Rezension über:

Berthold Riese: Mexiko und das pazifische Asien in der frühen Kolonialzeit (= Welten Ostasiens; Bd. 19), Bern / Frankfurt a.M. [u.a.]: Peter Lang 2012, 190 S., 22 Farbabb., ISBN 978-3-0343-1181-6, EUR 49,90
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Rezension von:
Mareike Menne
Salzkotten
Redaktionelle Betreuung:
Sebastian Becker / Matthias Schnettger
Empfohlene Zitierweise:
Mareike Menne: Rezension von: Berthold Riese: Mexiko und das pazifische Asien in der frühen Kolonialzeit, Bern / Frankfurt a.M. [u.a.]: Peter Lang 2012, in: sehepunkte 13 (2013), Nr. 7/8 [15.07.2013], URL: http://www.sehepunkte.de
/2013/07/22658.html


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Berthold Riese: Mexiko und das pazifische Asien in der frühen Kolonialzeit

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Berthold Riese, Professor emeritus für Altamerikanistik, zielt mit diesem Buch darauf, Quellen aus dem 16. und frühen 17. Jahrhundert zugänglich zu machen, aufzubereiten und zu kontextualisieren. Der erste Teil schildert Beziehungen und Verbindungen zwischen "Mexiko und [dem] pazifische[n] Asien" (präziser wäre "den Philippinen und Japan"), der zweite Abschnitt widmet sich "Akteuren und Berichterstattern" aus Europa (überwiegend von der iberischen Halbinsel), Japan und Mittelamerika, im dritten Teil bereitet Riese die indianischen Quellen zweisprachig auf. Die schriftlichen Quellen werden von vier Karten und 23 zum Teil farbigen Abbildungen, darunter einige bislang unbekannte Bildquellen bzw. Repräsentationen materieller Kultur, ergänzt.

So verdienstvoll die Bereitstellung von Quellen für zukünftige Arbeiten ist, so werden die Erwartungen, die der Titel weckt, nicht eingelöst. Mehr noch: Es stellt sich die grundsätzliche Frage nach Funktion und Zielgruppe dieses Buchs. Alles - Autorenprofil, Reihe, Verlag, monetäre Unterstützung durch die Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften, der Aufruf "ad fontes" - deutet auf einen wissenschaftlichen Kontext hin, doch dem wird das Werk nicht gerecht. Nicht das Erkenntnisdesiderat zieht Aufbau und Auswahl nach sich, sondern die Quellen bestimmen aus dem letzten Kapitel heraus die Perspektive. So enden die Ankündigung, einen zeiträumlichen Überblick zu leisten, ebenso wie die Selbstverortung unter dem aktuellen Schlagwort "Globalisierung" in einer vollkommen anderen Geschichte: Wir lesen von Mission, Franziskanern und Jesuiten. Dies ist insofern fatal, als zum Beispiel für Studierende das Signal gesetzt wird, aus Quellen eine [!] historische Realität ablesen zu können, und diese sei Missionsgeschichte. Handel etwa wird so zu einer bloßen Subsequenz. Auch wird der Leser nicht transparent zu dieser Perspektive geführt, sie scheint einfach zu "passieren". Dem Autor entgleitet seine Geschichte; entsprechend verwendet er "Globalisierung" als Schlagwort, nicht hingegen als Forschungs- und Repräsentationsprogramm. [1]

Die Beschreibung der Berichterstatter im zweiten Abschnitt bezeugt die lange Erfahrung des Autors bei der Neuen Deutschen Biografie. Die Texte wirken steckbriefartig und unverbunden - das fällt einer Wikipedia sozialisierten Leserin wie der Rezensentin freilich erst auf den zweiten Blick auf. Dennoch stellt sich die Frage, ob sich die Darstellung unbewusst an digitalen Repräsentationen orientiert.

