Rezension über:

Klaus P. Fischer: Hitler & America, Philadelphia, PA: University of Pennsylvania Press 2011, VI + 356 S., ISBN 978-0-8122-4338-3, USD 29,95
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Rezension von:
John Andreas Fuchs
Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt
Redaktionelle Betreuung:
Empfohlene Zitierweise:
John Andreas Fuchs: Rezension von: Klaus P. Fischer: Hitler & America, Philadelphia, PA: University of Pennsylvania Press 2011, in: sehepunkte 13 (2013), Nr. 4 [15.04.2013], URL: http://www.sehepunkte.de
/2013/04/22167.html


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Klaus P. Fischer: Hitler & America

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Titel wie "Hitler und ..." oder gar "Hitlers ..." sind einem deutschen Publikum mittlerweile hinlänglich bekannt und bieten selten Neues. Auch das Thema "Hitler und die USA" beziehungsweise "Hitler und Roosevelt" ist beiderseits des Atlantiks ausführlich diskutiert worden. Stellvertretend seien hier einige Beispiele genannt: Bereits am 24. Mai 1956 beschrieb Joachim Remak unter der Überschrift "... Wie die Säue, in einem freilich luxuriösen Stall ..." in der Wochenzeitung Die Zeit Hitlers naives Amerikabild, und 1964 thematisierte Gerhard L. Weinberg im American Historical Review ebenfalls "Hitler's image of the United States". [1] James V. Compton beschäftigte sich 1967 mit "The Swastika and the Eagle: Hitler, the United States, and the origins of World War II", und Philipp Gassert analysierte in seiner Dissertation 1997 das Amerikabild im Dritten Reich. Ronald D. Gerste widmete sich 2011 "Roosevelt und Hitler". [2] Nun reiht sich also Klaus P. Fischer mit seinem Werk "Hitler & America" in diese Liste ein. Er formuliert hohe Ansprüche: "Historians who have dealt with the subject of Hitler and the United States have often argued that Hitler was either ignorant or misinformed about America. I hope that mine may be a fresh approach to this subject." (1) Diese Hoffnung wird gekonnt enttäuscht. Besonders die ersten vier Kapitel, in denen Fischer Hitlers gespaltenes Amerikabild, die Jahre 1933 bis 1937 - 1938 wird in Kapitel drei zu "Hitler's Year" - und Hitlers Westkrieg 1939-1941 abhandelt, bieten Kennern des Dritten Reiches kaum neue Erkenntnisse.

Erwähnenswert ist eine ausführlichere Diskussion der Frage, ob Hitler in den USA eine fünfte Kolonne hatte (87-98): Bis 1938 wussten die Amerikaner kaum etwas über die Existenz von Vereinigungen wie dem German-American Bund, die Sympathien für das Dritte Reich hegten. All dies sollte sich mit der Verhaftung des deutschen Spions Guenther Gustav Rumrich ändern; Rumrich war als Spion nicht sonderlich erfolgreich, er stahl gerade einmal die Baupläne zweier neuer Flugzeugträger und wurde früh verhaftet. Allerdings griff Hollywood seine Geschichte dankbar auf, und ein Buch unter dem Titel "The Nazi Conspiracy in America" wurde zum Bestseller (88-89), was Ängste vor einer fünften Kolonne in den Staaten weckte. Fischer beschreibt detailliert verschiedene (volks-)deutsche Vereinigungen in den USA, die Aktivitäten der NSDAP-Auslandsorganisation (NSDAP/AO) sowie Hitlers Sichtweise auf die Unterstützung der Bewegung durch Volksdeutsche in den USA: "'Transplant a German to Kiev,' he said, 'and he remains a perfect German. But transplant him to Miami and you make a degenerate of him - in other words, an American.'" (98) Wieso Fischer sich allerdings allein auf das Beispiel Rumrich bezieht und nicht auch auf den Spionagering um Frederick "Fritz" Joubert Duquesne, bleibt unklar. Ebenso wäre ein Hinweis auf die Operation Pastorius aufschlussreicher gewesen als die Anekdote um George Sylvester Viereck, der seinen Vater für einen unehelichen Sohn des Kaisers hielt (92). Die Spionage- und Sabotageoperation Pastorius war ein Reinfall: Alle acht per U-Boot in die USA eingeschleusten deutschen Agenten wurden, nachdem zwei von ihnen übergelaufen waren, gefangengenommen und von einem Militärtribunal zum Tode verurteilt. Die Überläufer George John Dasch und Ernst Burger wurden von Präsident Franklin D. Roosevelt begnadigt, die anderen sechs wurden hingerichtet. Anfangs hatte das FBI Burger und Dasch als Wichtigtuer nicht einmal ernst genommen. [3] Pastorius hat allerdings bis heute ernstzunehmende Auswirkungen: Der Fall "Ex parte Quirin" vor dem Obersten Gerichtshof der USA (Richard Quirin war einer der zum Tode verurteilten Saboteure) wurde und wird in der Diskussion um die Rechte der Häftlinge von Guantanamo Bay und die Legitimation des Internierungslagers herangezogen. [4]

