Rezension über:

Manfred Hildermeier: Geschichte Russlands. Vom Mittelalter bis zur Oktorberrevolution (= Historische Bibliothek der Gerda Henkel Stiftung), München: C.H.Beck 2013, 1502 S., 11 Karten, ISBN 978-3-406-64551-8, EUR 49,95
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Rezension von:
Manfred Alexander
Historisches Institut, Universität zu Köln
Redaktionelle Betreuung:
Andreas Fahrmeir
Empfohlene Zitierweise:
Manfred Alexander: Rezension von: Manfred Hildermeier: Geschichte Russlands. Vom Mittelalter bis zur Oktorberrevolution, München: C.H.Beck 2013, in: sehepunkte 14 (2014), Nr. 1 [15.01.2014], URL: http://www.sehepunkte.de
/2014/01/22834.html


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Manfred Hildermeier: Geschichte Russlands

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Diese beeindruckende forschungsorientierte Darstellung ist in sechs Teile gegliedert, die chronologisch den großen Zeiträumen der russischen Geschichte folgen; diese Einteilung übergreifend wird der Stoff in 38 Einzelkapitel gegliedert, die systematisch die Probleme des jeweiligen Zeitraums behandeln. Zu Anfang eines jeden Kapitels skizziert der Verfasser die Grundprobleme und die Forschungslage für die folgende Darstellung, so dass der Leser mit der großen Linie der anschließenden materialreichen Ausführung vertraut gemacht wird. Der Nachteil dieser Vorgehensweise ist jedoch, dass Themenbereiche des Wirkens eines Herrschers auseinander gerissen werden, da sie jeweils innerhalb des größeren Zeitraumes abgehandelt werden; die Kirchenpolitik Peters des Großen folgt also erst unter der Überschrift "Kultur und Lebensweise" mehr als 250 Seiten nach Beginn des vierten Teils des Werkes.

In der Darstellung lassen sich drei unterschiedliche Sprachstile feststellen: Wo der Verfasser den Quellen folgt und auch ausführliche Zitate bringt, herrscht ein erzählender Stil vor, der eine "leichte Lektüre" darstellt, auch vor Wendungen der Alltagssprache nicht zurückscheut und manchmal ans Journalistische grenzt. Eine referierende und nüchterne Sprache findet sich dort, wo viele trockene Fakten darzustellen sind; dies betrifft etwa die dynastischen Probleme und die Außenpolitik innerhalb der jeweiligen Zeiträume, die der Verfasser etwas kursorisch abhandelt, aber besonders die Verwaltungsgeschichte und das jeweilige Rechtssystem; die oft verschachtelten Sätze weisen diese Textteile als Pflichtübung aus. Engagiert und geradezu spannend wird der Text aber dort, wo der Verfasser sich Themen der Sozialgeschichte zuwendet, wo er den Alltag, das Wohnen und den Volksglauben beschreibt; diese Passagen sind in einem reflektierenden Stil mit Blick auf die wissenschaftliche Literatur verfasst und bieten oft eigene Deutungen an. Wie ein roter Faden durchzieht in diesem Zusammenhang die Frage nach der "Rückständigkeit Russlands" das gesamte Werk.

Bei einem solch monumentalen Unternehmen erscheint kleinliche Besserwisserei im Detail unangebracht, aber drei zentrale Fragen erfordern doch ein Nachhaken. Der Verfasser spricht wiederholt von "Russland und Europa" wie von einem Neben- oder gar Gegeneinander, betont aber auch anderswo wieder, dass Russland eine "europäische Macht" sei (so als Zitat von Katharina II. vor dem Textteil). Dazu sei angemerkt, dass der griechisch geprägte Teil der europäischen Geschichte genauso zu "Europa" gehört wie der okzidental-lateinische; selbst das Wort stammt ja aus der griechischen Mythologie; unser Verständnis von "Europa" muss also die Unterschiede in den beiden antiken Wurzeln wie in den unterschiedlichen Formen der christlichen Religion (Rom und Byzanz als Kernorte) aushalten. Zum anderen wird nicht klar, was denn "Westeuropa" (als Konkretisierung des Begriffs manchmal verwendet) sein soll; je nach dem Zeitraum dient ja ein anderer Teil des Westens als Bezugsgröße, mit der Russland verglichen und als "rückständig" charakterisiert werden kann. Der Verfasser selbst fasst diesen Tatbestand in die schöne Formulierung: "Der 'Westen' lag immer woanders" (442), aber im Laufe der Argumentation hält er sich nicht immer an diese Einsicht.

