Rezension über:

Dimitri Nakassis: Individuals and society in Mycenaean Pylos (= Mnemosyne. Supplements - History and Archeology of Classical Antiquity; Vol. 358), Leiden / Boston: Brill 2013, XVIII + 450 S., 18 s/-Abb., 42 Tabellen, ISBN 978-90-04-24451-1, EUR 123,00
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Rezension von:
Marko Müller
Institut für Geschichtswissenschaft, Universität Bremen
Redaktionelle Betreuung:
Tassilo Schmitt
Empfohlene Zitierweise:
Marko Müller: Rezension von: Dimitri Nakassis: Individuals and society in Mycenaean Pylos, Leiden / Boston: Brill 2013, in: sehepunkte 14 (2014), Nr. 2 [15.02.2014], URL: http://www.sehepunkte.de
/2014/02/23817.html


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Dimitri Nakassis: Individuals and society in Mycenaean Pylos

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Die zu besprechende Studie basiert auf der PhD Thesis "The Individual and the Mycenaean State: Agency and Prosopography in the Linear B Texts from Pylos", die im Jahr 2006 am Department of Classics der University of Texas vorgelegt wurde. Nakassis führt aus, er habe neue Methoden entwickelt, prosopographisch Identitäten festzustellen (4). So werde "a large amount of evidence, unconsidered hitherto, about Mycenaean society" (4f.) zugänglich gemacht.

Nakassis beginnt nach einem Forschungsüberblick mit Überlegungen zur Bedeutung von Rollen und Individuen in der pylischen Gesellschaft (Kapitel 1: 1-27). Er stellt anschließend die Quellen, das methodische Problem möglicher Homonymien und die von ihm verwendete Methode vor (Kapitel 2: 29-72). In seinem dritten Kapitel (73-116) untersucht Nakassis die Personennamen in den Subserien Jn und Cn danach, ob jeweils dieselben Personen genannt seien. Das Kapitel 4 (117-151) stellt eine Ausweitung dieser Untersuchung auf die anderen Subserien dar. In Kapitel 5 (153-186) diskutiert Nakassis seine Ergebnisse und trifft Aussagen zur pylischen, d.h. mykenischen(!) Gesellschaft insgesamt. [1] Seine Monographie wird von einem umfangreichen prosopographischen Anhang (187-414), der Bibliographie und Indices abgeschlossen.

Methodisch (46-48) knüpft Nakassis an ältere Ansätze [2] an und sucht systematisch nach sachlichen (bspw. Titel) und kontextuellen Anzeichen (z.B. "clusters" (49)) für prosopographische Identifikationen. Sein Anliegen ist zu begrüßen, da das bisherige Standardwerk zur pylischen Prosopographie veraltet ist (23 Anm. 113 und 69f. Anm. 113). In der konkreten Umsetzung sind methodische und formale Bedenken vorzutragen.

Die Kritik am Vorgehen lässt sich am besten an seinem Beispiel erläutern (50-59). Nakassis nimmt zunächst an, ko-ma-we (PY An 519.10) und pa-ku-ro2 (PY Aq 218.10) seien Brüder, da beide das Patronymikon de-wi-jo führten. Diese Deutung werde durch PY Jn 750.8f. bestätigt, da beide dort in aufeinander folgenden Zeilen genannt seien und die Reihenfolge der Namen in der Subserie Jn bedeutungsvoll sei (54) [3]; Nakassis erwähnt dann aber lediglich, dass beide in PY Jn 750 durch den Namen ka-ke-u getrennt seien, die unmittelbare Reihenfolge somit unterbrochen sei, übergeht aber mögliche Implikationen. Nakassis kommt dann zur Nennung von ko-ma-we in der Subserie PY Cn (925.1), die Texte mit Hirten enthält. Hier sei die Identifikation durch den Kontext möglich: Wie ko-ma-we sei ein weiterer Name aus PY Cn 925 in der Subserie Jn (Texte mit Schmieden) belegt. Es sei "striking", dass 2 von 3 gegenüber den zu erwartenden 30% der Namen in PY Cn 925 auch in der Subserie Jn belegt seien (57). Dieser Befund ist aber bei einer derart kleinen Gesamtmenge nicht aussagekräftig! Ferner sei auffällig, dass von 11 Namen von Hirten (in Cn) 5 als Schmiede (in Jn) genannt seien. Nicht jedoch dies, sondern erst, dass diese 5 Namen unter den 7 "recurring names" (was für Nakassis "recurring" bedeutet, erläutert er leider nicht: s.u.) einen großen Anteil ausmachten, betont Nakassis (58). Neben dem Einwand der kleinen Gesamtmenge muss hier kritisiert werden, dass er nicht die 11, sondern die 7 Namen zugrunde legt. Schließlich sei auffällig, dass Schmiede auch unter allen Namen der Subserie Cn überrepräsentiert seien (58), da 30 Namen sowohl in der Subserie Cn als auch in der Subserie Jn erwähnt seien, während lediglich 14-20 zu erwarten seien. Diese Erwartung begründet er mit drei Berechnungen, deren Fehler es ist, nicht auf 156 (Hirten) bzw. 225 (Schmiede) sichere und vollständige Namen bezogen zu sein. Stattdessen zieht Nakassis wie zuvor die weit kleinere Zahl der "recurring names" heran. Bei Berücksichtigung aller sicheren und vollständigen Namen wären aber 50,14 Schmiede zu erwarten, die gleichzeitig Hirten (vice versa) sind. Die Schmiede sind unter den Hirten somit nicht über-, sondern - contra Nakassis - deutlich unterrepräsentiert (signifikanter Chi-Quadrat-Test mit einer standardisierten Abweichung von 15,34, wobei das Problem der Mehrfachbelegung von Namen bestehen bleibt)! Eine Person, die gleichzeitig Schmied und Hirte ist, ist damit etwas Besonderes. Die weiteren Ausführungen zu ko-ma-we kranken an diesem Fehler oder der unplausiblen Annahme, es sei von vornherein zu erwarten, dass Angehörige einer Küstenwache nicht an ihrem Herkunftsort eingesetzt würden (58f.). Viele der weiteren Überlegungen von Nakassis gehen von dem Zusammenhang von Hirten und Schmieden oder einem gleichartig ermittelten aus. [4] Seine auf Gruppen - von der aller Schmiede bis zur Gesellschaft insgesamt - bezogenen Aussagen basieren deshalb zu oft auf unzureichender Grundlage. [5]

