Rezension über:

Janneke Raaijmakers: The Making of the Monastic Community of Fulda, c. 744-c. 900 (= Cambridge Studies in Medieval Life and Thought. Fourth Series), Cambridge: Cambridge University Press 2012, XX + 357 S., 5 s/w-Abb., 3 Karten, ISBN 978-1-107-00281-4, GBP 65,00
Inhaltsverzeichnis dieses Buches
Buch im KVK suchen

Rezension von:
Miriam Czock
Historisches Institut, Universität Duisburg-Essen
Redaktionelle Betreuung:
Andreas Fischer
Empfohlene Zitierweise:
Miriam Czock: Rezension von: Janneke Raaijmakers: The Making of the Monastic Community of Fulda, c. 744-c. 900, Cambridge: Cambridge University Press 2012, in: sehepunkte 13 (2013), Nr. 3 [15.03.2013], URL: http://www.sehepunkte.de
/2013/03/22071.html


Bitte geben Sie beim Zitieren dieser Rezension die exakte URL und das Datum Ihres Besuchs dieser Online-Adresse an.

Andere Journale:

Diese Rezension erscheint auch in KUNSTFORM.

Janneke Raaijmakers: The Making of the Monastic Community of Fulda, c. 744-c. 900

Textgröße: A A A

Klösterliche Gemeinschaften haben schon immer das Interesse der Forschung geweckt. Neben den üblichen Abhandlungen über die Geschichte einzelner Klöster sind sie in den letzten Jahrzehnten vornehmlich als Institutionen sowie als Räume unterschiedlicher sozialer Praktiken monographisch behandelt worden. Aus einer neuen Perspektive schaut nun Janneke Raaijmakers in ihrer Dissertation auf Prozesse der Gemeinschaftsbildung des Klosters Fulda. Hierfür greift sie ein von Walter Pohl entwickeltes Modell auf (8), das davon ausgeht, dass die Kohärenz von Gemeinschaften auf sozialen Anstrengungen wie der Vermittlung von Ideen und Gedanken beruht, die einen materiellen Niederschlag finden. Folglich steht die Identitätsstiftung im Mittelpunkt ihrer Überlegungen zu Fulda. Da es keinen eigenständigen zeitgenössischen Diskurs der Fuldaer Mönche zum Begriffsfeld Identität gibt, ermittelt Raaijmakers die keinesfalls immer konfliktfreien Vorstellung der Mönche über ihre Gemeinschaft aus verschiedenen Selbstzeugnissen, mit denen sie die Identität ihrer Gemeinschaft konstruierten.

Ihr Material erarbeitet Raaijmakers chronologisch gegliedert nach den Amtszeiten der Äbte Fuldas, wobei die Kapiteleinteilung die Überlieferungslage widerspiegelt. So widmet sie Hrabanus Maurus' Abbatiat zwei Kapitel, wohingegen die in eine quellenarme Zeit im 9. Jahrhundert fallenden Abbatiate Hattos, Thiotos und Sigiharts in einem Kapitel zusammengefasst werden. Den einzelnen Kapiteln liegt eine große Bandbreite von Quellen wie Bücherlisten, Nekrologe, Memorialquellen, Kartulare, Annalen, Viten, liturgisches Schriftgut sowie, ungewöhnlich für eine historische Arbeit, Architektur, Fresken und Archäologie zu Grunde. Trotz der heterogenen Quellenlage bleibt die Untersuchung differenziert und ausgewogen, da die Quellen innerhalb der Kapitel einzeln hinsichtlich ihrer Aussagekraft und ihres Quellenwerts für das Selbst- und Vergangenheitsbild ausgewertet werden. Neben der Analyse bereits bekannter Quellen aus neuer Perspektive wird die reiche Forschung über Fulda für Thesen fruchtbar und dem Leser transparent gemacht.

Der Einleitung, die den thematischen und theoretischen Leitfaden vorgibt, folgt ein Kapitel zu Bonifatius, dem Gründer der Abtei Fulda. Er wird - obwohl er dort nie Abt war, sondern Sturmi als Leiter der Gemeinschaft einsetzte - als Ausgangspunkt gewählt, da er die Basis für das klösterliche Leben und die Gemeinschaftsbildung in Fulda schuf. Er führte die Benediktsregel als Leitfaden ein, erlangte für das Kloster päpstliche Exemption und Förderung durch die Karolinger. Nach seinem Tod wurde er als Märtyrer zu einer Identifikationsfigur der Klostergemeinschaft.

Schon kurz nach Bonifatius' Tod finden sich mit den Annales Fuldenses antiquissimi, dem ältesten Nekrolog, einigen Urkunden und der ältesten Klosterkirche die ersten Selbstzeugnisse, an denen Raaijmakers ihr theoretisches Modell erprobt. Die Untersuchung der Gemeinschaftsbildung geschieht hier, wie auch in den folgenden Kapiteln, durch die Etablierung von Vergangenheitsbildern sowie die Einbettung des Klosters in seine Umwelt und durch Auswertungen der Listen, die illustrieren, wer an der Gemeinschaft teilhatte.

