Rezension über:

Antonio Foscari: Andrea Palladio. Unbuilt Venice, Baden: Lars Müller Publishers GmbH 2010, 288 S., ISBN 978-3-03778-222-4, EUR 39,90
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Rezension von:
Barbara Uppenkamp
Universität Kassel
Redaktionelle Betreuung:
Julian Jachmann
Empfohlene Zitierweise:
Barbara Uppenkamp: Rezension von: Antonio Foscari: Andrea Palladio. Unbuilt Venice, Baden: Lars Müller Publishers GmbH 2010, in: sehepunkte 13 (2013), Nr. 11 [15.11.2013], URL: http://www.sehepunkte.de
/2013/11/18765.html


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Antonio Foscari: Andrea Palladio

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Antonio Foscari hat bereits mehrere Bücher zu Palladio vorgelegt, darunter vor Kurzem eine Monografie über die Villa Malcontenta, die der Autor heute bewohnt. [1] In seiner Publikation "Unbuilt Venice" befasst er sich mit Palladios nicht verwirklichten Plänen für Bauten in Venedig und auf der Terraferma. Foscari verwendet viel Sorgfalt auf die Darstellung der sozialen Vernetzung Palladios mit seinen Auftraggebern. Er macht plausibel, dass Palladios Karriere von den verwandtschaftlichen Verflechtungen der venezianischen Patrizierfamilien ebenso abhängig war wie von ihren politischen Beziehungen. Einen ähnlichen Weg hat bereits Tracy E. Cooper in ihrem 2005 erschienenen Band "Palladio's Venice" betreten. [2] Foscari nimmt in der Einleitung die historischen Umstände und politischen Allianzen in den Blick, welche die Stadtrepublik im sechzehnten Jahrhundert prägten. Er beschreibt die konfliktgeladene Situation im ersten Drittel des Jahrhunderts, als Venedig zwischen größeren Mächten, wie dem Kaiser, dem Papst und dem ottomanischen Reich, eine eigene Position behaupten musste. Dabei fragt er nach den Vorbildern der spezifisch venezianischen Architektur in der Nachfolge des byzantinischen Reiches, nachdem Konstantinopel an die Türken gefallen war. So wurden Bezugnahmen auf die römische Antike nur zögernd gewagt, da Venedig sich lange in Opposition zum päpstlichen Rom befand. Das Verhältnis zum Kaiser und zum Papst änderte sich nach der Schlacht bei Lepanto und Foscari legt nahe, dass erst dieses Ereignis die Entstehung einer antiquarisch ausgerichteten Architektur in Venedig ermöglichte.

Von unbestrittener Bedeutung ist die erste Romreise Palladios, die er 1545 zusammen mit seinem Gönner Giangiorgio Trissino unternahm. Bemerkenswerterweise zeichnete Palladio dabei keine modernen Bauten, obwohl es zu dieser Zeit bereits eine lange Tradition der Rekonstruktion antiker Architektur gab, die sich fruchtbar auf das römische Baugeschehen auswirkte. Allerdings muss er von Bramantes Nymphäum in Genazzano und von Raffaels Villa Madama Kenntnis genommen haben, da er später in seinen Entwürfen für venezianische und vicentinische Villen auf diese Vorbilder zurückgriff. So nimmt die von den Bädern des Diocletian inspirierte Zeichnung RIBA XVII/ 15r die Serliana-Öffnungen von Bramantes Nymphäum auf (35-37). Die genaue Zuordnung dieser Zeichnung ist bisher ungeklärt. Howard Burns wies bereits 1973 darauf hin, dass es sich um eine Doppelvilla mit Zwillingsappartements handeln könne, die er versuchsweise mit der Villa Thiene bei Quinto identifizierte. [3] Foscari bringt diese Zeichnung mit der Villa für die Familie Contarini in Verbindung und folgt damit einem Vorschlag von Guido Beltramin. [4] Demnach gibt sie einen Entwurf für die Zwillingsbrüder Paolo und Pietro Contarini wieder. Die bei Piazzola sul Brenta liegende Villa ist zwar heute durch Umbauten verändert, doch ihre Maße passen zu den Angaben auf der Zeichnung, die in der ersten Bauphase um 1540 entstanden sein muss.

Von den unverwirklichten Projekten Palladios fallen die meisten in die Zeit zu Beginn seiner Karriere. Als Architekt befasst sich Foscari mit möglichen Verwirklichungen dieser Projekte. Er ordnet sie bestehenden Bauten zu und überlegt, wie diese Bauten ausgesehen hätten, wenn sie verwirklicht worden wären. Foscari zufolge widersprach Palladio mit seinen klassischen Entwürfen einem auf die Einhaltung traditioneller Bauformen bedachten Senat, der das venezianische Stadtbild vor allzu großen, römisch anmutenden Veränderungen bewahren wollte. Dies sei anhand zweier Beispiele erläutert, die jeweils ein Triumphbogenmotiv enthalten. Palladio plante im Auftrag Leonardo Mocenigos einen Umbau der Kirche Santa Lucia für ein prunkvolles Grabdenkmal (142-144). Zugleich sollte der Palast der Familie Mocenigo auf die Kirche mit der Familiengrablege ausgerichtet werden. Palladios Entwurf eines antiken Triumphbogens, der an Größe und öffentlicher Wirkung den Triumphbogen Sansovinos für die Kirche San Giuliano weit übertroffen hätte, war Foscari zufolge so provokativ, dass der venezianische Senat Mocenigo sofort auf einen entfernten Botschafterposten versetzte, um die Verwirklichung zu verhindern.