Die Kritik an der Form ergibt sich aus zu vielen Unstimmigkeiten oder Unklarheiten [6]: Mehrere Werte in den grundlegenden Tabellen 2.2 (34) und 5.1 (154) konnten anhand der Daten in 188-414 nicht rekonstruiert werden. Einige Werte werden unterschiedlich angegeben (61 (58) oder 64 (103) "recurring names" von Hirten? 231 oder 238 Namen in mehr als einem Text, 183 oder 196 Namen in mehr als einer Serie (153f)? 199 (73) oder 197 (103) Namen in der Subserie Cn?). Obwohl Nakassis die Wörter ]-ta-ḳị-jo (378), ụ[ ]i-jo (395) und wa-[ ]re-u (396) sicher für Personennamen hält, sei 0 die jeweils wahrscheinliche Anzahl von Individuen.

Nakassis unterscheidet leider nicht zwischen Serien und Subserien (mindestens in 26 Anm. 118 meint er Subserien). Da er Personen als herausgehoben ansieht, die in mehr als zwei "tablet series" (26) aufträten, wäre hier Präzision wichtig. Es ist somit nicht klar, wie er Personen berücksichtigt, die beispielsweise in den im Grunde identische Angaben liefernden Subserien Eb und Ep oder En und Eo genannt werden (und somit auch unklar, wie Nakassis "recurring" definiert). Ferner ist nicht klar, wie er die Subserien Xa und Xn berücksichtigt: Beispielsweise könnte tu-ni-jo (392) ursprünglich nur in Tafeln der zur Serie C gehörenden Subserien genannt sein. Aufgrund der unklaren Validität von Zahlen in derart vielen Fällen besteht bei allen Zahlen eine gewisse Unsicherheit. Da Nakassis aber oft mit Anteilen und Verhältnissen rechnet, stehen und fallen damit auch viele seiner Aussagen.

Der Index umfasst uneinheitlich Transliteration (z.B. ko-to-no-o-ko), Transkription (z.B. hekwetās) oder Übersetzung (z.B. smith), wobei bspw. do-e-ra / do-e-ro mit Verweis auf servant fehlen. Im Index stehen die Lemmata Archives Complex, e-qe-ta, erasure, error, pa-ra-jo und scribal hands alphabetisch falsch. Der Nachweis von Anmerkungen im Index ist oft schwer lesbar, da in der verwendeten Schriftart "11" und "n" fast gleich aussehen. Dies gilt v.a. für den Eintrag zu wo-ka (446: "wo-ka, 110-111n113").

Das Werk ist im Allgemeinen ansprechend gestaltet und weist eine umfangreiche Bibliographie auf. Die guten Photos von einigen wichtigen Linear B-Tafeln steigern die Vorfreude auf den 4. Band des 'Palace of Nestor' noch weiter. Trotz aller Kritik ist die Studie in vielen Einzelbeobachtungen sehr wertvoll. Ohne ihren prosopographischen Anhang wird künftig keine Untersuchung mehr auskommen, die sich Personen aus Pylos widmet.


Anmerkungen:

[1] Vgl. v.a. 153. Diese von Nakassis nicht diskutierte Gleichsetzung überrascht, da er zu Beginn eher auf die Unterschiede zwischen den Zentren hingewiesen hatte (5 Anm. 27).

[2] Vgl. ganz ähnlich bereits M. Lejeune: Les forgerons de Pylos, in: Historia 10 (1961), 409-434, hier 426.

[3] Mit Verweis auf J. S. Smith: The Pylos Jn Series, in: Minos 27/28 (1992/1993), 167-259, hier 189 und 194. Leider beachtet Nakassis die Ergebnisse von Smith nicht systematisch: So ist relevant, zu welchen Gruppen von Smith die einzelnen Tafeln gehören (z.B. 92). Ferner ist bezüglich wa-na-ta-jo und a-da-ma-o (62) neben der identischen Reihenfolge auch der Ortswechsel in den 7 Zeilen zwischen der Erwähnung beider bedeutsam.

[4] Z.B. 68, 70, 73, 80f., 86f., 100, 103, 111, 114, 125f. und 229. Im prosopographischen Anhang wird auf die Übereinstimmungen der Subserien Cn und Jn oft durch den bloßen Hinweis auf Kapitel 3.1.2 verwiesen.

[5] Dies betrifft v.a. Kapitel 5, dessen nähere Prüfung hier deshalb unterbleibt. Unabhängig davon sind einzelne Identifikationen zu unsicher.

[6] Der Versuch des Rezensenten, diese Unklarheiten durch einen Vergleich mit der Arbeit von H. Landenius Enegren: The People of Knossos. Prosopographical Studies in the Knossos Linear B Archives, Uppsala 2008 zu beseitigen, scheiterte leider, da dort in manchem ähnliche Unklarheiten vorzuliegen scheinen: Offensichtliches Beispiel ist der Schreiber 109, der nach Tabelle 1 (26) mehrere Namen, nach dem Anhang (97-190) aber lediglich den Namen e-ra-wo (119) geschrieben habe.

Marko Müller