Rezension über:

Anne-Brigitte Spitzbarth: Ambassades et ambassadeurs de Philippe le Bon, troisième duc Valois de Bourgogne (1419-1467) (= Burgundica; XXI), Turnhout: Brepols Publishers NV 2013, XII + 664 S., ISBN 978-2-503-54493-9, EUR 99,00
Inhaltsverzeichnis dieses Buches
Buch im KVK suchen

Rezension von:
Heribert Müller
Goethe-Universität, Frankfurt/M.
Redaktionelle Betreuung:
Jessika Nowak
Empfohlene Zitierweise:
Heribert Müller: Rezension von: Anne-Brigitte Spitzbarth: Ambassades et ambassadeurs de Philippe le Bon, troisième duc Valois de Bourgogne (1419-1467), Turnhout: Brepols Publishers NV 2013, in: sehepunkte 13 (2013), Nr. 9 [15.09.2013], URL: http://www.sehepunkte.de
/2013/09/22565.html


Bitte geben Sie beim Zitieren dieser Rezension die exakte URL und das Datum Ihres Besuchs dieser Online-Adresse an.

Anne-Brigitte Spitzbarth: Ambassades et ambassadeurs de Philippe le Bon, troisième duc Valois de Bourgogne (1419-1467)

Textgröße: A A A

Lange genoss Diplomatiegeschichte gerade in Frankreich wenig Ansehen, galt sie doch als Teil einer antiquierten, sich in der Wiedergabe von Fakten und Ereignissen erschöpfenden Politikgeschichte. Dies hat sich indes dank einer - mit Namen etwa wie Bernard Guenée oder Philippe Contamine verbundenen - "erneuerten" politischen Geschichtsschreibung, die sich Fragen und Ansätze der "nouvelle histoire" öffnete, seit geraumer Zeit gründlich geändert. Ja, man mag mit Blick auf die Autorin vorliegenden Werks, das aus einer an der Universität Lille III 2007 verteidigten Thèse hervorgegangen ist, gar schon von einer Enkelgeneration sprechen, denn bereits ihr nach Contamine zweiter akademischer Lehrer Bertrand Schnerb hatte im Rahmen eines deutsch-französischen Symposiums 1999 kurz über das Thema der burgundischen Gesandten unter Philipp dem Guten gehandelt, und von Christian de Borchgrave war 1992 eine große, auf Flandern fokussierte Studie "Diplomaten en diplomatie onder hertog Jan zonder Vrees" publiziert worden. [1] 2011 erschien eine weitere Thèse von Eva Pibiri, die das savoyische Gesandtschaftswesen des 14./15. Jahrhunderts - insbesondere unter Herzog Amadeus VIII. - untersuchte und in vielen Punkten zu (von ihr im Übrigen schon partiell geleisteten) Vergleichen mit Burgund anregt. [2] Spitzbarth wiederum steuerte 2009 eine Studie über die Auswahlkriterien "ihrer" Gesandten zu einem von Pibiri mit verantworteten Lausanner Kolloquium "Le diplomate en question" bei. Das Netz französischer Diplomatiegeschichte des Spätmittelalters wird also von einer jüngeren Generation erfreulicherweise immer dichter geknüpft. Weniger erfreulich aus speziell deutscher Sicht ist lediglich, dass die nicht minder Fahrt aufnehmende Forschung hierzulande von unserer Autorin recht selektiv rezipiert wird; so bleiben etwa ein entsprechender Reichenauer und Wiener Tagungsband - beide einschlägig nicht zuletzt auch für Vergleichszwecke - unberücksichtigt. [3] Bei Zitierungen deutschsprachiger Titel (z.B. Ehm, Melville, Prietzel) schnappt nur zu oft die Fehlerfalle zu; so findet sich unter der Rubrik Literatur die eigentlich den Quellen zuzuordnende, von Prietzel besorgte Ausgabe von Werken des Guillaume de Fillastre des Jüngeren mit falschem Erscheinungsort und ohne Reihenangabe zitiert als: Guillaume Fillastre, j. d., Ausgewahlte werke, Stuttgart 2003 - ein Beispiel von vielen. Sicher sind das lediglich Marginalien, allein in einem Werk auf diesem Niveau sollten sie nicht allzu häufig vorkommen bzw. im Vorfeld von einem kundigen Korrektor verbessert werden.

