Rezension über:

Martha Carlin / David Crouch (eds.): Lost Letters of Medieval Life. English Society, 1200-1250 (= The Middle Ages Series), Philadelphia, PA: University of Pennsylvania Press 2013, XXVI + 334 S., ISBN 978-0-8122-4459-5, USD 79,95
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Rezension von:
Laury Sarti
Friedrich-Meinecke-Institut, Freie Universität Berlin
Redaktionelle Betreuung:
Ralf Lützelschwab
Empfohlene Zitierweise:
Laury Sarti: Rezension von: Martha Carlin / David Crouch (eds.): Lost Letters of Medieval Life. English Society, 1200-1250, Philadelphia, PA: University of Pennsylvania Press 2013, in: sehepunkte 13 (2013), Nr. 12 [15.12.2013], URL: http://www.sehepunkte.de
/2013/12/23673.html


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Martha Carlin / David Crouch (eds.): Lost Letters of Medieval Life

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Briefe aus der Zeit des Mittelalters haben als Quelle zunehmend das Interesse der Geschichtswissenschaft geweckt, was nicht zuletzt die in regelmäßigen Abständen erscheinenden Editionen und Übersetzungen zeigen. Die meisten dieser Schriftstücke entstanden jedoch erst im ausgehenden Mittelalter und ausschließlich innerhalb eines elitären Kontextes. [1] Über das Leben der großen Bevölkerungsmehrheit verraten sie somit nur wenig. Anders die nun von Martha Carlin und David Crouch erstmals, sowohl in der Originalsprache als auch in englischer Übersetzung, zugänglich gemachten "Lost Letters of Medieval Life". Diese umfassen hundert Briefe, die in den Jahren zwischen 1200 und 1250 entstanden und auf gewöhnliche Menschen und deren Lebensumständen direkt Bezug nehmen. Einige wurden womöglich sogar ursprünglich von solchen verfasst.

Anders als der Buchtitel vermuten lässt, enthält der Band keine Originalbriefe, sondern formulae, d.h. Modellbriefe - von und/oder für Studenten verfasst, die im Raum Oxford die Kunst des Briefeschreibens (dictamen) erlernen sollten. Hierbei handelt es sich um einige der ältesten aus dem britischen Raum bekannten Texte dieser Art. Obwohl es sich somit prinzipiell um Schriftstücke mit fiktivem Charakter handelt, vermuten die Herausgeber, dass nicht wenige auf echte Briefe aus dem ausgehenden 12. und dem frühen 13. Jahrhundert zurückgehen. Viele enthalten Namen oder andere Hinweise, die mit spezifischen Ereignissen oder zeitgenössischen Personen in Verbindung gebracht werden können. Doch auch dort, wo sie lediglich fiktive Inhalte wiedergeben, so können die Herausgeber glaubhaft machen, spiegeln sie im Großen und Ganzen zeitgenössische Realität(en) wider.

Grundlage für die hier zusammengestellte Briefsammlung sind Handschriften aus der British und der Bodleian Library, die insgesamt 279 Schriftstücke enthalten. Nach eigener Aussage haben die Herausgeber die Briefe so ausgewählt, dass sie möglichst viele Facetten widerspiegeln. Die Sammlung selbst wird in einer längeren Einleitung in ihren historischen und historiographischen Kontext eingeordnet, wobei auch auf die zeitgenössische Schriftkultur sowie spezifisch auf die Gegebenheiten in Oxfordshire eingegangen wird. Zwei abschließende Unterkapitel beschäftigen sich mit der Briefsammlung selbst und gehen dabei auf die Überlieferungsgeschichte, die herangezogenen Manuskripte, sowie deren Sprache und die bei der Edition und Übersetzung angewendeten Vorgehensweisen ein. Sechzehn Illustrationen, darunter Karten und zeitgenössische Darstellungen, eine ausführliche Bibliographie, sowie ein allgemeiner und ein thematischer Index runden den Band ab.

Die formulae sind insgesamt in fünf Hauptthemen untergliedert: Geld und Handel, Krieg und Politik, Herrschaft und Verwaltung, Familie und Gesellschaft, sowie ritterliches Leben. Damit umfassen sie alle Bereiche mittelalterlichen Lebens. Eine zusätzliche Untergliederung der Kapitel erleichtert dem Leser die thematische Einordnung der Texte. Die im lateinischen Original sowie als Übersetzung wiedergegebenen Briefe sind jeweils durch einen Kommentar ergänzt in dem diese, soweit möglich, zeitlich sowie gesellschaftlich eingeordnet werden.

