Rezension über:

Toni Diederich: Siegelkunde. Beiträge zu ihrer Vertiefung und Weiterführung, Köln / Weimar / Wien: Böhlau 2012, X + 527 S., 43 s/w-Abb., ISBN 978-3-412-20956-8, EUR 34,90
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Rezension von:
Thomas Vogtherr
Historisches Seminar, Universität Osnabrück
Redaktionelle Betreuung:
Martina Giese
Empfohlene Zitierweise:
Thomas Vogtherr: Rezension von: Toni Diederich: Siegelkunde. Beiträge zu ihrer Vertiefung und Weiterführung, Köln / Weimar / Wien: Böhlau 2012, in: sehepunkte 13 (2013), Nr. 4 [15.04.2013], URL: http://www.sehepunkte.de
/2013/04/22687.html


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Toni Diederich: Siegelkunde

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Seit Jahrzehnten ist der Kölner Historiker und Archivar Toni Diederich der herausragende deutsche Spezialist der Siegelkunde. In zahllosen Publikationen hat er seine überragende Materialkenntnis unter Beweis gestellt. Vor allem aber hat er in methodologisch wegweisenden Aufsätzen dafür gesorgt, Siegel als Bedeutungsträger (im Sinne des Kunst- und Architekturhistorikers Bandmann) zu begreifen, ihrem Inhalt eine über das Siegelbild hinausweisende Bedeutung zuzuweisen und sie damit als Medien der Selbstdarstellung der Siegelinhaber begreifbar werden zu lassen. [1]

Wenn ein solcher Spezialist nun einen Band unter dem schlichten Titel "Siegelkunde" veröffentlicht, darf er sich der Aufmerksamkeit eines kleinen Kreises von Spezialisten auf jeden Fall sicher sein. An Universitäten sind diese Kenner immer nur wenige gewesen: Nicht erst seit den Tagen des Kölner Museumsdirektors Wilhelm Ewald (1878-1955), der 1914 eine bis heute bedeutende Gesamtdarstellung der Siegelkunde vorlegte [2], sind Vertreter dieser Disziplin häufiger an Archiven, Museen und in Bibliotheken tätig gewesen als im universitären Bereich. Vollends seit der Marginalisierung der so genannten "Kleinen Fächer" im Bereich der Geisteswissenschaften stehen auch Siegelkundler in den Universitäten auf einer virtuellen Liste bedrohter Spezies.

Für wen aber schreibt Diederich dann? Anders gefragt: Warum sollte man seinen Band auch dann lesen, wenn man sich mit (überwiegend mittelalterlicher) Siegelkunde bestenfalls am Rande beschäftigt hat? Diederich gibt in den zehn Beiträgen seiner Studie, die untereinander in nur losem Zusammenhang stehen, zehn sehr unterschiedliche Antworten. Im ersten Kapitel ("Der höchste Sinn im Siegel: Wege zur Erschließung des Siegels als Geschichtsquelle", 1-26) setzt er seinen grundlegenden Aufsatz zur Siegeltypologie in gewisser Hinsicht fort, fragt nach dem medialen und künstlerischen Charakter von Siegeln und leitet aus unterschiedlichen Typen von Herrschersiegeln Aussagen über ihr Herrschaftsprogramm ab. Wer sich für Medialität in den mittelalterlichen Schriftquellen interessiert, kommt hier voll auf seine Kosten.

Ähnliches gilt für einen Beitrag unter dem Titel "Beobachtungen zur Siegelgröße, zum Bedeutungsmaßstab in Siegeln und zur 'Usurpation' von Siegeltypen" (99-129). Ausgehend von der schlichten Feststellung, dass die Siegel umso größer wurden, je höher die Stellung ihrer Inhaber war, richtet sich die Frage darauf, was eigentlich Siegel aussagen können oder sollen, die vergleichsweise sehr viel größer waren, als es von der Stellung ihrer Inhaber her anzunehmen gewesen wäre. Auffallend ist, dass insbesondere Städtesiegel aus den gängigen Hierarchien von Siegelgrößen ausbrachen, dass gerade die ältesten unter ihnen exorbitante Größen aufwiesen (114-116). Oder was sagt es aus, dass die Stadt Aachen seit etwa 1130 ein Siegel führt, das Karl den Großen zeigt und keinerlei Hinweis darauf enthält, dass es sich um ein Siegel dieser Stadt handelt (121-123)? Die "Usurpation" - so viel ist klar - enthält eine politische Botschaft, die man lesen musste, um ein solches Siegel verstehen zu können.