Denn die Arbeit selbst darf als grundgelehrtes Standardwerk gelten; sie beruht weitgehend auf handschriftlichem Material aus den unerschöpflichen Burgundica-Beständen der Departementalarchive von Lille und Dijon und der Pariser Nationalbibliothek. Sie macht jenseits des vielbeschworenen Glanzes der großen Herzöge eines der "harten" strukturellen Fundamente des burgundischen Staats sichtbar (und dass es sich wohlgemerkt um einen solchen handelt, ist für die Verfasserin im Einklang mit der jüngeren Forschung schlicht selbstverständlich), zu deren Freilegung ja auch die Arbeiten von Werner Paravicini und dessen Schülern wesentlich beigetragen haben. Es liegt in der Natur solch "harter" Sache, dass die Lektüre nicht gerade literarisches Vergnügen bereitet; es dominiert auf über 650 (zu) eng bedruckten Seiten gedrängte Informationsdichte, die in einer (mit Hilfe der Angaben auf S. 600 zugänglichen) Datenbank ihr imponierendes Pendant findet. Wenn Spitzbarth auch betont, ihre Arbeit sei keine prosopographische Studie, sondern wolle Strukturen und Prinzipien des Gesandtschaftswesens unter Philipp erhellen, so leisten doch ihr Personenkatalog und die damit verbundene Datenfülle hierfür wie für Biographica höchst nützliche Dienste.

Das Material erweist eindrücklich die zentrale Bedeutung des Gesandtschaftswesens für einen Herzog, in dessen 48jähriger Herrschaft nicht weniger als 1412 förmliche Gesandtschaften und fast 3000 "déplacements diplomatiques" nachweisbar sind, für die immerhin durchschnittlich 3-4% des jährlichen Budgets aufzuwenden waren. Ein gutes Zehntel der 621 identifizierten Gesandten - fast zur Hälfte handelt es sich um Räte, die vornehmlich aus dem herzoglichen Hôtel kamen - versah ca. 45% aller Aufträge, und dennoch kann von einem geschlossenen Milieu keine Rede sein, da selbst die oft Berufenen sich ja nie kontinuierlich betätigten. Auch war diplomatischer Dienst - in der Regel zwar auskömmlich remuneriert und fallweise durch Erfolgsboni aufgestockt, jedoch zugleich relativ risikoreich und gefahrvoll - kein Mittel zur Beförderung der eigenen Karriere. Vielmehr spiegelt die wiederholte Berufung das bereits vorhandene Vertrauen von Herzog und auch Kanzler in die Loyalität und Zuverlässigkeit des Betreffenden. Erst sekundär fielen Sachkompetenz, Sprachenkenntnisse und Ähnliches mehr wie auch der soziale Status ins Gewicht, wobei insbesondere die Herkunft aus dem Ritterstand sich als vorteilhaft erweisen konnte. Man war a u c h, indes nicht ausschließlich Gesandter; noch stand die "polyvalente" Leitungspersönlichkeit, gerade beim Adel, im Vordergrund, obgleich generell Tendenzen zur Spezialisierung und Professionalisierung unverkennbar sind. (Leider fehlt es weitgehend an Vergleichen; Seitenblicke richten sich allenfalls auf den französischen und bretonischen Hof und ganz selten auf das avancierte Botschaftswesen der italienischen Staatenwelt.) Gesandte hatten selbstredend gemäß ihren präzisen Instruktionen herzogliche Interessen zu vertreten, insbesondere mussten sie Status, Recht und Ehre von Fürst und Fürstentum verteidigen, wahren und mehren, wobei die schriftliche Dokumentation zentral war - hier weist burgundische Diplomatie in die Zukunft. [4] Bei großen Gesandtschaften wurde Macht durch Pracht in Szene gesetzt; sie stehen für aufwendige Repräsentation und mehr noch, sie konnten sich zur Manifestation königsgleicher Potenz steigern, die sich in bis zu 60 Personen umfassenden Delegationen samt kostbaren Apparaten (Gewänder, Tapisserien, Schmuck, Geschirr etc.) niederschlug. In solchem Kontext ließe sich auch mehr, als hier zu lesen steht, über die burgundischen Sitz- und Rangstreitigkeiten auf Zusammenkünften wie Generalkonzilien oder Türkenreichstagen aussagen. Die profunde Kenntnis ungedruckter Quellen in Ehren, allein eine stärkere Berücksichtigung der einschlägigen und in diesem Fall nicht zuletzt der deutschsprachigen Literatur hätte kaum geschadet. [5] Ähnliches gilt gerade mit Blick auf Burgund und dessen Diplomatie auch für die Edition der Dokumente des in der Folge von Konstantinopels Fall 1454 nach Regensburg einberufenen Türkentags im Rahmen der "Deutsche[n] Reichstagsakten", wie es für die Quellen der folgenden Versammlungen zu Frankfurt und Wiener Neustadt (1454/55) gilt, deren gerade erst im August 2013 erschienene Editionen Spitzbarth indes noch nicht kennen konnte. [6] Ob auf dem Basler Konzil oder auf den Reichstagen, immer wieder offenbart die burgundische Diplomatie mit ihren vom Hof vorgegebenen Rangansprüchen samt den daraus resultierenden Streitigkeiten das Dilemma eines Parvenu aus altem Hause, eines königsgleichen, doch nicht königlichen Störenfrieds altetablierter Ordnungen.

