Rezension über:

Moritz Csáky: Das Gedächtnis der Städte. Kulturelle Verflechtungen - Wien und die urbanen Milieus in Zentraleuropa., Wien: Böhlau 2010, 417 S., ISBN 978-3-205-78543-9, EUR 39,00
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Rezension von:
Ines Koeltzsch
Prag
Redaktionelle Betreuung:
Christoph Schutte
Empfohlene Zitierweise:
Ines Koeltzsch: Rezension von: Moritz Csáky: Das Gedächtnis der Städte. Kulturelle Verflechtungen - Wien und die urbanen Milieus in Zentraleuropa., Wien: Böhlau 2010, in: sehepunkte 13 (2013), Nr. 4 [15.04.2013], URL: http://www.sehepunkte.de
/2013/04/23325.html


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Andere Journale:

Diese Rezension erscheint auch in der Zeitschrift für Ostmitteleuropa-Forschung.

Moritz Csáky: Das Gedächtnis der Städte

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Mit dem anzuzeigenden Werk liegen Moritz Csákys anregende Essays über kulturelle Pluralität und nationale Homogenisierung in den zentraleuropäischen Gesellschaften des 19. und 20. Jahrhundert, die er überwiegend in den 1990er Jahren in verschiedenen Zeitschriften und Sammelbänden publiziert hatte, erstmals an einem Ort vereint vor. Für diejenigen, die die Arbeit des in Wien beheimateten Kulturwissenschaftlers seit längerem verfolgen, bringt der Band zwar keine neuen Erkenntnisse, dafür liegt aber sein besonderer Reiz in der kompakten Lektüre der überarbeiteten und miteinander verknüpften Essays, die partiell um aktuelle Forschungsliteratur ergänzt werden.

In seinem einleitenden Kapitel Genealogien der Gegenwart umreißt Csákys seine Leitgedanken, die in den darauffolgenden Studien detaillierter wiederkehren: Er illustriert unter anderem am Beispiel des ungarischen Komponisten Béla Bartók, dass das "crossing and re-crossing" (14) verschiedener kultureller Einflüsse ganz selbstverständliche Praktiken (nicht nur) in der Musik des Fin de Siècle waren, die es jedoch aufgrund der nationalen Meisterzählungen, die Eindeutigkeit und Einsprachigkeit suggerierten, im kulturellen Gedächtnis zu entdecken und freizulegen gilt. Diese Mehrdeutigkeit und Mehrsprachigkeit war ein besonderes Kennzeichen der zentraleuropäischen Region, auf die Csákys im zweiten Kapitel näher eingeht. Mit dem Begriff "Zentraleuropa" setzt er sich somit dezidiert von dem in Deutschland gebräuchlichen und vorwiegend strukturgeschichtlich definierten "Ostmitteleuropa"-Konzept ab. Die wesentlichen Merkmale dieser nach "Osten" und "Westen" durchlässigen Region waren ihm zufolge kulturelle Pluralität und Heterogenität, die ein ebenso kreatives wie konfliktreiches Potenzial hervorriefen. Bereits hier wird klar, dass Csákys ein Konzept von Kultur verwendet, das von einem "offenen, dynamischen, performativen und folglich hybriden Kommunikationsraum" ausgeht, "in dem Differenzen nicht einfach 'vermischt', sondern anerkannt und offengelassen werden" (105). Der Sprache kommt in diesem Kulturkonzept eine besondere Bedeutung zu, und zwar nicht primär als identitätsstiftendes Merkmal, sondern als Voraussetzung für kulturelle Pluralität. Unter Berufung auf Jurij M. Lotmans Kulturtheorie macht Csákys deutlich, dass jede Kultur "nur im Kontext anderer Kulturen" (118), das heißt anderer Sprachen, existieren kann.

Die spezifische Situation Zentraleuropas zeichnet Csákys in den beiden darauffolgenden Kapiteln am Beispiel verschiedener urbaner Zentren "um 1900" nach. Seinem Forschungsschwerpunkt folgend, widmet er den "Wiener Kulturen" ein ganzes Kapitel. Er zeigt, dass das Wien der Jahrhundertwende keine "deutsche" Stadt war, sondern ein urbaner Zwischenraum, der durch das konflikthafte Zusammenspiel kultureller Vielfalt und nationaler Homogenisierung geprägt wurde. Dies traf auch auf die vielen kleineren und größeren Städte der Habsburgermonarchie zu, die Gegenstand des fünften Kapitels sind. Neben Budapest, Prag (Praha), Pressburg (Pozsony, Bratislava), Czernowitz (Tscherniwzi, Cernāuţi) und Triest (Trieste, Trst) geht Csákys auch auf die kleine, heute in der Slowakei gelegene Stadt Leutschau (Levoča, Lőcse) ein, die zugleich seine Geburtsstadt ist. Unter Verweis auf seine eigenen Erfahrungen in einer mehrsprachigen (ungarisch-deutsch-slowakischen) Familie betont er, dass Vielsprachigkeit allen nationalen Homogenisierungsversuchen zum Trotz in Zentraleuropa eine "bis weit ins 20. Jahrhundert gelebte Wirklichkeit" gewesen sei (303).

Im letzten Kapitel hebt Csáky noch einmal die Notwendigkeit postkolonialer Perspektiven auf die gesamte Geschichtsregion hervor, mittels derer eine "Provinzialisierung" (348) des Zentrums erfolgen soll, wie er in Anlehnung an Joseph Roth, einen der feinsinnigsten Beobachter Zentraleuropas in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhundert, formuliert. Er meint damit die Auflösung hegemonialer Erzählungen durch ihre Heterogenisierung. Dass dies in den letzten zwei Jahrzehnten längst zum wissenschaftlichen Standard geworden ist, zeigt nicht zuletzt der von ihm mitherausgegebene Band "Habsburg postcolonial". [1] Gleichwohl lässt sich gerade hier ein Kritikpunkt anbringen: Csáky richtet seinen Blick vornehmlich auf die Zentren, auf die großen Städte und die künstlerische und intellektuelle Elite, auf die Musils, Kafkas und Bártoks. Zwar gelingt es ihm, diese großen Erzählungen auszudifferenzieren - das Verhältnis von kultureller Vielfalt und nationaler Homogenisierung an den inneren und äußeren Rändern der zentraleuropäischen Region bleibt jedoch weitgehend im Verborgenen. Ungeachtet dieser Kritik hat Csáky - wie vielleicht sonst nur noch Karl Schlögel - einen entscheidenden Einfluss auf die neuere deutschsprachige Forschung zur urbanen Geschichte und Kultur in Zentral- und Osteuropa ausgeübt, die das alte sozialhistorische Paradigma "Konflikt versus Symbiose" zugunsten einer multiperspektivischen Betrachtungsweise aufgegeben hat.


Anmerkung:

[1] Johannes Feichtinger / Moritz Csáky u.a. (Hgg.): Habsburg postcolonial. Machtstrukturen und kollektives Gedächtnis, Innsbruck u.a. 2003.

Ines Koeltzsch