Rezension über:

Thomas Töpfer: Die "Freyheit" der Kinder. Territoriale Politik, Schule und Bildungsvermittlung in der vormodernen Stadtgesellschaft. Das Kurfürstentum und Königreich Sachsen 1600-1815 (= Contubernium. Tübinger Beiträge zur Universitäts- und Wissenschaftsgeschichte; Bd. 78), Stuttgart: Franz Steiner Verlag 2012, XIV + 482 S., ISBN 978-3-515-10042-7, EUR 74,00
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Rezension von:
Julian Kümmerle
Eberhard Karls Universität, Tübingen
Redaktionelle Betreuung:
Sebastian Becker
Empfohlene Zitierweise:
Julian Kümmerle: Rezension von: Thomas Töpfer: Die "Freyheit" der Kinder. Territoriale Politik, Schule und Bildungsvermittlung in der vormodernen Stadtgesellschaft. Das Kurfürstentum und Königreich Sachsen 1600-1815, Stuttgart: Franz Steiner Verlag 2012, in: sehepunkte 13 (2013), Nr. 12 [15.12.2013], URL: http://www.sehepunkte.de
/2013/12/22555.html


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Thomas Töpfer: Die "Freyheit" der Kinder

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Gelegentlich ist die Präzision, in welcher sich der Kreis von historischer Forschung und bildungspolitischer Gegenwartsdiskussion zu schließen scheint - sei dies intendiert oder nicht - geradezu sinnfällig. "Gute Schulen", "guter Unterricht", überhaupt "gute Lehrer" - in Zeiten von PISA und Hattie [1], in welchen zudem "bürgerschaftliche Perspektiven für moderne Bildung und gute Schulen" [2] diskutiert werden, sind dies nicht nur Begriffe, welche en vogue sind, sondern auch Schlagworte, die ein Schlachtfeld ideologischer Grabenkämpfe markieren, das sich weit in das öffentlich Bewusstsein erstreckt.

Die Debatte um staatliches Handeln in der Bildungspolitik, Eltern- und Kinderinteressen, Bildungserfolg, ja mithin um gute Schulen und gute Lehrer ist indessen nicht neu. Sie gehört - mutatis mutandis - zum Grundbestand der historischen Forschung im Kontext der Bildungsgeschichte. Dies veranschaulicht eindrucksvoll die vorzustellende geschichtswissenschaftliche Studie von Thomas Töpfer. Die Frage nach konkurrierenden Unterrichtsformen, dem Unterrichtsgeschehen, nach der Wirkung normativer Neuregelungen im Bildungswesen und nicht zuletzt nach dem Verhältnis der Eltern zur Schule oder eben - auch und gerade - der gegenüber staatlichen Maßnahmen von den Eltern reklamierten Freiheit: das sind in Töpfers im Jahr 2009 von der Universität Leipzig als Dissertation angenommenen, von Manfred Rudersdorf betreuten Arbeit eben keine Fragen an die Gegenwart, sondern Fragen an die Geschichte.

Im Zentrum des wichtige Impulse von Wolfgang Neugebauers Pilotstudie [3] aufnehmenden Erkenntnisinteresses des Autors steht das mitunter spannungsreiche Verhältnis von lokaler Schulentwicklung und territorialer Politik im Kurfürstentum bzw. Königreich Sachsen in der Zeit von 1600 bis 1815. Zwei miteinander verflochtene Leitfragen stehen dabei im Vordergrund, sie verdeutlichen den systematischen und epochenübergreifenden Innovationscharakter der Studie.

Zunächst geht es um die Handlungsmotive, Einflussmöglichkeiten und -grenzen des landesherrlichen bzw. staatlichen Schulregiments auf normativer Ebene. Töpfer setzt dabei fünf zeitliche Schnitte, in welchen er dieser ersten Frage nachgeht: Erstens die Herausbildung des landesherrlichen Kirchen- und Schulregiments bis zum Dreißigjährigen Krieg, zweitens der Wiederaufbau des Schulwesens nach dem Dreißigjährigen Krieg und die Generalvisitation von 1670-1675, drittens die Genese schulgesetzlicher Normierungsmaßnahmen um 1700, viertens der Wiederaufbau des Schulwesens nach dem Siebenjährigen Krieg und die Erarbeitung der Schulordnung von 1773 sowie fünftens die politische Debatte um eine Revision der schulgesetzlichen Verfassung des Landes um 1800. Da sich Töpfers Interesse nicht allein auf die normativen Quellen richtet, kommt in einem eigenen Abschnitt auch, als biographischer Exkurs, mit dem Vizepräsident des Dresdner Oberkonsistoriums, Peter von Hohenthal, einer der zentralen Gestalter des sächsischen Kirchen- und Schulwesens im 18. Jahrhundert in den Blick.

Die zweite Leitfrage konzentriert sich auf die konkreten Strukturbedingungen schulischer Bildungsvermittlung nach dem Dreißigjährigen Krieg. In exemplarischer Auswertung von Visitationsprotokollen wird die Abhängigkeit des lokalen Schulwesens vom sozialen, wirtschaftlichen und kulturellen Differenzierungsgrad der Städte gezeigt. In einem eigenen Hauptkapitel (Kapitel III) werden dann die lokalen Schulstrukturen um 1700 anhand von Fallbeispielen analysiert. Dies geschieht mit dem Ziel, das Spektrum der öffentlichen und privaten Unterweisung von Kindern in der frühneuzeitlichen Stadtgesellschaft zu erläutern.

