Rezension über:

Sina Westphal: Die Korrespondenz zwischen Kurfürst Friedrich dem Weisen von Sachsen und der Reichsstadt Nürnberg. Analyse und Edition (= Kieler Werkstücke. Reihe E: Beiträge zur Sozial- und Wirtschaftsgeschichte; Bd. 10), Bern / Frankfurt a.M. [u.a.]: Peter Lang 2011, 689 S., ISBN 978-3-631-60952-1, EUR 99,80
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Rezension von:
Anne-Simone Rous
Forschungszentrum Gotha der Universität Erfurt (FGE)
Redaktionelle Betreuung:
Sebastian Becker
Empfohlene Zitierweise:
Anne-Simone Rous: Rezension von: Sina Westphal: Die Korrespondenz zwischen Kurfürst Friedrich dem Weisen von Sachsen und der Reichsstadt Nürnberg. Analyse und Edition, Bern / Frankfurt a.M. [u.a.]: Peter Lang 2011, in: sehepunkte 13 (2013), Nr. 11 [15.11.2013], URL: http://www.sehepunkte.de
/2013/11/22032.html


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Sina Westphal: Die Korrespondenz zwischen Kurfürst Friedrich dem Weisen von Sachsen und der Reichsstadt Nürnberg

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Die 2009 von der Christian-Albrechts-Universität Kiel angenommene Dissertation fügt sich nicht nur in die rege Forschungstätigkeit zur Reformationsgeschichte ein, sondern belegt einmal mehr, dass die Reichsstädte seit einiger Zeit in den Fokus der Stadtgeschichtsforschung gerückt sind.

Die Autorin geht der Frage nach, ob der sächsische Kurfürst eine "königsähnliche Rolle" (19) übernahm, um das Machtvakuum zu füllen, das die vorrangig auf die Außenbeziehungen des Reiches konzentrierte Politik Kaiser Maximilians verursacht hatte. Die engen Beziehungen zwischen Kurfürst Friedrich III. von Sachsen und der alten Reichsstadt lassen sich in vielerlei Hinsicht belegen. Als Dreh- und Angelpunkt erweist sich das vertrauensvolle Verhältnis zu dem Vordersten Losunger Anton Tucher, wovon die 446 edierten Briefe aus der Zeit von 1487 bis 1525 Zeugnis ablegen. Der Edition dieser Korrespondenz wird eine 172seitige Analyse vorausgeschickt. In ihr unterscheidet die Autorin die zwischen politischen, wirtschaftlichen und sozialen Kontakten und geht auf die Positionierung Friedrichs des Weisen in Fehden und Finanzpolitik ein. So zeigt sie, wie die Annäherung Nürnbergs an den mächtigsten Kurfürsten des Reiches der Stadt einen militärischen und politischen Beschützer garantierte, der sich in den Auseinandersetzungen mit den Markgrafen von Brandenburg-Ansbach oder in Fehden gegen die Reichsstadt als Mediator für Nürnberg einsetzte. Friedrich der Weise seinerseits konnte Nürnberg als Umschlagplatz für Nachrichten (26), als Handelszentrum (49) und Drehkreuz der Finanzmärkte nutzen, bekam vielfach Kredite von Nürnberg und konnte Zugeständnisse bei der Verpfändung durch den Kaiser genießen. Die guten Beziehungen zu der Reichsstadt schlugen sich auch darin nieder, dass die Münzprägungen des Kurfürsten dort erfolgten, obwohl bis 1519 die sächsischen Münzen selbst in Franken zum Schutz der dortigen Währung verboten waren (111).

Westphals Darstellung macht auch die Grenzen jener Beziehungen deutlich. Plausibel erörtert sie den Spagat des Kurfürsten zwischen seinen politischen Verpflichtungen gegenüber den erbvereinigten Fürsten und gegenüber der Stadt Nürnberg (78) und die Verteidigung seiner eigenen Interessen angesichts der Schulden Kaiser Maximilians (153).

Sorgfältig arbeitet die Autorin die Bedeutung personeller Beziehungen heraus, indem sie Anton Tucher einer Reihe anderer Kontaktpersonen gegenüberstellt. Latent werden auch Aspekte der Informationspolitik thematisiert und deren Praktiken unter den frühneuzeitlichen Bedingungen sichtbar gemacht. Die Autorin kommt zu dem Schluss, dass Friedrich III. nicht wie ein König, wohl aber als ein "Katalysator der Nürnberger Politik" agierte (167). So, wie Nürnberg politisch profitierte, konnte Friedrich im wirtschaftlichen Bereich und auf sozialer Ebene auch nach seinem Einflussverlust auf Reichsebene noch Nutzen ziehen. Hinsichtlich der Religionspolitik hinterfragt Sina Westphal einen Zusammenhang zwischen dem Kontakt zu Friedrich III. und der Einführung der Reformation in Nürnberg 1524/25.

