Rezension über:

Joachim Schneider (Hg.): Kommunikationsnetze des Ritteradels im Reich um 1500 (= Geschichtliche Landeskunde; Bd. 69), Stuttgart: Franz Steiner Verlag 2012, VI + 232 S., ISBN 978-3-515-10279-7, EUR 42,00
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Rezension von:
Christian Maier
München
Redaktionelle Betreuung:
Peter Helmberger
Empfohlene Zitierweise:
Christian Maier: Rezension von: Joachim Schneider (Hg.): Kommunikationsnetze des Ritteradels im Reich um 1500, Stuttgart: Franz Steiner Verlag 2012, in: sehepunkte 13 (2013), Nr. 6 [15.06.2013], URL: http://www.sehepunkte.de
/2013/06/23092.html


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Joachim Schneider (Hg.): Kommunikationsnetze des Ritteradels im Reich um 1500

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Der vorliegende Sammelband fragt mit einem oft sehr weit gefassten Begriff von Kommunikation nach ihrer Bedeutung, Motivation, Form sowie ihren Themen und Foren für den Ritteradel im spätmittelalterlichen Reich. Besonders im Erkenntnisinteresse liegt die Frage nach der Institutionalisierung von Kommunikation und deren Rolle bei der Formierung des ritterlichen Adels als Gruppe. Hervorgegangen aus einer 2010 in Mainz stattgefundenen Tagung, ist der Band mit einer kurzen Einführung des Mitherausgebers Joachim Schneider versehen. Anders als es der Titel suggerieren mag, wird hier bereits eingeräumt, dass der Band nicht das gesamte Gebiet des Reiches im Blick hat, sondern vor allem seinen Fokus auf den südlich deutschen Raum legt. Franken, Schwaben, der Raum um den Rhein, aber auch Österreich, Bayern und Ausgriffe in den mitteldeutschen Raum decken das Interessensgebiet der Aufsätze im Wesentlichen ab. Trotz oft schwieriger Quellenlage und meist dürftiger Zahl an Vorarbeiten handelt es sich bei der Geschichte des Niederadels, wie der Band selbst zugibt, nicht im Eigentlichen um eine "terra incognita", zudem hat man mit der Auswahl der Untersuchungsmethode mit Kommunikations- und Netzwerkanalyse zwei in letzter Zeit häufig gebrauchte Ansätze bemüht. Umso gespannter kann der Leser nun sein, ob und wenn ja, welche neuen Perspektiven der Ansatz im ritteradligen Milieu liefern kann.

Mit der positiven Wirkung auf die Handlungsoptionen des Ritteradels durch obrigkeitliche Institutionalisierung von Kommunikationssituationen in beiden bayerischen Herzogtümern und Sachsen 1470-1520 hat sich Christian Hesse beschäftigt. Im Hofrat hatten vor allem besonders wichtige Familien den Vorteil der Fürstennähe und einen Informationsvorsprung. Im Landtag konnten Kontakte zwischen Personengruppen wie Geistlichen, Vertretern der Städte und Niederadligen hergestellt werden. Neben traditionellen Kanälen, wie familiären Verbindungen fand man so neue verdichtete Räume vor, die überregionale Kontakte ermöglichten, aber auch die Verbundenheit der Mitglieder des jeweiligen Herzogtums stärkten.

Paul-Joachim Heinigs Beitrag ging aus einem eher allgemein gehaltenen Abendvortrag hervor, was man ihm, ohne dies negativ zu meinen, stellenweise auch anmerkt. So sind, wie der Autor selbst angibt, wirklich nur die nötigsten Fußnoten eingefügt. Zum anderen lässt die Eingangsfrage den Leser stutzen. In wie fern hat man eine Analyse von Kommunikationsnetzwerken zu erwarten, wenn sie lautet: Hebt sich die behauptete Provinzialität Friedrichs III. von der Ritterlichkeit seines Vorgängers bzw. Nachfolgers ab? Allerdings entspinnt sich im Folgenden die Darstellung einer immer weiteren Verdichtung und Vermehrung der Kommunikation zwischen Rittern und Kaiser. Zuvor stagnierten die Beziehungen durch die Verengung des Aktionsradius des Kaisers auf seine Gebiete in Österreich und beschränkten sich häufig auf die dort ansässige Ritterschaft. Auf die Initiierung des Schwäbisches Bundes sowie die Ausnutzung von Rittergesellschaften gegen Landesfürsten durch Friedrich geht Heinig zwar ein, bietet aber leider, wie sonst für seine Thesen, kein einziges Beispiel für die Kommunikation des Kaisers mit Ritterbünden. Dabei hätten z.B. die Beauftragung des "Löwlerbundes" mit der Exekution der Reichsacht gegen Regensburg und Herzog Albrecht IV. von Bayern oder das Aufbieten des Schwäbischen Bundes gegen dessen Vetter Georg den Reichen schöne Beispiele geboten. Dies kann aber kein wirklicher Kritikpunkt sein, sondern soll eher ein Vorschlag für noch zu behandelnde Felder sein.

