Rezension über:

Irina Metzler: A Social History of Disability in the Middle Ages. Cultural Considerations of Physical Impairment (= Routledge Studies in Cultural History; 20), London / New York: Routledge 2013, 346 S., ISBN 978-0-415-82259-6, GBP 80,00
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Rezension von:
Olivier Richard
Département d'histoire, Université de Haute-Alsace, Mulhouse
Redaktionelle Betreuung:
Ralf Lützelschwab
Empfohlene Zitierweise:
Olivier Richard: Rezension von: Irina Metzler: A Social History of Disability in the Middle Ages. Cultural Considerations of Physical Impairment, London / New York: Routledge 2013, in: sehepunkte 13 (2013), Nr. 11 [15.11.2013], URL: http://www.sehepunkte.de
/2013/11/23252.html


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Irina Metzler: A Social History of Disability in the Middle Ages

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Seit einigen Jahren hat sich die disability history auch in der - vornehmlich angelsächsischen und deutschen - Mediävistik als Forschungsfeld etabliert, in Deutschland hauptsächlich mit dem homo-debilis-Projekt an der Universität Bremen. Die in Swansea tätige Autorin dieses Bandes hat mit ihrer 2006 erschienenen Dissertation [1] sowie mehreren wichtigen Artikeln einen wichtigen Teil dazu beigetragen. Mit diesem Band wagt Irina Metzler die allererste Gesamtdarstellung zur Behinderung im Mittelalter.

In der Einleitung macht Metzler klar, dass eine Sozialgeschichte zu diesem Thema schwierig zu schreiben sei - nicht zufällig wurden in der disability history des Mittelalters bisher vor allem literarische bzw. hagiographische Quellen herangezogen. Die archivalischen Quellen sind nämlich extrem verstreut; darüber hinaus gibt es für das Mittelalter praktisch keine Selbstzeugnisse von Personen mit Beeinträchtigungen. Dabei werden doch gerade sie von den disability studies bevorzugt - mit dem Ziel, die betroffenen Personen sprechen zu lassen. Das Mittelalter kennt keine Kategorie "Behinderung". Die moderne Terminologie hilft auch nicht weiter, so dass Metzler die in den disability studies gängige Unterscheidung zwischen "impairment" (Beeinträchtigung), womit auf die anatomische oder medizinische Situation verwiesen wird und "disability" (Behinderung), die die soziale und kulturelle Konstruktion bezeichnet, übernimmt. Zentral in ihrem Buch ist außerdem der Begriff der Liminalität, der die Situation der Personen mit Beeinträchtigungen bezeichnet, welche sozial weder ganz ausgeschlossen noch integriert sind und medizinisch weder als krank noch als gesund gelten, sondern an der "Schwelle" verharren müssen.

Das Buch ist in vier Kapitel gegliedert, die den Themen Justiz, Arbeit, Altern und Fürsorge gewidmet sind. Im ersten Kapitel behandelt Metzler ausschließlich die Verstümmelungsstrafen. Die mittelalterliche Justiz produzierte nämlich in wahrscheinlich nicht geringer Anzahl beeinträchtigte oder gekennzeichnete Körper. Damit hingen nicht zuletzt religiöse Vorstellungen zusammen, wie die zahlreichen Blendungen in den Heiligenviten bezeugen. Metzler verzichtet auf eine ohnehin unmögliche Quantifizierung dieser Praktiken (12), die im Spätmittelalter offensichtlich häufiger wurden. So wurden beeinträchtigte Körper so sehr mit der Bestrafung von Kriminalität in Verbindung gebracht, dass sich viele Leute attestieren lassen mussten, nicht etwa durch eine Strafe, sondern von Geburt an bzw. nach einem Unfall beeinträchtigt zu sein. Obwohl die Verstümmelungsstrafen enorm aussagekräftig sind, ist zu bedauern, dass Metzler nur diesen Aspekt des Verhältnisses Behinderung-Justizwesen behandelt und beispielsweise den Schutz bzw. die Diskriminierung der Personen mit Behinderung im Ehe-, Erb- oder auch im Kirchenrecht und die Frage der Dispense für Kleriker mit einer Behinderung außer Acht lässt. Vermutlich wollte sie so Themen nicht wieder aufgreifen, die sie in ihrem ersten Buch bzw. in Aufsätzen bereits behandelt hat. Für die vorliegende Gesamtdarstellung ist dies jedoch unbefriedigend.