Die sehr gut lesbare Darstellung wird gefolgt von einer für die fränkische wie sächsische Landesgeschichte sehr wertvollen Edition, die angesichts ihrer Sorgfältigkeit bei Regesten, Datierung und kritischem Apparat Maßstäbe setzt. Das umfassende Literaturverzeichnis sowie Orts- und Sachindex ermöglichen dem Leser einen guten Zugriff für die Suche und Vertiefung.

Die Analyse greift jedoch an manchen Punkten zu kurz. So fehlt eine biographische Kontextualisierung Kurfürst Friedrichs völlig und lässt sich aus dem Zusammenhang nur bruchstückhaft erschießen. Auf die Vorstellung der Nürnberger Akteure folgt somit keine adäquate Perspektive auf die in Sachsen tätigen Personen, wie z.B. den Kämmerer Degenhart Pfeffinger, und nur ansatzweise eine Problematisierung der innerwettinischen Konflikte. Auch ein kurzer Blick über die bilateralen Beziehungen hätte der Studie gut getan, um die Kontakte in Friedrichs Beziehungsnetzwerk einzuordnen. Die im Thema ruhenden Aspekte der aktuellen Geschichtsforschung hat die Autorin nicht aufgegriffen und auf eine Verknüpfung mit der Forschungsdiskussion verzichtet. Dabei hätten mehrere Ansatzpunkte für wissenschaftliche Exkurse bestanden, so beispielsweise bezüglich Kommunikationspolitik, Städtewesen, Patronage, Rangordnung, Konfliktmanagement, Verschuldung, Sozialnetzwerken und nicht zu vergessen die derzeit stark diskutierte Kategorie des Raumes. Nürnberg als Reichsstadt hätte auch eine Vorlage gegeben, um die boomende Stadtgeschichtsforschung im Allgemeinen und im Speziellen einzubinden. [1] Angesichts des Stellenwertes von Münzpolitik bei Kurfürst Friedrich hätten auch aktuellere Forschungen der Numismatik eingebunden werden können. [2] Auch eine fehlende Kontextualisierung Friedrichs III. innerhalb der "Fürsten an der Zeitenwende" ist zu beanstanden. [3] Kleinere Versäumnisse fallen dagegen weniger ins Gewicht, wie z.B., dass im Rahmen der Vermittlungsbemühungen zwischen Nürnberg und den Markgrafen von Brandenburg-Ansbach die herzlichen Beziehungen Friedrichs mit Kurfürst Johann Cicero und das dazugehörige Verlobungsprojekt Friedrichs 1493 übergangen wurden. [4] Schwerer wiegt jedoch, dass auf Quellen des Sächsischen Hauptstaatsarchives verzichtet wurde und nur die Weimarer Quellen Einzug gefunden haben.

Doch auch mit diesen Einschränkungen bietet der Band eine ausgezeichnete Übersicht der politischen und wirtschaftlichen Beziehungen zwischen Kursachsen und Nürnberg. Die sehr ansprechend gestaltete Edition bietet eine solide Basis für alle weiteren Forschungen. Sina Westphal ist hiermit die Aufarbeitung eines Forschungsdesiderates gelungen, die unter dem Strich als Quellenedition mit einleitender Analyse zu überzeugen weiß.


Anmerkungen:

[1] Christian Hochmuth / Susanne Rau (Hgg.): Machträume der frühneuzeitlichen Stadt (= Konflikte und Kultur - Historische Perspektiven; 13), Konstanz 2006; Ulrich Rosseaux: Städte in der Frühen Neuzeit, Darmstadt 2006; Carla Meyer: Die Stadt als Thema. Nürnbergs Entdeckung in Texten um 1500, Ostfildern 2009; Martin Schieber: Geschichte Nürnbergs, München 2007.

[2] Harm von Seggern / Gerhard Fouquet / Hans-Jörg Gilomen (Hgg.): Städtische Finanzwirtschaft am Übergang vom Mittelalter zur Frühen Neuzeit (= Kieler Werkstücke. Reihe E: Beiträge zur Sozial- und Wirtschaftsgeschichte; 4), Kiel 2008.

[3] Oliver Auge, u.a. (Hgg.): Fürsten an der Zeitenwende zwischen Gruppenbild und Individualität. Formen fürstlicher Selbstdarstellung und ihre Rezeption (1450-1550) (= Residenzenforschung; 22), Ostfildern 2009; Klaus Kühnel: Friedrich der Weise, Kurfürst von Sachsen - eine Biographie, Wittenberg 2006; Stefan Ehrenpreis / Ute Lotz-Heumann: Reformation und konfessionelles Zeitalter. Kontroversen um die Geschichte, Darmstadt 2002.

[4] Ingetraut Ludolphy: Friedrich der Weise. Kurfürst von Sachsen 1463-1525, Göttingen 1984/2006, 54.

Anne-Simone Rous