Da es sich bei diesem Band um eine Sammlung sehr unterschiedlicher Texte handelt, soll hier nur selektiv auf deren Inhalt eingegangen werden. Ein Blick auf willkürlich ausgewählte Briefe belegt bereits deren sehr verschiedenartige Ausrichtung. Der zweite Brief nennt als Verfasser einen Earl, der im Herbst mehrere Fässer Wein aus der Gascogne und dem Anjou zu insgesamt 20 Solidi bestellt und dabei den Lieferanten um einen Kurzzeitkredit bis Palmsonntag bittet. Im Kommentar weisen die Herausgeber darauf hin, dass der Brief Anlass zur Vermutung gibt, der ursprüngliche Verfasser könne ein durch mehrere Urkunden belegter Amtsträger dieses Titels gewesen sein. Ein anderer Brief (Nr. 41) vermittelt den Eindruck, die Nachricht eines Sheriffs zu sein, der seinem König verkündet, im königlichen Wald versteckte Räuber erfolgreich gejagt zu haben. Da er nun auch deren Anführer gefasst habe, wolle er nun wissen, was mit diesen geschehen solle. Ganz anders wiederum Brief 49. Hier erscheint ein Pächter, den der Adressat scheinbar gebeten hatte, ihm Ochs und Pflug zu borgen. Der Pächter teilt ihm nun mit, dass er dieser Bitte nicht entsprechen könne. Er würde selbst beides dringend benötigen, um seinen Pflichten dem König gegenüber erfüllen zu können. Im Kommentar gehen die Herausgeber, wie auch bei vielen anderen Texten, ausführlich auf den möglichen Aussagewert des Briefes ein und behandeln die Frage, inwiefern es sich hierbei lediglich um einen fiktiven Text handelt, oder ob dieser nicht vielleicht doch auf eine reale Vorlage zurückgeführt werden kann. Ähnlich auch im Anhang von Brief 33, in dem der Verfasser seinem Adressaten rät, sein Korn von der Straße zu nehmen, da der König bald dort vorbeifahren werde und ihm dann der Verlust seiner Ernte drohe. Das letzte Schriftstück (Nr. 100) gibt vor, von einem Ritter an seine Ehefrau geschrieben worden zu sein. Er berichtet, er habe von seinem König die Erlaubnis erhalten, sich von dessen Hof zu entfernen und sich um die Fertigstellung seines Gutshauses zu kümmern, in dem seine Frau fortan leben solle.

Den Leser erfreut, dass obwohl es sich bei den Briefen um formulae handelt, ihr Inhalt oft sehr persönlich ist, womit diese nur selten der gerne stereotypen Schreibweise mittelalterlicher Korrespondenzen entsprechen. Die Tatsache, dass der lateinische im Drucksatz nicht jeweils dem übersetzen Text gegenübergestellt wurde, sondern beide übereinander wiedergegeben sind, ist etwas gewöhnungsbedürftig, angesichts der Kürze der meisten Briefe und der oft viel längeren Kommentare aber durchaus gerechtfertigt. Bedauerlicher ist hingegen, dass lediglich eine Auswahl und nicht alle in den genannten Manuskripten überlieferten Briefe herausgegeben wurden, so dass für die Mehrheit dieser Texte auch weiterhin eine Edition ausbleibt. Auch wurde leider eine kritische Edition der Briefe nicht angestrebt. Diesen und unwesentlichen strukturellen Mängeln (wie der zum Teil scheinbar willkürlichen Gliederung von Einleitung und Hauptkapiteln) zum Trotz, hält der Quellenband aber durchaus, was er verspricht und erfüllt damit die beim Leser geweckten Erwartungen. Obwohl letzte Zweifel hinsichtlich der ursprünglichen Provenienz der "Lost Letters" nicht ausgeräumt werden können, ist es den Herausgebern gelungen glaubhaft zu machen, dass im hochmittelalterlichen England tatsächlich vergleichbare Briefe im Umlauf gewesen sein dürften. Umso wertvoller erscheinen nun diese Modellbriefe, die stellvertretend für die vielen Texte stehen, welche wegen ihres, aus damaliger Sicht geringen, Erhaltungswerts in ihrer ursprünglichen Form nicht erhalten geblieben sind. Der sorgfältig ausgearbeitete und ausführlich kommentierte Band, der seine Leser in die Zeit der Könige Richard Löwenherz und Johann Ohneland, der Magna Charta, und der Entstehung der Universität in Oxford entführt, macht einem breiten Publikum erstmals Texte zugänglich, die trotz ihres zunächst fiktiven Charakters und der damit verbundenen Schwierigkeiten nicht nur dem interessieren Laien, sondern vor allem auch der Forschung einen neuen Zugang zum hochmittelalterlichen England ermöglicht.


Anmerkung:

[1] So zuletzt, mit Blick auf das mittelalterliche England: The Plumpton Letters and Papers, hg. v. Joan Kirby (= Camden Fifth Series), Cambridge 2011; Letters from Redgrave Hall. The Bacon Family, 1340-1744, hg. v. Diarmaid MacCulloch (= Suffolk Records Society), Woodbridge 2008, oder die Paston Letters and Papers of the Fifteenth Century, Bd. 3, hgg. v. Richard Beadle und Colin Richmond (= Early English Text Society Supplementary; Bd. 22), Oxford 2005.

Laury Sarti