Rezension über:

Robert Feustel: Grenzgänge. Kulturen des Rauschs seit der Renaissance, München: Wilhelm Fink 2013, 335 S., ISBN 978-3-7705-5475-1, EUR 39,90
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Rezension von:
Ulrich Brieler
Universität Leipzig
Redaktionelle Betreuung:
Maximilian Schochow
Empfohlene Zitierweise:
Ulrich Brieler: Rezension von: Robert Feustel: Grenzgänge. Kulturen des Rauschs seit der Renaissance, München: Wilhelm Fink 2013, in: sehepunkte 13 (2013), Nr. 11 [15.11.2013], URL: http://www.sehepunkte.de
/2013/11/23383.html


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Robert Feustel: Grenzgänge

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In der Spektakelgesellschaft des 21. Jahrhunderts ist der Rausch ein zwiespältiges Ding. Als kulturindustrieller Kick und auf den Kunden zugeschnittener Stoff jederzeit im Angebot kommt ihm gleichzeitig keine frohe Botschaft zu. Der Rausch verspricht nichts mehr: keine tiefe Wahrheit, keine existentielle Einsicht, kein Aufleuchten einer anderen Gesellschaft. Der Rausch ist Teil des Getriebes geworden.

Dass dies nicht immer so war, dass der Rausch einst einer Verheißung gleichkam, ist nicht die geringste historische Erkenntnis, die dem Buch Robert Feustels "Grenzgänge. Die Kulturen des Rauschs seit der Renaissance" zukommt. Aber der Reihe nach.

Beginnen wir mit dem Einfachsten: Existiert der Rausch? Aber selbstverständlich! Nur: Er besitzt keinen invarianten Kern. Was der Rausch "ist", entscheidet sich im Gefüge der historischen Realitäten, in denen er erscheint. Was der Rausch damit "nicht ist": eine historische Universalie, ein Identisches. Ein anonymer Quartalstrinker im 16. Jahrhundert ist nicht derselbe wie ein Hemingway im 20. Jahrhundert. Eine Rauscherfahrung im frühen 19. Jahrhundert hat nichts gemein mit den Drogenerfahrungen der Sixties. Thomas de Quincey und Janis Joplin reden von verschiedenen "Dingen". Der Rausch ist ein historischer Gegenstand par excellence.

Kann man über den Rausch reden? Schwierig! Der Rausch hat keine Worte. Er kann nicht sprechen. Feustel beginnt seine Genealogie keinesfalls zufällig mit dem Experiment des US-Journalisten Hunter S. Thompson, der seine Rauschzustände akustisch mitzuschneiden versuchte. Das Ergebnis war enttäuschend.

Über den Rausch kann man nur in nüchternem Zustand reden, jenseits der vollzogenen Erfahrung. Der Rausch verankert sich daher in einer "epistemischen Ordnung" (142), die ihn sagbar macht. Feustel skizziert die "Rauschnarrative" (16) dieses quecksilbrigen Gegenstands, indem er zum einen die Diskurse von Medizin, Psychologie, Naturwissenschaften, Philosophie und Literatur zueinander bringt. Zum anderen, um dem dummen Dualismus von Diskurs und Welt zu entgehen, die exklusive Erscheinung des Rausches an zwei Realitäten knüpft: Der Rausch spricht von einer besonderen "Erfahrung" und von einer "Grenzüberschreitung" (14f.).

So entstehen vier Zeiträume einer Archäologie des Rausches: die frühe Neuzeit, das 19. Jahrhundert, das frühe 20. Jahrhundert und die nordamerikanischen Drogendiskurse der Sixties. Den Abschluss bilden Überlegungen zur Zukunft der Rauscherfahrung in unserer Ära der Optimierung des Humankapitals.

Im ersten Kapitel wird der Rausch als bloße Trunkenheit dechiffriert. In der Fest- und Karnevalskultur der frühen Neuzeit fungiert der Rausch als eine menschliche Torheit, die, etwa bei Erasmus von Rotterdam, als Spiegel der Seele Sympathie erfährt oder, weitaus zahlreicher, von den Moralaposteln verdammt wird. Der Rausch verweist auf eine starke Gemütsschwäche, die sündig-dämonischen Kräften Tür und Tor öffnet. Der Rausch stellt noch keinen exklusiven Erfahrungsraum von Subjektivität dar. Erst mit dem Auftauchen aufklärerischer Konzepte von Cogito und Rationalität verändert sich diese Konstellation.

