Rezension über:

Hans Krabbendam / John M. Thompson (eds.): America's Transatlantic Turn. Theodore Roosevelt and the "Discovery" of Europe (= The World of the Roosevelts), Basingstoke: Palgrave Macmillan 2012, X + 208 S., ISBN 978-1-1372-8648-2, GBP 55,00
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Rezension von:
Fabian Hilfrich
University of Edinburgh
Redaktionelle Betreuung:
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Fabian Hilfrich: Rezension von: Hans Krabbendam / John M. Thompson (eds.): America's Transatlantic Turn. Theodore Roosevelt and the "Discovery" of Europe, Basingstoke: Palgrave Macmillan 2012, in: sehepunkte 13 (2013), Nr. 9 [15.09.2013], URL: http://www.sehepunkte.de
/2013/09/22747.html


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Hans Krabbendam / John M. Thompson (eds.): America's Transatlantic Turn

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Theodore Roosevelt rangierte 2009 laut einer Erhebung unter 65 namhaften Historikern auf Platz 4 der besten US-Präsidenten; auch in öffentlichen Umfragen landet dieser republikanische Präsident regelmäßig weit vorne. Seine Nachfolger berufen sich gerne auf ihn, die Demokraten Bill Clinton und Barack Obama erstaunlicher Weise weit mehr als George W. Bush.[1]

Der unter der Ägide des Roosevelt Study Center in Middelburg herausgegebene Sammelband beleuchtet einen Aspekt des Roosevelt'schen Erbes: die Beziehungen zu Europa im frühen 20. Jahrhundert. Mit Gegenwartsbezug wird die Bedeutung dieser Beziehungen betont - was bei einem fast ausschließlich von Europäern verfassten Band nicht weiter überrascht. Der Anspruch der Herausgeber geht allerdings über eine willkürliche Verknüpfung von Roosevelt und Europa hinaus, wenn sie die These formulieren: "the best place to look for the origins of the modern transatlantic relationship is in the career of Theodore Roosevelt" (4-5), und mit einigen Autoren argumentieren, dass Roosevelt transatlantischer und "europäischer" dachte als die meisten seiner Vorgänger und Nachfolger. Einige Beiträge betonen Roosevelts Intellektualität und kontrastieren ihn positiv mit Woodrow Wilson, dessen Nachkriegspläne scheiterten, weil sie das Wünschbare nicht mit dem Möglichen in Einklang brachten (7-8, und der Artikel von Claire Delahaye). Hier nehmen die Autoren eine dezidiert "realistische" Position im nicht enden wollenden Streit mit den "Idealisten" im amerikanischen außenpolitischen Denken ein.[2]

Allerdings hängen diese positiven Urteile teilweise mit dem neuen Untersuchungsgegenstand Europa zusammen. Bisher hat sich die Historiographie besonders für Roosevelts Politik gegenüber schwächeren Nationen in Ostasien und Lateinamerika interessiert, Regionen, gegenüber denen der Präsident sich durch markige Aussprüche hervortat und denen er im Zweifelsfall mit dem "big stick" drohte. Dabei klang Roosevelt nicht gerade raffiniert, wenn er die Welt in "Barbaren" und "Zivilisationen" unterteilte und nur letzteren Rechte auf der weltpolitischen Bühne einräumte. Der Unterschied zwischen dem vermittelnden Roosevelt im europäischen Kontext und dem Polizisten mit Schlagstock in den Beziehungen zum Rest der Welt wurde schon in einer berühmten Karikatur von 1901 verdeutlicht.[3] Im Band dagegen erscheint letztere Sichtweise lediglich in Michael Cullinanes Artikel, der den Zusammenhang zwischen Roosevelts Ansichten über Rasse und Zivilisation und dem amerikanischen Imperialismus beleuchtet.

