Rezension über:

Eckhard Ullrich: Kulturschock NVA. Briefe eines Wehrpflichtigen 1971-1973, Berlin: Christoph Links Verlag 2013, 223 S., ISBN 978-3-86153-711-3, EUR 19,90
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Rezension von:
Christian Th. Müller
Universität Potsdam
Redaktionelle Betreuung:
Dierk Hoffmann / Hermann Wentker im Auftrag der Redaktion der Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte
Empfohlene Zitierweise:
Christian Th. Müller: Rezension von: Eckhard Ullrich: Kulturschock NVA. Briefe eines Wehrpflichtigen 1971-1973, Berlin: Christoph Links Verlag 2013, in: sehepunkte 13 (2013), Nr. 9 [15.09.2013], URL: http://www.sehepunkte.de
/2013/09/23142.html


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Eckhard Ullrich: Kulturschock NVA

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Lebenswelt und innere Befindlichkeit der Wehrpflichtigen der Nationalen Volksarmee sind für Außenstehende heute - über zwei Jahrzehnte nach dem Ende des SED-Regimes - schwerer denn je verständlich. Zu groß sind die Unterschiede zwischen heutiger Zivilgesellschaft und dem durch verschiedenste Restriktionen und Zwänge geprägten Dasein in kasernierter Vergesellschaftung unter den Bedingungen des "real existierenden Sozialismus in den Farben der DDR".

In der Forschung zur Militärgeschichte des zweiten deutschen Staates ist dieses Thema bislang auch eher am Rande behandelt worden. Authentische Selbstzeugnisse von Wehrpflichtigen - wie Briefe oder Tagebücher - schlummern zwar wohl noch in mancher Abstellkammer. Für die Forschung und die interessierte Öffentlichkeit sind sie jedoch zumeist nicht zugänglich. So wird das Leben in der NVA durch Filme wie Leander Haußmanns "NVA" oder Christian Schwochows "Der Turm" entweder als Klamauk oder in besonders düsteren Farben gezeichnet. Über Klischeebilder kommt man in beiden Fällen nicht hinaus. Auch die zumeist autobiographisch angelegte literarische Verarbeitung des Themas Wehrdienst in der DDR von Jürgen Fuchs' "Fassonschnitt" bis zu Peter Tannhoffs "Sprutz - In den Fängen der NVA" weist ähnliche Probleme nachträglicher dramaturgischer Verdichtung und Sinnkonstruktion auf.

Umso wichtiger ist die von Eckhard Ullrich besorgte Briefedition, die Ullrichs Briefe an seine Eltern und eine Schulfreundin in der Zeit von November 1971 bis zum Mai 1973 enthält. Dem Leser werden so tiefe Einblicke in die Erfahrungen sowie das Seelenleben des Protagonisten ermöglicht. Mit der Einberufung zum Grundwehrdienst verschlägt es den 18-jährigen literarisch und journalistisch ambitionierten Abiturienten aus Thüringen ins Mot. Schützenregiment 28 nach Rostock ans andere Ende der DDR. Mit einer eigentümlichen Mischung aus naivem Staunen und kritischer Betrachtung beschreibt er seinen Lieben daheim detailliert die für ihn neue und befremdliche Umwelt. Das beginnt mit dem üblichen Stress und Schlafmangel in den ersten Tagen nach der Einberufung. "Wir rennen hier pausenlos und ziehen uns x-mal am Tag um" (14). Die Vorgesetzten werden differenziert geschildert. "Unser Kompaniechef ist in Ordnung, die Unteroffiziere sind zu 80% blöde Schreier, zwei gute sind aber auch dabei. Ich lerne hier allerhand, Bohnern, Scheuern, Fensterputzen, Schrank und Päckchen bauen, außerdem verblöden wir hier wohl, wir brüllen schon aus geringstem Anlaß." "Wir leben hier völlig hinterm Mond, ohne Radio, TV, Zeitung." (15)

Der psychische und physische Ausnahmezustand während der ersten Wochen in der Kaserne findet seinen Ausdruck unter anderem auch darin, dass normale Körperfunktionen wie der Stuhlgang gleich mehrere Tage hintereinander ausbleiben. Nach dem ersten Monat bei der Armee ist so etwas wie eine ansatzweise Identifikation mit der neuen Rolle zu erkennen. Ullrich unterzeichnet mit "Euer Soldat Eckhard" und übernimmt den Brauch, von den achtzehn Schlüsselringen an seinem Schlüsselbund nach jedem gedienten Monat einen nach Hause zu schicken. Ähnlich wird er später auch die Rituale der "Entlassungskandidaten" praktizieren.

