Rezension über:

Clemens Apprich / Felix Stalder (Hgg.): Vergessene Zukunft. Radikale Netzkulturen in Europa (= Kultur- und Medientheorie), Bielefeld: transcript 2012, 343 S., ISBN 978-3-8376-1906-5, EUR 32,80
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Rezension von:
Martin Schmitt
Eberhard Karls Universität, Tübingen
Empfohlene Zitierweise:
Martin Schmitt: Rezension von: Clemens Apprich / Felix Stalder (Hgg.): Vergessene Zukunft. Radikale Netzkulturen in Europa, Bielefeld: transcript 2012, in: sehepunkte 13 (2013), Nr. 5 [15.05.2013], URL: http://www.sehepunkte.de
/2013/05/21457.html


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Clemens Apprich / Felix Stalder (Hgg.): Vergessene Zukunft

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Der digitale Raum und die physische Welt sind keine getrennten Sphären. Sie überlagern sich, manchmal in mehreren Schichten, sie greifen ineinander. Was heute als anerkannt gilt und sich durch die Verbreitung mobiler Endgeräte endgültig im Alltagsleben der meisten Menschen durchgesetzt hat, war ein Kernanliegen der europäischen Netzkulturen der 1990er Jahre, so die zentrale These des Sammelbands Vergessene Zukunft von Clemens Apprich und Felix Stalder. Medienkünstlerische Kleingruppen nahmen in Europa eine Vorreiterrolle ein, indem sie die neuen Bedingungen und Möglichkeiten der sich rasant verbreitenden Informationstechnologien im realen wie im politischen Raum aushandelten. Damit unterschieden sie sich von einem US-amerikanischen Diskurs des Cyberspace, in dem der virtuelle Raum in Magazinen wie dem 1993 gegründeten WIRED eher als neue Frontier und eskapistische Parallelsphäre verhandelt wurde.

Auf das Phänomen europäischer Netzkulturen, über elektronische Netzwerke verbundene Akteure ganz unterschiedlicher Provienz, vor allem präsent in den Niederlanden, Deutschland, aber auch in Südosteuropa und Italien, blicken die Herausgeber aus einer österreichischen Perspektive. Im Mittelpunkt stehen die Ereignisse um das Wiener Institut für neue Kulturtechnologie/t0 und deren Projekt Public Netbase, einer Plattform für kritische Medienkunst. 1994 etabliert, bot die Public Netbase bis zu ihrer Schließung im Jahr 2006 Künstlern, Aktivisten und der Öffentlichkeit eine Anlaufstelle, Infrastruktur und Kompetenz, um mit neuen Informationstechnologien zu experimentieren und sich international zu vernetzen. Sie war für die Akteure ein Ausgangspunkt, um die öffentlichen und virtuellen Räume mit medientechnologischen Mitteln zu besetzen, um sie von deren "Nutzung als Arena der Kontrollgesellschaft und des Konsums zurückzuerobern" (33). Ein gutes Beispiel für diese neue Art künstlerischer Praxis ist das Nikeground Project, die vorgebliche Umbenennung des Wiener Karlsplatzes in "Nike-Platz" (106) durch ein Künstlerkollektiv aus dem Netbaseumfeld, um "das Spannungsverhältnis zwischen öffentlichem Interesse und der Ökonomisierung aller Lebensbereiche zur Diskussion zu stellen und durch direkte Intervention in den urbanen und medialen Raum Handlungsfelder zu erweitern", so Konrad Becker, Mitbegründer der Public Netbase.

Der Sammelband ist in drei Teile gegliedert. Im ersten Kapitel - "Räume der Vernetzung" - werden die frühen Vernetzungsbemühungen rund um die Public Netbase beschrieben. Statt nationaler Medienzentren, wie sie in Linz mit dem Ars Electronica Center oder in Karlsruhe mit dem Zentrum für Kunst und Medientechnologie aus der Taufe gehoben wurden, ging es in den Netzkulturen darum, "eigene, dezentrale Netzwerke" (64) jenseits wahrgenommener Marktimperative und Regierungsinteressen zu schaffen, wie Eric Kluitenberg (Amsterdam) betont, der in den 1990er Jahren zahlreiche Netzkulturveranstaltungen organisierte, auf denen sich digitale und reale Vernetzung überschnitten. Kapitel zwei - "Praxen des Widerstandes" - lotet die neuen Formen künstlerischen und politischen Aktivismus' in Verbindung mit neuen Informationstechnologien aus. Sie dürften in ihrer technologisch-utopischen Dimension nicht fälschlich als "ahistorische Phänomene gedacht" (113) werden, sondern müssten notwendig historisch kontextualisiert werden, meint Sonja Eismann (Wien) in ihrem Eingangsessay. Für die Public Netbase besteht dieser Kontext vor allem aus den Kontroversen im Zuge des Regierungswechsels in Österreich zur Schwarz-Blauen Regierung unter Beteiligung der FPÖ.

