Rezension über:

Jonathan Conant: Staying Roman. Conquest and Identity in Africa and the Mediterranean, 439-700 (= Cambridge Studies in Medieval Life and Thought. Fourth Series), Cambridge: Cambridge University Press 2012, XVIII + 438 S., 5 Karten, 5 s/w-Abb., 29 Tabellen, ISBN 978-0-521-19697-0, GBP 60,00
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Rezension von:
Daniel Syrbe
Geisteswissenschaftliches Zentrum Geschichte und Kultur Ostmitteleuropas (GWZO) an der Universit├Ąt Leipzig
Redaktionelle Betreuung:
Sabine Panzram
Empfohlene Zitierweise:
Daniel Syrbe: Rezension von: Jonathan Conant: Staying Roman. Conquest and Identity in Africa and the Mediterranean, 439-700, Cambridge: Cambridge University Press 2012, in: sehepunkte 14 (2014), Nr. 2 [15.02.2014], URL: http://www.sehepunkte.de
/2014/02/21509.html


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Jonathan Conant: Staying Roman

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Forschungen zum spätantiken Nordafrika haben seit etwa zehn Jahren gute Konjunktur. Dabei ist das vandalische Jahrhundert als Fallbeispiel für die Integration eines gentilen Verbandes in die römische Welt intensiv diskutiert worden. [1] Jonathan Conant wirft nun in seinem Buch, das den sprechenden Titel "Staying Roman" trägt und auf seine von Michael McCormick betreute Dissertation an der Harvard University zurückgeht [2], die umgekehrte Frage auf: "what became of the idea of Romanness [...] once Roman power collapsed?" (1). Seine These: "the fracturing of the political unity of the Roman empire [...] also led to a fracturing of Roman identity" (2). "Romanness" versteht Conant als ein flexibles kulturelles System. Sprache, Lebensweise, Kunst oder Institutionen könnten dabei ebenso Eckpunkte von Identitäten markieren, wie die Identifikation der Zeitgenossen mit dem Imperium Romanum und seiner Geschichte (3-9). Conant verfolgt zwei methodische Zugänge: Zum einen fragt er auf Basis prosopografischer, onomastischer und archäologischer Daten nach der sozialen und wirtschaftlichen Vernetzung Nordafrikas im Mittelmeerraum, zum anderen analysiert er Identitätsdiskurse in literarischen Texten.

Die ersten drei Kapitel des Buches gelten dem vandalischen Nordafrika. In Kapitel 1 ("The Legitimation of Vandal Power", 19-66) legt Conant dar, dass die vandalische Elite sich schnell einen Lebensstil zu Eigen gemacht habe, der dem der nordafrikanischen "late Roman gentry" (52) entsprach. Beide Seiten teilten "much the same tastes, the same interests, the same attitudes" (53). Hochkultur sei im vandalischen Nordafrika gleichbedeutend mit römischer Kultur (55). Für den Zusammenhalt der vandalischen gens sei dagegen die Zugehörigkeit zum Militär ein entscheidendes Element (59f.). Für die Zeitgenossen, argumentiert Conant, seien Vandalen und Provinzialrömer durchaus unterscheidbar gewesen, auch wenn aus heutiger Sicht nicht leicht auszumachen sei, anhand welcher Merkmale (61-64).

In Kapitel 2 ("Flight and Communications", 67-129) nutzt Conant einen ähnlichen Ansatz wie schon Michael McCormick [3], wenn er anhand der "circulation of people, goods, and ideas" (67) die Integration Nordafrikas in den Mittelmeerraum untersucht. Im ersten Teil analysiert Conant auf Basis einer umfangreichen prosopografischen Datensammlung [4] die Bewegungen von Nordafrikanern im Mittelmeerraum, zeichnet dann mediterrane Wirtschaftsbeziehungen nach und verfolgt zum Schluss Briefnetzwerke, Transfers literarischer Texte sowie Übertragungen nordafrikanischer Heiligenkulte. Conant arbeitet heraus, dass Nordafrika mit Italien in jeder Hinsicht in enger Beziehung stand. Dagegen sei beispielsweise Konstantinopel zwar ein wichtiges Migrationsziel für Nordafrikaner gewesen, Handelskontakte oder Übernahmen von Heiligenkulten ließen sich zwischen Nordafrika und der Metropole des Ostens aber kaum nachweisen. Conant zufolge sei Nordafrika im 5. und 6. Jahrhundert "remarkably well integrated into the larger Mediterranean world" geblieben (128). Ein solcher statistischer Ansatz ist zwar mit einer Reihe methodischer Schwierigkeiten behaftet (ungleiche Überlieferungsdichte, unterschiedliche archäologische Forschungsstände), Conant geht aber mit der nötigen methodischen Systematik und Vorsicht vor.

