zu einem in den 1970er-Jahren entdeckten Brief des Ilkhans Hülegü hätte für den erneuten Abdruck in der Ashgate Reihe und den Einsatz des Textes in der akademischen Lehre durch eine Übersetzung der lateinischen Transkription ergänzt werden können. Sicherlich hätte auch ein Blick in die ungarischen Beiträge von Erik Fügedi, die russischen Veröffentlichungen von Sergej Karpov oder die Aufsätze anderer anerkannter, aus nicht-westlichen Forschungstraditionen stammender Spezialisten gelohnt. So aber bietet der Band nicht viel mehr als eine Momentaufnahme westlicher Klassiker zu einem populär gewordenen Forschungsthema, deren Zusammenschau aber eigentlich schon zum Zeitpunkt ihres Erscheinens veraltet ist. Schade!


Anmerkung:

[1] Vgl. z. B. die ebenfalls bei Ashgate erschienene mehrbändige Reihe "Crusade Texts in Translation", ed. by Malcolm Barber, Peter Edbury, Bernard Hamilton, Norman Housley, Peter Jackson.

Juliane Schiel