Rezension über:

Stephen Mossman / Nigel F. Palmer / Felix Heinzer (Hgg.): Schreiben und Lesen in der Stadt. Literaturbetrieb im spätmittelalterlichen Strassburg (= Kulturtopographie des allemannischen Raums; Bd. 4), Berlin: de Gruyter 2012, X + 551 S., ISBN 978-3-11-030053-6, EUR 119,95
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Rezension von:
Oliver Duntze
Staatsbibliothek zu Berlin
Redaktionelle Betreuung:
Jessika Nowak
Empfohlene Zitierweise:
Oliver Duntze: Rezension von: Stephen Mossman / Nigel F. Palmer / Felix Heinzer (Hgg.): Schreiben und Lesen in der Stadt. Literaturbetrieb im spätmittelalterlichen Strassburg, Berlin: de Gruyter 2012, in: sehepunkte 13 (2013), Nr. 10 [15.10.2013], URL: http://www.sehepunkte.de
/2013/10/22564.html


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Stephen Mossman / Nigel F. Palmer / Felix Heinzer (Hgg.): Schreiben und Lesen in der Stadt

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Mit der vorliegenden Publikation zum "Literaturbetrieb im spätmittelalterlichen Straßburg" erscheint der nunmehr vierte Band der Reihe "Kulturtopographie des alemannischen Raums". Anders als der Titel des Bandes nahelegt, handelt es sich allerdings nicht um eine regional orientierte Überblicksdarstellung, in der die großen Linien der literarischen Produktion in Straßburg nachgezeichnet würden. Vielmehr versammelt die Publikation insgesamt 17 thematisch recht eng zugeschnittene Forschungsbeiträge, die als Ergebnisse aus einem 2011 an der Universität Manchester organisierten Kolloquium hervorgegangen sind und den Straßburger Literaturbetrieb des 14. und 15. Jahrhunderts jeweils punktuell anhand von Einzelproblemen und Fallstudien ausleuchten. Der Fokus des Bandes liegt dabei - den Forschungsinteressen der BeiträgerInnen entsprechend - auf der geistlichen Literatur bzw. der Literaturproduktion im klösterlichen Umfeld.

Der Band wird eröffnet durch Sigrid Hirbodians geschichtswissenschaftliche Darstellung der innerstädtischen Konflikte bei der geplanten Einführung der Observanz in den Straßburger Dominikanerinnenklöstern St. Agnes und St. Margareta in den 1460/70er Jahren. Trotz dieser spezialisierten Fragestellung kann der Beitrag als allgemeine Einführung in den Band dienen, da in ihm wesentliche Aspekte des historischen und geistesgeschichtlichen Hintergrunds der folgenden Beiträge skizziert werden.

Es folgen mehrere Aufsätze, die sich aus recht unterschiedlicher Perspektive und mit verschiedenen methodischen Ansätzen der in Straßburg entstandenen bzw. überlieferten geistlichen Literatur nähern: Annette Volfing analysiert die topographische Metaphorik in den Predigten Johannes Taulers und kann sich dabei auf die 1910 von Ferdinand Vetter edierte Textausgabe stützen. Dagegen muss Martina Backes in ihrer Untersuchung der Gnadenvita Gertruds von Ortenberg notgedrungen auf die handschriftliche Überlieferung zurückgreifen. Denn obwohl Gertruds Vita als wichtiges Zeugnis persönlicher religiöser und mystischer Erfahrung im Umfeld der Beginen gilt, liegt sie bislang noch nicht ediert vor - die heute in der Brüsseler Bibliothèque Royale aufbewahrte Handschrift bleibt somit die Textgrundlage aller Untersuchungen. Einen explizit überlieferungsgeschichtlichen Beitrag liefert Balász Nemes mit seinen Untersuchungen zu den Meister-Eckhart-Handschriften aus dem Straßburger Dominikanerinnenkloster St. Nikolaus in undis. Almut Surbaum adaptiert in ihrem Beitrag das der New Philology verpflichtete Konzept der "mouvance" auf die zahlreichen Varianten des geistlichen Liedes "Es kommt ein Schiff geladen". Durch die Einbeziehung eines in diesem Kontext bislang unbeachteten Zeugnisses aus dem norddeutschen Raum, der von Johannes Marienwerder verfassten Vita der Dorothea von Montau, gelingt es ihr, den Entstehungshintergrund des Liedes neu zu interpretieren.

Im daran anschließenden Aufsatz nähert sich Jeffrey Hamburger der Straßburger Buchproduktion aus kunsthistorischer Perspektive. In seiner Untersuchung des "Gebetbuchs der Ursula Begerin" kann er aufzeigen, wie das vor allem aus der Psalterillustration bekannte Prinzip der "Wortillustration", der bildlichen Umsetzung von Metaphern und anderer rhetorischer Figuren, auch in den um 1400 entstandenen Illustrationen der Handschrift eingesetzt wird.

