Rezension über:

Britta Kägler: Frauen am Münchener Hof (1651-1756) (= Münchener Historische Studien. Abt. Bayerische Geschichte; Bd. XVIII), Kallmünz: Michael Laßleben 2011, X + 623 S., 10 Abb., ISBN 978-3-7847-3018-9, EUR 48,00
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Rezension von:
Pauline Puppel
Berlin
Redaktionelle Betreuung:
Matthias Schnettger
Empfohlene Zitierweise:
Pauline Puppel: Rezension von: Britta Kägler: Frauen am Münchener Hof (1651-1756), Kallmünz: Michael Laßleben 2011, in: sehepunkte 13 (2013), Nr. 6 [15.06.2013], URL: http://www.sehepunkte.de
/2013/06/22428.html


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Britta Kägler: Frauen am Münchener Hof (1651-1756)

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"Es ist Ihnnen ...vast nichts unmöglich", meinte Franz von Schmid im "Mundus Christiano-Bavaro-Politicus" und formuliert geradezu das Erkenntnisziel dieser 2008 an der LMU München angenommenen Dissertation. Denn Britta Kägler fragt nach den Handlungsmöglichkeiten adeliger Frauen am Münchner Hof. Für ihre Analyse nutzt sie die interaktionstheoretischen Paradigmen. Die Studie von Katrin Keller über die Wiener Hofdamen im 17. Jahrhundert dient ihr als vergleichende Folie. Forschungen zu anderen europäischen Höfen hat sie hingegen kaum rezipiert.

An den Beginn ihrer Studie stellt Kägler methodische Überlegungen über den Ansatz der historischen Frauen- und Geschlechterforschung, die Konstruktionen von Weiblichkeit und Männlichkeit zu hinterfragen: Für die vormoderne Gesellschaft sei die Kategorie "gender" nur unter Vorbehalt anzuwenden, da sie keine Ordnungskategorie ersten Ranges war. Zweifelsohne ist dies richtig; jedoch ist zu betonen, was Kägler selbst in einer Fußnote versteckt (167, Anm. 736), dass gerade diese Ansätze die Geschichtswissenschaft bereichert haben. Angeregt von der historischen Frauen- und Geschlechterforschung wurde nämlich beispielsweise die Erforschung von Handlungsspielräumen, die Kägler für ihre Studie erkenntnisleitend anwendet. Sie untersucht auf der Grundlage von zahlreichen Schreiben der Fürstenfamilie und des Hofpersonals, von Instruktionen, Hof- und Kammerordnungen, Rechnungen, Quittungen und Besoldungsbüchern den Interaktionsraum "Frauenhofstaat" am Münchener Hof zwischen 1651 und 1756.

Die Studie ist in zwei etwa gleich große Teile gegliedert. Im Zentrum der prosopographisch angelegten Analyse stehen neben den vier Kurfürstinnen und den Prinzessinnen drei weitere Frauentypen: Mätressen, Amtsträgerinnen und Gattinnen von ranghohen Würdenträgern, die Zugang zum Frauenzimmer hatten. Kägler fragt zunächst nach der Verortung der Frauen in der gesellschaftlichen Struktur des Hofes, um dann die unterschiedlichen Handlungsspielräume aufzuzeigen (Kapitel 4 bis 6). Anschließend geht sie der Frage nach, wie Norm und Realität des höfischen Alltags in den Interaktionen zum Ausdruck gebracht wurden (Kapitel 7 bis 9).

Zunächst analysiert sie die Personalstrukturen von Hof und Frauenzimmer(n). Die Ämter, die in der Hand weniger altbayerischer Familien lagen, waren begehrt, diente doch der Hofstaat als zentraler Heiratsmarkt. Die Nähe zur Kurfürstin konnte sich zum einen in geldwertem Vorteil erweisen, zum anderen diente sie der Verankerung in den Netzwerken. Im folgenden Kapitel befasst sich Kägler mit den Wittelsbacherinnen. Die Prinzessinnen erhielten etwa ab dem 7. Lebensjahr einen eigenen kleinen Hofstaat, der der standesgemäßen Erziehung diente. Die Instruktionen der Hofmeister und andere normative Schriften illustrieren den an religiösen Themen und Pflichten reichen Unterricht am Münchener Hof.