Das zweite Beispiel betrifft die Entwürfe Palladios für den Wiederaufbau des Dogenpalastes nach dem großen Brand 1577 (225-236). Foscari rekonstruiert auf der Basis von Palladios Zeichnungen und den Erläuterungen zu seinen Wiederaufbauplänen einen von der Idee der antiken Basilika inspirierten Palast mit Kolossalordnung. Auf der zur Piazzetta weisenden Seite hätte sich dann ein riesiger Triumphbogen befunden, der den Blick in den Hof des Dogenpalastes gelenkt hätte. Im Hof des Palastes hätte ein weiterer Triumphbogen dieses Motiv wieder aufgenommen. Der zum Bacino weisende Flügel hat in Foscaris Rekonstruktion ein rustiziertes Sockelgeschoss mit Pfeilerarkaden. Darüber sollte sich eine, das erste und zweite Obergeschoss verbindende, korinthische Kolossalordnung erheben, die ein klassisches Gebälk tragen sollte.

Als Architekt arbeitet Foscari auf der Grundlage der Zeichnungen und Entwürfe Palladios, die sich heute hauptsächlich im British Institute for Architecture befinden. Die meisten dieser Zeichnungen wurden von Howard Burns bereits 1975 besprochen. [5] Foscaris Verfahren kommt dem Verfahren nahe, das Palladio selbst bei der Rekonstruktion antiker Bauten auf dem Papier angewandt hatte. Es basiert auf der Interpretation von Zeichnungen, auf dem Vergleichen von Maßen und auf der Einfügung des Bauwerkes in die Struktur der existierenden Stadt. Bei den erhaltenen Zeichnungen stammt allerdings nur ein Teil von der Hand Palladios selbst. So ist die Zuschreibung einer großen Präsentationszeichnung in der Devonshire Collection in Chatsworth an Palladio durchaus strittig. Foscari bringt sie mit Plänen für den Bau eines neuen Rathauskomplexes auf der Terranova für die Zeit der Wiederherstellung des Dogenpalastes nach dem Brand von 1577 in Verbindung (219-225). Er folgt dabei der Zuschreibung von Howard Burns, jedoch ist diese Zeichnung von Giorgio Bellaviti 2009 auch Vincenzo Scamozzi zugeschrieben worden und Loredana Olivato schrieb sie 1980 dem weniger bekannten Francesco Zamberlan zu. [6]

Antonio Foscari wendet sich mit seinem Buch eher an den gebildeten Leser als an ein Fachpublikum. So enthält der Band keinen wissenschaftlichen Anmerkungsapparat, sondern lediglich ein Abbildungsverzeichnis und anstelle einer Bibliografie eine Liste der eigenen Publikationen des Autors. Die einzigen Textanmerkungen sind Zitate aus oder Hinweise auf Palladios eigene Schriften. Anstelle einer Kapitelgliederung verweisen Marginalien auf die jeweils behandelten Bauten und Entwürfe. Damit greift die Gestaltung des Buches auf Elemente der Buchgestaltung des sechzehnten Jahrhunderts zurück. Ungewöhnlich ist die Verwendung kleiner Schwarz-Weiß-Bilder am unteren Textrand. Nicht alle dieser briefmarkengroßen Abbildungen finden sich mit korrekten Unterschriften auf den Farbtafeln wieder. Es fällt schwer, dieses Buch in die stetig wachsende Palladio-Literatur einzuordnen, da Foscari durchaus diskussionswürdige Meinungen zu strittigen Fragen vertritt, es für unbedarfte Leser jedoch schwierig sein dürfte, die jeweiligen Positionen mit denjenigen anderer Autoren abzugleichen.


Anmerkungen:

[1] Antonio Foscari: Tumult and Order, Baden 2012; Antonio Foscari: Frescos in the Rooms of Palladio, Baden 2013.

[2] Tracy E. Cooper: Palladio's Venice. Architecture and Society in a Renaissance Republic, New Haven / London 2005.

[3] Howard Burns: I disegni, in: Renato Cevese (ed.): Mostra del Palladio, Vicenza, Basilica Palladiana 30 Mai-4 November 1973, Milano 1973, 149.

[4] Guido Beltramin, in: Charles Hind / Irena Murray (eds.): Palladio and His Legacy. A Transatlantic Journey, Venedig 2010, 75-77.

[5] Howard Burns: Andrea Palladio 1508-1580: the portico and the farmyard, in collab. with Lynda Fairbairn and Bruce Boucher, London 1975.

[6] Giorgio Bellaviti: Lo sconosciuto progetto dello Scamozzi per il Palazzo del podestà di Vicenza e l'equivoco del Palazzo Ducale Palladiano, Studi veneziani 58 (2009), 137-175; Loredana Olivato: Katalogeintrag in: Lionello Puppi (ed.): Architettura e utopia nella Venezia del Cinquecento, Milano 1980, 102.

Barbara Uppenkamp