Rezension über:

David M. Luebke / Jared Poley / Daniel C. Ryan (eds.): Conversion and the Politics of the Religion in Early Modern Germany (= Spektrum: Publications of the German Studies Association; Vol. 3), New York / Oxford: Berghahn Books 2012, X + 206 S., ISBN 978-0-85745-375-4, USD 70,00
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Rezension von:
Ricarda Matheus
Institut für Geschichtliche Landeskunde an der Universität Mainz e.V.
Redaktionelle Betreuung:
Sebastian Becker
Empfohlene Zitierweise:
Ricarda Matheus: Rezension von: David M. Luebke / Jared Poley / Daniel C. Ryan (eds.): Conversion and the Politics of the Religion in Early Modern Germany, New York / Oxford: Berghahn Books 2012, in: sehepunkte 13 (2013), Nr. 9 [15.09.2013], URL: http://www.sehepunkte.de
/2013/09/22349.html


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David M. Luebke / Jared Poley / Daniel C. Ryan (eds.): Conversion and the Politics of the Religion in Early Modern Germany

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Immer noch findet das Thema frühneuzeitlicher Konversionen ein breites Interesse seitens der internationalen historischen Forschung. Der vorliegende Sammelband geht zurück auf die Jahrestagung der German Studies Association aus dem Jahr 2008 und fokussiert die Wechselbeziehungen zwischen Konversionen und politischen Konstellationen im Reichsgebiet und an seinen Grenzen. Zeitlich umspannen die neun Beiträge den Bogen von der Mitte des 16. bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts.

In ihren systematischen und konfessionsvergleichenden Beiträgen nähern sich Duane J. Corpis und Eric-Oliver Mader dem Konversionsphänomen unter theologisch-etymologischen Fragestellungen. So zeichnet Corpis die Entwicklung der Konversionsvorstellung vom 16. bis zum 18. Jahrhundert in den sich ausbildenden Konfessionen nach. Er stellt die Konversionskonzepte intrareligiös - verstanden als innerer Umkehr zu Gott - und interreligiös - verstanden als Glaubens- oder Bekenntniswechsel und dem Wechsel der Zugehörigkeit zu einer Religionsgemeinschaft - auf den Prüfstand. Auf der Grundlage katholischer und lutherischer Quellen zeigt er, dass das Modell der interreligiösen Konversionen erst im späten 16. und 17. Jahrhundert vorherrschend wurde. Mader hingegen untersucht den Umgang mit der conversio bei Katholiken und Protestanten. Er zeigt, dass bei den Lutheranern das Verständnis der Gnade Gottes ein eher passives Verhalten zu Tage förderte, während katholischerseits bereits im 16. und 17. Jahrhundert aktive und ausgeklügelte Konversions- und Missionierungsstrategien entwickelt wurden. Zudem vertraten die Katholiken selbstbewusst den Anspruch, die allein seligmachende Kirche zu repräsentieren, während Lutheraner eine eher ausgleichende, irenische Haltung in dieser Frage einnahmen. Zuzustimmen ist Mader in seiner Einschätzung, dass beide Faktoren entscheidend zum Erfolg der katholischen Kirche insbesondere im 17. und beginnenden 18. Jahrhundert beitragen sollten, der sich wiederum in zahlreichen Konversionen zum katholischen Glauben niederschlug.

Die Beiträge des zweiten Teils nehmen die politischen Dimensionen von Konversionen auf der lokalen, der imperialen und der diplomatischen Ebene in den Blick. Ralf-Peter Fuchs etwa untersucht die Debatten um das Normaljahr im Kontext der Westfälischen Friedensverhandlungen und zeigt auf, inwiefern diese Regelung einerseits zu religiöser Pluralisierung und einer "Beruhigung" der konfessionellen Konflikte führte, andererseits dadurch bestehende konfessionelle Verhältnisse festgeschrieben, ja zementiert wurden. Er bezeichnet die Normaljahrsregelung daher als zweischneidiges Schwert, welches nolens volens ein Recht auf Konversion schuf, lange bevor religiöse Pluralität als ein allgemeines Gut angesehen wurde. Aspekte religiöser Pluralisierung stehen auch im Beitrag von Jesse Sponholz im Mittelpunkt. Am Beispiel des niederrheinischen Wesel, wo es seit der Mitte des 16. Jahrhunderts zunächst durch den Zuzug calvinistischer Flüchtlinge aus den benachbarten Niederlanden zu einer konfessionellen Pluralität kam, entstand eine zunehmend komplexe religiöse Landschaft. Durch das Festschreiben religiöser Mischformen entstanden hybride Glaubensformen, die mit traditionellen Konfessionskategorien nicht beschrieben werden können. Schließlich treffen auch die "klassischen" Konversionsmotivationen "Überzeugung" oder "Opportunismus" auf die Bevölkerung von Wesel in der Regel nicht zu.

