Rezension über:

Marianne Cecilia Gaposchkin (ed.): Blessed Louis, the Most Glorious of Kings. Texts Relating to the Cult of Saint Louis of France, Notre Dame, IN: University of Notre Dame Press 2012, XII + 307 S., ISBN 978-0-268-02984-5, USD 39,00
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Rezension von:
Anja Rathmann-Lutz
Historisches Seminar, Universität Basel
Redaktionelle Betreuung:
Ralf Lützelschwab
Empfohlene Zitierweise:
Anja Rathmann-Lutz: Rezension von: Marianne Cecilia Gaposchkin (ed.): Blessed Louis, the Most Glorious of Kings. Texts Relating to the Cult of Saint Louis of France, Notre Dame, IN: University of Notre Dame Press 2012, in: sehepunkte 13 (2013), Nr. 10 [15.10.2013], URL: http://www.sehepunkte.de
/2013/10/23113.html


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Marianne Cecilia Gaposchkin (ed.): Blessed Louis, the Most Glorious of Kings

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Cecilia Gaposchkin hat schon in ihrer Dissertation, die überarbeitet 2008 unter dem Titel "The Making of Saint Louis (IX) of France: Kingship, Sanctity and Crusade in the Later Middle Ages" erschien, gezeigt, wie souverän sie mit den von Historikern oft gemiedenen liturgischen Quellen umgehen kann. [1] Nun wird das in ihrer Edition, Übersetzung [2] und Kommentierung von zum Teil bisher unveröffentlichtem Material zum Kult um Ludwig den Heiligen ein weiteres Mal deutlich. Die sechs Texte - zwei Viten, ein Offizium, eine Messe und zwei Predigten - sollen einer breiten, nicht spezialisierten Leserschaft Ludwig IX. von Frankreich, den Heiligen, näherbringen "as he was known and experienced in the Middle Ages" (VI), als Heiligen also, weniger als kreuzfahrenden Ritterkönig, wie er durch seinen Biographen Jean de Joinville präsentiert wird, dessen Werk im 14. Jahrhundert aber kaum rezipiert wurde (1ff., 19f.).

In der recht knappen Einleitung (1-26) gibt die Autorin einen Überblick über die frühe Historio- und Hagiographie, die Entwicklung des Kultes um Ludwig sowie den Kanonisationsprozess und erläutert ihre Textauswahl. [3] Hagiographische und liturgische Quellen, so ihre Argumentation, trugen zur zeitgenössischen Wahrnehmung des Heiligen und zur Interaktion der Gläubigen mit ihm entscheidend bei und sollten daher auch in der Forschung nicht vernachlässigt werden. Dabei spielten sowohl lateinische Offizien- und Messtexte als auch die anlässlich der Festtage in der Volkssprache gepredigten, später aber meist lateinisch verschriftlichten sermones eine Rolle. Die hier übersetzten vitae waren damit wie die anderen im Band präsentierten Texte Teil der "creative dynamic of saintly production" (13) und der "dynamic of writings, memory, and devotion" (18), die dazu beitrugen, dass aus dem König Ludwig ein Heiliger wurde. Sie erhellen damit nicht nur die Geschichte des Ludwigskultes, sondern tragen entscheidend zum Verständnis verschiedener Konzepte von Heiligkeit im Kontext religiöser Reformbewegungen des späteren Mittelalters bei, wie abschließend im Vergleich der beiden Viten deutlich wird (21-24). [4]