Insofern ist eine Konzentration auf Roosevelts Politik gegenüber Europa durchaus willkommen, auch wenn mitunter die Neuartigkeit dieses "fresh approach" (3) und die zentrale Rolle Roosevelts zu stark betont werden. Letzteres ist natürlich die Gefahr eines biographischen Ansatzes, der Personen auf Kosten von Prozessen hervorhebt, aber die Frage ist dennoch berechtigt, inwiefern die intensiveren transatlantischen Beziehungen, die nach 1900 zu beobachten sind, auf den Handlungen des damaligen Präsidenten oder auf der veränderten weltpolitischen Rolle der USA nach dem Spanisch-Amerikanischen Krieg beruhten. Die Herausgeber merken richtig an, dass der Einfluss seines Vorgängers, William McKinley, schwer zu bemessen ist, da dieser schon 1901 einem Attentat zum Opfer fiel. Allerdings ist die Sichtweise, dass McKinleys Außenpolitik "totally reactive in nature" (2) war, in der Forschungsliteratur mittlerweile stark umstritten.[4] Darüber hinaus gab es auch für Roosevelt intellektuelle Wegbereiter und Mitstreiter innerhalb der amerikanischen Eliten, gerade an der Ostküste, die ebenso eine Veränderung von Amerikas weltpolitischer Rolle und in den Beziehungen zu Europa wünschten. Im letzten Kapitel betont Simon Rofe beispielsweise den Einfluss, den Flottenadmiral Alfred Thayer Mahan auf Roosevelts strategisches Denken hatte (179-192).

Da der Sammelband nicht aus einer Konferenz hervorgegangen ist, sondern bewusst konzipiert wurde, wirkt er kohärent, doch die Qualität der einzelnen Artikel variiert. Das Buch ist in vier Teile gegliedert, "Antecedents," "Contexts," "Linchpins" und "Legacies," die wiederum zwei bis drei Kapitel enthalten. Zentrale Themen der transatlantischen Beziehungen werden analysiert, obwohl die Auswahl manchmal etwas willkürlich erscheint. Unter der "Vorgeschichte" beispielsweise werden Roosevelts frühe Europareisen und seine Ansichten zu Rasse, Charakter und Zivilisation abgehandelt. Während Edward Kohns "Pride and Prejudice" die Unterschiede in Roosevelts Meinung über verschiedene europäische Länder gut herausarbeitet, bleibt der Einfluss dieser Reisen auf Roosevelts spätere Politik unklar. Kohn betont beispielsweise Roosevelts frühe Bewunderung für Deutschland, erörtert aber kaum, warum diese nach der Jahrhundertwende weitgehend unerheblich war. Der zweite Teil beschäftigt sich vor allem mit dem innenpolitischen Rahmen, in dem Roosevelts Außenpolitik konzipiert wurde. Dabei betonen die Autoren die Auswirkungen von Immigration und Ethnizität: John Thompson beschäftigt sich mit dem Einfluss ethnischer Gruppen auf die Außenpolitik. Carol Chin und Hans Krabbendam analysieren die Einwanderungspolitik unter Roosevelt, die ihrer Meinung nach weniger vom Herkunftsland, als von Roosevelts "vision for a strong, homogenous America" geprägt war (78).

Die Kapitel im nächsten Teil behandeln die bilateralen Beziehungen zu den drei wichtigsten westeuropäischen Ländern: Großbritannien, Frankreich und Deutschland. Besonders interessant ist hierbei David Haglunds Beitrag über die amerikanisch-französischen Beziehungen, u.a. weil er unsere Aufmerksamkeit auf die persönlichen Dimensionen Roosevelt'scher Diplomatie lenkt, z.B. seine enge Freundschaft mit dem französischen Botschafter Jean Jules Jusserand. Im Beitrag über die deutsch-amerikanischen Beziehungen formuliert Séverine Antigone Marin eine ähnlich wichtige "personalized competition" zwischen Roosevelt und dem deutschen Kaiser, aber diese Behauptung wird nur teilweise belegt. Die Konzentration auf bilaterale Beziehungen verdeutlicht allerdings nicht, was die Herausgeber einleitend betonen, nämlich dass Roosevelt in der Lage war, "Europa" im Ganzen zu denken. Diese These wird von Haglund zumindest angeschnitten, aber nur in Simon Rofes abschließendem Beitrag eingehender erörtert. Rofes argumentiert, dass Roosevelts gesamte Weltpolitik, auch wenn sie sich auf koloniale Regionen konzentrierte, immer Europa mitdenken musste, weil sich hier die tonangebenden "Supermächte" seiner Zeit befanden.