Kapitel 3 ("The old Ruling Class under the Vandals", 130-195) geht der Frage nach, ob und unter welchen Bedingungen sich die römischen Eliten mit den vandalischen Machthabern arrangieren konnten. Politisch sei die vandalische Herrschaft schnell akzeptiert worden. Anders sah es auf dem Feld religiöser Identitäten aus: ein Ausgleich sei hier aus vandalischer Sicht nur durch Konversion der Romanen zum arianischen Christentum möglich gewesen. Ziel der vandalischen Könige sei laut Conant "the creation of a theologically pure kingdom" gewesen (170). Dies versuchten sie mit massivem Druck auf die nizänische Kirche (Exilierungen, Vakanz von Bischofssitzen, Enteignungen) zu erreichen, eskalierende Gewalt sei aber die Ausnahme geblieben (169). Denn "Vandal kings sought to trap Nicene flies not only with vinegar, but also with honey" (167), indem sie z.B. konvertierenden Romanen Chancen zu politischen Karrieren boten. Gegen diese Politik leistete der nizänische Klerus energisch Widerstand und machte "staying Roman" zu einer Frage des nizänischer-Christ-seins (190-193). Die vandalische Mischung aus Druck und Anreiz sei insgesamt erfolgreich gewesen: "Romans and Vandals", so Conant, befanden sich zu Beginn des 6. Jahrhunderts "in the slow, sometimes painful process of becoming a single people" (195).

Mit Kapitel 4 ("New Rome, New Romans", 196-251) beginnt der byzantinische Teil des Buches. Conant untersucht hier, wie Nordafrika nach dem Ende des vandalischen regnums in ein Imperium re-integriert werden konnte, das sich selbst zwar als römisch verstand, dessen politischer und kultureller Schwerpunkt nun aber in Konstantinopel lag. Zuerst geht es um Personalpolitik: Nahezu alle hochrangigen militärischen und politischen Funktionsträger seien Männer mit "frontier origins" (205) gewesen, zuerst v.a. aus den Balkan-, später aus den Ostprovinzen des Imperiums. Für deren Entsendung seien Erfahrung und enge Beziehungen zum Kaiserhof ausschlaggebend gewesen (214-239); bei den Militärs habe aber offenbar auch "local experience" in Nordafrika (217) eine Rolle gespielt, was im Vergleich zu anderen Provinzen durchaus ungewöhnlich sei. Die zahlenmäßig sehr kleine byzantinische Führungsschicht habe sich kaum in die nordafrikanische Gesellschaft integriert (239-250). Ob dies aber, wie Conant meint, gezielte kaiserliche Politik ("by imperial design", 242) war, oder sich einfach aus den fortgeschrittenen Biografien der hohen Funktionsträger ergab, ließe sich diskutieren.

In Kapitel 5 ("The Moorish Alternative", 252-305) fragt Conant, ob die Entstehung maurischer "kingdoms" dazu geführt habe, dass einzelne Regionen Nordafrikas im Lauf des 5. Jahrhunderts "somehow un-Roman" geworden seien (253). Byzantinische Autoren wie Prokop und Corippus betonten die kulturelle Differenz zu den Mauren nachdrücklich, wobei sie sich im Pool ethnografischer Stereotypen der antiken Literatur bedienten (253-273). Dagegen verweist Conant auf die Kontinuität römischer Kulturelemente. Maurische Anführer haben ihren Machtanspruch in etablierten römischen Formen artikuliert und die übergeordnete Autorität des byzantinischen Imperiums anerkannt (276-280). Die fortdauernde Praxis des Setzens von Inschriften zeige zudem, dass besonders städtische Bevölkerungen römischer Kultur in hohem Maße verhaftet geblieben seien (289-292).

