Rezension über:

Peter van den Brink / Bernd Wolfgang Lindemann (Hgg.): Cornelis Bega. Eleganz und raue Sitten, Stuttgart: Belser Verlag 2012, 292 S., ISBN 978-3-7630-2619-7, EUR 34,95
Inhaltsverzeichnis dieses Buches
Buch im KVK suchen

Rezension von:
Frauke Laarmann-Westdijk
The Open Universiteit in the Netherlands, Heerlen
Redaktionelle Betreuung:
Dagmar Hirschfelder
Empfohlene Zitierweise:
Frauke Laarmann-Westdijk: Rezension von: Peter van den Brink / Bernd Wolfgang Lindemann (Hgg.): Cornelis Bega. Eleganz und raue Sitten, Stuttgart: Belser Verlag 2012, in: sehepunkte 13 (2013), Nr. 11 [15.11.2013], URL: http://www.sehepunkte.de
/2013/11/21793.html


Bitte geben Sie beim Zitieren dieser Rezension die exakte URL und das Datum Ihres Besuchs dieser Online-Adresse an.

Andere Journale:

Diese Rezension erscheint auch in KUNSTFORM.

Peter van den Brink / Bernd Wolfgang Lindemann (Hgg.): Cornelis Bega

Textgröße: A A A

Die Publikation "Bega - Eleganz und raue Sitten" erschien 2012 als Katalog zur gleichnamigen Ausstellung in Aachen und Berlin. Es war die erste monografische Präsentation dieses Haarlemer Genremalers aus dem 17. Jahrhundert, der bisher sehr zu Unrecht vor allem einem kleinen Kreis von Spezialisten bekannt war. Ziel der Ausstellung und des vorliegenden Katalogs ist es darum, den Künstler einem breiteren Publikum zugänglich zu machen. Neben sechs einführenden Essays werden im Katalogteil 75 Werke Begas ausführlich besprochen, wovon etwa ein Drittel Zeichnungen und Radierungen sind. Der Leser erhält dabei einen umfassenden Eindruck von Leben und Werk des Meisters.

Cornelis Bega war nur eine kurze Karriere beschieden. Als Sohn der unehelichen Tochter des Haarlemer Historienmalers Cornelis Cornelisz van Haarlem wurde er um 1631/32 in das künstlerische Umfeld der Stadt hineingeboren. Nach seiner Lehrzeit bei dem Genremaler Adriaen van Ostade arbeitete er ungefähr zehn Jahre als selbständiger Meister bis zu seinem frühen Tod 1664 mit Anfang dreißig. In dieser Periode entwickelte er ein eigenständiges Œuvre, in dem er das Bauerngenre seines Lehrmeisters um delikate Darstellungen von Musikanten und koketten jungen Frauen in provokativer Kleidung erweiterte. Seine Kabinettstücke - die meisten Gemälde haben ein Format von circa 35 x 25 cm - belegen sein außerordentliches Können in der Wiedergabe verschiedenster Materialien. Neben der deutlichen Vorliebe für Draperien aus verschiedenen Stoffen war Bega ein exzellenter Maler von Musikinstrumenten und alchemistischen Utensilien. Dabei verwendete er eine sehr persönliche Farbpalette, die sich durch verschiedene Stufen von Grau-Braun und gebrochene Pastelltöne auszeichnet. Bernd Lindemanns Beitrag öffnet den Blick für Begas "ganz und gar künstlerische Entscheidung für eine Palette mit begrenztem Farbrepertoire in allerdings unendlichen Nuancen" (33). Ulrike Villwocks Analyse der Maltechnik vertieft das Verständnis für Begas Virtuosität. Den detailreich im Halbschatten dargestellten Räumlichkeiten und Personen haftet meistens eine eigene Melancholie an, unter anderem weil die vorgeführten Situationen sowie Mimik und Gestik der Figuren nicht eindeutig sind. Diese Undefinierbarkeit macht Begas Werk zum einen spannend, zum anderen schwer greifbar - ein Problem, mit dem die Autoren des Katalogs gerungen haben.

