Rezension über:

Florence Bouchet: René d'Anjou, écrivain et mécène (1409-1480). Actes du colloque international tenu à l'Université de Toulouse 2 Le Mirail du 22 au 24 janvier 2009 (= Texte, Codex & Contexte; XIII), Turnhout: Brepols Publishers NV 2011, 308 S., ISBN 978-2-503-53350-6, EUR 64,00
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Rezension von:
Jessika Nowak
Historisches Seminar, Albert-Ludwigs-Universität, Freiburg/Brsg.
Redaktionelle Betreuung:
Ralf Lützelschwab
Empfohlene Zitierweise:
Jessika Nowak: Rezension von: Florence Bouchet: René d'Anjou, écrivain et mécène (1409-1480). Actes du colloque international tenu à l'Université de Toulouse 2 Le Mirail du 22 au 24 janvier 2009, Turnhout: Brepols Publishers NV 2011, in: sehepunkte 13 (2013), Nr. 5 [15.05.2013], URL: http://www.sehepunkte.de
/2013/05/21677.html


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Florence Bouchet: René d'Anjou, écrivain et mécène (1409-1480)

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Als prince curieux de moult de singuliers cas touchant édifices, pompeusetés, festes et tournoyemens wird René von Anjou von Georges Chastellain beschrieben, als Schriftsteller sahen seine unmittelbaren Zeitgenossen mit Ausnahme von Octovien de Saint-Gelais René indes nicht. Erst ab dem 16. Jahrhundert begann sich das Bild eines selbst zur Feder greifenden, bibliophilen Mäzens zu verbreiten. Als sich 2009 das Geburtsdatum des guten Königs René zum 600. Male jährte, war es gerade diese Facette seines Lebens, die verstärkt in den Blick genommen wurde, zum einen in einer Ausstellung mit dem Titel "Splendeur de l'enluminure. Le Roi René et les livres" [1], zum anderen auf einer in Toulouse organisierten Tagung, bei der sich Wissenschaftler aus Frankreich, Kanada, der Schweiz, Belgien, England und Deutschland versammelten, um über das Thema "René d'Anjou, écrivain et mécène" zu konferieren. Die auf dieser Tagung gehaltenen Vorträge finden sich nun, mit Ausnahme des Beitrags von Peter de Laurentiis über "La musique du Roi: un aperçu critique", in dem anzuzeigenden Werk vereint.

Nach einem Vorwort von Jacqueline Cerquiglini-Toulet, das den Titel "L'œil et l'esprit de René d'Anjou" trägt und zur kontemplativen Lektüre einlädt, wirft Florence Bouchet in der ersten der fünf Sektionen des Bandes ("Antécédents, rencontres, réception") die Frage auf, inwieweit gerade die angesichts der politischen Leistung zu konstatierende "enttäuschende Wirklichkeit" dazu führe, mittels des Mäzenatentums rasch "ein legendäres Bild" entstehen zu lassen (13); René sei nicht "poète ou politique" gewesen, schlussfolgert sie, sondern "poète et politique", auch wenn die militärischen Handlungen Renés weniger zur Festigung seiner Herrschaft beigetragen hätten, als die literarische Tätigkeit und das Mäzenatentum das "geistige und künstlerische Leben" am angevinisch-provenzalischen Hof beflügelten (20). Dem literarischen Œuvre Renés und seines Umfeldes wenden sich denn auch die nächsten Beiträge zu, die sich vorwiegend an Literaturwissenschaftler richten dürften. Der Weg führt über den "Roman de Paris et de Vienne", den Antoine de La Sale für Renés Sohn Johann verfasste (Marie-Geneviève Grossel), zu René d'Anjous "Livre du Cœur d'amour épris", das Helen Swift hinsichtlich der Rolle der Melancholie mit Jacques Milets "Forest de Tristesse" vergleicht.

Es schließt sich die zweite Sektion an, die wie alle anderen Sektionen auch, lediglich im Inhaltsverzeichnis als solche zu erkennen ist, weil im Haupttext selbst auf Sektionsüberschriften verzichtet wurde und auch zwischen den einzelnen Beiträgen recht willkürlich mal leere Seiten vorhanden sind, mal nicht. In diesem zweiten sich um Allegorien drehenden Abschnitt ("Persistances et mutations de l'écriture allégorique") untersucht Jean-Claude Mühlethaler zunächst die Funktion der Speisen, die, obgleich mit Karls VI. Küchenmeister Taillevent ein Anstieg der Rezeptsammlungen zu konstatieren ist, in den literarischen Werken des 15. Jahrhunderts nur selten Erwähnung finden. Nachdem der Leser dank Mühlethaler darüber instruiert wurde, inwieweit die Wahl des Sprachregisters und der gewählten Textgattung für das Anführen von Nahrungsmitteln ausschlaggebend ist, richtet sich sein Blick mit der Studie von Élodie Soulenq auf die Personifikation des Herzens in Renés "Livre du Cœur d'amour épris", welches mit der Lyrik Karls von Orléans verglichen wird. Der Erregung des Herzens durch die äußeren Sinne, die Augen und die Ohren, gilt wiederum Fabienne Pomels Interesse, die insbesondere Renés "Mortifiement de Vaine Plaisance" in den Blick nimmt. Dieser von einem Laien verfasste, an Laien gerichtete spirituelle Traktat, der sich gut in die Denkweise von Jean Gerson fügt und sogar recht oft gemeinsam mit Werken Gersons überliefert ist, lässt wiederum Virginie Minet-Mahy nach den Einflüssen fragen, die Jean Gerson auf und für Renés Schaffen hatte.

