Rezension über:

Corina Bastian: Verhandeln in Briefen. Frauen in der höfischen Diplomatie des frühen 18. Jahrhunderts (= EXTERNA. Geschichte der Außenbeziehungen in neuen Perspektiven; Bd. 4), Köln / Weimar / Wien: Böhlau 2013, 497 S., ISBN 978-3-412-21042-7, EUR 64,90
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Rezension von:
Britta Kägler
Ludwig-Maximilians-Universität, München
Redaktionelle Betreuung:
Sebastian Becker
Empfohlene Zitierweise:
Britta Kägler: Rezension von: Corina Bastian: Verhandeln in Briefen. Frauen in der höfischen Diplomatie des frühen 18. Jahrhunderts, Köln / Weimar / Wien: Böhlau 2013, in: sehepunkte 14 (2014), Nr. 2 [15.02.2014], URL: http://www.sehepunkte.de
/2014/02/23136.html


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Corina Bastian: Verhandeln in Briefen

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Françoise d'Aubigné (1635-1719), als Madame de Maintenon morganatische Ehefrau Ludwigs XIV., und die als Princesse des Ursins bekannte Marie-Anne de la Trémoille (1642-1722) sind die Protagonistinnen der Dissertation von Corina Bastian. Über ein Jahrzehnt schrieben sich die beiden Frauen fast wöchentlich. Überliefert ist heute noch ein Kopierbuch im Fonds Gualterio in der British Library in London, auf das sich die vorliegende Studie hauptsächlich stützt. Herangezogen wurde außerdem die Auswahledition von Marcel Loyau zum Jahr 1709 sowie im Vergleich auch die ältere Bossange-Edition (veröffentlicht 1826), die Bastian aber in Übereinstimmung mit anderen Forschungsmeinungen als zu ungenau beurteilt. Insgesamt geht man allein für den Zeitraum von 1700 bis 1715 von etwa 1.000 publizierten und etwa doppelt so vielen nicht publizierten Briefen der Madame de Maintenon aus. Dabei hatte sie 1713/14 sogar einen Großteil ihrer Korrespondenz vernichtet und auch nach ihrem Tod wurden 1719 noch einmal große Teile der erhaltenen Briefe verbrannt (78, Anm. 246). Die immer noch umfangreiche erhaltene Korrespondenz gibt nicht nur Aufschluss über die Beziehung der beiden Frauen zueinander, sondern auch über Themen mit politischer Relevanz, den höfischen Alltag oder die Gunst- und Zugangsstrukturen der jeweiligen höfischen Gesellschaft. Ihre Mitteilungen über Ereignisse am Hof präsentierten die schreibenden Frauen dabei entweder als gesicherte Fakten oder im Deckmantel des Gerüchts. Es erstaunt, dass dieses einzigartige Quellenkorpus noch nicht in seiner Gesamtheit ausgewertet worden ist, sondern in der Forschung bislang nur in Auszügen und damit gleichsam als Steinbruch herangezogen wird.

Der vorliegenden Studie ist es zu verdanken, dass nun erstmals der Bedeutung der Korrespondenz der beiden Frauen nachgegangen wird. Als Leitfrage formuliert Bastian, welche politische Funktion der intensive Austausch der beiden Frauen auf der Ebene der französisch-spanischen Beziehungen und der europäischen Verhandlungen hatte (12). Vergleichend berücksichtigt sie hierbei auch andere Briefwechsel wie die Korrespondenz zwischen dem Botschafter in Madrid und Ludwig XIV. oder seinem Staatssekretär des Auswärtigen. Es wäre zwar denkbar gewesen, anhand des Briefwechsels der Madame de Maintenon und der Princesse des Ursins die höfischen Bereiche des Alltäglichen in den Blick zu nehmen oder weibliche Handlungs- und Deutungsmuster zu analysieren. Bastian gibt mit ihrer Schwerpunktsetzung jedoch dem Themenfeld den Vorrang, das nur selten in dieser Ausführlichkeit mit der Korrespondenz von Frauen in der Frühen Neuzeit verknüpft wird. Gleichzeitig präsentiert sie in einem einleitenden Kapitel auch die ganze Bandbreite der Adressaten, die - an verschiedenen europäischen Höfen und Kriegsschauplätzen des Spanischen Erbfolgekrieges - brieflich mit Madame de Maintenon oder der Princesse des Ursins in Kontakt standen (78-115). Dass zu diesem Adressatenkreis sowohl Amtsträger des Hofes als auch der staatlichen Verwaltung sowie die Herrscher selbst zählten, arbeitet Bastian ebenso heraus wie die Tatsache, dass es keinen Einfluss auf Intensität der Korrespondenz oder Inhalt hatte, ob die Briefe an Frauen oder Männer gerichtet waren (Relevanz der Geschlechter / Gender).