In den abschließenden Kapiteln behandelt Fischer Hitlers Reaktionen auf die "Unnatural Alliance" (226-254) zwischen Ost und West, seine Bemühungen, diese zu spalten, sowie Hitlers Umgang mit dem Kriegseintritt der USA, den dieser als Tragödie empfand: "This War against America is a Tragedy" (255-278). Mehr als einmal zeigt sich der Autor als großer Freund der rhetorischen Frage und als Hobby-Psychologe. So fragt Fischer im vierten Kapitel: "Why did Hitler believe that Jews were laughing at him? Was it merely a rhetorical device on his part [...]? Or was it a personal fear [...]?" Er antwortet sich selbst: "Whatever it was, Hitler had convinced himself that the Jews were secretly mocking him". (99-100) Hierzu kann man auch seinen Versuch, "to read [Karl] May through Hitler's eyes", zählen (21), der ebenfalls in einer rhetorischen Frage mündet: "[...] what did Hitler think he could learn from Karl May's cowboys and Indians?" (22) Kurz darauf relativiert er sich selbst: "If Karl May influenced Hitler's image of America, Wilhelm Emil Eber [...] probably helped shape his visual image of the American West." (23) In einer großen Relativierung endet auch Fischers "Conclusion": Ganz wie die eingangs genannten Historiker, die argumentieren, dass Hitlers Amerikabild auf Ignoranz beruht habe, kommt Klaus Fischer zum Schluss, "Hitler's image of America was not only split [...] but also naive". (289) Und im Kontext der Frage, ob Hitler sich mit Europa zufrieden gegeben oder die Weltherrschaft angestrebt hätte, kommt er zu der Erkenntnis, dass "[Hitler's] utopian thoughts [...] can be interpreted to support opposite positions". (282) Eine Chance für weitere Analysen unter dem Titel "Hitler und ...".

"Hitler & America" enthält interessante Ansätze und Ideen, wird allerdings seinem eigenen Anspruch kaum gerecht. Allzu oft bleibt das Buch an der Oberfläche. Fischer rezitiert Bekanntes oder ergeht sich in Verallgemeinerungen und Mutmaßungen. Der Autor verpasst es, seine intensiven Recherchen überzeugend in eine schlüssige Analyse von Hitlers gespaltenem Amerikabild zu fassen.


Anmerkungen:

[1] Remak, Joachim: Adolf Hitlers Amerika: "... Wie die Säue, in einem freilich luxuriösen Stall ...", in: Die Zeit, Nr. 21 vom 24. Mai 1956, 3; Gerhard L. Weinberg: Hitler's Image of the United States, in: American Historical Review 69 (1964), 1006-1021.

[2] James V. Compton: The Swastika and the Eagle: Hitler, the United States, and the origins of World War II, Boston MA 1967; Philipp Gassert: Amerika im Dritten Reich: Ideologie, Propaganda und Volksmeinung 1933-1945, Stuttgart 1997; Ronald D. Gerste: Roosevelt und Hitler. Todfeindschaft und totaler Krieg, Paderborn 2011. Zu dem Buch von Gerste vgl. meine Rezension, in: sehepunkte 12 (2012), Nr. 7/8, URL: http://www.sehepunkte.de/2012/07/19452.html.

[3] Vgl. Gerste: Roosevelt und Hitler, 199 f.; Francis MacDonnell: Insidious Foes: The Axis Fifth Column and the American Home Front, New York 1995.

[4] Vgl. Jordan J. Paust: Beyond the Law: The Bush Administration's Unlawful Responses in the "War" on Terror, Cambridge 2007.

John Andreas Fuchs