Rezension über:

Rolf Bothe: Clemens Wenzeslaus Coudray (1775-1845). Ein deutscher Architekt des Klassizismus, Köln / Weimar / Wien: Böhlau 2013, 638 S., 745 Abb., ISBN 978-3-412-20871-4, EUR 39,90
Inhaltsverzeichnis dieses Buches
Buch im KVK suchen

Rezension von:
Klaus Jan Philipp
Institut für Architekturgeschichte, Universität Stuttgart
Redaktionelle Betreuung:
Stefanie Lieb
Empfohlene Zitierweise:
Klaus Jan Philipp: Rezension von: Rolf Bothe: Clemens Wenzeslaus Coudray (1775-1845). Ein deutscher Architekt des Klassizismus, Köln / Weimar / Wien: Böhlau 2013, in: sehepunkte 13 (2013), Nr. 12 [15.12.2013], URL: http://www.sehepunkte.de
/2013/12/23874.html


Bitte geben Sie beim Zitieren dieser Rezension die exakte URL und das Datum Ihres Besuchs dieser Online-Adresse an.

Andere Journale:

Diese Rezension erscheint auch in KUNSTFORM.

Rolf Bothe: Clemens Wenzeslaus Coudray (1775-1845)

Textgröße: A A A

Lange Jahre musste Goethe warten, bis er endlich einen Architekten in Weimar hatte, der nicht nur kurzzeitig dort arbeitete wie Thouret oder Gentz, sondern für fast 30 Jahre das Bauwesen in der Residenzstadt und dem Großherzogtum Sachsen-Weimar-Eisenach bestimmte. 1816 kam der 1775 in Koblenz geborene Clemens Wenzeslaus Coudray nach Weimar, er blieb dort bis zu seinem Tod 1845 und hinterließ eine sehr große Zahl von Bauten, die das Stadtbild bis heute prägen.

Der 1775 in Koblenz geborene Coudray gehört einer Generation von Architekten an, die stark von der nachrevolutionären Architektur in Frankreich beeinflusst waren. Nach erster Ausbildung in Frankfurt am Main ging Coudray im Jahr 1800 nach Paris zu dem damals berühmtesten Lehrer, Jean-Nicolas-Louis Durand, an die École polytechnique. Durands auf Rationalität und Ökonomie abgestellte Entwurfs- und Baulehre, die zugleich die Architekturgeschichte einbezog, zog ihn in den Bann. Coudray blieb vier Jahre in Paris, eignete sich Durands Entwurfsauffassung an und arbeitete an dessen Publikationen mit. Bis zu seinen letzten Projekten in Weimar hielt er an der Durandschen Lehre fest, die er nur geringfügig für sich und seine Klientel anwandelte. Erste größere Bauaufgaben konnte er in Fulda ab 1804 realisieren, wo er als Hofbaudirektor bis 1815 wirkte. Eine 1805 vollzogene Italienreise machte ihn mit einem breiten Spektrum an Bauten der Antike, des Mittelalters und vor allem der italienischen Renaissance bekannt. Leider hat sich von seinem Reisetagebuch nur der erste Teil mit der Beschreibung der Reise von Paris nach Turin erhalten (170-194), zahlreiche Skizzen belegen sein Interesse an ländlichen Bauten.

Während der Reise arbeitete Coudray an einem typologischen Atlas zur Architektur, der sich als Ergänzung zu Durands Publikation verstehen lässt. Der vollständige Abdruck dieses Atlas mit insgesamt 485 Bauten, die von Rolf Bothe zum größten Teil identifiziert werden, ist eine der großen Überraschungen des Buches (266-368). Es offenbart sich darin das sich ständig erweiternde Spektrum an Bauten, die von den Architekten des frühen 19. Jahrhunderts wahrgenommen wurden und die sich bei Bedarf für eigene Entwürfe auswerten ließen. Coudray nutzte diesen Atlas offensichtlich für seine "Architektonischen Vorlesungen", die er am Lyzeum in Fulda und später an der von ihm mitbegründeten Baugewerkschule in Weimar hielt.