Die Heiraten der Wittelsbacherinnen, vor allem ihre Möglichkeiten, als Ehefrauen Netzwerke aufzubauen, eröffneten ihnen besondere "Mittlerfunktionen" (132), die anders als der Erbanspruch zugunsten der bayerischen Heimat nicht aufgegeben werden durften. Die Verbindungen zur Heimat sind durch die erhaltenen Briefe nachweisbar. Kägler hat akribisch erforscht, welche Amtsträger und Amtsträgerinnen vom Münchener Hof nach der Verheiratung der Prinzessinnen in den neuen Hofdienst wechselten. Ihre abschließende Einschätzung, dass Prinzen und andere adelige Männer aufgrund politischer Ziele außerhalb des Heimatterritoriums reisten, hingegen Prinzessinnen, die durch Heirat dauerhaft das Heimatterritorium verließen, in der neuen Kultur aufgehen sollten, ist meines Erachtens nicht angemessen. Der Stellenwert der verwandtschaftlichen Netzwerke zeigt sich auch daran, dass zum Eintritt in ein Kloster trotz der stark religiös geprägten Erziehung nicht ermuntert wurde.

So wie die in andere Dynastien verheirateten Prinzessinnen an den Ankunftshöfen Fremde waren, waren die Kurfürstinnen Fremde in München. Um die Mitte des 17. Jahrhunderts ist in den wittelsbachischen Heiratsprojekten ein Wandel festzustellen: Die Herkunft der Braut änderte sich, ein Indiz für die Europäisierung der dynastischen Beziehungen. Anzahl und Nationalität der Amtsträgerinnen und Amtsträger waren in den untersuchten Frauenzimmern sehr unterschiedlich. Kägler weist nach, dass zum einen die Sorgen der Wittelsbacher vor zu hohen Kosten und vor dem Einfluss der 'Fremden' groß waren, zum anderen insbesondere die italienischen Diener gleichsam "zwischen zwei Stühlen" (219) und vor Ressentiments standen. Das Zeremoniell und die "standardisierte Verwaltungsstruktur" (215) bildeten jedoch die Klammer des Frauenzimmers.

Kägler geht in einem nächsten Schritt der - meines Erachtens anachronistischen - Frage nach, ob die Kurfürstinnen über "informelle weibliche Einwirkungsmöglichkeiten" hinaus auch über "formale weibliche Herrschaftsformen" (221) verfügten. Um die Politikfelder, in denen die Kurfürstinnen Einfluss ausübten, und die Wahl der Mittel festzustellen, wertet die Verfasserin die Korrespondenzen akribisch aus. Gerade am Beispiel von Maria Amalia kann sie enge diplomatische Netzwerke nachweisen. Kägler kommt zu dem Ergebnis, dass jede Kurfürstin als Einzelfall beachtet werden muss und Verallgemeinerungen unmöglich sind. Gleiches gilt für die Mätressen, bei denen sie zwischen flüchtigen Liebschaften und langjährigen Vertrauensverhältnissen unterscheidet. Allein die Vermutung, eine Frau übe Einfluss auf den Kurfürsten aus, brachte ihr in der Hofgesellschaft Ansehen ein (297).

Im zweiten Teil der Studie untersucht Kägler die politischen und gesellschaftlichen Funktionen der Hofordnungen. Zunächst werden die Instruktionen für die einzelnen Ämter des Frauenhofstaats dem diachronen Vergleich unterzogen, da Änderungen der Handlungsmaximen auf Konflikte und Normverstöße hinweisen. Die wichtigste Ansprechpartnerin der Kurfürstin war ihre (Oberst-)Hofmeisterin, die unbeschränkten Zugang zur Ersten Dame hatte. Ihrer Kontrolle waren die Hofdamen und Kammerfräulein unterworfen. Deren Instruktionen regelten nicht nur die Dienste, sondern umfassten Verhaltensvorschriften im Umgang mit anderen Personen, insbesondere mit Männern. Ebenfalls der Kontrolle der Obersthofmeisterin unterstanden Ammen und Aja. Die Instruktionen "sprechen Bände über Disziplinierungsschwierigkeiten" (325).