Unter dem zweiten Abt Baugulf entstanden mit einer Mönchs- und einer Buchliste Zeugnisse, die über die Gemeinschaft und deren geistige Ausrichtung Auskunft geben. Bedeutender ist jedoch der Beginn des Kirchenbaus, der auch in den Kapiteln zu den folgenden Äbten Ratger und Eigil eine Rolle spielen soll und der einen großen Raum in Raaijmakers Überlegungen einnimmt. Zu Recht hebt sie die Wichtigkeit der Klosterkirche hervor, denn in ihrer Baugeschichte drücken sich in mehrfacher Weise auch identitätsstiftende Gedanken aus. Pragmatisch reflektiert die Bautätigkeit das Wachstum der Fuldaer Kommunität, ideell lag ihr eine Betonung der Liturgie zu Grunde.

Das Wachstum der Abtei, die Weiterführung und Ausweitung der Bautätigkeit sowie die kontinuierliche Anpassung an die Außenwelt führten unter Ratger, dem Nachfolger Baugulfs, zu Auseinandersetzungen, die letztlich in seiner Absetzung gipfelten. Die erhaltene Klage der Fuldaer Mönche beschuldigt Ratger, gegen die Tradition gehandelt und die Einheit des Konventes zerstört zu haben.

Der Gedanke der Einigkeit prägt auch das Abbatiat Eigils. Unter ihm erfolgte der Bau zweier Krypten, deren Altäre Mönchsheiligen aus westlicher und östlicher Tradition geweiht waren. Damit integrierte er Fulda in die Kontinuität der monastischen Tradition. Die Herstellung der Einheit von Vergangenheit und Gegenwart spiegelt sich auch im Bau einer Grabeskirche, die der Memoria des eigenen Konvents dienen sollte. Zudem schrieb er eine Vita Sturmis, in welcher er ein Gemeinschaftsmodell der Einigkeit und Einheit präsentierte.

Unter dem Eigil auf nachfolgenden Abt Hrabanus Maurus verstärkte sich die Tendenz, die Gemeinschaft für Außenstehende zu öffnen. Das zeigt sich zum einen in der Neuanlage der Annales Necrologici, die nun auch Außenstehende in die Liste aufnehmen, zum anderen in der Aufzeichnung eines Kartulars, das die Erinnerung an die Schenker und Wohltäter enthielt. Außerdem kann Raaijmakers ein Programm der Reliquientranslationen nachzeichnen, das erneut auf der Verbindung von römischer und lokaler Vergangenheit basiert. Gleichzeitig diente es dazu, angegliederte Konvente und Eigenkirchen stärker an den Mutterkonvent anzuschließen und zudem Laien im wahren Glauben zu unterrichten. Unter seinem Abbatiat wurde ferner die Vita Eigils im Sinne eines "monastischen Programms" (243) geschrieben, indem die Ideale der abbatialen Amtsführung wie des monastischen Lebens geschildert wurden. Im Zentrum stehen dabei wiederum der Einheitsgedanke, der hier mit der Gerechtigkeit des Abts und den Werten der Buße, der Vergebung sowie der Aussöhnung nach Konflikten verbunden wird.

Im letzten Kapitel, das sich mit dem späteren 8. Jahrhundert beschäftigt, kann Raaijmakers eine mit dem Zerfall des Reiches einhergehenden Wandel in der Organisationsstruktur Fuldas feststellen. So verzeichnet der Nekrolog nun auch Mönche von außerhalb des Konvents und Laien, allerdings lässt sich ebenfalls eine zunehmende Freiheit der vormals abhängigen Zellen feststellen, da diese nicht mehr aufgeführt werden.

Die Strukturierung der Arbeit nach den Abbatiaten führt hin und wieder zu Überschneidungen. Der Vorteil der Vorgehensweise liegt jedoch darin, dass der Wandel und die Anpassungsfähigkeit der Identitätskonstruktionen voll zum Tragen kommen, so dass die Studie insgesamt einen wichtigen Beitrag zur Frage der Gemeinschaftsbildung in Klöstern liefert. Raaijmakers macht zwar darauf aufmerksam, dass es die Eliten waren, die das Selbstbild der Mönche am stärksten prägten (9), dennoch hätte die innere Hierarchisierung der Identitätskonstrukte noch stärker hinterfragt werden können. Zum Beispiel thematisiert Raaijmakers innerhalb ihres theoretischen Modells die Rolle der Äbte nicht ausdrücklich, obwohl sie scheinbar die Identitätsbildung maßgeblich beeinflussten und formten sowie als deren Kristallisationspunkt dienten.

Die Darstellung langfristiger Entwicklungstendenzen, kombiniert mit der Frage nach der Konstruktion von Identität, macht den komplexen Prozess des Wandels, aber gleichzeitig auch die feststehenden Strukturen der Fuldaer Identitätsstiftung nachvollziehbar. Raaijmakers zeigt gekonnt, wie wiederkehrende Referenzpunkte - Bonifatius, die Einsamkeit, der Bund mit den Karolingern, die Benediktsregel und der Bezug zu Rom - in einem dynamischen Prozess immer wieder neu verhandelt und gestaltet werden, um Gemeinschaft herzustellen. Außerdem setzt sie ihre Befunde dabei mit zeitgleichen religiösen, politischen und sozialen Entwicklungen in Beziehung und stellt die daraus folgenden Erfordernisse an die Identitätsentwürfe dar. Sie verknüpft somit auf anschauliche Weise die Geschichte Fuldas mit der Geschichte des Frankenreichs. Mit ihrem Buch hat Raaijmakers eine sehr lesenswerte Geschichte Fuldas von den Anfängen bis ins 10. Jahrhundert vorgelegt, dem eine rege Rezeption zu wünschen ist und das als Ausgangspunkt für weitere Studien dienen sollte.

Miriam Czock