Rezension über:

Daniel Schäfer / Christof Müller-Busch / Andreas Frewer (Hgg.): Perspektiven zum Sterben. Auf dem Weg zu einer Ars moriendi nova?, Stuttgart: Franz Steiner Verlag 2012, 206 S., ISBN 978-3-515-10189-9, EUR 39,00
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Rezension von:
Daniel Oelbauer
Ludwig-Maximilians-Universität, München
Redaktionelle Betreuung:
Nils Freytag
Empfohlene Zitierweise:
Daniel Oelbauer: Rezension von: Daniel Schäfer / Christof Müller-Busch / Andreas Frewer (Hgg.): Perspektiven zum Sterben. Auf dem Weg zu einer Ars moriendi nova?, Stuttgart: Franz Steiner Verlag 2012, in: sehepunkte 13 (2013), Nr. 10 [15.10.2013], URL: http://www.sehepunkte.de
/2013/10/22623.html


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Daniel Schäfer / Christof Müller-Busch / Andreas Frewer (Hgg.): Perspektiven zum Sterben

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Das Sterben und der Umgang mit dem Sterben beschäftigt die Menschen seit vielen Jahrhunderten, wenn nicht gar Jahrtausenden. Es ist die Frage danach, wie wir sterben wollen, wie man Sterben verstanden wissen will, als Prozess oder als punktuelles Ereignis. Will man das Sterben bewusst erleben oder doch lieber möglichst schnell und weitgehend schmerzfrei durchstehen? Wie soll und kann eine Sterbekultur, die in unsere moderne Zeit passt, aussehen?

Der vorliegende, 2012 erschienene Band "Perspektiven zum Sterben. Auf dem Weg zu einer Ars moriendi nova?" versucht, auf die Fragen nach einer zeitgemäßen Sterbekultur zu antworten. Zunächst skizzieren die Herausgeber ihr Konzept einer neuen Sterbekultur, die in Anlehnung an die mittelalterliche "ars moriendi" als "ars moriendi nova" betitelt wird. Nach einer kurzen Bestandsaufnahme über Sterben, Tod und Trauer in der Gegenwart, zeigen die Autoren vier Möglichkeiten (mental, visuell, pädagogisch und pragmatisch) auf, wie die Menschen sich auf das Sterben vorbereiten können. Bei der mentalen Vorbereitung obliegt es jedem Mensch selbst, sich darüber Gedanken zu machen, dass das Sterben zum Leben gehört. Unsere Medienlandschaft bietet den geeigneten Rahmen, um sich bildhaft Sterben und Tod vor Augen zu führen. Dabei machen die Autoren darauf aufmerksam, dass Bilder anstatt einer "produktiven Auseinandersetzung" "Schrecken und Abwehr" hervorrufen können (20). Auch die mittelalterliche "ars moriendi" hatte eine pädagogische Absicht, nämlich verstand sie sich, als erlernbares Handwerk, mit Hilfe von Texten und den Glauben an Jesus Christus die Angst vor den Tod zu überwinden. Auf unsere Zeit übertragen fällt gerade der schulischen und der Erwachsenenbildung (auch wenn ungleich schwerer zu realisieren) die Aufgabe zu, über das Sterben eine Diskussion anzuregen. Schließlich sollte wie die mittelalterliche "ars moriendi" auch die "ars moriendi nova" pragmatischer Natur sein, indem sie wie das mittelalterliche Vorbild mit ihrer Verbesserung der Sterbeseelsorge, konkrete Hilfestellungen anbietet, zum Beispiel im Umgang mit der Leiche nach einem Todesfall.

Ausgehend von diesem Konzept erfolgt eine Zweiteilung des Buches. Zehn Aufsätze beschäftigen sich mit dem Sterben in Geschichte und Gegenwart und den sich daraus ergebenden Entwicklungen für das Individuum und die Gesellschaft. Beiträge aus Philosophie, Ethik, Geschichte, Psychologie, Soziologie, Recht und Medienwissenschaften verdeutlichen den interdisziplinären Kontext der übergeordneten Thematik. Norbert Fischer setzte sich in seinem Beitrag mit Aspekten der Bestattungs- und Erinnerungskultur auseinander. Er kommt zu dem Ergebnis, dass über jahrzehntelang eingeschliffene feste Strukturen aufgebrochen und überwunden worden sind. Die Bestattungskultur erfährt eine immer individualistischere Ausprägung. Stephan Völlmicke analysiert den Zusammenhang zwischen der medialen Inszenierung des Todes im Kriminalfilm und dem sozialen Umgang mit Sterben. Der Tod im Fernsehen und dessen Gestaltung und der Tod in der Gesellschaft sind auf das engste miteinander verknüpft. Die Darstellung des Todes in den Medien hat eine Bedeutung als symbolische Objektivation, indem sie die in der Gesellschaft vorherrschenden Definitionen von Tod thematisieren. Weitere Beiträge stellen unter anderem Bezüge zu Hospizbewegung und Palliative Care her.

Der zweite Teil des Buches setzt sich mit dem von den Herausgebern skizzierten Ansatz einer neuen Sterbekultur auseinander. Dies erfolgt ebenso in unterschiedlicher disziplinärer Ausrichtung (Medizin, Philosophie, Psychologie, Kulturwissenschaft, Soziologie, Theologie). Der von den Herausgebern verfolgte Ansatz wird dabei einer differenzierten Kritik unterzogen. Während Friedemann Nauck (155) die Orientierung dieser neuen Sterbekultur an der mittelalterlichen "ars moriendi" hinterfragt und dabei deren Zusammenhänge in den Blickpunkt nimmt, stößt sich Monika Müller in ihrem Kommentar grundsätzlich an dem Konzept einer "ars moriendi", das sie lieber durch das einer "ars vivendi" ersetzt wissen will: "Wie kann man sterben lernen, wenn man vielleicht nie gelernt hat zu leben? Wenn man im Zaudern und Zögern stecken geblieben ist?" (151) Joachim Wittkowski stellt ebenso grundsätzlich infrage, ob es überhaupt ein entsprechendes Bedürfnis in der hiesigen Bevölkerung nach neuen Formen des Umgangs mit Sterben und Tod gibt. Nach seinem Dafürhalten ist dies keinesfalls erwiesen (188).

Unter Bezugnahme der einzelnen, mitunter kontroversen Thesen nehmen die Herausgeber zusammenfassend Stellung. Unabhängig von ihrer Vorstellung von einer neuen Sterbekultur, so die Autoren, zeigt dieser Band, wie wichtig es ist, über das Sterben und den Tod nachzudenken. Ausgangspunkt ist immer das Individuum. Insofern wird eine Sterbekultur auch immer ein Stück weit Individualkultur sein. Denn letztlich muss jeder Einzelne dem Tod allein begegnen. Er wird dabei umso "erfolgreicher" sein, je mehr er sich damit vorab beschäftigt hat. Insofern ist der vorliegende Band durchaus gewinnbringend, da er in Erinnerung ruft, dass das menschliche Leben endlich und vergänglich ist. Ob es allerdings dieser von den Autoren skizzierten neuen Sterbekultur bedarf, die sich stark an der mittelalterlichen "ars moriendi" orientiert, muss jedoch offen bleiben.

Daniel Oelbauer