Mit Kapitel 6 ("The Dilemma of Dissent", 306-361) richtet Conant den Blick auf das Spannungsverhältnis zwischen Peripherie und Zentrum im byzantinisch-imperialen Rahmen. Justinian habe äußerst erfolgreich die Deutungshoheit über die Eroberung Nordafrikas als gerechtfertigte Wiederherstellung römischer Herrschaft und Befreiung nizänischer Christen erlangt (306-316). Im Engagement nordafrikanischer Bischöfe in den theologischen Auseinandersetzungen des 6. und 7. Jahrhunderts (Drei-Kapitel-Streit, monenergetisch-monotheletischer Streit) sieht Conant in Abgrenzung zur älteren Forschung keine grundsätzliche Opposition oder gar Widerstand der nordafrikanischen Kirche gegen das Imperium. Vielmehr sei es um die Wahrung etablierter Traditionen der selbstbewussten nordafrikanischen Kirche sowie um spezifischen Widerspruch gegen die Kirchenpolitik einzelner Kaiser gegangen (360). Insgesamt sieht Conant die Re-Integration Nordafrikas in das Byzantinische Imperium als ausgesprochen erfolgreichen Prozess (352).

Im anschließenden knappen Ausblick auf das islamische Nordafrika sucht Conant v.a. nach Kontinuitäten christlichen Lebens bzw. kirchlicher Strukturen (Kap. 7, "Aftermath", 362-370).

Was dem Titel nach eine Studie zur Kontinuität römischer Identität erwarten lässt, entpuppt sich als viel breiter angelegte Untersuchung, die die Vernetzung Nordafrikas im spätantiken Mittelmeerraum mit der Transformation sozialer Identitäten unter dem Einfluss der großen Politik verbindet. Beeindruckend ist das enorme Spektrum an Quellen, das Conant auswertet. Mitunter ließe sich allerdings kritisch fragen, ob die Argumentation nicht etwas trennschärfer geschehen sollte. In welchem Verhältnis z.B. ökonomische Kontakte und Transformationen von Identitäten stehen, verdiente sicher noch eine vertiefte Diskussion. Zweifelsohne aber kann Conant v.a. mit seinen prosopografischen Analysen neue, aufschlussreiche Ergebnisse zur Integration Nordafrikas in die spätantike Mittelmeerwelt herausarbeiten. Schon länger diskutierte Fragen, wie z.B. die theologischen Auseinandersetzungen im nordafrikanischen Kontext, ordnet er gewinnbringend in seine Argumentation ein, wobei er auch interessante neue Interpretationen vorschlägt. Die klare Gliederung und der erfreulich frische Stil des Buches sorgen für eine kurzweilige Lektüre; Tabellen, Grafiken und Diagramme schaffen Anschaulichkeit. Alles in allem ist Conants Studie ein Beleg für den hohen Stand, den die Forschung zu Kontinuität und Transformation von Identitäten im spätantiken Nordafrika erreicht hat.


Anmerkungen:

[1] Stellvertretend für zahlreiche in den letzten Jahren erschienene Arbeiten sei hier lediglich verwiesen auf die dem vandalischen und byzantinischen Nordafrika gewidmeten Bände 10 und 11 der Zeitschrift Antiquité tardive aus den Jahren 2002 und 2003 sowie auf zwei Tagungsbände: Andrew H. Merrills (ed.): Vandals, Romans, Berbers. New Perspectives on Late Antique North Africa, Aldershot 2004; Guido M. Berndt / Roland Steinacher (Hgg.): Das Reich der Vandalen und seine (Vor-)Geschichten (= Forschungen zur Geschichte des Mittelalters; Bd. 13; Österreichische Akademie der Wissenschaften, Philosophisch-historische Klasse, Denkschriften; Bd. 366), Wien 2008. In eine breitere Öffentlichkeit wurde v.a. das vandalische Nordafrika durch die baden-württembergische Landesausstellung "Erben des Imperiums in Nordafrika: Das Königreich der Vandalen" in Karlsruhe, 24. Oktober 2009 - 21. Februar 2010, getragen (gleichnamiger Ausstellungskatalog erschienen im Verlag Philipp von Zabern und bei der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft Darmstadt).

[2] Jonathan Conant: Staying Roman: Vandals, Moors, and Byzantines in Late Antique North Africa, 400-700. Ph.D.-Diss. Harvard University, Department of History, Cambridge (Mass.) 2004.

[3] Michael McCormick: The Origins of the European Economy. Communications and Commerce, A.D. 300-900, Cambridge 2001.

[4] Conant erwähnt seine prosopografische Datenbank leider nur kurz auf 14; diese enthalte für die Zeitspanne zwischen 439 und 700 "over 1,900 individuals with connections to North Africa", als Leser würde man gern einen Blick in diese Sammlung werfen. Eine online abrufbare Datenbank wäre hier eine sinnvolle und wünschenswerte Ergänzung zur gedruckten Publikation.

Daniel Syrbe