Schließlich zieht Diederich in einem weiteren Abschnitt eindrucksvolle Parallelen zu einer kunsthistorischen Teildisziplin: "Siegelkunst und Grabmalkunst. Beobachtungen zu ihren partiellen Übereinstimmungen und zur Beeinträchtigung beider durch den Siegeszug der Heraldik" (178-220). Beiläufig sei bemerkt, dass die Formulierung griffiger Überschriften nicht zu Diederichs Stärken gehört, was aber an der Sache nichts ändert. Im Kern geht es um parallele Inhalte und Darstellungsnuancen in Siegeln und auf Grabmälern und darum, dass durch die zunehmende Standardisierung der Heraldik seit dem 13. Jahrhundert beide - Siegel wie Grabmäler - an Ausdrucksvielfalt verloren haben. Diederich beschäftigt sich mit so unterschiedlichen Fragen wie der Plastizität der (vor allem: Personen-)Darstellung, der Ikonologie der Darstellungen, der Porträtähnlichkeit, den Architekturdarstellungen oder den Inschriften. Frappierend sind die Gegenüberstellungen von Abbildungen: Grabdenkmäler und Siegel des 12.-16. Jahrhunderts nebeneinander zu sehen (207-214, Abbildung 2-13), sagt allein bildlich mehr als die sprichwörtlichen tausend Worte. Siegelkunde, das wird hier mehr als deutlich, ist eine interdisziplinäre Wissenschaft schon zu Zeiten gewesen, als man in anderen Geisteswissenschaften diesen Begriff erst mühselig lernen musste.

Ein letztes Kapitel, das hier zu nennen ist, hat geradezu kriminalistische Qualitäten: "Gefälschte Siegelstempel: Wie kann man sie erkennen?" (221-249). Es geht dabei nicht um die Erkennung und Wertung gefälschter Siegelabdrücke, denn das ist seit langem einer der wesentlichen Beiträge der Siegelkundler zur Echtheitskritik von Urkunden. Es geht vielmehr um die Fälschung der Typare, also jener meist aus Metall angefertigten Stempel, deren Fälschung ungleich höheren Aufwand verursachte und deswegen als selten galt und gilt. Diederich macht nun anhand von Beispielen darauf aufmerksam, dass das Phänomen unter Umständen verbreiteter war, als man das bisher angenommen hat, und er entwickelt aus seinen Beobachtungen einen ersten Kriterienkatalog zur Erkennung solcher Stempelfälschungen (244-248).

Die hier genannten vier Beiträge zeigen beispielhaft, dass die Siegelkunde als eine Bildwissenschaft weit mehr zu bieten hat als nur illustrative Zeugnisse mittelalterlichen Kunstschaffens, die in einschlägigen Ausstellungen eine - meist spärlich beschriftete - Vitrine füllen, an der weniger kenntnisreiche Besucher schnell vorübergehen. Siegelkunde führt stattdessen in sehr moderne Fragen der Medialität im Mittelalter ein, in Probleme der Zugehörigkeit zu sozialen Gruppen und in Äußerungen des Selbstverständnisses von öffentlich und politisch Handelnden. Das alles erfolgt in Bildern, die verstehen zu lernen der vorliegende Band eine souveräne, wenngleich nicht leicht zu lesende Handreichung gibt.


Anmerkungen:

[1] Toni Diederich: Prolegemona zu einer neuen Siegel-Typologie, in: Archiv für Diplomatik 29, 1983, 242-284.

[2] Wilhelm Ewald: Siegelkunde, München/Berlin 1914 (mehrfache Nachdrucke).

Thomas Vogtherr