Rezension über:

Stefan Dornheim: Der Pfarrer als Arbeiter am Gedächtnis. Lutherische Erinnerungskultur in der Frühen Neuzeit zwischen Religion und sozialer Kohäsion (= Schriften zur sächsischen Geschichte und Volkskunde; Bd. 40), Leipzig: Leipziger Universitätsverlag 2013, 323 S., ISBN 978-3-86583-617-5, EUR 48,00
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Rezension von:
Martina Fuchs
Institut für Geschichte, Universität Wien
Redaktionelle Betreuung:
Johannes Wischmeyer
Empfohlene Zitierweise:
Martina Fuchs: Rezension von: Stefan Dornheim: Der Pfarrer als Arbeiter am Gedächtnis. Lutherische Erinnerungskultur in der Frühen Neuzeit zwischen Religion und sozialer Kohäsion, Leipzig: Leipziger Universitätsverlag 2013, in: sehepunkte 13 (2013), Nr. 10 [15.10.2013], URL: http://www.sehepunkte.de
/2013/10/23343.html


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Stefan Dornheim: Der Pfarrer als Arbeiter am Gedächtnis

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Die vorliegende Monographie, von der Philosophischen Fakultät der Technischen Universität Dresden als Dissertation angenommen, entstand im Rahmen des Dresdner Sonderforschungsbereichs 804 "Transzendenz und Gemeinsinn" sowie an der Schnittstelle zum SFB "Institutionalität und Geschichtlichkeit". Der Untersuchungszeitraum erstreckt sich von 1550 bis zur Wende vom 17. zum 18. Jahrhundert; in geographischer Hinsicht im Wesentlichen auf Mitteldeutschland.

Einführend reflektiert der Autor über die besondere Rolle von Tradition und Erinnerung im Luthertum. Hier referiert er unter anderem knapp über das theologische Selbstverständnis des Pfarrstandes und betont die Entstehung einer Familienkultur im Pfarrhaus als eine der wichtigsten sozialgeschichtlichen Folgen der Reformation. Vergleichsweise reduziert erscheinen sowohl die Ausführungen zu Erinnerung per se als auch diejenigen zur Entstehung einer lutherischen Erinnerungskultur - hier hätte man sich eine methodisch diffizilere Verortung gewünscht.

Mit den von ihm analysierten Quellen betritt Dornheim hingegen in vielen Fällen Neuland: Im Zentrum stehen keineswegs die Leichenpredigten, wie man zunächst erwarten würde, sondern vorderhand "verdinglichte" Erinnerung, also Ausgestaltungen von Kirchenräumen sowie Epitaphien, Grab- und Gedenksteine, welche eine "hohe Sterbekultur im Schoß der protestantischen Kirche demonstrieren[en]" (66). Das in diesem Kapitel angeführte "Fallbeispiel" ist allerdings ein "Denkmal aus Papier", nämlich die Leichenpredigt auf einen 1613 verstorbenen kursächsischen Landrat.

Die zweite Quellengruppe nimmt Personaljubiläen in den Blick, und zwar Amts- und Ehejubiläen sowie akademische Jahrestage, also die 50. Wiederkehr der Promotion oder der Professorentätigkeit. Gemeinhin konnte die Feier derartiger Jahrestage auf keine Kontinuität rekurrieren, sondern wurde von einer intellektuellen Elite kreiert. Auch hier finden sich aussagekräftige Fallbeispiele, etwa das Promotionsjubiläum eines Hallenser Professors (1764), für dessen formale Gestaltung die Studentenschaft verantwortlich zeichnete.

Das dritte Quellenkapitel - "das archivarische Gedächtnis des Pfarrhauses" übertitelt - führt in Entstehung und Durchsetzung des Kirchenbuchwesens sowie in die Pfarrchronistik ein. Unserem digitalen Zeitalter nicht fremd, stellte sich bereits damals die Datenschutzproblematik: Ein Pfarrer fürchtete 1817 die Verletzung der Privatsphäre und stellte die entscheidende Frage, wer hinkünftig Zugriff auf diese Bücher haben sollte (vgl. 156).

