Rezension über:

Ewald Hiebl / Ernst Langthaler (Hgg.): Im Kleinen das Große suchen. Mikrogeschichte in Theorie und Praxis (= Jahrbuch für Geschichte des ländlichen Raumes; 2012), Innsbruck: StudienVerlag 2012, 289 S., ISBN 978-3-7065-5216-5, EUR 29,90
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Rezension von:
Jakob Wührer
Wien
Redaktionelle Betreuung:
Sebastian Becker
Empfohlene Zitierweise:
Jakob Wührer: Rezension von: Ewald Hiebl / Ernst Langthaler (Hgg.): Im Kleinen das Große suchen. Mikrogeschichte in Theorie und Praxis, Innsbruck: StudienVerlag 2012, in: sehepunkte 13 (2013), Nr. 9 [15.09.2013], URL: http://www.sehepunkte.de
/2013/09/22656.html


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Ewald Hiebl / Ernst Langthaler (Hgg.): Im Kleinen das Große suchen

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Der vorliegende, von Ewald Hiebl (Fachbereich Geschichte, Universität Salzburg) und Ernst Langthaler (Institut für Geschichte des ländlichen Raumes, St. Pölten) herausgegebene Band versammelt insgesamt 19 Beiträge, die hinsichtlich Zusammenstellung und Ursprung zu einem Gutteil auf die Tagung "Im Kleinen forschen, das Große suchen. Neue Diskurse zur Mikrogeschichte" zurückgehen, die im Oktober 2011 in Salzburg stattfand. Der Sammelband ist dem Salzburger Hanns Haas gewidmet, dessen Emeritierung Anlass für die Tagung war. Die Herausgeber wollen die vorliegende Publikation aber nicht als Festschrift verstanden wissen und betonen, dass das Interesse des Jubilars an der Mikrogeschichte die Stoßrichtung des Bandes vorgegeben habe: Die "(selbst-)kritische" Beleuchtung der Mikrogeschichte, die "seit Kurzem auch in der Geschichtswissenschaft neue Konjunktur" erfahren habe (7).

Der Band ist zweigeteilt. Im ersten Abschnitt "Debattenbeiträge" nähern sich sechs Beiträge dem Generalthema theoretisch-konzeptionell. Der zweite Abschnitt "Fallstudien und Werkstattberichte" besteht aus 12 Beiträgen, in denen Forschungsprojekte und -ergebnisse präsentiert werden. Mit ungefähr 15 Seiten Umfang pro Beitrag sind diese allesamt verhältnismäßig kurz. Das gesamte Buch wirkt dadurch im positiven Sinn kompakt. Den Abschluss bilden Abstracts der Einzelbeiträge in englischer Sprache (281-288) und ein Verzeichnis der Autorinnen und Autoren (289).

Am Anfang des Buches steht eine instruktive, dreigliedrig aufgebaute Einleitung der Herausgeber (7-21). Zuerst werden im Überblick Hanns Haas' Forschungsinteressen und -leistungen sowie seine methodischen und theoretischen Herangehensweisen vorgestellt, womit auch die Verbindung zur Mikrogeschichte hergestellt wird. Im zweiten Teil der Einleitung diskutieren die Herausgeber in Anlehnung an Giovanni Levi den Begriff Mikrogeschichte. Schon in diesem Abschnitt klingt ein Problem an, das der Leser als übergeordnete Fragestellung des Sammelbandes begreifen kann und das im abschließenden Teil der Einleitung von den Herausgebern dezidiert angesprochen wird: die Schwierigkeiten der klaren Konturierung von Mikrogeschichte. Entsprechend würden auch die Beiträger hinsichtlich der Konzeption von Mikrogeschichte keine "Glaubensgemeinschaft" bilden, sondern unterschiedliche und bisweilen gegensätzliche Positionen vertreten (13f.). Neben der Gegenüberstellung dieser verschiedenen Positionen geht es den Herausgebern aber auch um die Präsentation von Beiträgen, in denen Ansätze zu Ausbau und Weiterentwicklung des Forschungsansatzes gezeigt und diskutiert werden. Im dritten Teil ihrer Einleitung stellen sie die einzelnen Beiträge nicht nur inhaltlich vor, sondern kommentieren sie kritisch hinsichtlich der Zielsetzung des Bandes, Mikrogeschichte inklusive aktueller Entwicklungstendenzen zu hinterfragen. Letztendlich wird vor dem Hintergrund der Aussage Otto Ulbrichts, "es ist nicht alles mikro, wo mikro draufsteht" [1], die Frage gestellt, was Mikrogeschichte sei und was eben nicht. Die Herausgeber betonen dabei selbst, dass nicht nur die Kleinheit des Forschungsgegenstandes alleiniges Merkmal mikrohistorischer Arbeiten sein kann (11). Dennoch müssen sie einräumen, dass einzelne Beiträge ihres Bandes oft nur aufgrund der Kleinheit des Beobachtungsausschnitts einem erweiterten Begriffsverständnis von Mikrogeschichte entsprechen (15f.).

