Rezension über:

Ulf Bohmann / Benjamin Bunk / Elisabeth Johanna Koehn u.a. (Hgg.): Das Versprechen der Rationalität. Visionen und Revisionen der Aufklärung (= Laboratorium Aufklärung; Bd. 11), München: Wilhelm Fink 2012, 342 S., ISBN 978-3-7705-5321-1, EUR 39,90
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Rezension von:
Iwan-Michelangelo D'Aprile
Historisches Institut, Universität Potsdam
Redaktionelle Betreuung:
Sebastian Becker
Empfohlene Zitierweise:
Iwan-Michelangelo D'Aprile: Rezension von: Ulf Bohmann / Benjamin Bunk / Elisabeth Johanna Koehn u.a. (Hgg.): Das Versprechen der Rationalität. Visionen und Revisionen der Aufklärung, München: Wilhelm Fink 2012, in: sehepunkte 13 (2013), Nr. 9 [15.09.2013], URL: http://www.sehepunkte.de
/2013/09/21908.html


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Ulf Bohmann / Benjamin Bunk / Elisabeth Johanna Koehn u.a. (Hgg.): Das Versprechen der Rationalität

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Trotz aller Kritik am Moderne-Paradigma und am "Projekt"- oder "Identifikations"-Begriff der Aufklärung, erweist sich die ungebrochene Produktivität dieser Begriffe durch zahlreiche neuere Publikationen, in denen die Aufklärung nicht nur als historisch abgeschlossene Epoche des 18. Jahrhunderts sondern als in vielfacher Weise über diese Epoche hinausweisendes europäisches Gründungsgeschehen verstanden wird. So sind allein in den letzten 10 Jahren zahlreiche Sammelwerke erschienen, die dieses Verhältnis zum Programm machen: "Aufklärung im 21. Jahrhundert" (2004), "Aufklärungsprozesse seit dem 18. Jahrhundert" (2006), "Laboratorium Aufklärung" (2010), "Aufklärung in Geschichte und Gegenwart" (2010), Kulturmuster der Aufklärung (2011), Epoche und Projekt. Perspektiven der Aufklärungsforschung (2013) und viele mehr. [1]

Auch der von einem Herausgeber-Team zusammengestellte Band "Das Versprechen der Rationalität. Visionen und Revisionen der Aufklärung" stellt sich in diese Reihe. Er ist hervorgegangen aus der Arbeit von Nachwuchswissenschaftler/innen am Forschungszentrum Laboratorium Aufklärung der Friedrich-Schiller-Universität Jena. Dieser Forschungsverbund hat den Doppelcharakter der Aufklärung als Epoche und Projekt konsequent zum Forschungsprogramm erhoben. In interdisziplinärer Perspektive werden die im 18. Jahrhundert angelegten Grundlagen der Moderne untersucht und zu "gegenwärtigen Entwicklungen in Staat, Gesellschaft, Wissenschaft und Künsten in Beziehung" gesetzt. [2] Im vorliegenden Band, in dem der Gegenstand aus rechtsgeschichtlicher, musikwissenschaftlicher, literaturwissenschaftlicher, psychologischer, bildungsgeschichtlicher, soziologischer und philosophischer Perspektive untersucht wird, zeigen sich alle Chancen und Möglichkeiten, ebenso wie die methodischen Schwierigkeiten dieser Parallelsetzung.

So finden sich historisch kenntnisreiche und detaillierte Spezialstudien, in denen der Gegenwartsbezug nicht unmittelbar erkennbar wird (z.B. die Artikel von Johannes Weiß zur Aphoristik zwischen La Rochefoucauld und Schlegel oder die musikhistorische Untersuchung von Sascha Wegner zu Joseph Martin Kraus) ebenso wie umgekehrt Artikel, die sich sehr reflektiert mit aktuellen philosophischen oder soziologischen Fragen auseinandersetzen, in denen aber das 18. Jahrhundert nur sehr kurz oder pauschal abgehandelt wird: etwa der Artikel von Iva Fidancheva zur "(Nicht)-Rationalität des höflichen Handelns" mit lediglich zwei kurzen Absätzen zum Wandel des Höflichkeitskonzepts im 18. Jahrhundert (108f.). Explizit von einer Doppelperspektive auf das 18. und 21. Jahrhundert gehen zwei Artikel zu Aufklärungsmotiven in Gegenwartsromanen am Beispiel des Toleranzdiskurses in deutsch-jüdischen Liebesgeschichten und historischen Romanen zum Thema Mesmerismus (Paula Wojcik, Elisabeth Johanna Koehn) oder André Knotes Herleitung der modernen Psychotherapie aus Thomasius' Konzept der rationalen Introspektion aus. Wieder andere Beiträge beschäftigen sich mit Wiederaufnahmen des Aufklärungskonzepts in aktualisierender und kritischer Absicht bei Philosophen wie Jacques Derrida, Charles Taylor oder Michel Foucault - so die luziden und inspirierenden Beiträge von Ulf Bohmann und Johannes Georg Schülein.