Kägler zeigt akribisch auf, wie die einzelnen Ämter besoldet wurden und wie die Vergabe von Freiwohnungen in der Residenz erfolgte. Sie betont, dass keineswegs das gesamte Gefolge der Fürstin dauernd bei Hof anwesend war und weist nach, dass oft nur ausgewählte Fräulein an den unterschiedlichen "Freizeitbeschäftigungen" (351) wie Ausflügen, Wallfahrten und Jagdveranstaltungen teilnahmen.

Im Rahmen der Hofreisen betrachtet die Verfasserin den Komplex des Kulturtransfers. Im Zentrum ihrer Überlegungen stehen die Heiratsverbindungen. Sie untersucht personelle, materielle und ideelle Kulturtransfers und unterstreicht, dass insbesondere die Sprachkenntnisse der jungen Kurfürstin und ihres Gefolges den gelungenen Austausch förderten. Ebenso von Bedeutung waren die Größe des aus der Heimat mitgebrachten Hofstaates und die Intensität der Bindung an die Herkunftsdynastie. Anschaulich illustriert sie die Konflikte, die durch Unkenntnis des Zeremoniells und der Gepflogenheiten aufbrachen: Das Durchqueren einer Antichambre konnte zum Skandal werden (395).

Das abschließende Kapitel ist den Karrieren der Amtsträgerinnen vorbehalten. Das Hofamt, das keineswegs "der finale Punkt" (404) im Leben einer adeligen Frau bei Hof sein musste, bedeutete zunächst symbolisches Kapital. Die Zugangsmöglichkeiten zur Ersten Dame waren entscheidend. Kägler beschreibt über "ein möglichst typisches Jahr am Münchener Hof" (430) hinweg den alltäglichen Dienstablauf im Frauenzimmer, um aufzuzeigen, wie viel Zeit die Amtsträgerinnen im direkten Umfeld der Kurfürstin zubrachten. Darüber hinaus untersucht sie anhand einiger Einzelfälle die Eigeninteressen der Hofdamen, die nicht nur eine Rolle in den diplomatischen Beziehungsnetzen spielten, sondern auch Stiftungen gründeten oder unternehmerisch tätig wurden. Kägler unterstreicht, dass Hofdamen begehrte Ehefrauen waren, denn nicht nur der Ehemann einer (ehemaligen) Hofdame profitierte, sondern mitunter die gesamte Verwandtschaft.

Abschließend skizziert sie die Zeit des Exils im Spanischen Erbfolgekrieg. Der Kurfürst residierte mit seiner Mätresse in den Spanischen Niederlanden und in Frankreich, die Kurfürstin siedelte nach Venedig über. Der kleine Hofstaat der Exulantin erwies sich auch nach der Rückkehr als "festes Verbundsystem" (473) im Gesamthofstaat.

Im Anhang sind ein Verzeichnis der 406 namentlich bekannten Amtsträgerinnen am Münchener Hof für den Zeitraum von 1632 bis 1776 und eine Übersicht über die Oberhof- und die Fräuleinhofmeisterinnen zwischen 1642 und 1776. Nach dem beeindruckenden Quellen- und Literaturverzeichnis beschließen sorgfältig erstellte Personen-, Orts- und Sachregister die gewichtige Studie.

Während der Bildteil keinen Eingang in die Analyse findet, dienen zahlreiche Grafiken der Visualisierung der Forschungsergebnisse. Um der Lesbarkeit willen hat Kägler weiterführende Erkenntnisse und Zitate in den Anmerkungsapparat verbannt. Kritisch ist ihre eigenwillige Transkription der Quellen. Frühmoderne Texte sollten regelhaft transkribiert werden (43). Darüber hinaus muss auf die Einordnung der herangezogenen Archivalien in "private" und "offizielle" Überlieferung hingewiesen und betont werden, dass Gesandtschaftsberichte (42) sicherlich nicht zur Privatpost gehörten.

Das große Verdienst der gut lesbaren Dissertation besteht darin, dass die Frauen am Münchener Hof der weiteren Forschung zugänglich gemacht sind. Kägler zeigt, dass die Handlungsspielräume je nach Persönlichkeit, nach Alter und Personenstand, nach Amt und Ansehen extrem differierten. Dennoch kommt sie zu dem Ergebnis, das Schmid bereits im "Mundus" formuliert hatte: Den Frauen bei Hof ist nichts unmöglich.

Pauline Puppel