Inwiefern eine Konversion zu diplomatischen Verwicklungen führen konnte, zeigt Daniel Riches am Beispiel der Gattin des brandenburgischen Gesandten in Stockholm. Für Karl XI. kam die Konversion dieser schwedischen Adeligen zum Calvinismus einem Affront gleich, der seine Autorität als König ebenso in Frage stellte wie seine Rolle als Garant des lutherischen Glaubens. Erhellend ist die Art und Weise, wie Riches anhand dieses Konfliktfalles Logik und Grenzen des frühneuzeitlichen Absolutismus analysiert. Auch in dem von Alexander Schunka untersuchten Fall der Elisabeth Christine von Wolfenbüttel steht die Konversion einer öffentlichen Person im Mittelpunkt, doch geht es dem Verfasser in seinem Essay unter anderem um eine Perspektiverweiterung auf die irenischen Unionsbestrebungen des 17. und 18. Jahrhunderts. Er zeigt auf, dass zwar im 18. Jahrhundert dynastische Verbindungen über konfessionelle Grenzen hinweg leichter geschlossen werden konnten als zuvor, doch zugleich offenbarten die sie begleitenden polemischen Debatten das Fortbestehen der konfessionellen Lager.

Den Konnex von Konversion, Pietismus und Irenik stellt Benjamin Marschke in den Mittelpunkt seines Beitrags. Er überprüft den Zusammenhang von Konfessionalisierung und Konversion am Beispiel Preußens, wo Friedrich Wilhelm I. versuchte, eine konfessionelle Annäherung bzw. Union zwischen Lutheranern und Calvinisten durch staatlich verordnete religiöse Toleranz zu erreichen. Marschke bezeichnet den preußischen König als synkretistischen "cafeteria Calvinist" (127), der sich aus den verschiedenen Konfessionen herauspickte, was ihm zusagte. Konversionen waren vor diesem Hintergrund überflüssig. Die Hallischen Pietisten standen zwar jeglicher Form von konfessioneller Union oder konfessionellem "Misch-Masch" kritisch gegenüber, konnten aber zugleich diese Ablehnung nicht offen zeigen, da sie auf die Akzeptanz und Toleranz seitens der preußischen Regierung angewiesen waren.

Ebenfalls mit dem Pietismus setzt sich Jonathan Strom auseinander. Er zeichnet die Entwicklung pietistischer Konversionserzählungen in den 1730er und 1740er Jahren auf der Grundlage zweier umfassender Quellenkorpora nach. Im Vergleich zu Erzählungen aus dem frühen 18. Jahrhundert, welche oftmals in einem liberaleren und ökumenischeren Ton verfasst waren, kamen in den hier zur Debatte stehenden Berichten stärker konfessionelle Elemente zum Tragen. Analoge Beobachtungen lassen sich übrigens zeitgleich auch in England und in den Niederlanden anstellen. Aufforderung zur Nachahmung, Stärkung der konfessionellen (pietistischen) Identität und Abgrenzung nach außen, dies waren die Botschaften, die diese Berichte sowohl innerhalb der pietistischen Gemeinschaft als auch nach außen transportieren sollten.

Eine gewisse Sonderstellung innerhalb des Bandes nimmt der letzte Beitrag von Douglas H. Schantz ein, der der Autobiographie des radikalen Frühaufklärers Johann Christian Edelmann gewidmet ist, der nach seiner Konversion außerhalb der kirchlichen Ordnungen stand.

Selbstredend können die hier vorgestellten Aspekte nur einen kleinen Ausschnitt aus dem breiten Spektrum von Konversionsszenarien abbilden. Es sind Blitzlichter auf Einzelfragen und Einzelschicksale; Grundlage der Aufsätze sind spezifische Quellen bzw. individuelle Konstellationen. Wenngleich sie daher auf der inhaltlichen Ebene auf den ersten Blick recht disparat erscheinen, so hält sie doch mehr als nur der Buchdeckel zusammen. Der Band unterstreicht einerseits einmal mehr, dass es bei der Untersuchung von Konversionen notwendig ist, über die Grenzen des so genannten konfessionellen Zeitalters hinaus zu blicken. In vielen Beiträgen wird andererseits deutlich, dass man die in vielen Regionen zu konstatierende konfessionelle Hybridität bzw. Multikonfessionalität nicht mit den etablierten Begriffen und Erklärungsansätzen des Konfessionalisierungsparadigmas beschreiben oder erklären kann. Die Beiträge des Bandes unterstreichen somit eine Tendenz, die in den letzten Jahren in einer Reihe von Untersuchungen vorgelegt wurde. Eine partiell stärkere Einbettung in diese jüngere Konversionsforschung wäre sicherlich an einigen Stellen wünschenswert gewesen, doch schmälert dieser kleine Kritikpunkt den Wert des Bandes insgesamt nicht.

Ricarda Matheus