Fazit: Der Rezensent würde mit seinem Fehlerleporello zum kleinlichen Kritikaster mutieren, höbe er nicht primär hervor, dass in der Sache selbst ein "opus magnum" anzuzeigen ist, das in vielem als abschließend zu gelten hat und zusammen mit der Fundgrube Datenbank eine veritable Referenz darstellt.


Anmerkungen:

[1] Bertrand Schnerb: Les ambassadeurs bourguignons sous le principat de Philippe le Bon, in: Dieter Berg u.a. (Hgg.): Auswärtige Politik und internationale Beziehungen im Mittelalter (13. bis 16. Jahrhundert), Bochum 2002, 223-231; zu Borchgrave ebd., 224.

[2] Eva Pibiri: En voyage pour Monseigneur. Ambassadeurs, officiers et messagers à la cour de Savoie (XIVe-XVe siècles), Lausanne 2011; Eva Pibiri / Guillaume Poisson (dir.): Le diplomate en question (XVe-XVIIIe siècles), Lausanne 2010.

[3] Rainer C. Schwinges / Klaus Wriedt (Hgg.): Gesandtschafts- und Botenwesen im spätmittelalterlichen Europa, Ostfildern 2003; Sonja Dünnebeil / Christiane Ottner (Hgg.): Außenpolitisches Handeln im ausgehenden Mittelalter. Akteure und Ziele, Köln - Weimar 2007.

[4] Vgl. Anne-Brigitte Spitzbarth: La diplomatie bourguignonne sous Philippe le Bon. Une diplomatie modèle?, in: Werner Paravicini e. a. (dir.): La cour de Bourgogne et l'Europe ..., Ostfildern 2013, 190: "La diplomatie de Philippe le Bon est d'abord et avant tout ... une diplomatie documentée".

[5] Ich beschränke mich auf die Nennung eigener Publikationen, denen sich weiterführende Hinweise leicht entnehmen lassen: Théâtre de la préséance. Les ducs de Bourgogne face aux grandes assemblées dans le Saint-Empire, Ostfildern 2007; Das Basler Konzil (1431-1449) und die europäischen Mächte ..., in: HZ 293 (2011) 614-619; Kreuzzugspläne und Kreuzzugspolitik des Herzogs Philipp des Guten von Burgund, Göttingen 1993 (zur burgundischen Diplomatie auf den Tagen von Regensburg, Frankfurt und Wiener Neustadt).

[6] Deutsche Reichstagsakten. Ältere Reihe, Bd. XIX/1, hg. v. Helmut Weigel / Henny Grüneisen [Regensburg 1454], Göttingen 1969; XIX/2, hg. v. Johannes Helmrath [Frankfurt 1454], München 2013; XIX/3, hg. v. Gabriele Annas [Wiener Neustadt 1454], München 2013.

Heribert Müller