Der Blick in die Referenzen stellt sicherlich die Forschungserfahrung Rieses und sein Verdienst bei der Erschließung mittelamerikanischer Quellen außer Frage. Doch wiederum werden Erwartungen einer inhaltlichen Füllung des Schlagworts "Globalisierung" oder einer Berücksichtigung der interdisziplinären Ausrichtung der Altamerikanistik und Ethnologie enttäuscht. Warum gibt ein Überblickswerk keine Einführung in den Stand der internationalen Forschung? Birgit Tremml hat bereits wesentliche inhaltliche und heuristische Schwächen kritisiert und auf Überblickswerke und Korrekturen hingewiesen. [2] Darüber hinaus fehlen für den Einsatz im Studium Hinweise auf vertiefende oder komplementäre Lektüre. [3] Auf dieser Grundlage führen auch Kleinigkeiten zu grundsätzlichen Fragen: Warum zum Beispiel legen wir Wert auf eine einheitliche Rechtschreibung? Etwa, weil ein korrekter Fließtext das Vertrauen in die Quellentranskriptionen und damit den Wert der Edition als zukünftige Arbeitsgrundlage stärkt. Nach welchen Kriterien erfolgt die Aufnahme in ein Register - und wie funktioniert dessen Verweissystem? Dieses jedenfalls ist unhandlich und lässt den Entstehungsprozess des Buches (und ein Ignorieren der Registerfunktion üblicher Textverarbeitungsprogramme) erkennen.

Angesichts der vielen seriösen Möglichkeiten zur Quellenedition mit technischer Unterstützung und einer hohen Öffentlichkeit, die zudem ein kollaboratives Arbeiten, Ergänzen, Versionskontrollen, Verlinkungen ermöglicht hätten, könnte man die weitergehende Frage stellen: Wozu ein Buch? Ein Verdienst des Bandes besteht allerdings in einer grundsätzlichen Erinnerung: Nach den Forschungen der jüngeren Vergangenheit zur atlantischen Welt, zu Indien und China, die pragmatisch, doch unausgesprochen der Einteilung in eine spanische und eine portugiesische Hoheitssphäre folgten - mit Europa im Zentrum -, lenkt der Titel den Blick darauf, dass die Erde auch in der Frühen Neuzeit rund war.


Anmerkungen:

[1] Siehe z.B. Ulfried Reichardt: Globalisierung. Literaturen und Kulturen des Globalen, Berlin 2010, 19; Peter E. Fäßler: Globalisierung, Köln / Wien / Weimar 2007, 29.

[2] Birgit Tremml: Rezension zu: Berthold Riese: Mexiko und das pazifische Asien in der frühen Kolonialzeit, Frankfurt am Main 2012, in: H-Soz-u-Kult, http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2013-1-156 (08.03.2013).

[3] Als Ergänzung zu Seite 20 wären die Arbeiten Claudia von Collanis zu China- und Japanmissionaren eine sinnvolle Ergänzung, z.B. in: Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon (BBKL), hg. von Traugott Bautz, Hamm / Herzberg / Nordhausen 1990-2013 (z.B. Domingo Fernandez Navarrete, ebd. Bd. 6 (1993), 515-516); insgesamt über 80 Artikel ebd. und im Lexikon für Theologie und Kirche, Freiburg i. Br. 31993-2001 sowie in Die Religion in Geschichte und Gegenwart, Tübingen 41998-2005. Ebenfalls einschlägig im BBKL: Johannes Madey: Alonso Sánchez, ebd., Bd. 8 (1994), 1295. Für Seite 47f., 116 wäre eine sinnvolle Ergänzung zum Handel George Kuwayama: Chinese Ceramics in Colonial Mexico, Honolulu 1997 bzw. schnell und einfach zugänglich: Natale Zappia: Porcelain and Cocoa. The Pacific Rim and the Early Modern World Economy, in: http://cwh.ucsc.edu/porcelainpaper.htm (25.03.2013). Ein Beispiel für eine knappe, einführende Verflechtungsgeschichte: Marian Füssel: Der Siebenjährige Krieg. Ein Weltkrieg im 18. Jahrhundert, München 2010.

Mareike Menne