Die Stärken des Bandes liegen eher im Aufzeigen der Vielfalt der Bezugnahmen auf die Aufklärung, während die methodischen Probleme der Herangehensweise nur in einer kurzen Einleitung thematisiert werden. Die den Band gliedernden "Visionen" und "Revisionen" der Aufklärung sind nicht, wie man meinen könnte, im Sinne von "Visionen des 18. Jahrhunderts" und "Revisionen des 21. Jahrhunderts" gemeint, sondern auf den Titel des Vernunftversprechens bezogen. Da dieser Begriff aber explizit nicht im Sinne einer Theorie der Rationalität (13), sondern "ohne festgelegte Begriffsverwendung" (12) induktiv aus den Einzelstudien gewonnen werden soll, trägt er nicht zur Kohärenz bei und bleibt wie der Aufklärungsbegriff insgesamt sehr offen. Eventuell hätte hier eine konsequenter am Konzept der Doppelperspektive orientierte Gliederung für mehr Profilschärfe sorgen können.

Auf der Basis der inzwischen in so großer Zahl vorliegenden Auseinandersetzungen mit dem Projektbegriff der Aufklärung wäre eine solche systematische Reflexion inzwischen möglich und wünschenswert. Neben dem Jenenser Ansatz wären hier mindestens zwei weitere mögliche Herangehensweisen zu berücksichtigen: im Anschluss an Daniel Fuldas "Kulturmuster der Aufklärung" ließen sich ausgehend vom 18. Jahrhundert bestimmte kulturelle und soziale Praktiken untersuchen, die noch heute relevant sind. [3] Ein anderer Ansatz wäre, dass man Bezugnahmen auf das 18. Jahrhundert aus der Perspektive der folgenden Jahrhunderte untersucht, miteinander vergleicht und vor allem selbst in ihren jeweiligen Kontexten historisiert, um so auch deren zukunftsweisende Funktionen aufzuzeigen. Nicht zuletzt wären dabei komparatistisch kulturregional unterschiedliche Bezugnahmen auf die Aufklärung gegenüberzustellen, die im angloamerikanischen, französischen, deutschen, osteuropäischen oder auch asiatischen Raum jeweils unterschiedlich ausfallen.

Die vielen im Band diskutierten Facetten zeigen, dass die wissenschaftlich-historische Beschäftigung mit dem "Projekt"-Begriff der Aufklärung weiterhin ein wichtiges Projekt bleibt.


Anmerkungen:

[1] Helwig Schmidt-Glinzer: Aufklärung im 21. Jahrhundert, Wiesbaden 2004; Helmut Reinalter (Hg.): Aufklärungsprozesse seit dem 18. Jahrhundert, Würzburg 2006; Olaf Breidbach und Hartmut Rosa (Hgg.): Laboratorium Aufklärung, München 2010; Richard Faber und Brunhilde Wehinger (Hg.): Aufklärung in Geschichte und Gegenwart, Würzburg 2010; Daniel Fulda (Hg.): Kulturmuster der Aufklärung, IZEA - Kleine Schriften 2/2010, hg. im Auftrag des Interdisziplinären Zentrums für die Erforschung der Europäischen Aufklärung, Halle 2011; Stefanie Stockhorst (Hg.): Epoche und Projekt. Perspektiven der Aufklärungsforschung, Göttingen 2013.

[2] Vgl. www.fzla.uni-jena.de sowie den grundlegenden Band von Hartmut Rosa und Olaf Breidbach (Hgg): Laboratorium Aufklärung, München 2010.

[3] Daniel Fulda: Kulturmuster. Umrisse eines Forschungsprogramms in den Text- und Sozialwissenschaften, in: Internationales Archiv für Sozialgeschichte der deutschen Literatur 36 (2011), H. 2, S. 61-79, Daniel Fulda (Hg.): Kulturmuster der Aufklärung, IZEA - Kleine Schriften 2/2010, hg. im Auftrag des Interdisziplinären Zentrums für die Erforschung der Europäischen Aufklärung, Halle 2011; Kulturmuster der Aufklärung. Ein neues Heuristikum in der Diskussion, in: Das Achtzehnte Jahrhundert, Jg. 35, H. 2 (2011).

Iwan-Michelangelo D'Aprile