Bastians Studie versteht sich als Beitrag zu einer Kulturgeschichte der Außenbeziehungen. Ihre Schwerpunkte, die auf der Korrespondenz und der Beziehung der beiden Frauen, ihren Handlungsmöglichkeiten und den Themen ihrer Briefwechsel liegen, lassen die Studie dabei insbesondere als einen Beitrag zur akteurszentrierten Kulturgeschichte des Politischen erkennen. Im Sinne eines roten Fadens geht die Autorin den Handlungsspielräumen der beiden Protagonistinnen nach. Hierbei analysiert sie in einem ersten Schritt die politische Kultur der Höfe. Ihr gelingt es dabei überzeugend, die von Madame de Maintenon selbst als "canaux ordinaires" (142) bezeichneten Kommunikationsabläufe in Frankreich mit der Professionalisierung der frühneuzeitlichen Außenbeziehungen in Verbindung zu bringen. An eine kurze Schilderung der Ausgangsbedingungen, die sie mit Forschungsperspektiven verknüpft, schließt sich ein konkretes Beispiel an. In diesem Fall kann Bastian anhand von Colbert de Torcy, dem langjährigen secrétaire d'État des affaires étrangères, die Umsetzung von Verwaltungsreformen und die parallel dazu weiterbestehende bisherige Praxis exemplarisch darstellen. So präsentiert sie Torcy einerseits zwar als neuen Typ eines "Minister-Bürokraten" dar, zeigt andererseits jedoch, dass familiäre Netzwerke und Klientelstrukturen bestehen bleiben (143-150).

Hierzu passt, dass auch Madame de Maintenon und die Princesse des Ursins stets darauf bedacht waren, ihre Nähe zum jeweiligen Thron in ihren Briefen herauszuheben. "Als Beraterinnen und Vertraute der Herrscher inszenierten sie sich als einflussreiche Akteurinnen. Der Briefpartnerin sollte auch der Nutzen ihrer Verbindungen deutlich werden - als Zugang zu einer exklusiven Informantin, Fürsprecherin und Kennerin der sentiments du Roi." (339) Die formellen diplomatischen Ämter waren den beiden Frauen zwar verschlossen, über die Nähe zum Herrscher und die Möglichkeit, informelle Kommunikationswege zu wählen, erscheinen sie aber als ein ebenso unentbehrlicher Bestandteil der frühneuzeitlichen Diplomatie wie die offiziell bestellten Botschafter. Genannt sein soll hier nur exemplarisch ein Schreiben des Maréchal de Villars aus dem Jahr 1706, in dem er Madame de Maintenon bat, nicht unter der Führung des Duc d'Orléans nach Italien aufbrechen zu müssen. Seine Bitte begründet er ihr gegenüber sehr viel ausführlicher als in einem entsprechenden Schreiben an den verantwortlichen Staatssekretär. Bastian schließt hieraus mit der gebotenen Sorgfalt, dass der Maréchal entweder in der Ehefrau eine einflussreichere Fürsprecherin sah oder schlicht davon ausging, dass der Staatssekretär mit Madame de Maintenon ohnehin Rücksprache halten würde (103).

Ähnliche Fälle, in denen die Ehefrau Ludwigs XIV. oder die Princesse des Ursins als Vermittlerinnen auftreten, finden sich insbesondere im dritten Kapitel "Verhandlungen", in dem es konkret um die Verhandlungen um Truppen sowie - eingefasst in die Rhetorik der Unzulänglichkeit des eigenen Beurteilungsvermögens - um persönliche Einschätzungen, Schuldzuweisungen an Frankreich bei einzelnen Militäraktionen oder die Einheit der französischen und spanischen Kronen ging. Die in diesem letzten Punkt kritischer werdende Position Frankreichs gegenüber Madrid lässt sich in einem zunehmend misstrauischeren Unterton in den Briefen der beiden Frauen herauslesen, bis die Briefe während der Verhandlungen um den Thronverzicht Philipps V. (19. März 1713) schließlich immer kürzer werden und sich im Sinne eines "strategischen Schweigens" (393-396) auf den Austausch nötigster Nachrichten beschränken.

Die Studie überzeugt dadurch, dass sie nicht nur die Beziehung der Frauen zueinander analysiert, sondern neben dem Inhalt ihrer Korrespondenz auch den Aufbau der Briefe, die formelhaften Schlusspassagen, die - je nachdem wie angespannt das Verhältnis gerade war - ausführlicher oder formeller ausfielen, in die Analyse einbezieht. So konstatiert Bastian, dass die Schlussformel eine der "wirkungsvollsten Möglichkeiten der Status-Demonstration" (183) gewesen sei, dass die Regelhaftigkeit der frühneuzeitlichen Korrespondenz von beiden Frauen bewusst strategisch eingesetzt wurde.

Insgesamt handelt es sich um eine erfreulich dichte und gut lesbare Arbeit. Dem akteurszentrierten Zugang der Studie mag es geschuldet sein, lediglich ein Personenregister zu erstellen. Ein Orts- oder Sachregister wäre jedoch sehr wünschenswert gewesen, um die vielfältigen Themen der Korrespondenz schneller erschließen zu können.

Britta Kägler