Töpfer ist beizupflichten, wenn er feststellt, dass eine forschungsmäßig - übrigens in Vergangenheit und Gegenwart - so schwierig in den Griff zu bekommende Kategorie wie die "Schulwirklichkeit vor Ort" (22) auf Grund der Vielzahl und Heterogenität der Quellen die sensible Anwendung eines differenzierten methodischen Instrumentariums bedarf, ja zudem vom interpretierenden Historiker ein multiperspektivisches Vorgehen verlangt. So wird denn auch das Handeln der mit der Schulaufsicht befassten Akteure verfassungs- und verwaltungsgeschichtlich in den Blick genommen und gerade das im Zentrum des Interesses stehende Problem des Schulalltags sowie des Verhältnisses von Eltern und Lehrern alltags- und mentalitätsgeschichtlich untersucht. Besonders im Falle Leipzigs gelingt dies auch eindrücklich. Hier kann auf Grundlage einer besonders günstigen Quellenlage die Entwicklung des Winkelschulwesens vom ausgehenden 17. bis zum frühen 19. Jahrhundert vielseitig dargestellt werden. Dabei wird u.a. deutlich, dass lokale Faktoren für den Modernisierungsprozess schulischer Institutionen stärker als bisher berücksichtigt werden sollten. Dies heißt aber auch, dass bei negativem normativen Befund hinsichtlich der erwarteten Bildungsreformen nicht auf veraltete Strukturen und Inhalte geschlossen werden kann. Für eine adäquate historische Beurteilung des Elementarschulwesens der Frühen Neuzeit ist der normative wie gestalterische Vorrang der lokalen vor der territorialen Ebene zu betonen.

Es ist indessen als die eigentliche Leistung Töpfers herauszustellen, den bisher in der bildungsgeschichtlichen Forschung weitgehend vernachlässigten Bereich des städtischen Elementarschulwesens, zumal der privat-gewerblichen Winkelschulen, nicht nur hinsichtlich der sozialen Stellung, der Funktionsmechanismen und des Unterrichtsalltags untersucht zu haben, sondern auch wesentlich zu dessen historischer Würdigung beizutragen. So verdeutlicht Töpfer, dass die öffentlichen Schulen in den Städten und die privaten Winkelschulen nicht prinzipiell konkurrierten, sondern sich durchaus ergänzen konnten. Die Winkelschulen waren eine tragende Säule der Elementarbildung, die Stadtschulen hier durchaus defizitär. Töpfer leistet somit einen fundamentalen Beitrag, die Vielfalt des elementaren Bildungswesens durch eine vielseitige Quellenanalyse zu beleuchten und durch seine "sozialgeschichtliche Physiognomie" des städtischen Massenphänomens (219) der Winkelschulen deren Schattenexistenz zu beenden. Städtische Elementarbildung war in der Frühen Neuzeit ohne die Winkelschulen undenkbar. Unser Bild vom frühneuzeitlichen Bildungswesen ist ohne ihre Einbeziehung und Würdigung schlicht unzureichend. So betont Töpfer völlig zu Recht, dass eine klare Trennung zwischen gelehrten und elementaren Bildungseinrichtungen der vormodernen Schulwirklichkeit nicht gerecht wird und eine solche Dichotomie vielmehr aus einer modernen Fehlperzeption resultiert.

Töpfers Studie bietet methodisch und konzeptionell - natürlich - keine "Totalgeschichte" des sächsischen Stadtschulwesens in der Frühen Neuzeit. Mit der Fokussierung auf Leipzig und Dresden sowie dem profilierenden Vergleich Sachsens mit ausgewählten Territorien des Heiligen Römischen Reichs deutscher Nation kann und will sie dies auch nicht. Vielmehr geht es dem Autor um eine epochenübergreifende, multiperspektivische Problemgeschichte zum Verhältnis von territorialer Politik und regionaler Schulentwicklung, die nicht alles bis ins letzte Detail zu klären und erörtern vermag.

Bei aller zwangsläufigen Selektivität und Partialität einer vielschichtigen Studie wie der vorliegenden kann Töpfers Arbeit als differenzierte, auf breitem Quellenfundament stehende Forschungsleistung, die zugleich als wohltuend unprätentiöse Narration durch sorgfältig abwägende, generalisierende Aussagen zu überzeugen weiß, nicht nur unsere Wahrnehmung des historischen Bildungswesens der Frühen Neuzeit schärfen, sondern auch die Perspektive der historischen Bildungsforschung insgesamt erweitern.


Anmerkungen:

[1] John Hattie: Visible Learning. A Synthesis of Over 800 Meta-Analyses Relating to Achievement, London 2009.

[2] Birger Hartnuß u. a. (Hgg.): Schule der Bürgergesellschaft. Bürgerschaftliche Perspektiven für moderne Bildung und gute Schulen, Schwalbach / Ts. 2013.

[3] Wolfgang Neugebauer: Absolutistischer Staat und Schulwirklichkeit in Brandenburg-Preußen, Berlin / New York 1985.

Julian Kümmerle