Die ersten sechs Beiträge widmen sich methodischen, theoretischen und wissenschaftsgeschichtlichen Aspekten. Otto Ulbricht beschreibt in seinem Beitrag "Divergierende Pfade der Mikrogeschichte. Aspekte der Rezeptionsgeschichte" (22-36), dass Mikrogeschichte als Forschungsansatz im Vergleich zur Anfangsphase der 1980er- und 1990er-Jahre nicht mehr Gegenstand lebhafter Polemik, sondern mittlerweile innerhalb der Geschichtswissenschaft international etabliert sei. In seinem Beitrag zeichnet er die Entwicklungsstadien der Mikrogeschichte nach und beschreibt aktuelle Tendenzen in Deutschland und den USA. Sieht er in Deutschland teilweise Innovation in der selektiven Anwendung mikrohistorischer Ansätze auf aktuelle Themen der Geschichtswissenschaft wie die Globalisierung, so erscheint ihm die stark auf die historische Erzählung ausgerichtete Mikrogeschichte US-amerikanischer Prägung als zu wenig theoretisch reflektiert.

Auf die von Ulbricht angesprochene Verbindung von Global- und Mikrogeschichte geht Angelika Epple in ihrem Beitrag "Globale Mikrogeschichte. Auf dem Weg einer Geschichte der Relationen" (37) ein. Auch die Beiträge von Margareth Lanzinger ("Das Lokale neu positionieren im actor-network-Raum - globalgeschichtliche Herausforderungen und illyrische Steuerpolitk", 48-56) und Ernst Langthaler ("Vom Behälter zum Netzwerk? Raum in mikrohistorischer Perspektive", 57-68) beschäftigen sich mit Mikrogeschichte im Verhältnis zum Raum. Die Problematik des Verhältnisses von Mikro- versus Makroebene wird in diesen Beiträgen aufgegriffen und gleichzeitig aufgelöst.

Zwölf zumindest "mikrohistorisch inspirierte" (16) Studien werden dem Leser im zweiten Abschnitt des Sammelbandes chronologisch nach behandeltem Zeitraum - beginnend mit dem 18. Jahrhundert - präsentiert. Ihr Zuschnitt hinsichtlich Darstellungsweise, Thema und Methode ist verschieden, wobei eine methodische und theoretische Reflexion über Mikrogeschichte nur am Rande oder gar keine Rolle spielt.

Norbert Schindler leitet als versierter Autor mikrohistorischer Studien seinen Beitrag zum Salzburger Wetterläutverbot von 1785 (106-120) mit einem prägnanten Präludium zum aktuellen Stand mikrohistorischer Forschung ein. Nach dem letztlich unproduktiven Streit zwischen Vertretern der Makro- und Mikrogeschichte sei Letztere inzwischen zu einem "universalen Arbeitswerkzeug" geworden, das nach Belieben dann eingesetzt werde, wenn die "dichte Quellenlage es erlaubt und Bedarf nach wissenschaftlichen Tiefenbohrungen, nach einer genaueren Erklärung besteht" (106). Seine kurze Studie zum Wetterläutverbot ist ein gelungenes Anwendungsbeispiel des mikrohistorischen Forschungsansatzes: Erzählerische Darstellungsform sowie Kontextualisierung und Erklärung eines in großem Maßstab auf kleinem Raum beobachteten Phänomens.

In einer Reihe von Beiträgen stehen, für die Mikrogeschichte typisch, Dörfer im Mittelpunkt. So beschreibt Hans Heiss in seinem Beitrag die wechselhafte Geschichte des Südtiroler Ortes Franzensfeste/Fortezza im Kontext politischer und wirtschaftlicher Entwicklungen (155-169) und Stefan Eminger beobachtet Dorfpolitik von 1900 bis 1960 in der kleinen niederösterreichischen Gemeinde Münichsthal (170-184), wo lokale Lagerbildungen lange Zeit den Einfluss überlokaler Parteiungen verhinderten und erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts von landes- und bundespolitischen Strömungen überlagert wurden. Ein ähnliches Wechselspiel beziehungsweise die gegenseitige Beeinflussung von kleinräumigen und großräumigen politischen Prozessen interessiert auch Grazia Pontera, die in ihrem Beitrag die apulische Landarbeiterbewegung im Zeitraum von 1949 bis 1951 ins Zentrum rückt und mit der Demokratisierung Italiens kontextualisiert (251-265).

Beispiele für eine biografische Ausrichtung mikrohistorischer Studien bilden die Beiträge von Peter Melichar zum christlichsozialen Politiker Otto Ender (185-205) und von Robert Hoffmann, der anhand eines Tagesbuchs das Leben des Gemischtwarenhändlers Alexander Haidenthaller nachzeichnet (139-154).

Der vorliegende Band erfüllt in Summe den Anspruch der Herausgeber, eine "vielstimmige Auseinandersetzung über Möglichkeiten und Grenzen der Mikrogeschichte" (14) vorzulegen. Dies weniger, weil alle Beiträger geschlossen die übergeordnete Problemstellung zu Wesen und Entwicklung von Mikrogeschichte aufgreifen und in ihren Texten reflektieren, sondern weil die Summe der Beiträge den Leser zu dieser Auseinandersetzung anregt. Darin liegt der Wert des Sammelbandes, vermehrt um einzelne, für sich sehr anregende Beiträge.


Anmerkung:

[1] Otto Ulbricht: Mikrogeschichte. Menschen und Konflikte in der Frühen Neuzeit, Frankfurt am Main / New York 2009, 31.

Jakob Wührer