Rezension über:

Piotr Kuroczyński: Die Medialisierung der Stadt. Analoge und digitale Stadtführer zur Stadt Breslau nach 1945 (= Urban Studies), Bielefeld: transcript 2011, 324 S., ISBN 978-3-8376-1805-1, EUR 32,80
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Rezension von:
Máté Tamáska
Vác
Redaktionelle Betreuung:
Christoph Schutte
Empfohlene Zitierweise:
Máté Tamáska: Rezension von: Piotr Kuroczyński: Die Medialisierung der Stadt. Analoge und digitale Stadtführer zur Stadt Breslau nach 1945, Bielefeld: transcript 2011, in: sehepunkte 13 (2013), Nr. 9 [15.09.2013], URL: http://www.sehepunkte.de
/2013/09/23806.html


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Diese Rezension erscheint auch in der Zeitschrift für Ostmitteleuropa-Forschung.

Piotr Kuroczyński: Die Medialisierung der Stadt

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Die radikale Zäsur des Jahres 1945 macht Wrocław (Breslau) zu einem spezifischen europäischen Erinnerungsort. Die Stadt wurde zum Fallbeispiel dafür, wie sich eine fremde Bevölkerung eine Stadt kulturell aneignet. Das vorliegende Buch verspricht aber schon in seinem Titel mehr als nur eine Neufassung der Thesen über deutsch-polnische Kulturbeziehungen im Städtebau. Anstatt die Bauarbeiten zu analysieren versucht Piotr Kuroczyński in der hier vorliegenden Neufassung seiner 2009 an der TU Darmstadt verteidigten Dissertation den Diskursen nachzugehen, in denen die Bauarbeiten in den letzten sechzig Jahren in der Öffentlichkeit neu- und umkonstruiert worden sind. Als Quelle entdeckt K. dafür Reiseführer, die in der bisherigen Forschung zu diesem Thema interessanterweise kaum in den Blick genommen worden sind. Allein schon wegen dieser empirisch-methodologischen Innovation lässt sich das Werk aus zukünftigen Literaturlisten über Wrocław nicht mehr wegdenken.

Allein schon der Umfang des erforschten Materials ist eindrucksvoll: "Bei der Suche nach Materialquellen zur Untersuchung der medialen Stadtvermittlung wurden rund 200 Printmedien, 90 Film- / Fernsehbeiträge und 70 Radiosendungen erfasst" (99). Eine solche Menge an Informationen hätte sogar statistisch aufgearbeitet werden können, aber stattdessen wurde eine sorgfältige qualitative Auswertung gewählt, was sich für die Analyse als Glücksfall erweist. So bleiben die Originaltexte im Buch lebendig und vermitteln den Eindruck, als sei man selbst an der Quellenforschung beteiligt. Auf der anderen Seite erschwert diese Darstellungsform natürlich einen schnellen, kohärenten Überblick. Deswegen ist es sehr hilfreich, dass in der Einführung die Untersuchungsmethoden sowie der Aufbau des Buches in klar strukturierter Form vorgestellt werden.

Das Buch besteht aus vier Kapiteln. Das erste bietet einen theoretischen Einstieg in solche Themen wie "Architektur und Erinnerungskultur", "Architektur und Darstellungsmedien" und "der kulturelle Raum von Wrocław". Die Ausführungen über die Erinnerungsliteratur halten sich an die Klassiker wie Jan und Aleida Assmann, Maurice Halbwachs oder Pierre Nora. Der nächste Kapitelabschnitt "Darstellungsmedien der Architektur" ist der am besten gelungene Teil der theoretischen Einführung und recht spannend zu lesen. Die Architektur wird aus Sicht der Informationstechnologien dargestellt. "Jeder Entwurf- und Bauprozess bedarf einer Vielzahl von Darstellungsmedien" (34), wie Modellen, Sprache, Text, Skizzen, Zeichnungen und Fotografie. Da in der allgemeinen Wahrnehmung die visuellen Medien der Architektur naturgemäß vielleicht näher sind, sind gerade auch die Gedanken über die zwei anderen Medien Sprache und Text lohnenswert: "In [...] sprachlichen Konstruktionen [...] werden die Architektur und der Raum von einer Generation auf die andere übertragen" (40). "In erster Linie wird der Text in der Architektur eingesetzt, um Architektur und ihre Entstehung in historischer und technischer Hinsicht zu erläutern" (41). Die Reiseführer kombinieren verschiedene Medien wie Text, Fotografie, Zeichnungen und so weiter, doch eine "allgemeine Tendenz der Verdrängung der Texte durch Bilder ist bei den Reiseführern zu verzeichnen" (59). Der dritte Abschnitt der Einführung beschreibt den Verlauf des Bevölkerungsaustausches und des Wiederaufbaus von Wrocław.

