Rezension über:

Max Paul Friedman: Rethinking Anti-Americanism. The History of an Exceptional Concept in American Foreign Relations, Cambridge: Cambridge University Press 2012, XIV + 358 S., 6 s/w-Abb., ISBN 978-0-5216-8342-5, GBP 21,99
Inhaltsverzeichnis dieses Buches
Buch im KVK suchen

Rezension von:
Jan Hansen
Humboldt-Universität zu Berlin
Redaktionelle Betreuung:
Empfohlene Zitierweise:
Jan Hansen: Rezension von: Max Paul Friedman: Rethinking Anti-Americanism. The History of an Exceptional Concept in American Foreign Relations, Cambridge: Cambridge University Press 2012, in: sehepunkte 13 (2013), Nr. 10 [15.10.2013], URL: http://www.sehepunkte.de
/2013/10/22694.html


Bitte geben Sie beim Zitieren dieser Rezension die exakte URL und das Datum Ihres Besuchs dieser Online-Adresse an.

Max Paul Friedman: Rethinking Anti-Americanism

Textgröße: A A A

Die Vereinigten Staaten von Amerika werden als einziges Land der Erde das Gefühl nicht los, vom Rest der Welt nicht gemocht zu werden. Sie nennen dieses Phänomen "Anti-Amerikanismus". Konzept und Begriff sind einzigartig. Keine andere Nation hat einen -ism erfunden, um ihre Gegner zu demaskieren; weder gibt es einen "Anti-Germanism" noch einen "Anti-Brazilianism". Wie Max Paul Friedman in seinem Buch "Rethinking Anti-Americanism. The History of an Exceptional Concept in American Foreign Relations" zeigt, kam der Begriff nicht, wie häufig angenommen wird, erst im 20. Jahrhundert auf, sondern hat seine Wurzeln im Jahr 1767, wo er erstmals in der Zeitung "Boston Evening Report" auftaucht. Wo in anderen Staaten Kritik und Unzufriedenheit mit den USA aufschienen, zeigte sich den Amerikanern seit jeher die Macht des Ressentiments. Für Friedman ist "Anti-Amerikanismus" eine amerikanische Erfindung. Denn die USA sahen sich seit ihren Ursprüngen als God's promised land, also als ein Land, das sich durch seine gottgewollte Vollkommenheit von anderen abhob. Unbehagen an ihrem politischen, wirtschaftlichen oder gesellschaftlichen System musste zwangsläufig dazu führen, dass sie nicht Kritiker, sondern Feinde am Werke sahen.

"Rethinking Anti-Americanism" ist Friedmans zweites Buch. Er hat dafür in neun Ländern geforscht und unzählige Archivquellen gesichtet. Im Kern interessiert er sich dafür, warum die US-Amerikaner sich so oft damit beschäftigten, dass andere ihnen mit Ablehnung begegneten. So untersucht er den Begriff "Anti-Amerikanismus" selbst: seine Entwicklung, seine Bedeutung, seine Funktion. Es geht ihm nicht vorrangig um den "Anti-Amerikanismus" in Europa, Afrika oder Asien, sondern um die Sorge der Amerikaner, nicht gemocht zu werden. "Why the World Loves to Hate America" (1) - das Erstaunen darüber strukturierte den inneramerikanischen Diskurs und hatte Auswirkungen auf die Außen- und Verteidigungspolitik des Landes, die häufig verkannt wurden.

Wer "Anti-Amerikanismus" historisiert, behauptet nicht, dass es ihn nicht gegeben habe und gibt; dies betont Friedman mehrmals. "Anti-Amerikanismus" ist für ihn aber nicht ein feststehender Begriff, sondern eine Hülle, die im Wandel der Zeit mit sehr unterschiedlichen Bedeutungen aufgefüllt wurde. Diejenigen, die "Anti-Amerikanismus" brandmarkten, waren durch die Jahrhunderte der Überzeugung, dass "criticism the United States encounters at home is produced by disloyal citizens, and opposition it meets abroad springs principally from malevolence, anti-democratic sentiment, or psychological pathologies among foreigners" (3). "Anti-Amerikanismus" ist für Friedman deshalb ein Mythos, den die Amerikaner erzählen, um sich die Welt zu erklären und um den Ereignissen in ihr eine Bedeutung geben. So kann das Buch als Beitrag zur Geschichte von Selbst- und Fremdbildern gelten, zur Geschichte von nationalen Inklusions- und Exklusionsmechanismen.

Ausgangs- und Endpunkt von Friedmans Erzählung ist der 11. September 2001. Dieses für viele Amerikaner traumatische Datum brannte einer verwundeten Nation ins Bewusstsein, dass ein beträchtlicher Teil der Welt ihre Gesellschaft, ihr politisches System, ihre Lebensweise ablehnte. Um dieses amerikanische Wahrnehmungsdispositiv zu erklären, blickt Friedman weit in die Geschichte zurück. Seine Untersuchung umspannt vier Jahrhunderte; sie beginnt im 18. Jahrhundert und endet in unseren Tagen. Der zeitliche Schwerpunkt liegt aber auf der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Geographisch konzentriert sich Friedman auf Westeuropa (und hier besonders auf Frankreich und Deutschland) und Lateinamerika.

