Rezension über:

Ulf Morgenstern: Bürgergeist und Familientradition. Die liberale Gelehrtenfamilie Schücking im 19. und 20. Jahrhundert, Paderborn: Ferdinand Schöningh 2012, 606 S., ISBN 978-3-506-77353-1, EUR 79,00
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Rezension von:
Markus Heber
Historisches Seminar, Goethe-Universität, Frankfurt/M.
Redaktionelle Betreuung:
Andreas Fahrmeir
Empfohlene Zitierweise:
Markus Heber: Rezension von: Ulf Morgenstern: Bürgergeist und Familientradition. Die liberale Gelehrtenfamilie Schücking im 19. und 20. Jahrhundert, Paderborn: Ferdinand Schöningh 2012, in: sehepunkte 13 (2013), Nr. 7/8 [15.07.2013], URL: http://www.sehepunkte.de
/2013/07/22312.html


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Ulf Morgenstern: Bürgergeist und Familientradition

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Mit der Arbeit Bürgergeist und Familientradition. Die liberale Gelehrtenfamilie Schücking im 19. und 20. Jahrhundert liegt, erschienen 2012 im Verlag Ferdinand Schöningh, die gedruckte Fassung von Ulf Morgensterns Dissertation vor, mit der er 2010 an der Universität Leipzig promoviert wurde. Der erste Blick auf Morgensterns Werk beeindruckt: Auf insgesamt 606 Seiten legt er eine überaus materialreiche Arbeit vor. Ein umfangreicher Anhang mit Ahnentafeln, einem Werkverzeichnis der Schückings, einem Personenregister und, man möchte sagen: natürlich, mit imposantem Quellen- und Literaturverzeichnis - alles zusammen misst über 100 gedruckte Seiten - unterstreicht diesen Eindruck. Für eine Dissertation durchaus kein übliches Maß (wenn man denn überhaupt von einem üblichen Maß sprechen darf). Ein weiterer Beweis: Weit mehr als 2500 Anmerkungen hat Morgenstern in seiner Arbeit aufzubieten. Diese zudem überaus dichten, ausführlichen Anmerkungen lassen keine Wünsche offen.

Das Hauptanliegen seiner Arbeit schildert der Autor bündig gleich auf der ersten Seite seiner Einleitung: "Das Hauptaugenmerk liegt auf einer bürgertumsgeschichtlichen Untersuchung [...]. Anhand der familienbiographisch dargestellten Geschichte von vier Generationen der Schückings soll als Hauptanliegen der Studie ein historisches Längsschnitt durch rund 150 Jahre Entwicklung deutscher liberaler Bürgerlichkeit vorgenommen werden."(11) Die Arbeit gliedert sich, neben einer ausführlichen Einleitung, einer abschließenden Schlussbetrachtung und dem bereits oben erwähnten umfangreichen Anhang mit Verzeichnis des verwandten Quellen- und Literaturkorpus, in sechs Teilabschnitte. Jeder dieser Abschnitte beschäftigt sich mit unterschiedlichen Lebensbildern einzelner Mitglieder der Familie Schücking und unterscheidet dabei nach den unterschiedlichen Generationen, deren Aufeinanderfolgen die Arbeit chronologisch folgt. Der Hauptteil von Morgensterns Werk beginnt im ersten Kapitel "mit den ersten mittelalterlichen Spuren der Familie Schücking" (32) und endet im sechsten Abschnitt, der, wie Morgenstern selbst bemerkt, "in weiten Teilen nur Ausblickscharakter" (33) beansprucht, mit den "19 letzten Lebensjahre[n] des letzten großen Protagonisten Levin Ludwig Schücking in der Bundesrepublik", wobei Morgenstern hier auch die "Vielgestaltigkeit der Lebenswege seiner Kinder und Enkelkinder bzw. Neffen und Nichten behandelt". (33). Trotz des Titels, der eine Behandlung zweier Jahrhunderte in Aussicht stellt, liegt doch klar erkennbar eine gewisse Konzentration und Schwerpunktsetzung auf dem 55 Jahre umfassenden Zeitraum von 1890-1945, der auf den Seiten 249-463 behandelt wird, worauf der Autor aber auch selbst in seiner Einleitung verweist, indem er vom fünften Kapitel als der "größte[n] Teilerzählung" (33) spricht. Man darf hier unterstellen, dass dies dem für die einzelnen Zeitphasen und den darin behandelten Personen unterschiedlich verfügbaren Materialumfang geschuldet ist. In diesem fünften Kapitel beschäftigt sich Morgenstern mit den drei Brüdern Lothar Engelbert, Walther und Levin Ludwig Schücking, deren Frauen und Kindern.