Im Gegensatz zum ersten Beitrag stellt Regina Schäfer für den Rhein-Main-Raum zwar ebenfalls überterritoriale Verbindungen und familiäre Bande zwischen den Fürstentümern fest, eine Vertiefung dieser bestehenden Bande kann sie aber, trotz herrschaftlicher Verdichtung, nicht erkennen. Sie konstituiert dabei zwar Ritteradlige als Gruppe, für eine Netzwerkanalyse liegen ihr aber zu wenige Quellen vor. Einerseits stellt sie den großen Handlungsspielraum einzelner Ritteradliger heraus, macht aber auch die oft bestehende Notwendigkeit deutlich, sich hinter einem Fürsten zu positionieren. Dies führte des Öfteren zu Mediatisierung, hingegen verstanden es nur wenige mächtige Ritteradlige, geschickt mehrere Herren gegeneinander auszuspielen.

Am Beispiel zweier urkundlich relativ gut belegter ritteradliger Familien geht Heidrun Ochs dem Verhältnis von Städten zu kleinen Adligen nach. Aufgrund der rar gesäten Forschung zu dem Gebiet will aber auch sie nur einen ersten Überblick bieten. Sehr interessant ist sicherlich das weitreichende Kommunikationsnetzwerk, das für beide Familien etwa auf 200 km von ihrem Stammsitz aus nachgewiesen werden kann, in welchem sie, wenn meist auch nur kurzfristig, mit Städten kommunizierten. Längerfristige Beziehungen reichten vom Dienst als Ratsherr oder Hauptmann über die Teilnahme an sonstigen Organisationen und individuellen Beziehungen zu Bürgern. Nicht sonderlich zu überraschen weiß wohl die Erkenntnis, dass Grablege und Grundbesitz in Städten besonders der Repräsentation dienten.

Kurt Andermann hat sich mit der Zirkulation von Gütern im Ritteradel als Kommunikationsform beschäftigt. Er kommt zu dem Schluss, der vermehrte Austausch sei ein Zeichen reger Geschäftigkeit, nicht wie oft vermutet des wirtschaftlichen Niedergangs. Außerdem macht er das Bemühen deutlich, Kapital im eigenen Stand zu halten und gegen Zugriffe von "Oben" abzusichern. Gerade für Heiratsgüter macht er eine Art ewige Zirkulation im Ritteradel aus, die mit massiver Kommunikation verbunden ist.

Christine Reinle liefert eine genaue Untersuchung zu Kommunikation bei Konflikten. Sie zeigt das Aufspannen von Öffentlichkeit auf, um für die eigene Sache zu werben und den Gegner etwa durch Schandbilder zu diskreditieren. Fehde konnte folgen, musste aber nicht. Sie zeigt Werbung von Helfern aus einem weiten Bekanntenkreis und die Wichtigkeit von reisigen Knechten als Experten für den erfolgreichen Kampf. Ruhm und Ehre waren Ertrag von Fehden, den Gegner zu schädigen aber auch Begehr der Kontrahenten vor sowie nach Kampfhandlungen. Als Knotenpunkte von Werbung, Streuung von Gerüchten und Kommunikation überhaupt lassen sich Zentren wie Burgen und Städte ausmachen.

Hillay Zmora hat auf neueste Forschungserkenntnisse aufbauend Fehde als nicht dem Adel vorbehaltenes Medium der Konfliktaustragung, aber als wichtig für ihre Identitätsstiftung ausgemacht. Fehden waren nötig, um sich einen Ruf zu schaffen und die eigenen ehrenvollen und mutigen Charaktereigenschaften zu kommunizieren. Sie fanden meist zwischen sich länger kennenden Beteiligten, nicht Fremden statt. Zmora nennt diese Beziehung sehr pointiert formuliert eine "feindselige Vertrautheit", auch sonst schreckt er nicht vor der sehr anschaulichen Verwendung des zeitgeschichtlichen Beispiels der Mafia zurück, um historische Strukturen zu versinnbildlichen. Mit voranschreitender Vergesellschaftung der Ritter wandelte sich die Notwendigkeit sich zu beweisen vom kriegerischen Ethos zur ordnungsgemäßen Eingebundenheit in ein politisches System. Gerade wer nun Gewalt einsetzte, riskierte Repressalien und einen schlechten Ruf. Gewinnbringend verortet der Beitrag Ritteradelsfehden zwischen dem überkommenen Konzept eines Abgrenzungsmechanismus gegen unten und einer wirklich vorhandenen statusbildenden Funktion.