Der Katalog stellt sich ausdrücklich zwei Ziele: Zum einen wollen die Autoren dem Publikum die Augen für die Qualitäten dieses Malers öffnen, zum anderen soll der neueste Stand der Wissenschaft publiziert werden. Den Ausgangspunt für die Beschäftigung mit Bega bildete die Dissertation von Mary Ann Scott (Ann Arbor 1984), die auf Grund des frühen Todes der Autorin nie im Buchhandel erschienen ist. Neben den beiden Herausgebern hat ein ganzes Team von Wissenschaftlern neue Erkenntnisse und bisher unbekannte Werke zusammengetragen. Allein die 75 Katalogtexte sind von elf verschiedenen Autoren geschrieben und variieren in der Qualität. Auf Grund der unterschiedlichen Betrachtungsweisen bieten sie jedoch ein spannungsreiches und vor allem nicht eindeutiges Bild. Problematisch ist vor allem die Deutung der Bildinhalte. Hier zeigen sich deutliche Differenzen zwischen den verschiedenen Autoren. Peter van den Brink folgt durchweg der traditionellen emblematischen Interpretationslinie, die in den Genreszenen mit Männern und Frauen in einem Raum moralisch verwerfliche Bordellszenen, Darstellungen unmäßiger Trunksucht in Wirtshäusern oder unbeherrschten und damit unzivilisierten Handelns sieht. Demnach wären die Werke Begas, entsprechend des von Eddy de Jongh propagierten Mottos 'Tot lering en vermaak', zur Erziehung des Betrachters gedacht und erst danach zum Vergnügen. Damit vernachlässigt Van den Brink jedoch die bereits von Begas Lehrmeister Adriaen van Ostade vollzogene Entwicklung im Bauerngenre. Seit der Mitte des Jahrhunderts wurde das Landvolk weit weniger als unzivilisierter Kontrapunkt zur bürgerlichen Gesellschaft dargestellt. Ebenso wird die neuere Forschung zu Darstellungen musizierender junger Leute (Kolfin 2005) nicht reflektiert, wonach Musik durchaus zum normalen Leben gehörte. Andere Autoren des Katalogs sind weitaus vorsichtiger in ihren Interpretationen und betonen die inhaltliche Ambivalenz von Begas Darstellungen. Hieraus ergibt sich die Frage, welches Publikum der Künstler mit seinen Werken bediente.

Für zwei der einleitenden Essays zeichnet Pieter Biesboer verantwortlich. Zum einen skizziert er die Biografie Begas, zum anderen legt er die Entwicklung der Genremalerei in Haarlem in der Periode von 1610 bis 1685 dar. Diese Übersicht ist zu grob gezeichnet, um Bega darin gut verorten zu können. Die Fülle von Namen und Daten in der Biografie vermittelt vor allem den Eindruck, dass die Haarlemer Künstler alle miteinander verwandt oder verschwägert waren. Ein Stammbaum hätte zur Übersichtlichkeit beigetragen und auch einen häufig vorkommenden Übersetzungsfehler aus dem Niederländischen vermeiden können. Dann wäre deutlich geworden, dass Johannes van Rhijn, den Cornelis Begas Schwester Aeltgen Bega als ihren Testamentsvollstrecker einsetzte, nicht ihr Neffe, sondern ihr Vetter war (25). In beiden Artikeln lässt sich keine Antwort auf die Frage finden, an welches Publikum sich Begas Werke richteten. Biesboer stellt fest, dass im 17. Jahrhundert nur wenige Bewohner Haarlems sowie einige andere hochrangige Kunstliebhaber im Rest des Landes nachweislich Werke von Bega besaßen. Die Frage, ob Bega mit seinen Sujets ein erfolgreicher Maler war, das heißt, ob er mit seinen Werken seinen Lebensunterhalt verdienen konnte, oder ob er sich aufgrund seines ererbten Vermögens leisten konnte zu malen, was er wollte, wird nicht problematisiert.

Die große Aufmerksamkeit, die dem zeichnerischen Werk des Künstlers zuteil wird, ist zu loben. Baukje Coenen gibt eine enthusiastische Einführung in die Vielfältigkeit des grafischen Œuvres und hat die meisten Katalognummern zu den Zeichnungen geschrieben. Neben den zu erwartenden Vorstudien hat Bega auch eine Reihe von Werken auf Papier geschaffen, deren Funktion nicht eindeutig zu klären ist. Bei seinen voll ausgearbeiteten Studien könnte es sich auch um selbstständige Kunstwerke handeln. Aber auch hier wird die Frage nach dem Absatz der Werke nicht gestellt.

Erreicht die Publikation erfolgreich ihr doppeltes Ziel? Nach der Lektüre kann man nicht umhin, die Qualitäten des Meisters zu erkennen. Durch die großformatigen Abbildungen in guter Qualität bietet das Buch einen repräsentativen Einblick in die Vielfältigkeit von Begas Werk und die außerordentlichen Fähigkeiten des Malers. Die in der Ausstellung präsentierten Kabinettstücke sind in nahezu Originalgröße abgebildet. Hiermit hat nicht nur der Besucher eine schöne Erinnerung, auch bietet der Katalog bisher nicht mit dem Werk Begas Vertrauten und dem Fachpublikum damit einen guten Ausgangspunkt für weitere Entdeckungen. Aus den Textbeiträgen lässt sich jedoch kein eindeutiges Bild des Künstlers erschließen. Seine Werke bleiben rätselhaft, ebenso wie seine Position auf dem Haarlemer Kunstmarkt. Das interessierte Kunstpublikum hat hiermit einen brillant sein Fach beherrschenden Meister des holländischen 17. Jahrhunderts hinzugewonnen; der Kunstgeschichte ist eine Reihe neuer Fragen gestellt.

Frauke Laarmann-Westdijk