Das zweite Kapitel beinhaltet die empirische Untersuchung. Zuerst vermittelt Kuroczyński ein allgemeines Bild von der Medialisierung der Architektur nach 1945 durch Zeitungen, Zeitschriften, Bildbände, Sachbücher und Nachschlagwerke, Literatur, Wettbewerbe und Ausstellungen, Radio, Film und Fernsehen. Allein schon die Vielfalt der Quellen lässt dieses Buch auch als ein Nachschlagwerk für zukünftige Forschungen geeignet erscheinen. Besonders interessant sind die Architekturdebatten in Radiosendungen aus den 1970/80er Jahren, da es sich hierbei um mediale Erzeugnisse handelt, die große Wirkung auf die Gesellschaft auszuüben vermochten, aber bisher nicht aufgearbeitet worden sind.

Danach folgt eine ausführliche Analyse ausgewählter gedruckter Stadtführer und Internetportale. Die Stadtführer ermöglichen eine chronologische Herangehensweise. Für den Zeitraum nach 1945 stellt Kuroczyński fest: "Als reisepraktische Informationsquelle für Fremde richtet es sich anfangs stark an die eigenen Stadtbewohner" (143). Eine weitere Spezifik der ersten Nachkriegsjahre bestand darin, dass man die Mitteilungen zur Geschichte überdosierte und die eigentliche Stadtführung, die Routen, vernachlässigte - nur zu verständlich angesichts des Bevölkerungsaustausches einerseits und der in Ruinen liegenden Stadtlandschaft anderseits. Wrocław wurde von Anfang an als ein "wiedergewonnenes" Kraków (Krakau) dargestellt, vor allem wegen der gotischen Kulturgüter. Eine stärkere Orientierung an der Gegenwart erfolgte erst in den 1970er Jahren. Ein Stadtführer von 1972 wies schon "rund ein Drittel der 33 Nummern Neubauten" zu (187). Den Zeitraum 1960-1990 bezeichnet der Autor als Phase der "modernen Aneignung", die die Phase der "fundamentalen Aneignung" der Nachkriegsjahre abgelöst habe. Der Zeitraum nach 1990, in dem Online-Stadtführer immer mehr an Bedeutung gewinnen, wird als "bürgerliche Aneignung" gekennzeichnet (262).

Diese Dreiteilung findet sich im dritten Kapitel wieder, wo Kuroczyński seine Thesen bereits zusammenfasst und Print- und Internetstadtführer miteinander vergleicht. Ein sehr überraschendes Ergebnis des Vergleichs besteht darin, "dass zwei von drei Vertretern aus dem Netz in ihrem Vermittlungsansatz eine simple Übernahme der gängigen Formate aus dem Druckzeitalter darstellen" (280). Der Autor verwendet für diese Erscheinung die sehr bildhafte Bezeichnung "digitale Papyrusrolle" (ebenda), die es verdient hätte, in ein Fachwörterbuch der Internetmedien-Forschung aufgenommen zu werden. Bezüglich der Inhalte stellt Kuroczyński fest, dass der "Historiker-Stadtführer, der ehemals als ein Muster der Aneignung aufgezeigt wurde, [...] einem auf Sensation ausgerichteten neuen Modell" gewichen sei (282).

Im letzten Kapitel werden die zukünftigen Möglichkeiten der Digitalisierung von Stadtführern aufgezeigt. Die Internet- und die Handytechnologie lassen die Grenze zwischen Architektur als Objekt und medialisierter Architektur immer fließender werden. Zeitreisen mit dreidimensionalen Bildern eröffnen neue Wege für Kulturreisen (294): Nicht mehr existierende Gebäude können dann vor Ort leicht auf den Bildschirm heruntergeladen und mit dem aktuellen Zustand der Stadtlandschaft verglichen werden. Virtuelle Zeitreisen, die bisher eher Fachleuten vorbehalten waren, könnten in Zukunft also jedermann zugänglich sein. Die neuen 3D-Technologien haben ihre Möglichkeiten noch längst nicht ausgeschöpft, aber nur, wenn die Bürger selbst aktiv an Digitalisierungsprojekten teilnehmen, wie der Erfolg der Online-Plattform Hydral, [1] "die zur ersten Adresse gehört, wenn man sich für Breslau interessiert" (230), unter Beweis gestellt hat.

Kuroczyński ist es gelungen ein Buch zu verfassen, das künftig selbst zu den bevorzugten Titeln gehören wird, wenn man sich mit der kulturellen Aneignung von Wrocław vertraut machen möchte. Seine Ergebnisse sind aber nicht nur für die Stadtgeschichtsschreibung interessant. Die Gegenüberstellung von analogen und digitalen Stadtführern eröffnet Möglichkeiten für weitere Forschungen, die sich allgemeinen Prozessen der Raumnutzung und Raumwahrnehmung widmen. Die Internetseiten, die eine "räumliche und inhaltliche Fragmentierung der Stadtvermittlung" (279) verwirklichen, werden unsere Vorstellungen von Stadt und Stadtstruktur gänzlich überschreiben. Die Frage, wie dieser Prozess ablaufen wird, bietet Raum für weitere Forschungen.


Anmerkung:

[1]: Den Betreibern der Plattform zufolge ist Hydral "ein virtuelles Album zum alten, verschwundenen und unbekannten Breslau. [...] Ende des Jahres 2008 werden rund 250.000 Bilder gezählt" (230), URL: www.dolny-slask.org.pl (22.3.2013)

Máté Tamáska