Seine Berufung nach Weimar brachte Coudray zunächst nicht in die gewünschte Position, und es bedurfte der Hilfe Goethes bis er in eine Stellung gelangte, die ihn schließlich für alle Baubelange des Großherzogtums zuständig machte. Er war in allen denkbaren Bauaufgaben tätig, entwarf Ergänzungsbauten für das Schloss und Funktionsgebäude für den Hof. Zahlreiche Bürgerhäuser und Straßenplanungen stammen aus seiner Feder. Mit Kur- und Gesellschaftsbauten in Weimar, Eisenberg und Bad Berka partizipierte er an einer der neuen Bauaufgaben des 19. Jahrhunderts. Er nahm sich der Landbaukunst, der "Landesverschönerung" und der Dorferneuerung an. Auch der Sakralbau des Großherzogtums erhielt durch ihn eine neue Ausrichtung und schließlich entwarf er Memorialbauten, unter denen die Fürstengruft in Weimar eine besondere Rolle einnimmt. Besonders hervorzuheben sind seine Schulbauten; in Weimar schuf er mit der Bürgerschule einen der ersten modernen Schulbauten, der auf die Reformpädagogik der Zeit reagiert und über den Goethe schrieb, dass der Bau selbst schon "Cultur" bewirke. Weniger glücklich verlief der geplante Theaterbau in Weimar, der trotz aller Bemühungen, Umplanungen und ausgearbeiteten Alternativen, dennoch an einen anderen Architekten vergeben wurde.

Bei der Behandlung des Theaterbaus schaltet Bothe vor die Beschreibungen der Entwürfe Coudrays eine kurze Geschichte des Theaterbaus vor, der die Kenntnisse Goethes und Coudrays über diese Bauaufgabe ausbreitet und zeigt, wie sich beim Entwurf eines solchen Gebäudes Geschichte des Bautyps, Ausbildungsweg Coudrays und die durch persönliche Empfindlichkeiten der Akteure eingeschränkten Realisierungsmöglichkeiten in der kleinen Residenzstadt miteinander verknüpften (425-466). In diesem Kapitel scheint auf, was eine Architektenmonografie über das Ausbreiten eines - im Falle Coudrays - sehr reichen Materials alles leisten könnte.

Rolf Bothe widmet der Ausbildung Coudrays und dessen ersten Entwürfen in Paris sehr viel Raum und diskutiert die Entwicklung des jungen Architekten zuweilen sehr detailliert. Interessant ist Coudrays stetig sich entwickelnde Abnabelung von seinem großen Vorbild Durand, dessen Einfluss jedoch noch bis zu den spätesten Entwürfen Coudrays sichtbar bleibt. Selbst im curriculum der Weimarer Baugewerkschule spiegelt sich noch dasjenige der École polytechnique, das ja auch für andere Bauschulen des frühen 19. Jahrhunderts verbindlich wurde. Deutlich wird, wie übermächtig die Lehre Durands wirksam war und sich insbesondere wegen ihrer Reaktion auf die Notwendigkeiten der Frühzeit der Industrialisierung durchzusetzen vermochte. Trotz aller noch immer virulenter Italienbegeisterung, die sich bei Coudray sowohl in Richtung der florentinischen Frührenaissance als auch im Aufgreifen palladianischen Formenguts zeigt, überdeckt die Durandsche Rationalität den latenten Hang zum Historisieren. Es ist vielleicht kein Zufall, dass Coudrays letzte Entwürfe zum neuen Rathaus von Weimar (1838-1841), die dem Wunsch der Auftraggeber entsprechend erstmals gotische Formen aufnehmen, Schwächen und Unsicherheiten in der architektonischen Gestaltung zeigen. Coudray gehörte eben nicht zu den in allen Stilen gleich sicher agierenden Architekten, sondern seine Stärke lag in der Konzentration auf den Stil, den er seiner Zeit für adäquat hielt.

Durch Rolf Bothes Monografie zu Clemens Wenzeslaus Coudray liegt nun endlich eine neue Grundlage für ein vertieftes Verständnis der Weimarer Baugeschichte vor. In Coudray lernt man zwar keinen den "genialen" Architekten Schinkel und Klenze vergleichbare Persönlichkeit kennen, jedoch ist er und sein Werk ein Paradebeispiel für den Normalfall einer Architektenkarriere im frühen 19. Jahrhundert, wenngleich Coudray allein schon wegen seiner Nähe zu Goethe natürlich gegenüber anderen heraussticht. Der Gestaltung des gewichtigen Buches, das der Verlag zu einem unglaublich günstigen Preis auf den Markt bringt, lässt keine Wünsche offen: Alle wichtigen Planzeichnungen sind großformatig und in Farbe abgebildet, die Präsentation des Typologischen Atlas und der Reisetagebücher ist vorbildlich, die Neuaufnahmen der Bauten Coudrays in Weimar und Umgebung von bestechender Qualität. Kurzum, ein Buch, das man nur empfehlen kann und für alle, die sich mit der Architektur des 19. Jahrhunderts beschäftigen, zur Standardlektüre werden muss.

Klaus Jan Philipp