Bei der Anzahl und auch den unterschiedlichen Quellenarten- und Gattungen konnte Morgenstern aus dem Vollen schöpfen. Er bedient sich bei seiner Arbeit zu den Schückings einer "erfreulich breite[n] Quellengrundlage" (23). Insbesondere "die Palette an aussagekräftigen ungedruckten Quellen" präsentierte sich "sowohl in qualitativer wie auch in quantitativer Hinsicht als außerordentlich breit" (23), was vor allem auf die Benutzung zahlreicher, teils bisher unbekannter Privatnachlässe zurückzuführen ist, die Morgenstern einen Zugang zu "geradezu im Übermaß überlieferten privaten Papiere[n]" (12) ermöglicht haben. Darüber hinaus befindet sich dennoch "die quantitative Mehrzahl der relevanten Bestände in öffentlichen Archiven" (25), insgesamt 37 unterschiedliche Archive wurden vom Autor für die Forschungen konsultiert. Für die letzten betrachteten Jahrzehnte in seiner Arbeit konnte Morgenstern durch mit Zeitzeugen geführte Interviews für weitere Aufhellung sorgen.

Mit seiner Arbeit zielt Morgenstern mitten hinein in die Bürgertumsforschung, wie sie auf unterschiedliche Weise im Mittelpunkt des Forschungsinteresses stand und nach wie vor steht. Ein kurzgefasster Forschungsbericht zur Familienbiographie und Bürgertumsgeschichte bildet das zweite der insgesamt vier Unterkapitel in der Einleitung. Die vorliegende Arbeit zur Familie Schücking wird von den Forschungen des Bielefelder Sonderforschungsbereichs ebenso in die Mitte genommen, wie von den Frankfurter Forschungen zum Bürgertum sowie anderen Familienbiographischen Arbeiten, die Morgenstern im Rahmen seines kurzgefassten Forschungsbericht erwähnt. Man fühlt sich - zumindest erging es dem Rezensenten so - bei Morgensterns Familienbiographie an Lothar Galls bekannter Arbeit zum deutschen Bürgertum in Gestalt der Bassermanns erinnert. [1] Wendet man sich den beiden Polen, als die Bürgertum bisweilen zur Kategorisierung herangezogen wird, nämlich in einen Zweig Bildungs- und Wirtschaftsbürgertum, zu, so wildert Ulf Morgenstern mit der Beschäftigung mit der Familie Schücking im bildungsbürgerlichen Revier, denn das "fast vollständige Fehlen von unternehmerisch tätigen Familienangehörigen bei gleichzeitig fast lückenloser akademischer Bildung drängt geradezu das Rubrum 'Bildungsbürger' auf." (20) Die Quellenlage erlaube ihm "eine Langzeitbeobachtung der für bildungsbürgerliche Familien konstituierenden Weitergabe von Werten und Idealen." (29) Es ist der Anspruch des Autors, seinen mit der Familie Schücking selbstgewählten kollektivbiographischen Zugang über mehrere Jahrzehnte und Jahrhunderte zu verfolgen. Dies gelingt ihm ganz vortrefflich. Morgenstern wählt dazu einen "klassischen narrativen Ansatz", mit dem er "die Tradierung von Werten, Normen, Verhaltensmustern und politischen Prägungen über mehrere Generationen liberalen Bürgertums" darstellt. (32) Da von der liberalen Gelehrtenfamilie Schücking gesprochen wird, darf dies als bewusst gesetzte politische Einordnung der persönlichen Haltungen einzelner Familienmitglieder und zugleich als Ansage für sein Projekt verstanden werden. Der Blick auf die Verschränkungen einzelner Familienmitglieder mit der Politik und den politischen Vorgängen, sowohl als Beteiligte und Handelnde wie auch als Adressaten und Spielball derselben gehört nicht nur dazu, sondern bilden einen wichtigen Bestandteil. Die Zuschreibung 'Pazifismus' als Bestandteil der Gliederungspunkte im Inhaltsverzeichnis taucht bei Morgenstern gleich sechs Mal auf. Morgenstern formuliert sein Ziel wie folgt: "Gesellschaftliche und politische Großentwicklungen [...] werden hierbei anhand einer Familie durch deren Hinnahme und Ablehnung von Veränderungen, ihre Beharrungskraft und Wandlungsfähigkeit usw. auf eine konkrete Ebene heruntergebrochen". (12)

Ulf Morgenstern breitet in seiner Dissertation ein Bild des 19. und 20. Jahrhundert vor seinen Lesern aus, das, immer orientiert an einzelnen Lebensbildern aus der Familie Schücking, doch oft weit mehr ist, als 'nur' eine Art kollektivbiographischer Sammlung, sondern vielmehr gesellschaftliche Normen und Traditionen offenlegt und eine Zeitspanne voller Unruhe greifbar macht. Morgenstern schreibt in seiner Schlussbetrachtung: "Insgesamt kann die Arbeit aber für sich beanspruchen, am Beispiel der Familie Schücking einen Weg für die soziale und familiäre Entwicklung linksliberalen, säkularisierten Bürgertums im ausgehenden Kaiserreich und der Weimarer Republik in wesentlichen Facetten nachzuzeichnen." (495) Recht hat er. Gemessen an Morgensterns eigenem Anspruch, den er zu Beginn seines Vorhabens in der Einleitung beschreibt, darf deshalb gesagt werden: "Versprochen" - "Gehalten". Man wünscht Morgensterns Arbeit über die liberale Gelehrtenfamilie Schücking viele interessierte Leserinnen und Leser, über die enger gesetzten Fachgrenzen hinaus.


Anmerkung:

[1] Lothar Gall: Bürgertum in Deutschland, Berlin 1989.

Markus Heber