Das zweite Kapitel zu den "Rauschdiskursen im 19. Jahrhundert" berichtet von dieser Geschichte, in der sich eine besondere Dialektik der Aufklärung niederschlägt. Für das mündige Subjekt wird der Rausch zum Kampffeld. Einerseits wird er medizinisiert und psychologisiert: Halluzinationen, geistige Verwirrungen und schlafende Vernunft bedrohen die eben gewonnene Vernunftautonomie. Andererseits beginnt der Prozess der Überschreitung. Je weiter das Jahrhundert voranschreitet, umso mehr gewinnt das Lob des Taumels, des dionysischen Rausches, der Nacht des Bewusstseins an Kraft und Attraktivität. Ein grundlegender "epistemischer Bruch" (145) vollzieht sich, der die Erfahrungsmöglichkeiten des Subjekts ständig ausweitet. Jetzt "explodiert" (142) der Rauschdiskurs und bringt die uns Zeitgenossen vertraute Figur der Drogenerfahrung als Bewusstseinserweiterung hervor.

Das dritte Kapitel verfolgt die Radikalisierung dieser Dialektik. Medizin und Psychiatrie entdecken "Sucht" und "Abhängigkeit" und beschwören den drohenden Ich-Zerfall. Philosophie und Literatur forcieren den Willen zur Überschreitung. In der Lebensphilosophie wird der Rausch die Rückkehr zum eigentlichen Leben, im Surrealismus die Garantie einer grundlegenden anderen Gesellschaft. Walter Benjamin zielt darauf, "die Kräfte des Rauschs für die Revolution zu gewinnen". Der Rausch ist in einer Wirklichkeit angekommen, die eine total andere werden soll.

Diesen Strang untersucht das vierte Kapitel für die USA der 50er und 60er Jahre des 20. Jahrhunderts. Hier begegnen sich medizinisch-psychiatrische Untersuchungen, die der Wunderdroge LSD therapeutische Qualitäten attestieren, und neue Drogenerfahrungen der Beatnik-Generationen, die dem puritanischen Alltag entkommen wollen. Im psychodelischen Diskurs der Gegen-Kultur 60er Jahre finden beide zusammen und erzeugen die enorm wirkmächtige Idee einer "Politik der Ekstase" (Timothy Leary). Hier schreibt Robert Feustel ein starkes Kapitel einer Geschichte von 68, das weitgehend in Vergessenheit geraten ist.

Damit könnte es sein Bewenden haben. Aber Feustels Studie will mehr. Sie ist eine Geschichte der Gegenwart, die aus ihrem historischen Wissen Nutzen für die Aktualität gewinnen will. Also entwickelt er in einem abschließenden Kapitel Überlegungen zum Drogengebrauch im Zeitalter der Biopolitik und der neoliberalen Subjektivitäten. Feustel erinnert zunächst an die Drogenbekenntnisse der beinahe vergessenen Techno- und Ravebewegungen, quasi die psychodelischen Diskurse der 60er Jahre als Farce. Schon hier tut sich eine überaus interessante Mixtur von (frei)zeitlich begrenztem Rausch und alltäglichem Konformismus auf. In der Nacht abgedreht und am Tag ferngelenkt.

Exakt diese Verbindung zeichnet jüngste Narrative aus, die sich um die Kreativität und die Ausschöpfung aller Kräfte im Subjekt sorgen. Feustels Rekonstruktionen haben die Erzählungen zum "master brain" im Auge. Es könnte ertragreicher sein, nach dem "average brain" zu schauen, das schon in der KITA biochemisch alltagstauglich gestimmt und getrimmt wird. Optimierung statt Ausbruch heißt die Parole der schönen neuen Drogenwelt des "human enhancement".

Robert Feustels Arbeit ist ein unzeitgemäßes Buch. Es holt historisch weit aus, ist theoretisch hoch reflektiert und verarbeitet ein immenses Quellenmaterial. Im Vergleich zu den grassierenden Spezialstudien, die sich im isolierten Gegenstand erschöpfen, gewinnt diese Arbeit ihre Qualität aus der diskursiven Fülle und der longue durée ihres Untersuchungszeitraums. Sie weiß aber auch um die Grenzen einer reinen Diskursgeschichte.

"Grenzgänge" schreibt daher nicht "die Geschichte des Rauschs" (20), wohl aber eine "Genealogie des modernen Rauschkonzepts" (15) und markiert sich damit deutlich in der Perspektive Michel Foucaults. Feustel hat Foucaults "Wahnsinn und Gesellschaft" und "Die Ordnung der Dinge" sehr genau gelesen. En passant liefert er so den Beweis, mit diesem Werkzeugkasten eine überzeugende Geschichte schreiben zu können. Feustels Arbeit ist eine überaus lehrreiche und belesene Studie über eine besondere Art und Weise, in der sich der abendländische Mensch sein Subjektkostüm schneidert, ein überaus lesenswertes Kapitel aus der Genealogie des Subjekts. Mehr kann man nicht verlangen.

Ulrich Brieler