Monika Studers überlieferungsgeschichtliche Fallstudie zu den Exempeln der "Alemannischen Vitaspatrum" zeichnet nach, wie diese im Spätmittelalter unter anderem durch Übernahmen aus dem "Dialogus miraculorum" des Caesarius von Heisterbach ergänzt wurden. Studer zeigt, wie dieses Erweiterungsgut um 1430 Eingang in die handschriftliche Überlieferung fand, jedoch im Laufe der Drucküberlieferung ab dem späten 15. Jahrhundert wieder zurückgedrängt und letztlich wieder getilgt wurde.

Es schließt sich ein weiterer kunsthistorischer Aufsatz an, in dem Anne Winston-Allen die über Ordensgrenzen hinweggehende Zusammenarbeit von Frauenkonventen bei der Illustration von Handschriften untersucht. Als Beispiel dient ihr eine Gruppe von Handschriften, an denen die Klarisse Sibylla von Bondorf, die 1485 aus dem Freiburger Klarissenkloster in den Straßburger Klarissenkonvent St. Klara auf dem Wörth übersiedelte, mitwirkte.

Aus einem ganz anderen Blickwinkel nähert sich der anschließende Aufsatz dem Straßburger Klarissenkonvent. Sabine Klapp gibt einen Überblick über das bislang noch weitgehend unausgewertete Verwaltungsschrifttum der Straßburger Frauenklöster und analysiert in einer Fallstudie die Äbtissinnenrechnungen des Klosters St. Klara auf dem Wörth. Sie bieten für die Jahre 1481 bis 1509 detaillierte Informationen zu den alltäglichen Ausgaben der Nonnen und geben damit einen Einblick in die interne Organisation des Konvents.

Die folgenden Aufsätze behandeln zwei der bekanntesten elsässischen "Regionalheiligen". Racha Kirakosian untersucht die Überlieferung zum Gottesurteil der heiligen Richgard (um 840-895), der Gründerin der Abtei Andlau. Peter Rückert widmet sich der heiligen Odilia (um 660-720) und zeichnet die Ausbreitung ihres Kultes und die Entwicklung des hoch- und spätmittelalterlichen Pilgerbetriebs zum Stift Hohenburg auf dem Odilienberg nach. Ergänzt wird Rückerts Beitrag durch eine gemeinsam mit Sabine Klapp erarbeitete Teiledition der Statuten für Hohenburg aus dem Jahr 1444.

Thematisch nicht ganz zum Fokus des Bandes passend stellt sich der anschließende Beitrag von Charlotte A. Standford dar, der zwei spätmittelalterliche Grabmale im Straßburger Münster unter dem Aspekt spätmittelalterlicher memoria interpretiert.

Peter Schmidt gelingt es, einen der Kunstwissenschaft schon länger bekannten Washingtoner Codex als Handschrift der "Straßburger Chronik" Jakob Twingers von Königshofen zu identifizieren. Seine ältesten Teile stammen aus dem späten 14. Jahrhundert, doch etwa ein Jahrhundert später wurde die damals offenbar nur noch fragmentarisch vorhandene Handschrift im Auftrag des Straßburger Niederadeligen Hans von Hungerstein wieder vervollständigt, mit eigenen Texten und Exzerpten ergänzt und durch hochwertige Illustrationen aufgewertet.

Einen Ausblick in die mechanische Buchproduktion des frühen 16. Jahrhunderts bietet Nikolaus Henkel, der den Illustrationszyklus der 1502 in Straßburg durch Sebastian Brant herausgegebenen Vergil-Ausgabe untersucht und aufzeigt, wie sich die detaillierte Textkenntnis Brants in den Illustrationen der Ausgabe niederschlägt.

Den Abschluss des Bandes bilden zwei Beiträge zur Straßburger Johanniterkommende "Zum Grünen Wörth": Barbara Fleith analysiert in ihrer detailreichen Studie das personelle und soziale Netzwerk des Hauses "Zum Grünen Wörth" und leistet damit wichtige Grundlagenforschung zu den Straßburger Johannitern. Die Untersuchung stützt sich dabei vor allem auf ein Nekrologium, das mit zahlreichen Informationen zu Stiftungen an die Kommende und ihren Stiftern angereichert ist. Nigel Palmer und Stephen Mossman untersuchen die "Hoheliedpredigt" des Johanniters Ulrich vom Grünen Wörth und legen eine Edition des bislang ungedruckten Textes vor. Ein umfangreiches Register (Namen, Personen, Orte, Werke) sowie ein Verzeichnis der zitierten Handschriften runden die Publikation ab.

Insgesamt bietet der vorliegende Band wichtige und durchgehend auf hohem wissenschaftlichem Niveau angesiedelte Fallstudien. Ein Manko stellt allenfalls die starke Fokussierung auf die religiöse Literatur dar, durch die keinesfalls alle Facetten des spätmittelalterlichen Literaturbetriebs in Straßburg dargestellt werden können. Dennoch bereichert die vorliegende Publikation unser Bild der Straßburger Literaturgeschichte um eine Vielzahl wichtiger Einzelaspekte.

Oliver Duntze