Das zweite Kapitel ("Work") zeigt, wie die Arbeit zur Produktion und Definition von behinderten bzw. validen Körpern beitrug und wie die "Behinderung" mit dem Wertesystem der Gesellschaft zusammenhängt. Nicht wie oft angenommen erst mit der Industrialisierung, sondern bereits seit dem 13. Jahrhundert sei die Bedeutung des eigenen Broterwerbs zentral für das Selbstwertgefühl des Einzelnen geworden - wie aus der Hagiographie bzw. aus Predigten zu entnehmen. Die arbeitsunfähig gewordenen Menschen wurden aber nicht im Stich gelassen. Viele Handwerksordnungen in England, wie auch in deutschen Städten, sahen eine Art Invalidenschutz vor. Eine negative Folge davon ist, dass Zünfte - genauso wie religiöse Orden - ihre Mitglieder nach ihrem gesundheitlichen Zustand auswählten, um nicht zur Verantwortung gezogen zu werden (63). Der Fortschritt bei der exakten Zeitmessung seit dem 14. Jahrhundert hatte zur Folge, dass die Arbeitsleistung auch auf der Grundlage der dafür benötigten Zeit gemessen wurde. Als die Arbeit weniger "task-oriented" als "time-oriented" wurde, sank die Attraktivität der Arbeiter mit Beeinträchtigung. Metzler schließt dieses Kapitel mit der Frage ab, ob es für Leute mit einer Beeinträchtigung "reservierte" Berufe gab und rechnet mit einigen Klischees ab - "freak shows" und Hofzwerge waren abgesehen von einigen seltenen Ausnahmen keine verbreiteten mittelalterlichen Phänomene.

Das dritte Kapitel befasst sich mit dem Altern, das die Frage nach der Grenze zwischen natürlichem Prozess und Pathologie stellt. Im Mittelalter habe die Angst bzw. der Ekel vor dem geistigen und körperlichen Verfall - besonders der Frauen - überwogen. Auch hier muss sich die Autorin mit Gemeinplätzen befassen, etwa, dass die geringe Zahl von alten Leuten im Mittelalter ermöglicht hätte, dass für sie gesorgt wurde (96), oder umgekehrt, dass Alte einfach getötet wurden (113). Vielmehr habe sich die Frage der Versorgung der älteren Menschen im Mittelalter gestellt. Während ältere, arbeitsunfähige Bauern ihr Landstück wieder abgeben mussten, sofern sie die Zinsleistungen nicht entrichten konnten, dienten viele Spitäler und nicht zuletzt Konvente als Altersheime. Als Fazit kann hervorgehoben werden, dass nicht die Anzahl der Lebensjahre an sich, sondern der geistige und körperliche Zustand ausschlaggebend war, um als altersbedingt "behindert" zu gelten.

In der Einleitung zum letzten Kapitel über die Fürsorge ("Charity") macht Metzler deutlich, dass sie nicht allgemein die Armen, sondern nur die körperlich beeinträchtigten Personen behandeln wolle - obwohl das mittelalterliche Vokabular sie häufiger unter dem Begriff "debiles" vereint und Arme in der Ikonographie sehr oft als körperlich beeinträchtigte Bettler repräsentiert wurden. Einerseits wurden Lahme und Blinde als legitime Bettler betrachtet, die als zu Recht Hilfe beanspruchen konnten; andererseits wurde geradezu obsessiv nach Simulanten gesucht, die ihre Behinderung nur vortäuschten. Mit diesem im Spätmittelalter wachsenden Argwohn dürften viele Arme mit einer Beeinträchtigung zu einem Leben am Rande der Legalität gezwungen worden sein. Außerdem belegen viele Quellen den Ekel vor den "Krüppeln", die dann gezwungen wurden, sich zu bedecken, um die anderen nicht zu belästigen.

In ihrer Schlussbetrachtung stellt Metzler fest, dass die von ihr mehrheitlich herangezogenen archivalischen Quellen eher auf eine Integration der Alten und Behinderten schließen lassen (203). Der Autorin gelingt es, mit dieser allerersten Gesamtdarstellung der disability history des Mittelalters die tradierte Vorstellung der grausamen Marginalisierung der Personen mit körperlichen Beeinträchtigungen zunichte zu machen. Die Gliederung des Buchs in vier sozialgeschichtliche Hauptthemen überzeugt. Selbstverständlich können verschiedene thematische Lücken bemängelt werden. So ist beispielsweise das familiäre Umfeld erstaunlich wenig präsent; die Geburt - mit der Frage der expositio - und die Kindheit hätten ebenfalls mehr Beachtung verdient gehabt.

Innerhalb der vier Kapitel wird die Lektüre dadurch erschwert, dass auf jegliche Unterteilung verzichtet wurde und Metzler eine unglaubliche Ansammlung von Beispielen anbietet. Offensichtlich schwankte die Autorin zwischen dem Wunsch nach Synthese und dem Drang, möglichst viele Quellen mit Zitaten für weitere Forschungen zu liefern (übrigens auch viele zum Frühmittelalter). Letzerer überwog schließlich und ist selbstverständlich auch eine große Stärke des Werks. Neben Metzlers Ausführungen lassen die 1448 Anmerkungen, 27 Seiten Literaturverzeichnis und der sehr nützliche Orts-, Namen- und Sachindex den Band zu einer unersetzlichen Basis für alle werden, die sich mit der Geschichte der Behinderung im Mittelalter befassen.


Anmerkung:

[1] Irina Metzler: Disability in medieval Europe: thinking about physical impairment during the high Middle Ages, c.1100-1400, London 2006.

Olivier Richard