Rezension über:

Doreen Zerbe: Reformation der Memoria. Denkmale in der Stadtkirche Wittenberg als Zeugnisse lutherischer Memorialkultur im 16. Jahrhundert (= Schriften der Stiftung Luthergedenkst├Ątten in Sachsen-Anhalt; Bd. 14), Leipzig: Evangelische Verlagsanstalt 2013, 632 S., 30 Farbtaf., ISBN 978-3-3740-3082-8, EUR 98,00
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Rezension von:
Ruth Slenczka
SFB 640, Humboldt-Universit├Ąt zu Berlin
Redaktionelle Betreuung:
Johannes Wischmeyer
Empfohlene Zitierweise:
Ruth Slenczka: Rezension von: Doreen Zerbe: Reformation der Memoria. Denkmale in der Stadtkirche Wittenberg als Zeugnisse lutherischer Memorialkultur im 16. Jahrhundert, Leipzig: Evangelische Verlagsanstalt 2013, in: sehepunkte 13 (2013), Nr. 9 [15.09.2013], URL: http://www.sehepunkte.de
/2013/09/22436.html


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Doreen Zerbe: Reformation der Memoria

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Dass die Reformation den Totenkult grundlegend veränderte, ist völlig unstrittig: Alle reformatorischen Strömungen waren sich in der Ablehnung von Totenmessen und allen liturgischen Handlungen einig, mit denen die Lebenden das Schicksal der Verstorbenen beeinflussen zu können meinten. Auch der reformatorische Wandel der Sepulkralkultur ist oft beschrieben worden. [1] Ob und in welcher Weise der theologische und liturgische Wandel jedoch die Gestaltung und Funktion von Grabmonumenten veränderte, ist schwer zu fassen, weil konfessionsvergleichende Studien fehlen. Diachrone Untersuchungen zur Grabmalskultur innerhalb einzelner Konfessionen haben hingegen Konjunktur und bilden wichtige Voraussetzungen für einen solchen noch ausstehenden interkonfessionellen Vergleich: Die Dissertation von Doreen Zerbe reiht sich hier in eine Reihe von Grundlagenforschungen ein, für die exemplarisch im lutherischen Bereich Oliver Meys und Inga Brinkmanns Monografien zu reichs- und landständischen Adelsgrablegen des 16. Jahrhunderts und im katholischen Bereich die Datenbank und die Publikationen des Forschungsprojekts "Requiem. Die römischen Papst- und Kardinalsgrabmäler der Frühen Neuzeit" stehen mögen. [2] Zerbe verfolgt allerdings einen anderen Ansatz als diese, denn sie geht nicht von einer einzelnen sozialen Gruppe und deren Grabmonumenten, sondern von einem einzelnen Kirchenraum aus, der mit Grabdenkmälern unterschiedlicher sozialer Gruppen ausgestattet wurde. Sie grenzt auf diese Weise ihre Untersuchung regional stark ein, was jedoch gerechtfertigt erscheint, weil es sich bei dem gewählten Kirchenraum um die Wittenberger Stadtkirche St. Marien und damit um die Mutterkirche der Reformation handelt, die auf vielen Ebenen im gesamten lutherischen Raum vorbildhaft wirkte. Obwohl diese Kirche - anders als die Schlosskirche - im Siebenjährigen Krieg 1760 verschont wurde, so dass bis heute eine besonders hohe Zahl an Grabmälern und Epitaphien überliefert ist, wurde ihre Ausstattung zudem in der kunsthistorischen Forschung bislang wenig beachtet. Zerbes Untersuchung schließt somit eine Forschungslücke.

