Rezension über:

Robert E. Jones: Bread upon the Waters. The St. Petersburg Grain Trade and the Russian Economy, 1703-1811 (= Pitt Series in Russian and East European Studies), Pittsburgh, Pa.: University of Pittsburgh Press 2013, XIV + 298 S., ISBN 978-0-8229-4428-7, GBP 45,00
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Rezension von:
Tilman Plath
Ernst-Moritz-Arndt-Universit├Ąt, Greifswald
Redaktionelle Betreuung:
Sebastian Becker
Empfohlene Zitierweise:
Tilman Plath: Rezension von: Robert E. Jones: Bread upon the Waters. The St. Petersburg Grain Trade and the Russian Economy, 1703-1811, Pittsburgh, Pa.: University of Pittsburgh Press 2013, in: sehepunkte 14 (2014), Nr. 2 [15.02.2014], URL: http://www.sehepunkte.de
/2014/02/24345.html


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Robert E. Jones: Bread upon the Waters

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St. Petersburg als Symbol der Veränderung Russlands im 18. Jahrhundert ist bereits häufig und facettenreich untersucht und beschrieben worden. Dabei wurde und wird immer wieder auch darauf hingewiesen, in welch unwirtlicher Umgebung diese Stadt gegründet wurde und welche Herausforderungen daraus für die Ernährung der schnell wachsenden Bevölkerung resultierten. Bisher kaum erforscht ist allerdings, auf welche Weise man dieser Problematik begegnete. Dieser Frage geht Robert E. Jones in dem hier anzuzeigenden Band nach. Zwar gibt es zahlreiche Untersuchungen zum Ausbau des innerrussischen Kanalsystems - hauptsächlich von Istomina [1] - doch steht dort meist nur der Bereich des Handels im Vordergrund. Die vorliegende Studie fragt hingegen nach dem Gesamtsystem der Ernährungsproblematik, vom Getreideanbau in den südlichen Gebieten des Russischen Reiches bis hin zur Nachfrage in der nördlichen Hauptstadt selbst.

Gleich vorweg sei gesagt, dass die Arbeit in einigen Punkten als außerordentlich gelungen bezeichnet werden kann. Hervorzuheben ist zunächst einmal der sehr angenehme sprachliche Stil des Autors. Jones erzählt und argumentiert sehr flüssig und gut verständlich und es gelingt ihm meisterhaft, die zum Teil recht trockenen Zahlen und Fakten, die er minutiös zusammengetragen hat, in eine glatte und ausgewogene Erzählung zu gießen. Seine Darstellung basiert auf Materialien aus allen einschlägigen Archiven Russlands und ist sehr quellengesättigt. Auch die internationale Sekundärliteratur berücksichtigt er angemessen. Zur guten Lesbarkeit der Studie trägt nicht zuletzt der überzeugende Aufbau des Buches bei.

Jones blickt zunächst auf die Nachfrage nach Getreide in der Hauptstadt St. Petersburg. Überzeugend schildert er die Beweggründe Peters I. für die Gründung der Stadt, wobei er besonders deren handelspolitische Motive hervorhebt. In diesem Zusammenhang rückt Jones die Bedeutung des Ausbaus des Kanalsystems in den Vordergrund, welches St. Petersburg zum wichtigsten Hafen Russlands machte, weil es sein Hinterland gegenüber den vermeintlichen Konkurrenzhäfen Riga und Archangelsk deutlich vergrößerte. Jones Darstellung wird von einem außerordentlich gelungenen Kartenmaterial begleitet, das die inneren Handelswege des russischen Reiches sehr gut nachvollziehbar vor Augen führt. Im Anschluss geht er auf die Infrastruktur des Getreidehandels in der Stadt und die staatliche Rolle bei der Kontrolle der Getreidepreise ein.

Mit einem nicht ganz überzeugenden erzählerischen Bruch in der Darstellung springt Jones etwas unverhofft von der Nachfragesituation in St. Petersburg zu den Produktionsgebieten im Süden Russlands. Dessen ungeachtet stellt er hier eines seiner überzeugendsten Ergebnisse dar. Im Kapitel über die Herkunftsregionen des in St. Petersburg gehandelten Getreides kommt Jones zu dem Schluss, dass es im 18. Jahrhundert entgegen der sowjetischen Lehrmeinung noch keinen gesamtrussischen Markt gegeben habe. Stattdessen hing die Produktion von Getreide ganz wesentlich von der Möglichkeit ab, dieses auch zu guten Preisen verkaufen zu können. Die aber hatten nur Gebiete mit Zugang zu den innerrussischen Wasserwegen. Weiter südlich gelegene fruchtbare Anbaugebiete wurden dagegen erst zum Ende des 18. Jahrhunderts erschlossen, als sich neue Handelswege und Absatzmärkte in Richtung des Schwarzen Meeres auftaten.

Als wichtigstes Argument für den Beleg dieser These dient die Analyse der Getreidepreise, die Jones sehr genau und auf breiter Quellenbasis in den Blick nimmt. Überzeugend ist auch seine Analyse der wirtschaftlichen Verhältnisse in den Anbaugebieten, für die er nicht nur die Getreidepreise, sondern auch die finanzielle Situation der Gutsherren und der Bauern im System der Getreideproduktion untersucht. Sehr differenziert sind seine Beobachtungen zu den komplizierten Auswirkungen des Getreidehandels auf das Verhältnis von Obrok und Barščina im 18. Jahrhundert.