Chronologisch in sechs Kapitel gegliedert, schildert Friedman zunächst, wie der Begriff "Anti-Amerikanismus" im 18. Jahrhundert aufkam und im 19. Jahrhundert immer größere Verbreitung fand. In der ersten Hälfte des 20. Jahrhundert gewann er seine weltpolitische Dimension, als mit ihm die Feinde der USA im Inneren und Äußeren delegitimiert wurden. Die USA fühlten sich in der Systemkonfrontation nicht nur durch Moskau herausgefordert, an ihren südlichen Grenzen lauerte eine nicht minder große Gefahr. Friedman erzählt luzide, wie der "Anti-Amerikanismus"-Verdacht die Politik Washingtons gegenüber den lateinamerikanischen Staaten im 20. Jahrhundert formte. Breiten Raum nimmt auch Frankreich ein, das während der Präsidentschaft Charles de Gaulles auf Distanz zu den Vereinigten Staaten ging. Als die USA in Vietnam eine militärische Katastrophe erlebten und sich die westlichen Gesellschaften polarisierten, prägte das Urteil, dass hier "anti-amerikanische" Ressentiments am Werke seien, den Blick der amerikanischen Mehrheitsgesellschaft nach Europa.

Abschließend wendet sich Friedman den Protestbewegungen der sechziger und achtziger Jahre zu. Er argumentiert, die Protestierenden "were the most culturally and politically Americanized generations in history. They drew consciously upon American traditions of civil disobedience, enthusiastically adopted American styles of dress, and craved American popular culture, making explicit connections to contemporary American social movements" (17). Auch wenn diese These weder neu noch überraschend ist, bleibt es das Verdienst des Autors, die Proteste der sechziger und achtziger Jahre konsequent unter dem Aspekt "Anti-Amerikanismus" zusammen gedacht und so die Genese bewegungsinterner Argumentationsmuster verdeutlicht zu haben.

Friedmans leitende Überlegung ist, dass die "Anti-Amerikanismus"-Brille, durch die viele Amerikaner die Welt gesehen haben, ihre Träger daran hinderte, Gefahren rechtzeitig zu erkennen und konstruktive Vorschläge zu berücksichtigen: "the misuse of the concept of anti-Americanism has constricted policy choices and diminished opportunities for pursuing U.S. interests in cooperation with foreign countries. When foreigners oppose U.S. policy, their advice too often is dismissed as anti-American, ill-intentioned, and therefore illegitimate, preventing U.S. officials and the U.S. public from gaining access to other assessments and from considering alternative policies that might be more successful" (240).

Neu an Friedmans Buch ist, dass es "Anti-Amerikanismus" nicht nur als kulturelles Vorurteil untersucht, sondern auch seine innenpolitische Funktion in den Blick nimmt. Im Kapitel über den Vietnam-Krieg kann Friedman das nachvollziehbar illustrieren. So habe der Eindruck, dass die französische Politik de Gaulles von pathologischem "Anti-Amerikanismus" getrieben werde, die US-Regierung davor zurückgehalten, auf die "best-informed officials in the West on an issue of vital national interest" (189) zu hören. Amerikaner konnten nie daran glauben, so ließe sich Friedmans Überlegung zusammenfassen, dass Kritik aus dem Ausland in konstruktiver Absicht geäußert wurde. Auch am Beginn des 21. Jahrhundert sei dies wieder deutlich geworden, schreibt er im Epilog zu seinem Buch, als die Bush-Regierung die Einwände der französischen und deutschen Regierung gegen den Irak-Krieg vom Tisch gewischt habe. Die Schwierigkeit hinter dem Begriff "Anti-Amerikanismus" ist für Friedman der Glaube an die Einzigartigkeit und Unfehlbarkeit der USA.

Friedmans kontrafaktische These ist aber selbst problematisch, und nicht jeder wird ihr zustimmen. Denn Friedman beurteilt Geschichte aus der Perspektive desjenigen, der weiß, wie sie ausgegangen ist. Der Rezensent findet, dass man so nicht fragen sollte. Auch die immer wieder aufblitzenden ironischen Kommentare gegen den US-amerikanischen Konservatismus hätte Friedman sich sparen können. Wer so überzeugend die Historizität des Begriffs "Anti-Amerikanismus" offenlegt, hat es nicht nötig, gegen Zeitgenossen zu polemisieren, für die "Anti-Amerikanismus" ein Deutungsmuster war, mit dem sie sich ihre Welt erklärten. Dennoch ist dies eine wichtige Studie. Bemerkenswert sind die zahlreichen neuen Details, die Friedman zutage gefördert hat, und der große historische Bogen, den er vom 18. bis zum 21. Jahrhundert spannt.

Jan Hansen