Der letzte Teil des Bandes, zu dem Rofes Beitrag gehört, beschäftigt sich mit der Zeit nach Roosevelts Präsidentschaft. Hier wird besonders deutlich, wie schwer gerade diesem Präsidenten - immerhin zu seiner Zeit der jüngste im Weißen Haus - der Abschied von der Macht fiel, und wie sehr er sich zum Ärger seiner politischen Gegner auch nach dem Ausscheiden aus dem Amt noch in die Politik einmischte. Diese Tendenz trat vor allem im Ersten Weltkrieg zutage, wie der Beitrag von Claire Delahaye zeigt, der hervorhebt, wie stark Roosevelts Kritik an Wilsons Politik vor dem amerikanischen Kriegseintritt von persönlicher (wechselseitiger!) Animosität geprägt war, wie stark aber andererseits Roosevelts persönliche Verbindungen und ideologische Affinität zu Europa seine Handlungsweise beeinflussten. Serge Ricards Artikel schließlich verdeutlicht, dass Roosevelt auch nach seiner Präsidentschaft in Europa als bedeutender und einflussreicher amerikanischer Staatsmann wahrgenommen wurde, dessen Reputation zu diesem Zeitpunkt allerdings seinen tatsächlichen Einfluss in den USA überstieg.

Auch wenn der Band letztendlich die Versprechen von Innovation und Neueinschätzung nicht vollkommen einlöst, so fügt er dem Gesamtbild von Teddy Roosevelt doch einige wichtige Nuancen hinzu. Die Autoren leisten damit auch einen wesentlichen Beitrag zur "Frühgeschichte" der modernen transatlantischen Beziehungen.


Anmerkungen:

[1] "C-SPAN 2009 Historians Presidential Leadership Survey," C-SPAN.org: Capitol Hill, the White House and National Politics, http://legacy.c-span.org/PresidentialSurvey/Overall-Ranking.aspx [23. Juni 2013]. Für die quantitative Auswertung von Präsidentenreden vgl. John T. Woolley / Gerhard Peters (eds.): The American Presidency Project, http://www.presidency.ucsb.edu.

[2] Diese Diskussion hält seit den vierziger Jahren an, als Hans Morgenthau den Begriff des "realism" prägte, Politics among Nations: The Struggle for Power and Peace (New York: Knopf, 1948). "Realism" und "idealism" als Gegenpole amerikanischer Außenpolitik wurden u.a. von George Kennan und Robert Osgood untersucht: American Diplomacy, 1900-1950 (Chicago: University of Chicago Press, 1951) und Ideals and Self-Interest in America's Foreign Relations: The Great Transformation of the Twentieth Century (Chicago: University of Chicago Press, 1953).

[3] Die Karikatur erschien 1901 im Satiremagazin Puck, vgl. http://fineartamerica.com/featured/president-theodore-roosevelt-shown-everett.html.

[4] Für die Sichtweise McKinleys als aktiver Präsident vgl. Lewis L. Gould: The Spanish-American War and President McKinley (Lawrence, KS: University Press of Kansas, 1980); Fabian Hilfrich: Debating American Exceptionalism: Empire and Democracy in the Wake of the Spanish-American War (New York: Palgrave Macmillan, 2012).

Fabian Hilfrich