Die Stärke der Arbeit liegt in der Präsentation und historischen Verortung der überlieferten Memorialmonumente. Gerade die Entfaltung des stadt- und rechtsgeschichtlichen Horizonts und die Ordnung der Grabmonumente nach ihrer Zugehörigkeit zu den unterschiedlichen Machtbereichen Wittenbergs, der Residenz, der Universität und der Stadt, ist nicht nur sehr überzeugend, sondern bringt die Einzelobjekte durch konsequente Historisierung in neuer Weise zum Sprechen. Dem ist der erste Hauptteil der Arbeit gewidmet (I. Die Stadt Wittenberg und die Stadtkirche als Begräbnisstätte im 16. Jahrhundert, 57-173). Im Ergebnis entsteht ein neues Bild der Bedeutung der Marienkirche im städtischen Gefüge Wittenbergs: Während durch die Lutherverehrung des 19. und frühen 20. Jahrhunderts die Forschung ganz auf die Schlosskirche fixiert war und die Bedeutung der Stadtkirche als Memorialort der Universität gar nicht wahrnahm, kann Zerbe zeigen, dass Grabmonumente für Universitätsangehörige das Bild des Kirchenraums um 1600 geradezu dominierten und die Kirche entsprechend für die Universität eine viel größere Rolle spielte als bisher angenommen: 47 der 64 und damit 73% der bei Mentz aufgeführten Memorialobjekte der Stadtkirche gelten Universitätsangehörigen (115). [3]

Ein gut 160 Seiten umfassender Katalog ist eng auf diesen Teil bezogen und stellt künftige Forschungen auf eine neue Basis. Alle nachzuweisenden Memorialmonumente der Stadtkirche werden verzeichnet, die 30 überlieferten Objekte zudem mit sämtlichen Inschriften und Übersetzungen sorgfältig beschrieben. Die Quellenlage für diesen materialreichen Katalog war denkbar günstig, denn es konnte auf eine Fülle gedruckter und archivalischer Quellen zurückgegriffen werden, allen voran auf die Inschriftensammlung und Beschreibung der Stadtkirchenausstattung durch Balthasar Mentz von 1604. [4]

Im Unterschied zu dieser stadtgeschichtlichen Kontextualisierung bleibt das im zweiten und dritten Hauptteil entworfene Bild des größeren kulturgeschichtlichen Rahmens sehr holzschnittartig. Auf eine Einordnung der im ersten Teil erhobenen Befunde in diesen Rahmen wird weitgehend verzichtet. Stattdessen erfolgt zunächst ein äußerst knapper und allgemein gehaltener, fast schulbuchartiger Abriss über Frömmigkeit, die "Emanzipation des Individuums", Sepulchralkultur und Antikenrezeption im Übergang vom Mittelalter zur Frühen Neuzeit (II. Die Wurzeln der Denkmale in der mittelalterlichen Frömmigkeit und ihre Einbindung in die frühneuzeitliche Memorialkultur, 177-245). Im dritten Teil geht es wieder mehr um die konkreten Memorialobjekte, die hier funktional als theologische Zeugnisse, Standesurkunden und Egodokumente verstanden werden (III. Grab- und Gedächtnismale im Dienst lutherischer Memorialkultur im 16. Jahrhundert, 249-426). Je weiter Zerbe sich dabei von ihren Objekten entfernt, desto schwächer wird die Überzeugungskraft ihrer Ausführungen. So bleiben sowohl die theologische und als auch die individualitätsgeschichtliche Einordnung eher oberflächlich (249-331), während umgekehrt die ständisch-repräsentative Funktion der Grabkunst unmittelbar aus den Wittenberger Denkmälern heraus entfaltet wird (334-400) und dadurch gewinnt: Zerbe weist hier in Anlehnung an Karin Tebbe auf, dass die Wittenberger Grabmäler die soziale Ordnung der Stadt im Kirchenraum abbilden, wodurch besonders im Hinblick auf den Status der Universität ein neues Bild entsteht (334-400). [5]