Gerade die Verknüpfung von Netzkulturen mit der Entwicklung linker Bewegungen und Ideen wie derjenigen des französischen Philosophen Gilles Deleuze erscheint fruchtbar [1], beispielsweise in der Darstellung der von den freien Radiostationen inspirierten italienischen Netzkultur. Dabei wird einerseits klar, dass die Netzkulturen in ihrer Betonung der Selbstrepräsentation des Individuums mehr waren als nur eine neue soziale Bewegung (203). Andererseits wird hier eine Wurzel heutiger Phänomene wie der "Hack-tivistengruppe" Anonymous sichtbar.

Das dritte Kapitel handelt schließlich von den "Kulturen der Partizipation", also der Frage nach Zugang und Gebrauch der Informations- und Kommunikationstechnologien zum Zweck der Teilhabe und Beteiligung. Felix Stalder stellt dabei die interessante These auf, dass die Netzkulturen den bis dahin stärker national orientierten Zivilgesellschaften die Möglichkeit gaben, zu bereits globalisierten Akteuren aufzuschließen - digital wie real.

Die einzelnen Kapitel gliedern sich jeweils in drei Abschnitte. Zu Beginn führen Essays von Medienkünstlern und Wissenschaftlern aus verschiedenen Disziplinen in die Thematik ein. Darauf folgen Interviews mit Protagonisten der Netzkulturen der 1990er Jahre. Abschließend werden ausgewählte Quellentexte präsentiert. Gegenstimmen oder alternative Perspektiven bleiben freilich ungehört. Stilistisch zeichnen sich alle Beiträge durch ihre Kürze und Prägnanz aus. Sie sind selten länger als fünf Seiten, so dass zahlreiche Akteure zu Wort kommen. In ihrer Vielfalt und kritischen Grundhaltung heben sich die Essays von kürzlich erschienenen Darstellungen wie "Nerd Attack" des Journalisten Christoph Stöcker ab, in der er bei ähnlicher Thematik stärker auf die popkulturelle Verknüpfung von Computertechnik und der Lebenswirklichkeit ihrer oft jungen Protagonisten eingeht. [2] Analytisch scheinen immer wieder die Konzepte des katalanischen Soziologen Manuel Castells durch, zu dessen Werk über die Netzwerkgesellschaft Felix Stalder 2006 eine umfangreiche Untersuchung veröffentlichte. [3]

Die Zeitgeschichte sieht sich häufig mit dem Problem der Zeitzeugenschaft - und damit einer nachträglichen Idealisierung der Vergangenheit - konfrontiert. Dies gilt nicht zuletzt für ein Thema wie dem der Netzkultur mit ihren direkten Auswirkungen auf unser Alltagsleben. Dementsprechend problematisch klingt der Anspruch, an die Frühzeit der Netzwerkbildung zu erinnern, um die Erfahrungen von damals heute wieder aufleben zu lassen. Diese Erfahrungen wollen die Herausgeber gegen das sogenannte Web 2.0 setzen, in dem "der Preis für die Massentauglichkeit [...] die subtile [...] Unterordnung der sozialen Vernetzung unter die kommerziellen Strategien der Plattformanbieter/Innen" war. Die Errungenschaften der Netzkulturen, so der Tenor des Sammelbands, wurden von kommerziellen Anbietern schlichtweg übernommen, aber ohne das ihnen inhärente subversive Potenzial. Es gelingt den Autoren, die Intentionen und Möglichkeiten aufzuzeigen, die ursprünglich in der Nutzung der Informationstechnologien lagen. Sie boten sich den Protagonisten in einer Zeit, als nach dem Mauerfall durch den Wegfall der Blockkonfrontation alles möglich schien - auch im digitalen Raum, wo sich die Konstellationen sowohl hinsichtlich der Akteure als auch der Softwarearchitektur noch nicht derart verfestigt hatten, wie dies heute der Fall ist. Der digitale Raum war eine Leerstelle, die in Europa politisch gefüllt wurde, so die These.

Der amerikanische Informatiker, Netzkritiker und Wegbereiter der virtuellen Realität, Jaron Lanier, hat den Zustand der technologischen Verfestigung bestimmter Konzepte als "Locked-In" beschrieben, beispielhaft an der ubiquitären Verwendung der Metapher der Datei, jenseits derer zu denken umso schwerer ist, desto stärker das Konzept implementiert sei. [4] Zur gedanklichen Überwindung der Eingeschlossenheit innerhalb schein-sozialer Medien, deren primäre Funktionslogik nicht mehr Sozialität, sondern Verwertbarkeit ist, bieten die Beiträge heute kritische Anregungen zur Historisierung der Vergangenheit "neuer Medien".

Der erfrischende Blick dieses Sammelbands zeigt eine alternative Lesart jenseits der bekannten, mythologisierenden Standarderzählung US-amerikanischer, libertärer Prägung auf. Das ist zwingend notwendig, denn gerade im europäischen Kontext hinkt die Geschichtswissenschaft bei der Erforschung von Informationstechnik und Netzkultur noch stark hinterher.


Anmerkungen:

[1] Gilles Deleuze / Félix Guattari: Tausend Plateaus: Kapitalismus und Schizophrenie, Berlin 1992.

[2] Christian Stöcker: Nerd Attack! München 2011.

[3] Felix Stalder: Manuel Castells, Cambridge [u.a.] 2006.

[4] Jaron Lanier: You are not a Gadget, New York 2010.

Martin Schmitt