Der zweite Einwand gilt dem Verständnis von "Russland" selbst. Immer wieder werden die Größe des Landes und die ungeheuren Entfernungen betont, die die Kommunikation und die Verwaltung erschwerten. Aber nicht das heutige Russland mit Sibirien ist hier gemeint, sondern das ostslavische Siedlungsgebiet zwischen Kiew im Süden (das nach dem Mongolensturm praktisch aus der Darstellung verschwindet), Moskau im Osten und Novgorod im Norden (später abgelöst durch St. Petersburg); die Westgrenze ist weniger genau zu bezeichnen. Als Betrachtungsraum reicht dieses Zentralrussland im Osten nur bis zur Wolga, verliert sich im Süden an der Steppengrenze und im Westen in der litauisch-polnischen Grenzregion. Überspitzt formuliert erscheint das hier behandelte Russland wie eine Insel, die nur gelegentlich in die Probleme der Nachbarn hineingezogen wird. Dies hat Konsequenzen für die Darstellung, denn so kommt die Ukraine mit ihrer Tradition der Kosaken kaum vor; von dem Gebiet zwischen Wolga und dem Ural oder gar Sibirien wird nur im Zusammenhang mit der beginnenden Industrialisierung gesprochen, und Zentralasien ist schließlich nur Gegenstand bei der Betrachtung des russischen Imperialismus im 19. Jahrhundert. Wieder pointiert formuliert wäre Odessa ein besseres Beispiel für eine entstehende Zivilgesellschaft gewesen als Moskau im letzten halben Jahrhundert der Zarenherrschaft.

Dieses weitgehende Ausblenden der Randgebiete des zentralrussischen Reiches unterschätzt die Übergangsgebiete in alle Richtungen. Europas Westen war im mittelalterlichen Novgorod über den Hansehandel eher präsent als in den zentralrussischen Fürstentümern, und Riga (später das ganze Baltikum) unter schwedischem und polnischem Einfluss blieb ein offenes Tor für fremde Einflüsse.

Russland erschien Besuchern aus dem Westen immer fremd und von "Europa" unterschieden; aber konnte man das riesige, meist flache Land mit den kleinräumigen Siedlungsgebieten der Niederlande und Süddeutschlands oder gar mit den zersplitterten Kleinstaaten Italiens vergleichen, ohne beiden Seiten Unrecht zu tun? Der Begriff der russischen "Rückständigkeit", den der Verfasser in jedem der Zeiträume erörtert, birgt hier seine Schwierigkeit. Es wirkt fast wie eine Manie, wie er sich an dem Begriff und dem Vergleich abarbeitet und dabei zwischen einer Zustimmung (angesichts der unterschiedlichen Lebens- und Arbeitsbedingungen der Menschen) und der Ablehnung schwankt, weil er das in dem Begriff liegende abwertende Diktum ablehnt. Im Schlusskapitel erörtert der Verfasser noch einmal den Gesamtkomplex im Zusammenhang und mit einem ausführlichen Blick auf die Forschungsliteratur. Den Überlegungen amerikanischer Historiker, die "Rückständigkeit" auch als Chance begriffen, Irrwege und Zwischenschritte einer Modernisierung des Landes zu vermeiden, stellt er seine eigene Deutung entgegen. In einer chronologischen und systematischen Übersicht diskutiert er das Problem der Übernahme aus dem Westen, das in materieller und ideeller Weise zur Modernisierung Russlands beitrug. Das Ergebnis der Überlegungen ist wenig spektakulär, denn Russland war seit Beginn seiner Geschichte keine abgeschlossene "Insel". Anregungen von außen waren selbstverständlich, sie wurden assimiliert oder auch manchmal missverstanden, dienten aber - je näher man der heutigen Zeit kommt - einer immer weiter "fortschreitenden Verflechtung" (so im Original, 1346). Der Gipfel dieser Entwicklung war erreicht, als Russland vor dem Ersten Weltkrieg in manchen Bereichen der Kunst in ganz Europa die Führung übernahm und den Begriff der "Rückständigkeit" des Landes ad absurdum führte.

Der Verfasser hat im Wortsinn ein gewichtiges Werk vorgelegt, das hervorragende Literaturkenntnis mit dem Mut zu pointierter These verbindet. Die entstehende Zivilgesellschaft in Russland und dessen angeblich überall zu findende Rückständigkeit sind die Leitthemen der Darstellung, die als "Vorgeschichte" seines Buches über die Sowjetunion gesehen werden kann. Dabei ist der Verfasser offensichtlich in den acht Jahren Bearbeitung (21) von seinem Stoff weiter getrieben worden, als ursprünglich geplant, wie er selbst im Vorwort erwähnt. Aber für wen hat er sich dieser Mühe unterzogen? Ein Laie wird wohl an der Lektüre verzweifeln; kaum ein Kollege wird das ganze Werk lesen, und die Studenten werden - hoffentlich - die sie interessierenden Textteile sorgfältig durcharbeiten. Dem Umfang des Werkes zum Trotz bleiben manche Themen der russischen Geschichte unerwähnt oder verkürzt und sind einige Urteile anfechtbar, so dass andere Darstellungen, von denen es in deutscher Sprache mittlerweile mehrere gibt, dadurch nicht überflüssig geworden sind. Der Gerda-Henkel-Stiftung und der Fritz-Thyssen-Stiftung ist für die Förderung dieses dicken und dicht geschriebenen Werkes ausdrücklich zu danken.

Manfred Alexander