An dieser Stelle würde man eine kritische Reflexion über die Frage erwarten, ob die Reformation die Funktion der Grab- und Gedächtnismale tatsächlich maßgeblich beeinflusste und veränderte. Zerbe konstatiert zwar in ihrer sportlich kurzen Schlusszusammenfassung (427-431) einen reformationsbedingten Funktionswandel vom "mittelalterlichen Stiftungswerk mit jenseitiger Ausrichtung" zum "frommen Bekenntniswerk mit weltlicher Ausrichtung" (428); die vorgestellten Befunde sprechen jedoch - abgesehen davon, dass die hier aufgestellte Alternative zwischen mittelalterlicher Jenseits- und reformatorischer Diesseitsausrichtung schwer nachvollziehbar ist - eine andere Sprache: Denn die Funktion der Standesrepräsentation war keine reformatorische Neuerung in der Grabmalskunst und sie unterschied die lutherischen Monumente auch nicht von den gleichzeitigen katholischen. Konfessionsmerkmale traten grundsätzlich hinter die Standesmerkmale zurück. Auch die zunehmende Bedeutung der berufsständischen Repräsentation mittels der Grabdenkmäler lässt sich kaum auf die Reformation zurückführen, wenn sie sich auch am Beispiel der Wittenberger Professoren und Geistlichen seit der Reformation besonders gut aufzeigen lässt (115-126; 136-144). Auch die Funktion der Monumente als Glaubenszeugnis und Medium der Unterweisung kam keineswegs erst mit der Reformation auf. Ebenfalls bereits vor und unabhängig von der Reformation dienten Grabmäler als individuelle Zeugnisse. Dabei ist ganz unstrittig, dass all diese Funktionen in Folge der Reformation einem Konfessionalisierungsprozess unterlagen und im Luthertum - wie auch in den anderen Konfessionen - konfessionsspezifische Ausprägungen erfuhren. Das verbindet aber die Grabmalskunst mit der Repräsentationskunst des konfessionellen Zeitalters insgesamt. Spezifisch für die lutherische Memorialkultur waren diese Funktionen jedoch nicht.

Weniger zurückhaltend ist Zerbe bei der Beurteilung der Reformationsspezifik von Form und Stil der von ihr behandelten Denkmäler: Hier gelangt sie wie vor ihr bereits Meys und Brinkmann zu der Einsicht, dass die Reformation hinsichtlich der Formgebung der Grabmonumente keine Zäsur bildete (222-227; 428-430).

Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, ob der Obertitel der Dissertation wirklich passt. Denn wenn die Reformation weder die Funktion noch Formgebung und Stil der untersuchten Wittenberger Grabmonumente maßgeblich beeinflusste: Kann man dann dennoch davon ausgehen, dass der völlig unstrittige und grundlegende reformatorische Wandel des Totenkults, etwa die Ablehnung des Fegefeuers und der Seelmessen, auch die reformatorische Memorialkunst entscheidend veränderte? Kann man tatsächlich von einer "Reformation der Memoria" sprechen?


Anmerkungen:

[1] Grundlegend etwa: Craig Koslofsky: The Reformation of the Dead: Death and Ritual in Early Modern Germany, 1450-1700, Macmillan 2000.

[2] Oliver Meys: Memoria und Bekenntnis. Die Grabmäler evangelischer Landesherren im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation im Zeitalter der Konfessionalisierung, Regensburg 2009; Inga Brinkmann: Grabdenkmäler, Grablegen und Begräbniswesen des lutherischen Adels, München 2010; http://requiem-projekt.de/datenbank/web-datenbank/; http://requiem-projekt.de/publikationen/buecher/.

[3] Allerdings wurde auch schon früher auf die Funktion der Wittenberger Stadtkirche als Grablege für die Universität hingewiesen, vgl. etwa Arwed Arnulf: Luthers Epitaphien. Die Luther-Memoria, ihre konfessionspolitische Inanspruchnahme, Veränderung und Rezeption: Epitaphgestaltung im Umfeld der Wittenberger Universität, in: Marburger Jahrbuch für Kunstwissenschaft 38 (2011), 75-112, hier 83.

[4] Balthasar Mentz: Syntagma Epitaphiorum..., Magdeburg: Ambrosius Kirchner 1604 (VD17 39:121295).

[5] Tebbe brachte die Frage nach Grabmonumenten in ihrer Funktion als Medien sozialer Ordnung in die Froschung ein: Karin Tebbe: Epitaphien in der Grafschaft Schaumburg. Die Visualisierung der politischen Ordnung im Kirchenraum, Marburg 1996.

Ruth Slenczka