Viele der geschilderten Phänomene dürften auch die meisten anderen Wehrpflichtigen, die zwischen 1962 und 1990 in der NVA dienten, so oder ähnlich erlebt haben. Um eine "durchschnittliche" Dienstzeit handelte es sich bei der von Eckhard Ullrich gleichwohl nicht. Seine literarischen Ambitionen weckten schon frühzeitig das Interesses des "Politniks" (27), der ihn in den Zirkel junger Autoren und die Kulturgruppe der Einheit holte. Die kulturelle Betätigung öffnete immer wieder Freiräume und Möglichkeiten, den Strapazen des Ausbildungsbetriebes zeitweise zu entgehen. Um als Flötist an der Parade zum 1. Mai teilzunehmen, war er im Frühjahr 1972 gleich mehrere Wochen in Ost-Berlin. Danach gelangte er zeitweise in die Position des Kompanieschreibers, um schließlich - mittlerweile Gefreiter - als Gruppenführer chemische Abwehr in die Stabskompanie seines Truppenteils versetzt zu werden. Parallel dazu erfolgten erste Publikationen im Soldatenmagazin "Armeerundschau" und der Wochenzeitung "Volksarmee". Als krönender Abschluss des Grundwehrdienstes winkte schließlich sogar noch die Beförderung zum Unteroffizier der Reserve. Wegen eines nicht näher beschriebenen "Wachvergehens" in den letzten Tagen vor der Entlassung wurde daraus dann aber doch nichts.

Typisch sind hingegen die kritische bis ablehnende Haltung gegenüber der Militärorganisation, das Hadern mit dem Schicksal, in der Kaserne "eingelocht" (29) zu sein, Kommunikationsprobleme mit der potentiellen Freundin, Frust, der mit schöner Regelmäßigkeit in größeren Mengen Alkohols ersäuft wird.

Nicht nur in seinen Briefen nahm Ullrich kein Blatt vor den Mund. Das Verhältnis zu einem Teil der Vorgesetzten gestaltete sich spannungsreich. Der Soldat Ullrich eckte immer wieder an. Er zeigte dem Stabsfeldwebel einen Vogel. Dafür gab es Strafarbeiten. Als er mehrmals kurz hintereinander in der Stadt wegen Belanglosigkeiten von der Militärstreife aufgegriffen wurde, gab es "ein endloses Gebrüll all unserer Chefs". Er musste eine Stellungnahme schreiben und wurde mit Ausgangssperre bestraft. Darüber hinaus wurde Ullrich drastisch verdeutlicht, wie lang der Arm der NVA sein konnte. Stabsfeldwebel I. drohte: "Sie werden an Ihre Armeezeit noch 10 Jahre zurückdenken." Hauptmann R. wurde vor versammelter Mannschaft deutlicher: "Der Soldat Ullrich ist ein undisziplinierter, überheblicher, arroganter Soldat. Ich verspreche Ihnen, dass ich ihm eine Beurteilung schreibe, mit der er nirgendwo studieren wird." (141)

Das schüchterte ein. Und tatsächlich wurde die für Herbst 1973 erteilte Zulassung zum Journalistikstudium in Leipzig wieder zurückgezogen. Eckhard Ullrich ließ offen, ob dafür die Beurteilung des Kompaniechefs oder seine offenherzigen Briefe an die Redaktionskollegen der SED-Bezirkszeitung "Freies Wort" in Suhl verantwortlich waren. Später wird er Philosophie studieren und promovieren. Erst nach dem Ende der DDR wird schließlich sein ursprünglicher Berufswunsch, Journalist zu werden, doch noch in Erfüllung gehen.

Eckhard Ullrichs Briefedition ist eine höchst aufschlussreiche Quelle für die individuelle Wahrnehmung von Wehrpflicht und Wehrdienst in der DDR. Ullrich schildert seine alltäglichen Verrichtungen, zeichnet die Konfliktlinien im ostdeutschen Soldatenalltag nach und wirft immer wieder Schlaglichter auf materielle und mentale Problemzonen einer vorgeblich "sozialistischen" Armee. Mancher wird auch anderes erlebt haben und tat sich mit der Einordnung in den reglementierten Mikrokosmos der NVA vielleicht nicht ganz so schwer wie Ullrich.

Eckhard Ullrich hat seine Briefe inzwischen der Stiftung 'Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland' übergeben. Es wäre zu wünschen, dass möglichst viele "Veteranen" diesem Beispiel folgen, ihre alten Briefe aus dem Dornröschenschlaf in der Schreibtischschublade erwecken und der Forschung zugänglich machen.


Anmerkung der Redaktion:

In einer früheren Fassung der Rezension stand irrtümlich, dass Eckhard Ullrich seine Briefe dem Militärhistorischen Museum in Dresden übergeben habe. Wir bedauern diesen Fehler.

Christian Th. Müller