Sven Rabeler beschäftigt sich in erhellender Weise mit der Institutionalisierung von Konfliktlösungen in Adelsfamilien, wobei er tatsächlich einen Übergang zu wiederholbaren Verfahren feststellen kann, deren Ergebnisse oft sogar schriftlich festgehalten wurden.

Christian Wieland hat ähnliche Ergebnisse festgehalten in seiner Untersuchung zum kollektiven Handeln süddeutscher Ritter bei Gerichtsprozessen. So konnte er entgegen der bisher oft vertretenen Meinung zeigen, dass sogar die meisten Prozesse von Adligen angestrebt wurden, diese also keineswegs in vormodernen Konfliktaustragungsformen verhaftet waren. Die neuen Formen stellten sich als ebenso statuswahrend heraus und zeigten eine allgemeine Einigung der Ritter auf institutionalisierte Formen, sowie sie oft die Identitätsbildung als Familie mit gemeinsamem Interesse begünstigten.

Claudia Garnier konstantiert ausgehend von neueren Forschungsarbeiten in ihrem abschließenden Beitrag etwas entgegengesetzt, wie wichtig die symbolische Kommunikationspraxis für den Ritteradel auch um und nach 1500 blieb. Der Handel mit der, nach Bordieu als "symbolisches Kapital" bezeichneten, Ehre fand vornehmlich auf Turnieren statt, die auch nicht unwichtig zur Beilegung von Konflikten waren. Der Autorin dienen die Turniere der "Vier Lande" als Beispiel für den Erwerb individueller Ehre durch besondere Kühnheit wie auch für die Konstitution von Standesehre durch gemeinsame adlige Repräsentation, bei der Rituale alles andere als überholt waren.

Warum die Beiträge in der hier aufgeführten Reihenfolge gruppiert und nicht wie auf der Tagung nach thematischer Zugehörigkeit geführt werden, ist zwar kein wirkliches Manko, erschließt sich dem Rezensenten aber ebenso wenig als Gewinn.

Wie gewinnbringend der hier verfolgte Ansatz insgesamt ist , lässt ein mitwirkender Autor selbst etwas offen. Kurt Andermann kommt auf die nicht ganz unberechtigte Frage, ob ein auf Kommunikationsnetzwerke gerichteter Ansatz wirklich andere Aspekte als ein traditionell sozialgeschichtlicher bietet, und man kann wohl fast nur mit einem entschiedenen "jain" antworten. Sicherlich ist es aber alles andere als "alter Wein in neuen Schläuchen", was die Beiträge bieten. Dennoch, wenn der Herausgeber eingehend selbst fragt: " Alles ist Kommunikation - und alles ist Netzwerk?", dann fällt dem Betrachter auf, dass im Grunde jede, wie auch immer geartete, Interaktion als Kommunikation verstanden werden kann. Dies soll aber nicht schmälern, dass an allen Hindernissen, der dürftigen Quellenlage und oft nicht umfangreichen Forschungslandschaft vorbei der Band interessante Ergebnisse versammelt. Wie oft zugegeben, geben diese häufig erst Richtungen vor und benötigen noch weiterführende Ausarbeitung. Sehr lobenswert und anregend in diesem Zusammenhang sind natürlich die teils extrem ausführlichen Anmerkungen. Der Herausgeber selbst macht die Notwendigkeit von mehr prosopographischen Studien zum Untersuchungszeitraum deutlich, es bleibt daher zu hoffen, dass der hier besprochene Band als Anregung dazu dienen kann.

Alles in Allem liegt ein Sammelband vor, der sich durch die oft vergleichende überregionale Orientierung auszeichnet, oft neuere Ergebnisse zusammenfasst, wichtige Anstöße liefert und insgesamt für am Ritteradel im Übergang zur Frühen Neuzeit Interessierte sehr lesenswert ist.

Christian Maier