Die dritte Sektion ("La concorde des arts") eröffnet Philippe Maupeus Studie mit dem anschaulichen Titel "'Regarder le temps': Temps et image dans le 'Livre du Cœur d'amour épris'". Rose-Marie Ferré widmet sich daraufhin der "performativen Lektüre", dem Verhältnis zwischen Text und Bild in eben diesem Werk und beleuchtet insbesondere die Wandteppiche in den Räumen der Venus. Den Medaillen wiederum, die René von den italienischen Bildhauern Pietro da Milano und Francesco Laurana wohl aus diplomatischen Erwägungen, vor dem Hintergrund der Manifestation des Anspruches des Hauses Anjou auf das Königreich Neapel, im Rahmen einer "politque d'image" (174), anfertigen ließ, gilt schließlich das Augenmerk von Nicolas Bock.

In der vierten Sektion ("Spectacles vivants: tournois, pas d'armes, théâtre") verweist Christian Freigang zunächst darauf, dass Rene d'Anjou auf zweierlei Ebenen durch eine "regelrechte Medienpolitik" zum "Überleben des mittelalterlichen Rittertums" beigetragen habe (180), zum einen durch eine poetische Fiktion bzw. eine "Poetisierung der militärischen Übungen" im "Livre du Cœur d'amour épris", zum anderen durch eine theoretische Abhandlung, den "Traictié de la forme et devis d'ung tournoy", den Freigang im Hinblick auf das Verhältnis von Text und Bild näher untersucht. Dass die Inszenierung der pas d'armes ähnlich wie 1454 das Fasanenfest von Lille für Philipp den Guten für René von Anjou ein Instrumentarium war, um ein Gruppenbewusstsein zu stiften und zu stärken, zeigt Jane H.M. Taylor auf. Helena Kogen wendet sich anschließend dem "Dramaturgen" und Verfasser des "Mystère du Roy Advenir", Jehan du Prier, und dessen literarischer Karriere am Hofe Renés zu, bevor dann Gabrielle Parussa allgemein die Rolle des Theaters für René thematisiert.

In der fünften Sektion ("Valeurs courtoises et politique culturelle") zeigt Marco Nievergelt, dass die Werke Renés "auf nostalgische, ironische, parodistische, philosophische und vielleicht sogar moralistische Weise das Ausmaß der Loslösung und der Entzauberung Renés von einem [Ritter-]Ideal aufscheinen lassen, das er dennoch weiterhin bewunderte und zelebrierte" (240f.). Sophie Cassagnes-Brouquet wiederum führt am Beispiel von René und dessen ihn imitierenden und schließlich sogar überflügelnden Neffen Ludwig XI. vor, wie förderlich sich das Mäzenatentum auch in politischer Hinsicht zu erweisen vermochte. Das geschickte und in nicht unerheblichem Maße auch politisch motivierte Rekurrieren Renés auf die literarischen Kanäle und humanistischen Netzwerke arbeitet Oren Margolis dann mit Blick auf die italienische Staatenwelt heraus. In dem bilanzierenden Beitrag lassen Tania Van Hemelryck und Hélène Haug zunächst in einem Überblick über das literarische Leben am angevinisch-provenzalischen Hofe wichtige Verfasser und Werke Revue passieren, werfen dann einen Blick auf die Funktion und den Status der Verfasser am Hof, auf das Verhältnis von Auftragsarbeiten und spontanen Widmungen sowie auf die Identität der Widmungsempfänger, bevor sie sich abschließend der Bibliothek Renés zuwenden und deren Spezifika (zahlreiche religiöse und biblische Texte, viele Drucke etc.) aufzeigen.

Das Bild eines Denkers, feinsinnigen Schriftstellers und großen Mäzens steht einem nach der Lektüre dieses leider kein Register beinhaltenden Bandes vor Augen, und man kann sich gut vorstellen, was Pasquier zu Ende des 16. Jahrhunderts zur Aussage bewogen haben mag, René hätte wohl den mit Alfons von Aragon um Neapel geführten Kampf gewonnen, wenn dieser Konflikt mit der Feder und nicht mit den Waffen ausgetragen worden wäre.


Anmerkung:

[1] Marc-Édouard Gautier (Hg.): Splendeur de l'enluminure. Le Roi René et les livres, Angers 2009.

Jessika Nowak