Viertens beschäftigt sich Dornheim mit dem "Jahreswechsel", wobei Neujahrsblätter die zentrale Quelle darstellen; ausgewertet werden insbesondere die Görlitzer Neujahrsblätter von 1721 bis 1832. Am Anfang stand der Brauch, geschriebene oder gedruckte Neujahrsgedichte als Glückwünsche zum Neuen Jahr zu verschenken, woraus sich - nahezu institutionalisiert -die Neujahrsblätter entwickelten, welche Beiträge zu unterschiedlichen Themen beinhalteten. Anhand der Görlitzer Reihe wird deutlich, dass diese Quellensorte für eine Vielzahl von Fragestellungen ergiebig sein kann, etwa für Umweltfragen (Überschwemmungen, Stadtbrände), Kriegsnöte oder Lebensmittelversorgung; ferner zudem für die Geschichte einzelner Kirchenbauten und ihre Ausstattung. Die Kirchner - in deren Zuständigkeit das Abfassen der Jahresblätter fiel - dokumentierten aber auch Grabdenkmäler und Inschriften, die heute oft nicht mehr in situ oder gar nicht erhalten sind.

Die fünfte und letzte Quellengruppe rückt "Zeitkapseln" ins Zentrum; darunter subsumiert der Autor schriftliche Aufzeichnungen, die bei Grundsteinlegungen und Turmbekrönungen hinterlegt wurden. Diese konnten ebenfalls mehr oder weniger ausführliche Nachrichten zur Orts- und Kirchengeschichte beinhalten, wie das Fallbeispiel der Dorfkirche von Leubnitz bei Dresden lehrt. Aber damit nicht genug, entdeckte man hier 1666 bei der Sanierung des Turmknopfes Knochenreliquien und eine Inschrift aus dem Jahr 1536, welche gegen die lutherische "Ketzerei" wetterte. Es ist höchst aufschlussreich, dass diese Dinge, denen nach evangelischem Standpunkt keinerlei Bedeutung zugemessen werden konnte, nicht einfach entsorgt, sondern bei den die Leubnitzer Kirche betreffenden Unterlagen im Dresdner Rathaus hinterlegt wurden. Im Turmknopfdepot der Nikolaikirche der Stadt Pirna, angelegt 1662, fanden sich bei dessen Öffnung unter anderem Mitteilungen über Getreidepreise sowie über die Zusammensetzung der weltlichen Obrigkeit wie auch der Geistlichkeit dieser Stadt. - Diese Beispiele veranschaulichen instruktiv, wie wertvoll die Erschließung dieser nicht alltäglichen Zeugnisse sein kann.

Im Anhang finden sich zehn Abbildungen, die Edition einiger der im Haupttext analysierten Texte, Quellen- und Literaturverzeichnis (hier vermisst man etwa die Arbeiten von Astrid Erll [1]) sowie ein Personen- und Ortsregister.

Stefan Dornheims Monographie leistet einen wichtigen Beitrag zum aktuellen Forschungsfeld Erinnerungs- und Jubiläumskultur und zeigt an Hand "ungewöhnlicher" Quellen Möglichkeiten auf, zu neuen Ergebnissen zu kommen. Man würde aber gerne wissen, warum der Autor gerade diese Quellensorten ausgewählt hat und welche sich noch anbieten könnten. Für einen nächsten Schritt würde es meines Erachtens naheliegen, Publikationen von Pfarrern auszuwerten; für eine einschlägige Fragestellung wären etwa populärgeschichtliche Schriften heranzuziehen, die es insbesondere ab der Mitte des 19. Jahrhunderts zuhauf gibt. Die Frage könnte beispielsweise lauten: Welche Pfarrer erinnerten wann mit welcher Intention an Ereignisse oder Personen aus der Reformationszeit? Lässt sich hier - um nur ein Exempel anzuführen - einer der Gründe für das lange Zeit wirkmächtige Bild des "deutschen Helden Luther" finden?

Wünschenswert wäre außerdem eine breitere Kontextualisierung, nämlich inwieweit die beschriebenen Phänomene Allgemeingültigkeit für die evangelischen Territorien des Heiligen Römischen Reiches beanspruchen können und ob Vergleichbares für die katholischen existiert. Selbstverständlich ist bekannt, dass das Trienter Konzil die Führung der entsprechenden Matrikel anordnete: Wie aber erfolgte die Umsetzung durch katholische Geistliche im Vergleich zu ihren protestantischen "Kollegen" beziehungsweise wie intensiv widmete sich die katholische Pfarrerschaft dem Führen von Pfarrchroniken?

Das große Verdienst dieser Studie liegt darin, einen interessanten Zugang zu neuen Quellengruppen aufzuzeigen und zur Suche nach ebensolchen anzuregen. Im Erfolgsfall winkt reiche und für verschiedene Problemstellungen ergiebige Beute.


Anmerkung:

[1] Vgl. etwa Astrid Erll: Kollektives Gedächtnis und Erinnerungskulturen. Eine Einführung. Stuttgart / Weimar 2005.

Martina Fuchs