Zusätzlich zur Einleitung ist den Texten jeweils ein kurzer Kommentar von 1 ½ bis max. 4 Seiten vorangestellt, in dem Überlieferungssituation, Inhalt und Verwendungszusammenhänge erläutert werden. Für die beiden Viten "Gloriosissimi regis" und "Beatus Ludovicus", die beide sofort im liturgischen Kontext weiterverarbeitet wurden, wird eine franziskanische bzw. dominikanische Autorschaft im Umkreis des Hofes angenommen. Beide sind im Kontext der Textproduktion für den Kanonisationsprozess im letzten Viertel des 13. Jahrhunderts entstanden. "Gloriosissimi regis" wurde im 15. Jahrhundert von den Regularkanonikern in Rooklooster überarbeitet und erweitert. Die Variationen und Ergänzungen können leicht über die Anmerkungen und den Anhang erschlossen werden, so dass dem Leser beide Versionen zur Verfügung stehen. "Beatus Ludovicus" ist zwar nur in einer Sammlung liturgischer Texte aus dem späten 14./Anfang des 15. Jahrhunderts überliefert (Orléans, Bib. Mun. Ms. 348), doch diente der Text als Basis für die liturgischen Lesungen zum Offizium "Ludovicus decus regnantium", die wiederum separat überliefert wurden. "Beatus Ludovicus" wurde zudem - gekürzt und immer wieder aktualisiert - bis ins späte 15. Jahrhundert immer wieder verwendet und hatte Einfluss auf zahlreiche Predigten. Folgerichtig ist es das für den Hof geschaffene, sehr erfolgreiche Offizium "Ludovicus decus regnantium", das zusammen mit der Messe "Gaudeamus omnes" als Repräsentant der Pariser liturgischen Tradition Aufnahme in die vorliegende Quellensammlung gefunden hat. Gaposchkin hebt in ihrem Kommentar die Bedeutung von Performativität und Musikalität hervor, die bei der Lektüre der Texte zu beachten sei (154-157). Gleiches gilt auch für die etwa fünfzig überlieferten sermones zum Festtag Ludwigs (25. August), aus denen zwei bisher unveröffentlichte Predigten des Pariser Dominikaners Jacob von Lausanne vom Beginn des 14. Jahrhunderts ausgewählt wurden. "Rex sapiens" und "Videte regem Salomonem" stellen einerseits ein gutes Beispiel für den Einfluss von "Beatus Ludovicus" bzw. der darauf basierenden liturgischen Lesungen "Beatus Ludovicus quondam rex francorum" auf spätere Predigten dar und erweisen sich andererseits als Zeugen der Verbreitung des Ludwigskultes in weitere Kreise über Predigt- und Exempelsammlungen.

Die Bibliographie am Ende des Bandes umfasst die wichtigsten älteren wie neueren Titel und ist sinnvollerweise auf einen Umfang reduziert, der eine Startbasis für weitere Lektüre bietet, aber keine Vollständigkeit anstrebt. Auch wenn sich Einleitung und Erläuterungen in den Kommentaren eher an die intendierte breite Leserschaft aus Studierenden und auch interessierten Laien richten, so gelingt es Gaposchkin dennoch gut, die Relevanz der Texte für die Forschung herauszustellen, die insbesondere auch von den sorgfältigen Neu- bzw. Ersteditionen profitieren wird. Um den Überblick über die verschiedenen Texte und Versionen, die Manuskriptüberlieferung und ihr Verhältnis zueinander sowie zu den früheren Viten nicht zu verlieren, wäre eine Visualisierung und ein Register oder eine Stellenkonkordanz hilfreich gewesen. Allerdings finden sich die erforderlichen Angaben alle in den Kommentaren und Anmerkungen bei den jeweiligen Texten, ebenso wie aufschlussreiche Hinweise auf konkrete Verwendungszusammenhänge der Texte bzw. Handschriften.

Es ist sehr zu begrüßen, dass mit vorliegender Sammlung Texte zum Ludwigskult vorliegen, die das historiographische und diplomatische Quellenmaterial zum Nachleben Ludwigs IX. grundlegend erweitern und dank der Übersetzung und der einbettenden Kommentare vor allem auch für die Lehre nutzbar machen. Forschende, die mit den einzelnen Manuskripten und zu Text-Bild-Relationen arbeiten, werden davon ebenso profitieren wie Arbeiten zu Religiosität, Frömmigkeit und Heiligkeitskonzepten des 14. Jahrhunderts.


Anmerkungen:

[1] Gaposchkin, Marianne Cecilia: The making of Saint Louis. Kingship, Sanctity, and Crusade in the Later Middle Ages, Ithaca 2010.

[2] Die Übersetzungen entstanden in Gemeinschaftsarbeit mit Phyllis B. Katz.

[3] Am Ende (24ff.) finden sich Anmerkungen zu Editions- und Übersetzungsentscheidungen.

[4] Vgl. neben den von Gaposchkin zitierten Arbeiten von Vauchez (La Sainteté en Occident aux derniers siècles du Moyen Âge. D'après les procès de canonisation et les documents hagiographiques, Rom 21988) und Klaniczay (Holy Rulers and Blessed Princesses. Dynastic Cults in Medieval Europe, Cambridge 2002) auch Goodich, Michael E.: Vita perfecta. The ideal of sainthood in the thirteenth century, Stuttgart 1982, und Kiekhefer, Richard: Unquiet Souls. Fourteenth-Century Saints and Their Religious Milieu, Chicago 1984.

Anja Rathmann-Lutz