Nach den Kapiteln zur Nachfragesituation in St. Petersburg und den Kapiteln zur Situation in den südlichen Anbaugebieten folgt ein Blick auf die verschiedenen Handelswege von Süden nach Norden. Durch die genaue Beschreibung der verschiedenen Schiffstypen und anderer Details stehen auch hier die finanziellen Aspekten dieses Prozesses im Vordergrund. Weil Kaufmannsbücher nicht flächendeckend überliefert sind, beschränkt sich Jones auf exemplarische Fälle. Dennoch gelingt es ihm auch hier, die Rentabilität des sehr langen Handelsweges mit all seinen Schwierigkeiten und Gefahren detailliert wiederzugeben und die Ergebnisse - ausgehend vom Einzelfall - überzeugend zu verallgemeinern. Immer wieder beschäftigt ihn das Thema des Verhältnisses von staatlicher Einmischung und der Eigeninitiative einzelner Kaufleute und Individuen, etwa wenn er die verschiedenen staatlichen Projekte zur Verbesserung der Fluss-, Kanal- und Schleusensysteme diskutiert. So entsteht ein sehr plastisches Bild des komplexen Systems des Getreidehandels auf Makro- und Mikroebene. Ein Nachteil dieser Darstellungsform besteht gleichwohl darin, dass auf diese Weise dynamische und chronologische Prozesse nicht immer die ihnen zustehende Beachtung finden. Das wird vielleicht am deutlichsten an Jones Entscheidung für das Jahr 1811 als Ende des Untersuchungszeitraums sichtbar. Während der Ausgangpunkt der Untersuchung durch die Gründung St. Petersburgs nicht zur Diskussion steht, hätten sich für ihren Abschluss gleich drei mögliche - in der Studie auch genannte - Endpunkte angeboten. Zu nennen ist zum einen der Beginn des Getreidehandels auf dem Schwarzen Meer nach der Gründung Odessas, zum Zweiten der Krieg mit Napoleon und zum Dritten die Etablierung der Eisenbahn. Während das erste und das dritte Ereignis für den Getreidehandel wirklich gravierende strukturelle Folgen hatten, war der Krieg gegen Napoleon in dieser Hinsicht nur von einem neuen Kanalbau begleitet. Jones Entscheidung kann aus Sicht des Rezensenten hier also nicht in Gänze überzeugen. Die gelungene Darstellung stört das freilich kaum, da die Überlegungen des Autors durchaus auch über 1811 hinaus gehen.

Zusammengefasst geht es Jones zunächst darum zu betonen, dass entgegen den Darstellungen Richard Pipes [2] der Getreidehandel in Russland im 18. Jahrhundert als Beispiel dafür zu sehen ist, dass das Land keinesfalls einen großen Entwicklungsrückstand gegenüber Westeuropa zu verzeichnen gehabt habe. Im Gegenteil, trotz einiger Schwierigkeiten, etwa bei den vergeblichen Versuchen funktionstüchtige Banken zu gründen, sei das Gesamtsystem des Getreidehandels hinreichend komplex und ausgewogen gewesen, sodass anders als 1917 eine Versorgungskrise in St. Petersburg verhindert werden konnte. Der Erfolg des Systems sei in erster Linie darauf zurückzuführen, dass es vielfältige Möglichkeiten für individuelle Initiativen von Kaufleuten, Gutsherren und sogar Bauern bot. Dies gelte trotz der von Jones ausführlich diskutierten Position der staatlichen Führung, welche durch ihr Eingreifen versucht habe, Hungersnöte zu verhindern. Diese Maßnahmen, wie beispielsweise die Exportverbote für Getreide, seien mitunter jedoch eher kontraproduktiv gewesen.

Jones' These einer vermeintlichen Fortschrittlichkeit des Systems kann man sicher diskutieren. An dieser Stelle soll jedoch ein anderer Aspekt angesprochen werden, der durchaus diskussionswürdig ist. Jones selbst gibt im Vorwort zu, dass sein Buch altmodisch sei, er die vielfältigen "turns" der jüngeren Geschichtswissenschaft zwar wahrgenommen, aber nicht in seinem Buch verarbeitet habe. Und tatsächlich ist seine Arbeit in mancher Hinsicht etwas einseitig und bricht seine Darstellung an mancher Stelle einfach ab, wenn es um Sozial-, Kultur- oder Geschlechtergeschichte gehen könnte. Wenn Jones nur beiläufig schildert, dass auf der letzten Flussstrecke auf der Neva vor St. Petersburg sich den Kaufleuten ein reichhaltiges Unterhaltungsprogramm bot, so bleibt es dem Leser überlassen, sich unter Unterhaltungsprogramm für eine reine Männergesellschaft nach monatelanger Reise etwas vorzustellen. Überhaupt kommt in dem gesamten Buch außer den Herrscherinnen kaum eine Frau vor. Abgesehen von diesem traditionellen Blick auf das System des in St. Petersburger bzw. russischen Getreidehandels ist es das große Verdienst dieses Buches, dessen System auf beeindruckender Quellengrundlage stimmig und plastisch darzustellen. Am Ende bleiben aber dennoch leise Zweifel daran, ob selbiges wirklich ausschließlich von rational kalkulierenden Männern nach rein numerischen Wirtschaftsprinzipien gesteuert wurde.


Anmerkungen:

[1] Istomina, E.G.: Vodnye puti Rosii vo vtoroi polovine XVIII-načale XIX veka, Moskva 1982; Istomina, E.G.: Vodnyi transport Rossii v doreformannyi period, Moskva 1954.

[2] Pipes, R.: Russia under the Old Regime, London 1974; Pipes, R.: Property and Freedom, New York 2000.

Tilman Plath